Flutkatastrophe in Deutschland und Europa

Von unseren Korrespondenten
4. Juni 2013

In den letzten Tagen wurden weite Teil Deutschlands und Europas vom schlimmsten Hochwasser seit dem sogenannten „Jahrhunderthochwasser“ im Jahr 2002 heimgesucht.

Nach tagelangem Dauerregen ist die Hochwasserlage in vielen Regionen dramatisch und die Menschen kämpfen verzweifelt gegen die Wassermassen an. In Deutschland sind vor allem die Bundesländer Sachsen, Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt betroffen.

Im bayrischen Passau erreichte der Pegelstand der Donau mit 12,50 Meter den höchsten Stand seit 500 Jahren. Ein neuer Höchststand wird für Dienstag erwartet. Von oben gleicht die Dreiflüssestadt einer Seenplatte, nachdem sich nach tagelangen sintflutartigen Regenfällen die Fluten der Donau mit denen von Inn und Ilz verbunden haben. Viele Häuser sind nur noch mit dem Boot zu erreichen.

Die Bewohner der Stadt stehen vor einer Katastrophe. Seit Sonntagabend sind die Menschen in Passau ohne Strom. Am Montag wurde wegen „Verunreinigungsgefahr“ auch die Trinkwasserversorgung eingestellt. Laut dem vor Ort eingerichteten Krisenstab müsse davon ausgegangen werden, dass die Restmengen in den Hochbehältern nur bis Montagabend reichten. Am Montagnachmittag wurde deshalb und wegen des steigenden Pegels mit der Evakuierung großer Teile der Altstadt und einzelner kleinerer Dörfer am Inn begonnen. Es wurden Notunterkünfte eingerichtet.

Auch in Nieder- und Oberbayern spitzt sich die Lage zu. Am Samstag brach ein Damm in Rosenheim, worauf die Fluten der Mangfall sich in den Stadtteil Oberwöhr ergossen. Mehr als tausend Menschen mussten bereits ihre Wohnungen verlassen. „Das ist eine katastrophale Entwicklung“, sagt ein Sprecher des Rosenheimer Krisenstabs. Der Damm sei völlig überraschend an einer Stelle gebrochen, „die wir nie auf der Rechnung hatten,“ erklärte er.

In den Landkreisen Freising, Landshut und Straubing wurde am Montag der Katastrophenalarm ausgelöst. Auch in Deggendorf ist die Lage extrem angespannt und in den nächsten Tagen werden weitere Pegelhöchststände erwartet.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) kommentierte die Lage in Bayern am Sonntagabend: „Möglicherweise werden wir eine Entwicklung bekommen, die zu einem Hochwasser führen könnte, das bisher noch nie da gewesen ist.“

Obwohl Passau, genau wie andere Gebiete in Bayern und Deutschland auf Grund ihrer Lage seit jeher hochwassergefährdet sind und sich bereits in der letzten Woche ein massives Hochwasser abzeichnete – an den Zuläufen vieler Flüsse hatte es tagelang ununterbrochen geregnet – waren die Behörden auf das Ausmaß der Wassermassen nicht vorbereitet. Erst spät setzten die Bundesregierung und die Landesregierungen Krisenstäbe ein. Am Montag sind laut Bundeswehr 1760 Soldaten zur Hochwasserbekämpfung abkommandiert worden.

Auch die Menschen Sachsen kämpfen einen verzweifelten Kampf gegen die Flutkatastrophe. Allein in Grimma, Eilenburg und Wurzen mussten gestern 13.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen. In Leipzig hat der Landrat des Leipziger Landes den Katastrophenalarm ausgerufen. Der Wasserstand in Leipzig sei innerhalb eines Tages um mehr als einen Meter gestiegen. In Thüringen wurden am Montag rund 2.500 Menschen evakuiert.

Wegen des Hochwassers in Sachsen hat Volkswagen die Produktion in seinem Werk in Zwickau vorübergehend gestoppt. Die Frühschicht am Montagmorgen sei abgesagt worden, sagte ein Unternehmenssprecher in Zwickau. Zwar sei das Werk selbst nicht direkt vom Hochwasser betroffen, allerdings viele Verkehrswege im Umland, ein Teil der Lieferanten und auch zahlreiche Mitarbeiter.

Die Stadt Jeßnitz bei Bitterfeld ist vom Wasser eingeschlossen. Vielerorts blieben Schulen am Montag geschlossen. Im Landkreis Mittelsachsen fiel bei einigen tausend Einwohnern der Strom aus. In Eilenburg wurde bereits die Innenstadt evakuiert. Rund 7.000 Menschen waren nach Angaben eines Sprechers betroffen.

In Thüringen lösten die Behörden für mehrere Orte Katastrophenalarm aus, unter anderem für Gera. Dort wurden in der Nacht zum Montag Einwohner aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Die Kleinstadt Gößnitz wurde am Sonntag komplett evakuiert, Teile von Greiz stehen unter Wasser.

Auch in anderen europäischen Ländern ist die Lage dramatisch. Besonders schlimm ist die Situation in Tschechien. Dort kamen sechs Menschen in den Fluten ums Leben und vier werden laut Angaben der Polizei vermisst. Mehr als 7000 Menschen wurden vor allem in Mittelböhmen und im nordböhmischen Kreis Aussig evakuiert. Im nördlichen Jaroměř stürzte eine Brücke unter dem Druck der Wassermassen zusammen.

In der Hauptstadt Prag, wo der Pegel der Moldau weiter ansteigt, mussten in einigen Außenbezirken bereits Menschen ihre Häuser verlassen. Der Kulminationspunkt soll am heutigen Dienstag erreicht werden. Nach Medienberichten werden weitere Evakuierungen vorbereitet. Am Montag stellten die Prager Metro ihren Verkehr durch die historische Innenstadt weitgehend ein.

Der Premier Minister der tschechischen Mitte-Rechts Regierung, Petr Nečas, rief am Sonntagabend im Tschechischen Fernsehen mit Ausnahme der Kreise Karlovy Vary (Karlsbad) und Pardubice im böhmischen Teil des Landes den Notstand aus. Wegen der zugespitzten Lage war das Kabinett in der Hauptstadt zu einer Krisensitzung zusammengekommen.

In Österreich sind bisher zwei Menschen durch das Hochwasser ums Leben gekommen, vier weitere werden noch vermisst. Vor allem im Osten Niederösterreich ist die Situation ähnlich dramatisch wie bei dem Hochwasser 2002.

Zahlreiche Städte an Inn, Salzach und Donau sind massiv betroffen. Städte wie Schärding (am Inn) oder Melk (an der Donau) sind überflutet. In Schärding an der bayerischen Grenze überflutete der Inn die Schutzanlagen, 500 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. In Tirol entgleiste in der Nacht zu Montag am Brenner ein Zug, weil eine Schlamm- und Gerölllawine die Gleise verschüttet hatte.

In Polen steigt vor allem im Südwesten des Landes das Hochwasser. In Niederschlesien waren zahlreiche Oder-Zuflüsse und die Lausitzer Neisse über die Ufer getreten. Mehrere Landstraßen waren am Montag unpassierbar und wurden für den Verkehr gesperrt.

Im schweizerischen Basel forderte der Krisenstab die Bevölkerung auf, sich nicht in die unmittelbare Nähe des Rheinufers zu begeben. An mehreren Uferabschnitten wurden Schutzbauten erstellt und Sandsäcke aufgetürmt. Der Schiffsverkehr zwischen Rheinfelden und der Kembs (Frankreich) ist seit Samstag eingestellt. In Alptal mussten wegen eines drohenden Hangrutsches zahlreiche Häuser evakuiert werden.

Laut Angaben der schwarz-gelben Bundesregierung wird die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag in die Hochwassergebiete reisen. Unter anderem wolle sie sich gemeinsam mit Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ein Bild von der Lage in Passau machen.

Ähnlich wie die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD) im Wahljahr 2002, versucht auch die schwarz-gelbe Merkel Regierung das Hochwasser medienwirksam zu nutzen und sich als Unterstützer derer zu geben, die verzweifelt gegen die Wassermassen kämpfen. Doch es ist bereits abzusehen, dass die Bundesregierung die Lasten der Katastrophe einmal mehr der Bevölkerung aufbürden wird. Nach Aussagen des Regierungssprecher Steffen Seibert sei es verfrüht über etwaige finanzielle Hilfen zu sprechen.