Großbritannien

Der Mord von Woolwich und die Verantwortung der herrschenden Elite

4. Juni 2013

Gleich nach dem brutalen Mord an dem Soldaten Lee Rigby beharrte ein Chor von Politikern und Medienvertretern darauf, dass es jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sei, die Motive seiner Mörder, Michael Adebolajo und Michael Adebowale, zu hinterfragen.

Der Labour-Abgeordnete David Lammy bezeichnete die „Andeutung, der Mord sei eine direkte Folge der britischen Außenpolitik“ und die Kritik an seiner Zustimmung zum Irakkrieg als „völlig oberflächlich.“

Jonathan Freedland vom Guardian kritisierte „Liberale und Linke,“ die einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in London und den Kriegen in Afghanistan, dem Irak, Libyen und Syrien hergestellt hatten und warf ihnen „heimliche Sympathie“ vor, „nicht für die Tat selbst, aber für die Sache, die sie propagieren soll.“

Der Versuch, Diskussionen über die Umstände zu verhindern, die zu dem schrecklichen Verbrechen von Adebolajo und Adebowale führten, dient vor allem der Verschleierung der noch größeren Verbrechen der herrschenden Elite Großbritanniens.

Innerhalb weniger Tage war es klar, dass die beiden mutmaßlichen Mörder dem britischen Geheimdienst MI5 seit Jahren bekannt waren, Adebolajo bereits seit zehn Jahren. Er gehörte zu der verbotenen islamistischen Gruppe Al-Mahajiroun. Im November 2010 wurde er in Kenia verhaftet, als er nach Somalia einreisen wollte, angeblich, um sich der islamistische Gruppe Al-Shabaab anzuschließen.

Am 23. Mai wurde Abu Nusaybah, ein Bekannter von Adebolajo, nach einem Interview mit der BBC-Sendung Newsnight verhaftet, in dem er andeutete, dass Adebolajo in Kenia vom MI5 gefoltert und bedrängt, und aufgefordert wurde, als Informant zu arbeiten.

Seither sind Beweise aufgetaucht, dass Großbritannien tatsächlich für Adebolajos Verhaftung verantwortlich war und ihn daraufhin beschützt hat. Laut der Daily Mail war er in Kenia von einer Einheit des Special Air Service (SAS), die mit dem MI5 zusammenarbeitete, entführt worden, als er die Grenze nach Somalia überschreiten wollte. Laut einer Quelle übernahm der SAS die Führung. „Sie waren daran beteiligt, weil dieser Mann als wichtig eingeschätzt wurde.“

Ein Antiterror-Beamter von Scotland Yard, der in Afrika stationiert war, war „in der Nähe,“ als er in Kenia in Gewahrsam genommen wurde. Adebolajo wurde später nach Großbritannien zurückgeschickt, gefolgt von einem verdeckten Detektiv von Scotland Yard.

Laut Adebolajos rechtlichem Vertreter in Kenia versuchte er im Februar 2012 nochmals, mit fünf anderen Begleitern nach Somalia zu reisen und wurde von den kenianischen Behörden verhaftet. Großbritannien soll der kenianischen Polizei versichert haben, dass er „sauber“ sei und er wurde wieder nach Großbritannien gebracht.

Die Mail erfuhr aus afrikanischen Quellen, dass Adebolajo im letzten November zum dritten Mal in Kenia gesehen worden war, in der Gesellschaft eines radikalen Predigers namens Scheich Hassan Makbul. Bei beiden Gelegenheiten hatte er einen falschen Reisepass benutzt.

Wieder einmal ist herausgekommen, dass die Sicherheitsbehörden enge Beziehungen mit dschihadistischen Elementen aufgebaut haben, um die Außenpolitik des britischen Imperialismus im Nahen Osten und Afrika zu unterstützen.

Ein wichtiger Grund, warum es Adebolajo möglich war, frei zu agieren, war seine Rolle in Beziehung zu Syrien – und die einer breiteren Schicht von Islamisten. Ein Anrufer bei der BBC-Radiostation London 94.9 namens Abdullah identifizierte Adebolajo als Teilnehmer an einer Demonstration vor einem Gemeindezentrum in Plumstead, London, in dem Jugendliche aufgerufen wurden, in Syrien zu kämpfen. Abdullah erklärte: „Wir müssen vielleicht nicht dorthin, weil ihre Soldaten hier sind... Der Erfolg ist näher als ihr glaubt.“

Im April bestätigte Außenminister William Hague Berichte, laut denen zu den mehr als 600 Europäern, die in Syrien in Gruppen kämpfen, die mit Al Qaida verbündet sind – beispielsweise die Al Nusra-Front - mehr als 100 Briten gehören. In einem Brief an Parlamentsabgeordnete erklärte er, diese Individuen stellten eine Gefahr dar, weil sie „versuchen werden, heute oder in der Zukunft Anschläge gegen westliche Interessen zu verüben.“

Der Hintergrund von Hagues Eingeständnis war es, für die Aufhebung des Waffenembargos der Europäischen Union gegen Syrien zu werben, um den „unumstrittenen Raum“ auszufüllen, den derzeit Fundamentalisten gegenüber „gemäßigten“ Kräften einnehmen, die von den westlichen Mächten Waffen erhalten sollen.

Hague weiß natürlich, dass die Waffenlieferungen aus Großbritannien, der Europäischer Union, den USA und ihren Verbündeten im Nahen Osten – wie Saudi-Arabien und Katar – einem sektiererischen Aufstand dienen, der von islamistischen Gruppen dominiert wird, die sie jahrelang kultiviert haben. Diese Pose sollte nur sicherstellen, dass der Krieg zum Regimewechsel in Syrien verschärft wird. Das strategische Ziel dabei sind die Ölreserven der Region.

Am 28. Mai, sechs Tage nachdem Rigby zu Tode gehackt worden war, wurde das Waffenembargo dank einer Kampagne von Großbritannien und Frankreich aufgehoben. Diese Entscheidung garantiert, dass die zahllosen Grausamkeiten, genau wie die in Woolwich, in Syrien und den Nachbarstaaten Libanon und Irak weitergehen werden, wobei Dschihadisten im Auftrag von London, Washington und Paris als Todesschwadronen eingesetzt werden.

Im Inland profitieren politische Kräfte, deren Verbrechen die Wut geschürt haben, die islamistische Gruppen jetzt ausnutzten. Einmal mehr wurde diesen Kräften die Zusammenarbeit mit Islamisten nachgewiesen und die Tragödie von Woolwich dient ihnen dazu, weitere Unterdrückungsmaßnahmen zu fordern.

Premierminister David Cameron hat eine „Antiterror-Taskforce“ ins Leben gerufen, um „praktische Maßnahmen“ gegen politischen Extremismus vorzuschlagen. Sie umfasst unter anderem den Polizeichef von Scotland Yard Sir Bernard Hogan-Howe und Andrew Parker, den Generaldirektor des MI5

Die Regierung erwägt bereits die Wiedereinführung von Gesetzen, laut denen Telefonunternehmen die Zeit, Dauer, den Ursprung und Empfänger aller E-Mails, Telefonate, Nachrichten in sozialen Netzwerken, Webmail und Internet-Telefonaten in Großbritannien aufzeichnen müssen.

Die Ermordung von Lee Rigby ist nur eines von vielen tragischen Beispielen dafür, wie jahrzehntelange Kriege und andere kolonialistische Abenteuer das gesellschaftliche und politische Geschehen in Großbritannien und der Welt vergiftet haben, damit die Finanzoligarchie ihre rücksichtslosen Ziele verfolgen kann.

Um die Kontrolle über wichtige Rohstoffe wie Öl, Gas und Mineralien zu sichern, wurden große Teile der Welt in Armut, Elend und brutale Kriege gestürzt. Gleichzeitig muss die arbeitende Bevölkerung Großbritanniens, Europas und Amerikas für die Billionen Dollar, die diese Kriege kosten, in Form von brutalen Kürzungen bezahlen, die die kriminellen Elemente reicher machen sollen, die die Gesellschaft dominieren.

Niemand sollte sich von den „patriotischen“ Lügen und Krokodilstränen täuschen lassen, die die herrschende Klasse und ihre Medien vergießen. Im Grunde sind sie es, die für die Tat in Woolwich verantwortlich sind. Und sie sind es, die politisch von der breiten Masse der arbeitenden Bevölkerung zur Verantwortung gezogen werden sollten.

Chris Marsden