Geiseldrama in Algerien endet in Blutbad

Von Alex Lantier
22. Januar 2013

Am Samstagabend stürmten algerische Sicherheitskräfte die Gasförderanlage Tinguentourine in Ain Amenas, wo mehr als dreißig al-Qaida-nahe Kämpfer zahlreiche Geiseln hielten.

Wie am Sonntagabend aus Berichten verlautete, forderte die Operation den Tod von 48 Geiseln und bis zu 32 Geiselnehmern. Die al-Qaida Gruppe namens al-Muwaqiun bi-l Dam („Die mit dem Blut unterschreiben“) forderte einen Gefangenenaustausch und das Ende des französischen Kriegs in Mali. Unter den Toten und Vermissten befinden sich amerikanische, britische, französischen, japanische, norwegische und rumänische Arbeiter.

Der Führer der Kidnapper-Gruppe, Mokhtar Belmokhtar, kämpfte schon als Jugendlicher in den letzten Tagen des Afghanistan-Kriegs, den die USA damals gegen das von der Sowjetunion gestützte Regime führte. Er übernahm gestern in einem Video die Verantwortung für die Aktion. Er sagte: „Wir von al-Qaida übernehmen die Verantwortung für diese gesegnete Operation.“ Ungefähr vierzig Kämpfer hätten an dem Überfall teilgenommen.

Informationen über die Opferzahlen sind immer noch vorläufig und widersprüchlich. Die Operation der algerischen Armee war so gewalttätig, dass es offenbar für die Retter schwierig war, anhand der sterblichen Überreste festzustellen, wie viele Menschen getötet wurden und wer sie waren. Am Samstag fanden algerische Spezialkräfte in der Fabrikanlage fünfzehn nicht identifizierbare verbrannte Leichen.

Der algerische Informationsminister Mohammed Said sagte: “Ich fürchte sehr, dass die Zahl der Toten noch nach oben revidiert werden muss.“

Er unterstützte auch Frankreichs Krieg in Mali. Er gab bekannt, Algerien werde seiner früheren Kolonialmacht Frankreich weiter erlauben, seinen Luftraum für die Bombardierung von Zielen in Mali zu durchqueren.

Wie Said noch sagte, will die Regierung in Algiers die Industrieanlagen des Landes künftig besser schützen: „In dieser Frage werden wir von den überragenden Interessen Algeriens ausgehen. In dieser Situation hat das nationale Interesse absoluten Vorrang, und die höchsten Stellen des Landes werden entscheiden, ob solch eine Aktion unternommen wird oder nicht.“

Die Geiselnehmer haben offenbar Unterstützung aus der Industrieanlage selbst bekommen. Das wirft weitere Fragen über die algerischen Sicherheitskräfte auf. Fünf der Islamisten, unter ihnen ein französischer Staatsbürger, sollen in der Anlage gearbeitet haben. Ein anderer sprach Englisch mit nordamerikanischem Akzent und war möglicherweise Kanadier.

Der britische Premierminister David Cameron und der französische Präsident François Hollande verteidigten die gewaltsame Reaktion Algeriens auf die Geiselnahme, während Japan, Großbritannien und die USA sie anfangs kritisiert hatten. Cameron kommentierte: „Natürlich werden die Leute Fragen stellen, was die algerische Reaktion auf diese Ereignisse betrifft, aber ich möchte sagen, dass die Verantwortung für diese Toten eindeutig bei den Terroristen liegt.“

Das blutige Ende der Geiselnahme in Algerien unterstreicht die verheerenden Konsequenzen der zahlreichen imperialistischen Interventionen in Afrika und im Nahen Osten. Sie gehen bis auf den sowjetisch-afghanischen Krieg in den 1980er Jahren zurück, in dem Belmokhtar angeblich seine Ausbildung erhielt.

Der Nato-Krieg 2011 zum Sturz von Oberst Muammar Gaddafi in Libyen hat dazu beigetragen, das prekäre Gleichgewicht zwischen den Tuareg und anderen Stammesgruppen in der Sahara zu stören. Hinzu kommt, dass die Entscheidung der Nato, zahlreiche Libyer mit al-Qaida-Hintergrund in Libyen in Machtpositionen zu hieven, den Einfluss islamistischer Gruppen in der Region gestärkt hat. Dies hat die Kontrolle des malischen Militärs im unruhigen Norden des Landes unterhöhlt.

Als die unpopuläre malische Militärjunta vor etwas mehr als einer Woche zu kollabieren drohte, begann Frankreich mit seinen Bombenangriffen in Mali.

Jetzt hat die Gewalt auf Algerien übergegriffen, was die wachsende Anfälligkeit des Landes (wie der ganzen Region) für Gewalt bloßlegt. Amenas liegt im Süden Algeriens in der Sahara, nahe der Grenze zu Libyen. Hier verläuft ein Korridor für den Transport von Waffen und Kämpfern von Libyen in den Norden Malis.

Das Eindringen in algerische Energieförderanlagen unterstreicht auch den brüchigen Charakter des algerischen Regimes selbst. Von 1991 an hat es bereits einen elfjährigen blutigen Bürgerkrieg gegen islamistische Gruppen geführt, nachdem sich ein Wahlsieg islamistischer Parteien abzeichnete und das Militär intervenierte, um ihn zu unterdrücken.

Hollandes Krieg in Mali macht auch Frankreich für Vergeltungsschläge anfällig. Schon während des algerischen Bürgerkriegs versuchten algerische islamistische Gruppen 1994 mit der Hilfe von Osama bin Laden ein Düsenflugzeug zu entführen und in den Eifelturm zu steuern. 1995 verübten sie einen Bombenanschlag auf den Regionalbahnhof St. Michel in Paris.

Vertreter von Nato-Mächten nutzen die Geiselkrise, um ein verstärktes Eingreifen in Nordafrika zu fordern. Der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian nannte die Geiselnahme einen “Kriegsakt”.

Der britische Premierminister David Cameron stellte einen lang andauernden Krieg nach dem Muster des amerikanischen Afghanistan-Kriegs in Aussicht. Er sagte: „Dies ist eine globale Bedrohung, die eine globale Reaktion verlangt. Sie verlangt eine Reaktion über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, und nicht Monate (…). Wir haben es mit einer extremistischen, islamistischen al-Qaida-Gruppe zu tun. So wie wir damit in Pakistan und Afghanistan umgegangen sind, muss die Welt sich auch gegen diese Bedrohung in Nordafrika zusammenschließen.“

Am Freitag äußerte US-Verteidigungsminister Leon Panetta ähnliche Drohungen. „Wir haben die Verpflichtung übernommen, al-Qaida-Kämpfer zu verfolgen, wo immer sie sich aufhalten oder verstecken. Wir tun das in Afghanistan und in Pakistan, wir tun das in Somalia und im Jemen, und wir werden es in Nordafrika tun.“

In Mali selbst werden die französischen Truppen in der Landesmitte weiter verstärkt. Gleichzeitig sind heftige Kämpfe mit islamistischen Rebellengruppen im Gange. Sie haben die Städte Niono und Mopti nahe dem strategischen Flughafen Sévaré eingenommen, wie der französische Militärsprecher Oberst Thierry Burkhard bekanntgab.

Am Sonntag kamen vierhundert Soldaten aus Nigeria, Togo und Benin in Bamako an, sowie Truppen aus dem Tschad. Diese werden als besonders effektiv betrachtet, weil sie mit der Wüstenumgebung von Nordmali vertraut sind. Afrikanische Länder werden ungefähr dreitausend Soldaten für den Krieg des französischen Imperialismus in Mali bereitstellen.

Französische Truppen sind bereits in Kämpfe mit Rebellenkräften verwickelt. Sie haben am Wochenende ein Dutzend Luftangriffe mit Kampfflugzeugen und Kampfhubschraubern geflogen. Sie versuchen immer noch, die umkämpfte Stadt Diabaly einzunehmen. Le Drian sagte auf France 5 TV: „Noch ist Diabaly nicht eingenommen. [Aber] es sieht alles danach aus, dass die Lage dort in den nächsten Stunden zum Guten entschieden wird.“

Selbst wenn es den französischen Kräften und ihren afrikanischen Hilfstruppen gelingen sollte, Zentralmali unter Kontrolle zu bekommen, dann wird das nur die Bedingungen für einen Besatzungskrieg in Nordmali schaffen. Dort befindet sich eine riesige Wüste und ein bergiges Gebiet, das schon seit langem relativ unabhängig von der Zentralregierung in Bamako ist. Islamistische Kämpfer sollen sich auf Kidal im Osten von Nordmali zurückziehen, um von dort aus einen Guerillakrieg vorzubereiten, der sich auf die wilde Bergregion Adrar des Ifoghas konzentriert.