Ufo strebt trotz erfolgreichem Streik Schlichtung an

Von unseren Korrespondenten
8. September 2012

Die Flugbegleiter der Lufthansa haben am Freitag zum dritten Mal in einer Woche die Arbeit niedergelegt. Waren die bisherigen Streiks auf jeweils acht Stunden und ausgewählte Flughäfen beschränkt, hatte die Gewerkschaft Ufo diesmal zu einem 24-stündigen, flächendeckenden Streik aufgerufen.

Die Lufthansa hatte nach der Ankündigung des Streiks rund 1.000 ihrer 1.800 Flüge gestrichen. Die restlichen wurden zum Teil mit Leihpersonal geflogen oder von den Lufthansa-Töchtern Swiss und German Wings übernommen. Rund 100.000 Passagiere waren betroffen. Das sind mehr als bei den Pilotenstreiks in den Jahren 2001 und 2010.

Die Flugbegleiter kämpfen gegen die Verwandlung ihres Berufszweigs in einen Niedriglohnbereich. Die Lufthansa will die Personalkosten massiv senken und bis 2014 1,5 Milliarden Euro einsparen. Sie fordert längere Arbeitszeiten, eine deutliche Senkung der oberen Gehaltsstufen und der Überstundenzuschläge und niedrigere Einstiegslöhne und bietet als Gegenleistung eine Tariferhöhung weit unter der Inflationsrate. Außerdem will sie schlechter bezahlte Leiharbeiter einsetzen und droht damit, die innerdeutschen und –europäischen Strecken in eine neue Billigairline auszulagern.

In Berlin-Tegel versammelten sich am Vormittag Streikposten der Gewerkschaft Ufo vor dem Eingang des Bereichs Cargo – den die Kabinencrews auf dem Weg zur Arbeit passieren müssen. Am Mittag marschierten dann über einhundert Flugbegleiter gemeinsam zu einem der Terminals. In Anspielung auf den Lufthansa-Chef Christoph Frantz skandierten sie: „Franz, jetzt langt’s.“

Streikposten Berlin-Tegel Streikposten in Berlin-Tegel

Am Terminal D hielt Ufo-Sprecher Behrens eine kurze Ansprache. Er sagte: „Wir sind das Gesicht der Lufthansa und haben uns nach Jahren der Unsicherheit fünf Prozent mehr Gehalt redlich verdient.“

Die mitgebrachten Transparente der Flugbegleiter zeigten allerdings, dass es den meisten um viel mehr als nur die Entlohnung geht. Sie haben längst durchschaut, dass die Lufthansa eine massive Senkung der Einkommen anstrebt, wie ein Transparent mit der Aufschrift „3,5 Prozent – von wegen! Minus zehn bis dreißig Prozent!“ beweist.

Was die Flugbegleiter wollen, zeigte sich auf Transparenten wie „Altersarmut – ein Produkt von Lufthansa“, „Lebensarbeitsplatz vs. Leiharbeit“ und „Gegen Auslagerung“. Am deutlichsten war ein Schild mit der Aufschrift: „Minijobs, Leiharbeit, Zeitarbeit? Karstadt, Schlecker, Lufthansa? Es geht nicht um 5 Prozent!“

Demonstration Auf der Demonstration in Berlin

Wie diese Parolen beweisen, ist es vielen Flugbegleitern klar, dass es hier um weit mehr als nur einen gewöhnlichen Tarifstreit geht.

Unterstützer der Partei für Soziale Gleichheit verteilten die Erklärung „Der Lufthansastreik braucht die Unterstützung und Solidarität aller Arbeiter“ und diskutierten mit den Streikenden.

„Ich stimme mit eurer Analyse der Situation voll und ganz überein“, sagte ein UFO-Mitglied, meinte aber einschränkend, dass es juristische Probleme gebe und man sich deshalb derzeit auf finanzielle Forderungen beschränken müsse.

Eine Diskussion mit Mitgliedern eines Flughafen-Sicherheitsdienstes zeigte, dass es auch in anderen Bereichen brodelt. „Wir hier am Flughafen sitzen alle in einem Boot“, sagte eine Angestellte der Airport Security. Sie fand es „bedauerlich“, dass die Ufo nicht versucht habe, auch über die Lufthansa hinaus Unterstützung für ihren Kampf zu gewinnen. „Leiharbeit und Lohndumping betreffen schließlich uns alle“, sagte auch eine ihrer Kolleginnen.

In Düsseldorf haben rund 500 Flugbegleiter ihren Standort. Etwa hundert davon säßen im Ausland fest, berichtete Anja Kutscher der WSWS. Sie seien in New York, Chicago, Toronto, Kuwait und über ganz Europa verteilt, weil viele Flüge schon gestern erst gar nicht zurück nach Düsseldorf gekommen seien.

„Die Streikbeteiligung ist sehr gut“, sagte sie. „Die Solidarität unter dem Kabinenpersonal ist groß.“ Das liege auch an den engen Arbeitsverhältnissen und -bedingungen. In einem Flugzeug sind immer zwischen drei und zehn Kollegen im Einsatz.

Anja Kutscher berichtete, dass die Unzufriedenheit in den letzten Jahren zugenommen habe. Sie arbeite wie viele andere seit vielen Jahren für die Lufthansa und stehe vor allem hier, weil den Neueingestellten massiv die Löhne gekürzt werden.

Streikposten Düsseldorf Streikposten in Düsseldorf. Vierte von links Anja Kutscher

„Seit 2005 haben wir die so genannten Vorschaltstufen“, erklärte ein UFO-Vertreter. „Neueingestellte sind nun erst nach sechs Jahren beim alten Einstiegsgehalt.“

„Die jungen Kollegen und Kolleginnen müssen teilweise Nebenjobs machen, um über die Runden zu kommen“, berichtete Anja Kutscher. „Besonders, wenn sie in teuren Städten wie Frankfurt leben.“

Alle sind sich bewusst, dass es in dieser Runde nicht nur um den Lohntarif geht. „Es ist ein allgemeines Phänomen, nicht nur in Deutschland“, sagte Anja Kutscher. „Vor allem die Jungen müssen mehr arbeiten und erhalten dafür auch noch weniger Lohn. Daher stehen wir hier nicht nur für uns selbst, nicht einmal nur für die Lufthansa.“

Der Streik stieß auch in breiten Bevölkerungsschichten auf große Unterstützung. Laut einer Erhebung von Infratest dimap haben 75 Prozent der Bundesbürger generell Verständnis dafür. 21 Prozent gaben an, kein Verständnis zu haben.

Obwohl der Streik zu einem großen Erfolg wurde, hatte der Ufo-Vorsitzende Nicoley Baublies bereits vorher mit der Unternehmensleitung neue Gespräche unter Hinzuziehung eines Schlichters vereinbart. Eine solche Absprache sei bei einem Telefonat zwischen ihm und einem Verhandlungsführer der Lufthansa bereits am Mittwochabend getroffen worden, sagte Baublies am Freitag früh auf dem Frankfurter Flughafen, als der Streik gerade richtig in Gang kam. "Wir werden, egal was jetzt in den nächsten ein, zwei Tagen passiert, keine weiteren Streiks planen und verkünden."

Ein Ufo-Sprecher sagte, man wolle der Airline eine "Denkpause" geben: "Die Lufthansa soll jetzt erst mal zur Besinnung kommen."

Unbestätigten Berichten zufolge soll der SPD-Politiker Franz Müntefering als Schlichter im Gespräch sein. Als Arbeitsminister der Großen Koalition unter Angela Merkel hatte Müntefering die Erhöhung des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre durchgesetzt.

SpiegelOnline meldete am Freitagabend, die Lufthansa habe bei der Leiharbeit Entgegenkommen signalisiert. Danach sollen die 200 Leih-Stewardessen der Firma Aviation Power, die derzeit von der Fluggesellschaft eingesetzt werden, im kommenden Jahr ein Übernahmeangebot erhalten. Lufthansa wolle „auf absehbare Zeit“ auf den Einsatz externer Kabinencrews in Berlin verzichten. Von ihren Sparzielen will Lufthansa allerdings nicht abrücken.