Die SEP im US-Wahlkampf:

Phyllis Scherrer auf Wahlreise in Kalifornien

Von unserem Korrespondenten
26. September 2012
meetingScherrer spricht in Huntington Park

Phyllis Scherrer, Kandidatin der Socialist Equality Party für das Amt der US-Vizepräsidentin, beendete ihre Reise an die Westküste mit einem Vortrag in Huntington Park bei Los Angeles und einer Veranstaltung in der Universitätsstadt Berkeley.

Auf beiden Treffen sprach Phyllis Scherrer über die Grundlagen der SEP-Kampagne. Dabei stellte sie die Bedeutung und die politischen Lehren aus dem Lehrerstreik in Chicago, der am Mittwoch zu Ende gegangen war, in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen.

Der Lehrerstreik habe sozialen und politischen Bedingungen Ausdruck verliehen, die universell und von einem Zusammenrücken des gesamten Establishments gegen die Arbeiterklasse gekennzeichnet seien, sagte Scherrer. „Die Chicagoer Lehrer werden von der Obama-Regierung angegriffen. Bürgermeister Rahm Emanuel war nicht nur Obamas früherer Stabschef, er ist heute auch für seine Wahlkampf-Finanzierung verantwortlich.“

Der Streik habe den Charakter des politischen Systems, einschließlich der Wahl entlarvt, sagte Scherrer. „Kaum hatte er begonnen, da verbündete sich der republikanische Vizepräsidentschafts-Kandidat Paul Ryan mit Emanuel gegen die Lehrer.

Dieser Streik hat die Lehrer nicht nur in Konflikt mit der Demokratischen Partei gebracht, sondern sie auch gegen die Chicagoer Lehrergewerkschaft und ihre Anhänger in kleinbürgerlichen ex-linken Gruppen wie der International Socialist Organization gestellt. Diese Leute akzeptieren die Logik des Kapitalismus, dass für Dinge wie Ausbildung kein Geld da ist.“

Die gegenwärtigen US-Wahlen seien „eine Verhöhnung der Demokratie“, sagte Scherrer. In ihrem Verlauf würden drei bis sechs Milliarden Dollar ausgegeben, und das von zwei Lagern, die in allen Fragen, die für die Arbeiterklasse von Bedeutung sind, übereinstimmten.

„Die wirtschaftliche Erholung, die von der Obama-Regierung bejubelt wird, ist weitgehend erfunden. Es handelt sich um eine Erholung des Aktienmarktes und der Konzernprofite auf der Grundlage schärfster Angriffe auf die Arbeitsplätze und den Lebensstandard amerikanischer Arbeiter und einen immer größeren Vermögenstransfer von unten nach oben. Seit Beginn der sogenannten Erholung vor zwei Jahren sind 93 Prozent aller Einkommenszuwächse an das oberste Prozent der amerikanischen Bevölkerung gegangen.“

Phyllis Scherrer präsentierte ein bewegendes Video von der Reise des SEP-Präsidentschaftskandidaten Jerry White nach Sri Lanka, die „ein Ausdruck der Verpflichtung der SEP zum Internationalismus“ gewesen sei. Das Video zeigt Jerry Whites Rundreise durch Kautschuk-Plantagen und beleuchtet die armseligen Verhältnisse, unter denen die Arbeiterklasse Sri Lankas ihr Dasein fristet.

Der Präsentation folgte eine Diskussion, bei der die Zuhörer auch die Gelegenheit hatten, Fragen zu stellen. Adam, ein junger Arbeiter, zog sofort eine Parallele zwischen seinen eigenen Erfahrungen und denen der Arbeiter aus Sri Lanka in dem Video.

„Ich arbeite für eine Firma, die Präzisions-Messgeräte herstellt. Sie werden hauptsächlich von Farmern aus der Gegend um Fillmore (ca. zwei Stunden von Los Angeles entfernt) gebraucht, aber wir müssen oft ins Central Valley liefern. Die Fahrt dahin dauert manchmal bis zu sechs Stunden.“

Der Job sei schwierig und er arbeite häufig achtzehn Stunden pro Tag. „Viele Leute können das kaum glauben. Außer für die Herstellung der Ausrüstung und ihre Abnahme durch die Qualitätskontrolle bin ich auch für die Lieferung und die Einrichtung beim Kunden zuständig. All das geschieht unter strengen Zeitvorgaben.“

Ein Student erkundigte sich nach der Zunahme von Zeitarbeit als Teil der sogenannten „Wirtschaftserholung“ und wollte wissen, was die Socialist Equality Party dazu sagt.

Phyllis Scherrer antwortete, es sei Teil der von der herrschenden Klasse durchgeführten Deindustrialisierung. Sie habe das Phänomen in ihrer Heimatstadt Pittsburgh beobachtet. Pittsburgh war einst eine blühende Stahlstadt. Heute jedoch sind tausende Arbeiter gezwungen, für Hungerlöhne zu arbeiten und auf sichere Arbeitsplätze zu verzichten. Sie erklärte, dass die Obama-Regierung genau das meine, wenn sie vom „Insourcing“ spreche – der Rückführung von Jobs aus dem Ausland in die USA auf der Grundlage von Lohnsenkungen und sich verschlechternden Arbeitsbedingungen.

Mehrere Teilnehmer schilderten im Anschluss an die Veranstaltung, welchen Eindruck Phyllis Scherrers Vortrag auf sie gemacht habe.

Selene, Studentin an der Universität von California Riverside, sagte, das Treffen habe sie veranlasst, über den Angriff auf Ausbildung, insbesondere auf universitärer Ebene, nachzudenken. Sie sagte, sie sorge sich vor allem, weil es derzeit nicht genug Lehrer für die Seminare gebe, für die sie sich einschreiben wollte. „Dies betrifft vor allem Erstsemester, aber im Grunde betrifft es die Universität als Ganzes.“

Narissa hat vor kurzem die Universität von California in San Diego abgeschlossen und arbeitet jetzt Vollzeit als Pflegekraft für ein Familienmitglied.

„Was die Perspektive der Socialist Equality Party und der Jugendorganisation IYSSE (International Youth and Students for Social Equality) für mich so anziehend macht, ist die Tatsache, dass sie den Schwerpunkt auf die Klassenfrage legen und nicht auf Identitätspolitik, die an den Universitäten vorzuherrschen scheint. Dies ist ein großes Problem gewesen, denn viele studentische Gruppen, die sich wegen der Kürzungen der Gelder und der Verkleinerung der Klassen gebildet haben, lehnen den Marxismus und die Lehre vom Klassenkampf ab und sind deshalb vollkommen unfähig, den Studenten und den Arbeitern auf dem Campus eine Perspektive zu bieten.“

„Es ist gut, dass die Rolle der Gewerkschaften aufgebracht wurde“, fügte Narissa hinzu. „Während ich an der UCLA war, habe ich als Hilfskraft in der Verwaltung gearbeitet und gehörte einem Komitee von Universitätsangestellten an. Ich war wütend, als ich den Artikel 20 unseres Vertrages las, der eine Klausel gegen Streiks enthielt. Als ich Anfang dieses Jahres arbeitslos wurde, kamen all die miserablen Klauseln zur Anwendung, die die Gewerkschaft ausgehandelt hatte.

Dass Phyllis in der Lage war, den Lehrerstreik in Chicago mit der wachsenden Polarisierung der Vermögensverteilung in den USA und sogar mit den Arbeitern auf der Kautschuk-Plantage in Sri Lanka in Zusammenhang zu bringen, zeigt, welche Kraft eine wirklich marxistische Analyse hat.“