"Revision": Ein herausragender Film über die Ereignisse in Rostock

Von Stefan Steinberg
14. September 2012
Revision Revision

Ein bemerkenswerter Film mit explosivem politischem Inhalt, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere hatte, ist die Dokumentation Revision des deutschen Regisseurs Philip Scheffner.

Im Juli 1992 wurden auf einem Feld nahe der deutsch-polnischen Grenze zwei Männer erschossen. Einer davon war der Roma Grigore Velcu. Er war mit seiner Familie im Jahr 1990 aus Rumänien vor einer Welle der Feindschaft gegen die Roma nach dem Zusammenbruch des stalinistischen Ceaucescu-Regimes geflohen. Velcu und seine Familie reisten nach Deutschland, wo sie in einem Flüchtlingszentrum unterkamen.

Grigores Mutter starb kurze Zeit später und wurde auf dem örtlichen Friedhof begraben. Nach der Schändung ihres Grabes kehrte Grigore illegal nach Rumänien zurück, um die Papiere für die Rückführung ihrer Leiche anzufordern. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland mit einer kleinen Gruppe illegaler Flüchtlinge wurden er und Eudache Calderar, ebenfalls Rumäne, mit einem Jagdgewehr erschossen.

Fast zwanzig Jahre danach kehrt Revision an den Tatort zurück. Der Film wechselt zwischen Deutschland und Rumänien, wobei viele der Beteiligten interviewt werden – die Familien der Opfer, die Bauern, die die Leichen auf ihren Feldern fanden, die Polizei- und Justizbeamten, die an dem Fall arbeiteten. Ein Interviewter aus Rumänien sagt, er sei ein Mitglied der Gruppe gewesen, die nach Deutschland wollte und habe die Erschießung miterlebt. Laut seiner Darstellung kam der Schuss von Polizisten, die mit Scharfschützengewehren von der Motorhaube eines Polizeiautos schossen.

Wir erfahren, dass zwei Männer deswegen angeklagt wurden. Einer von ihnen ist ein ehemaliger Polizist, der im Jahr 1990 im Grenzgebiet Jagdausflüge machte. Die deutschen Medien berichteten damals über die Todesfälle und spekulierten, Jäger hätten die Flüchtlinge in der Dunkelheit für Wildtiere gehalten. Als damals klar wurde, dass es zu der Zeit hell genug war, um sie erkenntlich zu machen, wurde die Geschichte geändert. Die Zeitungen schrieben Sensationsgeschichten über Jäger, die fälschlicherweise Menschenschieber an der deutschen Grenze erschossen hätten.

Die Überlebenden aus der Gruppe, die zusammen mit Grigore und Eudache nach Deutschland wollten, kamen in ein Asylantenheim im norddeutschen Rostock.

Ein Fotograf, der im August 1992 in Rostock war, erzählt, wie schockiert er war, als er merkte, dass sich die Polizei von ihren Posten um das belagerte Asylantenheim zurückgezogen hatte, so dass der neofaschistische Mob es in Brand setzen und zerstören konnte. Nach dem Pogrom wurden die verbliebenen Roma nach Rumänien ausgewiesen, damit sie nicht im Prozess um die zwei Getöteten aussagen konnten. Bis Scheffner zwanzig Jahre später mit ihnen Kontakt aufnahm, haben die Familien von Velcu und Calderar kein einziges Wort der Entschuldigung von Deutschland für die Umstände der Tode an der Grenze gehört.

Kurz nach den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und einer Hetzkampagne der Medien gegen Immigranten wurde das deutsche Asylrecht mit Unterstützung aller großen Parteien, auch der SPD, praktisch abgeschafft. Diese Abschaffung war der Startschuss für die Abschiebung von zehntausenden von Immigranten, die hier Zuflucht suchten, darunter tausende Roma.

Nach einer Reihe von langen gerichtlichen Verfahren wurden die beiden Verantwortlichen für die Schüsse an der Grenze im Jahr 1999 von allen Anklagepunkten freigesprochen.

An einer Stelle gibt der Film die Information, dass laut der NGO Festung Europa zwischen 1988 und August 2009 14.687 Menschen bei dem Versuch, die Grenze zu Europa zu überschreiten, gestorben seien. Scheffners Film stattet diese erschreckende Statistik mit Fleisch und Blut aus.