Hundert Jahre seit den Balkankriegen

Von Peter Schwarz
1. November 2012

Vor hundert Jahren, im Oktober 1912, begann der erste Balkankrieg. Ein Balkanbund bestehend aus Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro kämpfte gegen das zerfallende Osmanische Reich. Im Hintergund zogen die europäischen Großmächte die Fäden, deren Interessen auf dem Balkan aufeinander prallten. Der erste und der 1913 folgende zweite Balkankrieg waren direkte Vorläufer des Ersten Weltkriegs, der ganz Europa in ein Kriegsfeld verwandelte.

1996 veröffentlichte der Arbeiterpresse Verlag (heute Mehring Verlag) die Artikel und Reportagen, die Leo Trotzki über die beiden Kriege geschrieben hat. Der russische Revolutionär bereiste damals als Korrespondent mehrerer Zeitungen den Balkan. Das Buch hatte bei seinem Erscheinen einen aktuellen Bezug: Nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens war der Balkan erneut zum Schauplatz von Krieg und imperialistischen Intrigen geworden.

Aus historischem Anlass veröffentlichen wir hier die Einleitung zu dem Band. Sie fasst die Hintergründe der beiden Kriege zusammen und geht auch auf die seitherige Entwicklung ein. Wir empfehlen unseren Lesern wärmstens, das ganze Buch zu lesen. Trotzkis Analysen und Einschätzungen sind angesichts der Kriege im Nahen Osten und wachsender internationaler Spannungen – auch auf dem Balkan – weiterhin von brennender Aktualität. Es kann im Buchhandel bezogen oder direkt über den Mehring Verlag bestellt werden.

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Das russische Original dieses Buches wurde 1926 unter dem Titel „Der Balkan und die Balkankriege“ als Band VI der Werke Leo Trotzkis vom sowjetischen Staatsverlag herausgegeben. Von den 23 ursprünglich geplanten Bänden erschienen nur zwölf, bevor die Werksausgabe 1927, dem Jahr, in dem die Stalinfraktion Trotzki aus der Kommunistischen Partei ausschloß, eingestellt wurde. „Die Balkankriege“ erlitten danach dasselbe Schicksal wie alle Schriften des unerbittlichsten marxistischen Gegners des Stalinismus; sie verschwanden in unzugänglichen Bibliotheken und blieben einem kleinen Kreis von Eingeweihten vorbehalten. Erst 1980 erschien eine englische Übersetzung. Die vorliegende deutsche Erstausgabe macht das Buch nun auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich. Sie ist direkt aus dem russischen Original übertragen worden. Auch die Fußnoten und Anmerkungen stammen (bis auf die vom Übersetzer gekennzeichneten) aus dem Original.

Den Schwerpunkt des Bandes bilden die Reportagen und Artikel, die der 33jährige Trotzki für verschiedene russische Zeitungen über die beiden Balkankriege von 1912 und 1913 verfaßt hat. Ihnen sind in Teil I, „An der Schwelle des Krieges“, einige Aufsätze aus den Jahren 1908 bis 1912 vorangestellt, in denen Trotzki die historischen und politischen Hintergründe der Lage auf dem Balkan beleuchtet. Sie ermöglichen es dem Leser, die Kriegsereignisse im Zusammenhang zu verstehen. Den abschließenden Teil III bilden Reportagen über Rumänien, das Trotzki während und nach dem zweiten Balkankrieg bereiste.

Leo Trotzki lebte von 1907 bis 1914 im Wiener Exil. Während der ersten Russischen Revolution von 1905 hatte er an der Spitze des Petersburger Sowjets gestanden; zwölf Jahre später sollte er zu dem neben Lenin herausragendsten Führer der Oktoberrevolution werden. In Wien gab er eine Zeitung mit dem Namen „Prawda“ heraus, die illegal nach Rußland geschmuggelt wurde. Außerdem verfaßte er Artikel für andere sozialistische Zeitungen, darunter die menschewistische „Lutsch“ und die bolschewistische „Proletarij“. Seinen Lebensunterhalt bestritt er zu einem großen Teil aus den Einnahmen als Korrespondent für die Kiewer Tageszeitung „Kiewskaja Mysl“, die ihm im September 1912 das Angebot machte, als Kriegskorrespondent nach dem Balkan zu gehen. In ihrem Auftrag bereiste er Serbien, Bulgarien und Rumänien. Auch für eine weitere legale Zeitung, die in Odessa erscheinende „Odesskije Nowosti“, die von einem nahen Verwandten geleitet wurde, verfaßte Trotzki Beiträge. Die Artikel in diesem Buch entstammen größtenteils diesen Quellen; der genaue Ursprung ist jeweils angegeben.

Trotzki liefert nicht nur hervorragend geschriebene Reportagen über die militärischen Ereignisse und ihre Auswirkung auf die Bevölkerung, anschauliche Porträts der führenden Politiker und ausdrucksvolle Bilder der Lebensbedingungen der Epoche; er dringt auch tief in jene gesellschaftlichen und politischen Hintergründe ein, die die „Balkanfrage“ während des gesamten 19. und 20. Jahrhunderts zu einem Kernproblem der europäischen Politik gemacht haben, das – wie die jüngsten blutigen Ereignisse beweisen – bis heute nicht gelöst ist. Die marxistische Methode, derer er sich dabei bedient, unterscheidet sich wohltuend von jenem leblosen Schema, in das die stalinistische Bürokratie den Marxismus später verwandeln sollte. Trotzki versteht es, selbst scheinbar belanglose Einzelheiten in ihrem Zusammenhang zu erfassen und zu einem lebendigen Gesamtbild zusammenzufügen, das an politischer Schärfe und Klarheit nicht zu überbieten ist.

Das trifft nicht nur auf die Artikel zu, die er für die illegale Parteipresse verfaßte, sondern auch auf jene für die „Kiewskaja Mysl“, die als legale Zeitung der zaristischen Zensur unterworfen war. Über seine Arbeit für diese auflagenstarke radikale Zeitung schrieb er später in seiner Autobiographie: „Ich schrieb in der Zeitung über die verschiedensten, mitunter im Sinne der Zensur gewagtesten Themen. Kleine Artikel waren manchmal das Resultat großer Vorarbeiten. Natürlich konnte ich in einer legalen parteilosen Zeitung nicht alles das sagen, was ich wollte. Aber ich habe niemals das geschrieben, was ich nicht sagen wollte. Meine Artikel aus der ‘Kiewskaja Mysl‘ sind von dem Staatsverlag in einigen Bänden gesammelt und neu herausgegeben worden. Ich habe nichts zurückzunehmen gebraucht.“ (Leo Trotzki, „Mein Leben“, Frankfurt am Main 1974, S. 203)

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Der Balkan, jahrhundertelang die Nahtstelle zwischen Habsburger und Osmanischem Reich, entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum wichtigsten Streitgegenstand der europäischen Politik. Hier prallten grundlegende Interessen sämtlicher europäischer Großmächte aufeinander. Für Großbritannien und Frankreich hatte die Region als Zugang zum Nahen Osten entscheidende Bedeutung. Für Rußland war sie die einzige Verbindung zum Mittelmeer. Für Österreich-Ungarn standen nicht nur außen-, sondern auch innenpolitische Belange auf dem Spiel; das Aufkommen einer slawischen Regionalmacht in unmittelbarer Nachbarschaft hätte unweigerlich das innere Gleichgewicht des Vielvölkerstaats erschüttert. Bismarck manipulierte die Gegensätze zwischen den Großmächten auf dem Balkan, um die Stellung Deutschlands in Europa zu stärken, bis sich schließlich um die Jahrhundertwende mit dem Erwerb der Bagdad-Bahn-Konzession auch die Stoßrichtung des deutschen Imperialismus gegen Osten wandte.

Auf dem Kräfteverhältnis in dieser Region ruhte das empfindliche Gleichgewicht zwischen den europäischen Großmächten. Jede auch noch so geringe Veränderung drohte, es zum Einsturz zu bringen. Selbst an sich unbedeutende Ereignisse entwickelten sich unter diesen Umständen zu internationalen Krisen. Die Balkanpolitik der Großmächte war darauf angelegt, solche Krisen zu provozieren. Sie bestand aus einem verwickelten Intrigenspiel, in dem bedenkenlos nationale Gegensätze geschürt, künstliche Staaten aus der Landkarte geschnitten und örtliche Machthaber wie Schachfiguren hin- und hergeschoben wurden. Nur wenn die Balkanvölker versuchten, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, zeigten sich die Großmächte in der Regel einig. Volksaufstände schlugen sie gnadenlos nieder.

Der entscheidende Wendepunkt der Ereignisse im ausgehenden 19. Jahrhundert war der Berliner Kongreß von 1878. Rußland hatte im Jahr davor einen militärischen Sieg über das Osmanische Reich errungen und im Frieden von San Stefano erhebliche Geländegewinne durchgesetzt. Großbritannien, Deutschland und Österreich reagierten auf den russischen Vorstoß, indem sie eine Neuaufteilung der Region erzwangen. Der Berliner Kongreß erklärte Montenegro, Serbien und Rumänien zu souveränen Staaten und steckte sie gleichzeitig in eine Zwangsjacke, die den Großmächten die Kontrolle über die Gebiete sicherte, die das Osmanische Reich verloren hatte. Österreich-Ungarn wurde ermächtigt, Bosnien und Herzegowina sowie den Sandshak von Novi Pazar, der Serbien von Montenegro trennt, zu besetzen. Rußland erhielt Bessarabien und Gebiete an der Ostküste des Schwarzen Meeres, mußte aber auf ein selbständiges Großbulgarien, das unter seinem Einfluß gestanden hätte, verzichten. Bulgarien wurde zerstückelt: Mazedonien wurde an das Osmanische Reich zurückgegeben, ebenso Ostrumelien, das einen Autonomiestatus erhielt; der Rest blieb als Fürstentum gegenüber dem Sultan tributpflichtig. Großbritannien wurde in Berlin ermächtigt, sich auf Zypern festzusetzen, und drang kurz danach auch in Ägypten ein. Frankreich hielt sich durch die Besetzung von Tunis im nördlichen Afrika schadlos.

Der Berliner Vertrag war eine unerschöpfliche Quelle von nationaler Erbitterung, Haß und Zwietracht zwischen den Balkanvölkern. Auf seiner Grundlage hielten sich die widerstrebenden Großmachtinteressen auf dem Balkan dreißig Jahre lang die Waage, bis schließlich das unsichere Gleichgewicht im Jahr 1908 unwiderruflich zusammenbrach und jene Kette von Ereignissen in Gang gesetzt wurde, die zu den Balkankriegen von 1912–13 und unmittelbar danach zum Ersten Weltkrieg führte.

Das Wachstum von Verkehr, Handel und Industrie hatte auch auf dem Balkan nationale und soziale Bewegungen entstehen lassen, die die Vorherrschaft der Großmächte in der Region in Frage stellten. Gleichzeitig warf der Niedergang des Osmanischen Reiches, des „kranken Manns am Bosporus“, die Frage nach dem Schicksal seiner europäischen Gebiete neu auf.

1908 brach in der Türkei die Revolution aus. Offiziere, die sogenannten „Jungtürken“, revoltierten gegen den Sultan und trotzten ihm eine Verfassung ab. Obwohl die Jungtürken den Zerfall des Osmanischen Reiches aufhalten und nationale Abspaltungen verhindern wollten, verlieh ihr Beispiel und die innere Krise, die sie auslösten, den nationale Bewegungen auf dem Balkan zusätzlichen Auftrieb. Österreich-Ungarn reagierte darauf, indem es sich Bosnien und Herzegowina einverleibte. Durch die formelle Annexion dieser Gebiete, die es seit dreißig Jahren verwaltete, wollte Wien serbischen Gebietsansprüchen zuvorkommen. Doch es erreichte nur eine Stärkung des slawischen Nationalismus und eine Zerrüttung seiner Beziehungen zu Rußland.

Im Frühjahr 1912 taten sich Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro zu einem Balkanbund zusammen und vereinbarten in mehreren gegenseitigen Abkommen die Aufteilung der osmanischen Gebiete. Rußland wirkte im Hintergrund diskret mit. Lediglich Rumänien blieb außen vor. Am 9. Oktober erklärte Montenegro Konstantinopel den Krieg. Als Anlaß dienten Aufstände gegen die türkische Herrschaft in Albanien. Die Verbündeten zogen wenige Tage später nach. Der Waffengang wurde innerhalb von zwei Monaten entschieden. Die türkische Armee, die den Balkan jahrhundertelang beherrscht hatte, wurde bis wenige Kilometer vor Konstantinopel zurückgetrieben und mußte um Frieden ersuchen. Lediglich drei belagerte Festungen – Adrianopel in Thrakien, Janina in Epirus und Skutari in Albanien – befanden sich noch unter türkischer Kontrolle.

Angesichts dieses türkischen Debakels griffen die europäischen Großmächte hastig ein. Sie erzwangen am 4. Dezember einen Waffenstillstand und zitierten die Widersacher nach London an den Konferenztisch. Nach einem Staatsstreich in der Türkei flammten die Kämpfe am 24. Januar noch einmal auf. Ein Flügel der Jungtürken unter Enver-Bey hatte den versöhnungsbereiten Großwesir Kamil-Pascha gestürzt und seinen Kriegsminister ermordet. Doch nach dem Fall Adrianopels blieb auch der neuen türkischen Regierung keine andere Wahl, als die Friedensbedingungen hinzunehmen. Am 30. Mai 1913 wurde der Londoner Vertrag unterzeichnet. Die Türkei mußte alle Gebiete auf europäischem Boden abgeben, mit Ausnahme eines kleinen Streifens, der bis zur Linie zwischen Enos an der Ägäis und Midia am Schwarzen Meer reichte.

Aber auch die Mitglieder des Balkanbundes wurden durch den Londoner Vertrag nicht zufriedengestellt, obwohl sie ihn unter dem Druck der Großmächte alle unterzeichneten. Österreich-Ungarn und Italien hatten erfolgreich verhindert, daß Serbien den lange erstrebten Zugang zur Adria erhielt. Sie hatten auf der Gründung eines starken albanischen Staats als Gegengewicht gegen die slawischen Nachbarn bestanden. Als die türkischen Truppen am 23. April Skutari räumten und montenegrinische Truppen in die albanische Festung einzogen, drohten Wien und Berlin sogar mit einer militärischen Intervention und organisierten eine Seeblockade gegen Montenegro. Nach kurzem Widerstand zogen sich die Montenegriner aus Scutari zurück. Das war die letzte militärische Episode des ersten Balkankrieges. Die Zwietracht, die der Londoner Vertrag zwischen den Mitgliedern des Balkanbundes säte, führte geradewegs zum zweiten.

Serbien und Griechenland, die sich um ihre Gebietsansprüche in Albanien betrogen sahen, bemühten sich um Ersatz in Mazedonien, das vor dem Krieg Bulgarien versprochen worden war. Sie schlossen ein Geheimabkommen über die Aufteilung der fraglichen Gebiete und gegenseitige Unterstützung im Kriegsfall. Die Großmächte heizten den Konflikt weiter an, indem sie Rumänien als Belohnung für seine Neutralität eine Grenzbereinigung auf Kosten Bulgariens versprachen. Derart in die Enge getrieben, griff Bulgarien in der Nacht vom 29. Juni 1913 die griechischen und serbischen Streitkräfte in Mazedonien ohne vorherige Kriegserklärung an. Es erlitt eine vernichtende Niederlage. Selbst türkische Einheiten kehrten auf das Schlachtfeld zurück, um sich einen Teil an der Beute zu sichern. Und auch Rumänien griff erstmals in den Krieg ein und eroberte bulgarische Gebiete.

Am 10. August wurde in der rumänischen Hauptstadt Bukarest ein weiterer Friedensvertrag unterzeichnet, der vor allem auf Kosten Bulgariens ging. Serbien und Griechenland teilten den größten Teil Mazedoniens unter sich auf und erzielten auch anderswo Gebietsgewinne. Rumänien erhielt die Stadt Silistra und die südliche Dobrushda und die Türkei bekam Adrianopel zurück. Bulgarien wurde ein zwölf Kilometer langer Küstenstreifen an der Ägäis mit einem eigenen Hafen zugestanden. Bei all diesen Grenzveränderungen ging es nicht um den nationalen Charakter der betroffenen Gebiete, sondern um das Kräfteverhältnis zwischen den Balkanstaaten. So lebten in der nun rumänischen südlichen Dobrushda gerade 3Prozent Rumänen, während der bulgarische Bevölkerungsanteil 48Prozent ausmachte. Auch in einigen Gebieten Mazedoniens, die Serbien oder Griechenland zugeschlagen wurden, lebten fast ausschließlich Bulgaren.

Auch dieser Friedensvertrag legte nur die Grundlage für den nächsten Krieg, der weniger als ein Jahr nach seiner Unterzeichnung ausbrach – diesmal allerdings als Weltbrand.

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Trotzkis Schriften über die Balkankriege 1912-13 drängen einen Vergleich mit den jüngsten blutigen Ereignissen in dieser Region geradezu auf. Es ist, als hätte die Vergangenheit die Gegenwart nach achtzig Jahren wieder eingeholt. Viele Artikel lesen sich, als seien sie nicht über die damaligen, sondern über die heutigen Ereignisse geschrieben worden.

Allerdings sucht man heute vergeblich nach kritischen Journalisten, die das Geschehen, seine Hintergründe, seine Drahtzieher und seine Nutznießer mit solch schonungsloser Offenheit bloßstellen, wie Trotzki dies 1912-13 getan hat. Seine Polemiken gegen die russischen Liberalen, die sich schamlos für die Ziele der zaristischen Außenpolitik einspannen ließen, die Taten der slawischen Seite beschönigten und ihre Gewalttaten verheimlichten, lassen unwillkürlich an heutige Politiker denken, die sich über serbische Verbrechen entrüsten, während sie über Greueltaten der kroatischen und moslemischen Seite vornehm schweigen – und dies alles, um ihre Unterstützung für ein militärisches Eingreifen Deutschlands zu rechtfertigen, das wie keine andere Großmacht zum Völkerhaß auf dem Balkan beigetragen hat.

Trotzki betont immer wieder, daß es nicht nur darum geht, welche Ziele man verfolgt, sondern auch, welcher Mittel man sich dabei bedient. Er betrachtet den Kampf der Balkanvölker für ihre Befreiung vom osmanischen und imperialistischen Joch mit größter Anteilnahme, aber er weist jede Vorstellung zurück, diese Aufgabe könne den Monarchen und bürgerlichen Politikern anvertraut werden, die an der Spitze der Balkanstaaten standen. Er wird nicht müde, deren „politisch unfruchtbaren, feigen, unbegabten und durch und durch vom Chauvinismus zerfressenen“ Charakter zu geißeln, und zeichnet meisterhafte Portraits ihrer führenden Vertreter. Für noch absurder hält er die Vorstellung, das Zarenregime, Inbegriff der europäischen Reaktion, könne die Slawen auf dem Balkan „befreien“.

Trotzkis Buch widerlegt anschaulich die Auffassung, die Verteidigung unterdrückter Nationalitäten verpflichte Marxisten zur Unterstützung des bürgerlichen Nationalismus. Diese Auffassung ist nicht nur vom Stalinismus systematisch vertreten worden, der in ihrem Namen zahlreiche koloniale Revolutionen erdrosselte, sondern auch von kleinbürgerlichen Radikalen, die nicht selten im Namen des Trotzkismus auftraten. Ihre unkritische Verherrlichung von nationalen Führern wie Mao Tse-tung, Fidel Castro, Jassir Arafat oder Nelson Mandela steht in krassem Gegensatz zur Haltung, die Trotzki gegenüber den nationalen Führern des Balkans einnahm. Wenn Trotzki einen Cetnik porträtiert – „dieser zwiespältige Menschentyp eines Bombenlegers und versteckten Diplomaten, der in sich die Konspiration eines Verschwörers mit den Geheimnissen der Ministerialkanzleien vereinigt“ –, so erkennt man darin unschwer ein Abbild von Mandela und Arafat wieder, oder auch vom LTTE-Führer Prabakharan oder PKK-Führer Öcalan.

Der fortschrittliche Charakter des nationalen Befreiungskampfs war historisch untrennbar mit den Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution verbunden – der demokratischen Umgestaltung des Staates, der Lösung der Bauernfrage, der Überwindung der feudalen Zersplitterung, der Schaffung eines nationalen Markts und der Abschüttelung des imperialistischen Jochs. Wenn eine nationale Bewegung dagegen vorwiegend für die Privilegien einer bestimmten Nationalität oder Klasse eintrat – und das ist der Charakter aller bürgerlichen Bewegungen – dann wurde sie unweigerlich reaktionär.

Trotzki war schon 1905 zum Schluß gelangt, daß im rückständigen Rußland die Aufgaben der demokratischen Revolution nicht von der Bourgeoisie gelöst werden konnten, die durch unzählige Fäden mit dem Großgrundbesitz verbunden war und in ständiger Angst vor dem Proletariat lebte. Dies war der Ausgangspunkt seiner Theorie der permanenten Revolution. Dasselbe traf auf den Balkan zu, wo die Frage noch dadurch kompliziert wurde, daß sich Gebietsgrenzen und Volksgruppen wie ein bunter Flickenteppich überschnitten.

„Der einzige Ausweg aus dem nationalen und staatlichen Chaos und aus dem blutigen Durcheinander im Leben auf dem Balkan“, schrieb er deshalb 1910, „ist die Vereinigung aller Völker der Halbinsel zu einem wirtschaftlichen und staatlichen Ganzen auf der Grundlage einer nationalen Autonomie der einzelnen Bestandteile.“ Eine solche staatliche Vereinigung, erklärte er weiter, könne nur „auf zweierlei Art geschehen: entweder von oben, indem sich ein stärkerer Balkanstaat auf Kosten der schwächeren ausdehnt, – dies wäre der Weg von Vernichtungskriegen und der Unterdrückung schwacher Nationen, ein Weg der Festigung von Monarchismus und Militarismus; oder von unten, indem sich die Völker selbst vereinigen, – dies wäre der Weg von Revolutionen, ein Weg, der den Sturz der Balkandynastien unter dem Banner einer föderativen Balkanrepublik bedeutet.“

Diese Einschätzung wurde damals von allen marxistischen Parteien – einschließlich der sozialdemokratischen Parteien der Balkanstaaten und Lenins bolschewistischer Partei – geteilt. Sie bildet auch den Schlüssel zur heutigen Lage auf dem Balkan.

Unter den Bedingungen der modernen, globalen Wirtschaft hat das Herausbilden neuer Nationalstaaten nirgends mehr auf der Welt einen fortschrittlichen, demokratischen Charakter. Die neuen Staaten, die in Osteuropa, der früheren Sowjetunion und den ehemaligen Kolonien entstanden sind, dienen nicht der Befreiung der Volksmassen von Ausbeutung und Unterdrückung, sondern bilden eine zusätzliche Fessel zu ihrer Knebelung. Die neuen „Demokraten“ – die meist der alten stalinistischen Herrscherschicht entstammen – und alten Befreiungskämpfer haben sich in Polizisten verwandelt, die die einheimische Arbeiterklasse niederhalten und den internationalen Konzernen zu Niedrigstlöhnen anbieten. An die Stelle der „Freiheit“ ist die nüchterne Perspektive der „Freihandelszone“ getreten.

Nirgends tritt der reaktionäre Charakter des modernen Nationalismus deutlicher zutage als auf dem Balkan. Das Aufflammen unbeschreiblicher chauvinistischer Greueltaten, die einer vergangenen Epoche zu entstammen scheinen, ist das direkte Ergebnis der Aufspaltung Jugoslawiens in Kleinstaaten, die weder ökonomisch noch politisch lebensfähig sind und lediglich einer kleinen Schicht zur eigenen Bereicherung dienen. Diesen Prozeß als Verwirklichung des „Rechts auf Selbstbestimmung“ zu bezeichnen oder nationale Führer wie Tudjman, Izetbegovic oder Milosevic als legitime Vertreter der Massen auszugeben, ist ein Hohn auf die historische Wahrheit. Wenn es ihnen gelingt, sich durch Wahlen zu legitimieren, dann nur aufgrund der politischen Krise der Arbeiterbewegung, die durch die jahrzehntelange Vorherrschaft des Stalinismus politisch entmündigt worden ist.

Erneut sind es die Großmächte, die im Hintergrund die Fäden ziehen und die nationalen Auseinandersetzungen im eigenen Interesse manipulieren. Und erneut stehen mit dem Kräfteverhältnis auf dem Balkan weit größere Ziele auf dem Spiel: Die militärische Vorherrschaft der USA in Europa, die Beziehung zu den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, die Hegemonie im Nahen Osten und der Zugang zu den unerschlossenen Öl- und Gasreserven in Zentralasien, die diese Region nach Ansicht von Experten „in den Persischen Golf des kommenden Jahrhunderts“ verwandeln werden. „Wir sollten Bosnien nicht als Ostgrenze der NATO betrachten“, schrieb dazu kürzlich eine führende amerikanische Zeitung, „sondern als Westgrenze der rasch expandierenden amerikanischen Einflußsphäre im Nahen Osten.“ (New York Times, 2. Januar 1996)

Die vielleicht größte Lüge, die im Zusammenhang mit dem heutigen Konflikt verbreitet wird, lautet, die Stationierung von 60.000 NATO-Soldaten in Bosnien erfolge aus völlig uneigennützigen Motiven und diene allein der Erzwingung eines Friedens. Sie stützt sich auf rein moralische Argumente, die sich – wie immer bei komplexen politischen Fragen – als kurzsichtig und vollkommen einseitig erweisen, und beruht auf einer völligen Unkenntnis der historischen und gesellschaftlichen Ursachen des Kriegs. Schon ein Vergleich des Vertrags von Dayton, der den Balkan mit einem neuen Netz unnatürlicher Grenzen überzieht, mit den Verträgen von Berlin, London und Bukarest zeigt, daß hier lediglich die Voraussetzungen für weitere, blutige Konflikte geschaffen werden.

Die Geschichte liefert den Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Krise auf dem Balkan und zu ihrer Lösung. Deshalb soll zum Abschluß dieser Einleitung kurz auf die Entwicklung seit den in diesem Buch beschriebenen Ereignisse eingegangen werden.

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Der Erste Weltkrieg löste die Probleme auf dem Balkan ebensowenig, wie die beiden vorangegangenen Kriege. Das Ende Österreich-Ungarns und das Ausscheiden Rußlands aus dem Kreis der Großmächte schufen zwar Raum für die Entstehung größerer und stärkerer Balkanstaaten, insbesondere des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen, des späteren Jugoslawien. Aber diese Staaten waren das Ergebnis einer Vereinigung „von oben“ mit allen Folgen, die Trotzki vorausgesagt hatte. Sie demonstrierten die vollkommene Unfähigkeit der einheimischen herrschenden Klassen, die nationale Frage zu lösen, und waren Brutstätten für nationale Spannungen und ethnisch motivierten Haß.

Die Arbeiterbewegung machte allerdings gewaltige Fortschritte und ließ erstmals die Möglichkeit einer Vereinigung des Balkans „von unten“ in greifbare Nähe rücken. 1919 wurde die Kommunistische Partei Jugoslawiens gegründet, die sich als einzige Partei des Landes über ethnische Schranken hinwegsetzte und Arbeiter aller Nationalitäten vereinte. Sie gewann rasch Unterstützung. 1920 eroberte sie bei den Kommunalwahlen in Zagreb und Belgrad bereits die Mehrheit der Sitze.

Doch diese hoffnungsvolle Entwicklung wurde durch den wachsenden Einfluß des Stalinismus auf die Kommunistische Internationale abgewürgt. Im Namen des „Kampfs gegen den Trotzkismus“ – der sich rasch als Kampf gegen alle Prinzipien der marxistischen Bewegung entpuppte – zwang die Komintern-Führung die jugoslawische Kommunistische Partei schon 1924, sich mit nationalistischen Strömungen zu verbünden und die Abtrennung Kroatiens, Sloweniens und Mazedoniens von Jugoslawien zu fordern. Die Folgen dieser Anpassung an den Nationalismus waren verheerend. Sie zersetzte die Partei und überließ die politische Bühne rechten und faschistischen Bewegungen, die die gesellschaftlichen Spannungen in chauvinistische Kanäle lenkten.

1933 verordnete Moskau einen Kurswechsel. Stalin benötigte nach der Machtübernahme Hitlers einen Verbündeten auf dem Balkan. Die jugoslawischen Kommunisten wurden angewiesen, die Einheit des jugoslawischen Staates zu verteidigen und mit der Regierung in Belgrad zusammenzuarbeiten. Dieser Schwenk bedeutete keine Rückkehr zum Internationalismus – der kroatische, serbische und mazedonische wurde lediglich durch einen jugoslawischen Nationalismus ersetzt –, aber er versetzte die Kommunistische Partei in die Lage, während des Zweiten Weltkriegs alle Unterdrückten unabhängig von ihrem ethnischen Hintergrund gegen die deutschen Besatzer und die einheimische Reaktion zu vereinen. Darauf beruhte der Erfolg und die Popularität Titos. Sein Aufruf zu „Brüderlichkeit und Einheit“ in einem einzigen Jugoslawien, das die Gleichheit all seiner Völker garantieren sollte, fand breite Unterstützung. Der Staat, der aus dem siegreichen Partisanenkampf gegen die Nazibesatzer und die einheimische Reaktion hervorging, versprach erstmals in der Geschichte den kleinlichen Nationalismus, der den Balkan wiederholt in Bruderkriege gestürzt hatte, zu überwinden.

Dieses Versprechen konnte das Tito-Regime nicht erfüllen. Es versuchte, durch einen Drahtseilakt zwischen Washington und Moskau eine Art nationale Unabhängigkeit zu bewahren, und geriet unter den zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Druck des westlichen Kapitalismus. Die nationalen Spannungen im Innern versuchte es durch eine Bundesstaatsstruktur zu bändigen, die aus sechs Republiken und zwei autonomen Provinzen bestand. Die Verfassung sah umfassende Garantien für die Rechte der Minderheiten in jedem Gebiet vor, deren Einhaltung von der Zentralregierung erzwungen wurde.

In der Praxis erhielt der Nationalismus dadurch nur neue Nahrung. Der bürokratische Charakter des Regimes rief im Zusammenwirken mit der ererbten wirtschaftlichen Rückständigkeit der Region starke zentrifugale Tendenzen hervor. Die herrschende Bürokratie fungierte in jeder Republik zunehmend als eigenständige Wirtschaftseinheit. Sie entwickelte ihre Industrie und Infrastruktur in einer irrational autarken Weise, um ihre eigene Macht und ihre Privilegien zu festigen. Am Ende verfügte jede Republik über ausgeprägtere wirtschaftliche Verbindungen zum ausländischen Kapitalismus, als zu den anderen Republiken.

Der Zentralstaat unter Tito bezog seine Macht aus der Kontrolle über die nationale Armee und aus seiner Rolle als Schiedsrichter zwischen den verschiedenen Republiken, insbesondere zwischen Kroatien und Serbien. Abwechselnd schlug er nationalistische Tendenzen in der einen und anderen Republik nieder – mit dem Ergebnis, daß die separatistischen Strömungen in beiden gestärkt wurden. Der gesamtjugoslawische Nationalismus, der den Partisanenkampf während des Zweiten Weltkriegs beseelt hatte, verkam zu einem hohlen Dogma.

Das Ende der Sowjetunion führte zu einer grundlegenden Veränderung der internationalen Lage Jugoslawiens. Bisher war es von den Westmächten als militärisches Gegengewicht zu Moskau betrachtet worden. Sie versorgten es trotz der sozialistischen Pose des Tito-Regimes mit Militär- und Wirtschaftshilfe und hatten ein Interesse an seiner Stabilität. Nun sahen sie im jugoslawischen Bundesstaat nur noch ein Hindernis für die vollständige Privatisierung der Wirtschaft zugunsten der multinationalen Banken und Konzerne und unterstützten seine Auflösung. Der Internationale Währungsfonds diktierte in den achtziger Jahren eine Reihe von Sparprogrammen, die verheerende wirtschaftliche und soziale Auswirkungen hatten und eine massive Streikbewegung auslösten. Die herrschende Bürokratie trat dieser Entwicklung entgegen, indem sie zur Waffe des Chauvinismus griff.

Deutschland spielte bei der Auflösung Jugoslawiens eine Vorreiterrolle. Eifrig bestrebt, nach der Wiedervereinigung politische Stärke zu demonstrieren, unterstützte die Kohl-Regierung die Abspaltung Sloweniens und Kroatiens und erzwang 1991 die diplomatische Anerkennung der beiden Republiken, obwohl es nicht an Warnungen fehlte, daß dies zum Bürgerkrieg führen werde. Seither hat Bonn das kroatische Regime gezielt aufgerüstet, um seinen Einfluß in der Region zu stärken. Die Eroberung der Krajina durch die kroatische Armee und die Vertreibung einer Viertelmillion Serben, die dort seit einem halben Jahrtausend siedelten, erfolgte in enger Zusammenarbeit mit Bonn und Washington. Washington seinerseits benutzte Bosnien, um das Heft in der Balkankrise in die Hand zu bekommen.

Es wäre also völlig verfehlt, von der militärischen Intervention der Großmächte einen dauerhaften Frieden oder eine Lösung der Balkankrise zu erwarten. Die Zukunft dieser Region hängt mehr denn je von einer Wiederbelebung der internationalistischen Traditionen der Arbeiterbewegung ab. Die deutsche Erstveröffentlichung von Trotzkis Buch über die Balkankriege 1912-13 kann dazu einen Beitrag leisten.

Peter Schwarz, Essen den 1. Februar 1996