Massenentlassungen in der europäischen Auto-Zulieferindustrie

Von Markus Salzmann
5. Juni 2013

In Deutschland, Frankreich und anderen Ländern setzen die europäischen Autobauer Entlassungen und Werkschließungen durch. Auch die Beschäftigten in der Zulieferindustrie sind davon massiv betroffen. 75.000 Arbeitsplätze sollen in den nächsten fünf Jahren bei westeuropäischen Automobil-Zulieferern abgebaut werden. Das prognostiziert eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger.

Der weltweit größte Autozulieferer Bosch will seine Fixkosten auf den Prüfstand stellen und seine Ausgaben einschränken, zitierte die Financial Times das Unternehmen. Es hat bereits die Arbeitszeiten mehrer hunderter Beschäftigter gekürzt.

Der kanadisch-österreichische Autozulieferer Magna will angesichts der Krise in der Autoindustrie in Europa die Belegschaften in seinen europäischen Werken reduzieren. Konzernchef Donald Walker sprach von „Anpassungsmaßnahmen“, die in diesem Zusammenhang vorgenommen werden müssten. Möglicherweise werden ganze Werke „angepasst“. Gegenüber der Wirtschaftswoche erklärte Walker, dass auch die Beschäftigten in Nordamerika mit Entlassungen rechnen müssten.

Vor allem die Produktionsstätten im österreichischen Steyr und in Graz sind dem Management zu teuer und sollen verkleinert oder geschlossen werden. „Klar ist, wir müssen am Standort Graz effizienter werden“, sagte Walker und begründete seine Kürzungspläne mit der Bemerkung, Österreich sei ein „Hochlohnland“ und nicht ausreichend konkurrenzfähig. Magna ist der fünftgrößte Autozulieferer weltweit mit einem Umsatz von rund 30 Milliarden Euro jährlich.

Der ehemalige Hersteller des Trabant, Sachsenring, im westsächsischen Zwickau meldete Mitte Mai Insolvenz an. „Ziel ist es, das Unternehmen fortzuführen und zu sanieren“, erklärte ein Unternehmenssprecher. Wie in vielen anderen Werken werden die Beschäftigten regelrecht erpresst. Damit die Produktion weiter laufen könne, seien weiterer Personalabbau, Lohnsenkungen und anderen Sparmaßnahmen „unvermeidbar“.

Der 1958 gegründete Sachsenring-Betrieb war nach der Wende 1990 liquidiert und 1993 von den Brüdern Ulf und Ernst Wilhelm Rittinghaus unter dem Namen Sachsenring Automobiltechnik GmbH als Zulieferer neu gegründet worden. Nachdem in diesem Zeitraum über die Hälfte der Belegschaft ihre Arbeit verlor, ging das Unternehmen 2002 pleite und wurde 2006 von der Leipziger HQM-Gruppe übernommen. Derzeit sind noch 240 Mitarbeiter und 50 Leiharbeiter verblieben. Der Betrieb hatte in den vergangenen Jahren Verluste gemacht und soll ab dem nächsten Jahr wieder profitabel werden und wachsen, wurde Ende Februar bekannt gegeben.

Der deutsche Zulieferer Benteler baut 1.800 von 22.000 Stellen ab. Rund 500 davon werden vermutlich am deutschen Stammsitz in Paderborn wegfallen. Benteler erzielte 2012 einen Umsatz von 7,5 Milliarden Euro.

Auch der Schweizer Zulieferer Autoneum in Frankreich baut Arbeitsplätze ab. Als eine der ersten Sparmaßnahmen soll das Werk bei Dieppe in der Normandie geschlossen und die dortige Produktion von Schallschutz und Wärmedämmung in andere Werke verlagert werden. Das Werk war Medienberichten zufolge bereits seit mehreren Jahren „ungenügend ausgelastet“. Außer in Dieppe betreiben die Schweizer in Frankreich weitere vier Werke.

Beim Autozulieferer Fehrer sind von der Schließung des Werkes in Markranstädt bei Leipzig rund 160 Mitarbeiter betroffen. Wann das Werk schließt wurde noch nicht mitgeteilt. Das Familienunternehmen will außerdem bis Ende 2014 rund 400 Arbeitsplätze an seinem Stammsitz in Kitzingen bei Würzburg abbauen. Als Grund nannten die Eigentümer, den Rückgang der Verkaufzahlen bei PKWs.

Insgesamt beschäftigt Fehrer nach eigenen Angaben derzeit 4.100 Mitarbeiter an 21 Standorten in sieben Ländern. Den Jahresumsatz für 2012 beziffert das Unternehmen auf 470 Millionen Euro. Die Entlassungen werden allgemein als Auftakt zu noch größeren Sparmaßnahmen gesehen.

Am vergangenen Samstag haben in Kitzingen zum zweiten Mal nach Bekanntwerden der Sanierungspläne 500 Beschäftigte gegen die geplante Einstellung der Produktion und den Verlust der Arbeitsplätze protestiert.

„Fehrianer geben nie auf“ stand auf den Sweatshirts von Kundgebungsteilnehmern. Der Protest richtete sich gegen Tom Graf, den von der Geschäftsleitung eingesetzten Sanierer. „Sind erst die Sanierer da, ist das Ende plötzlich nah“ war auf einem Transparent zu lesen.

Beschäftigte aus den Betrieben in Schweinfurt, Kitzingen, Giebelstadt und Leipzig beteiligten sich an dem Protest. Organisiert wurde die Veranstaltung nicht etwa von der Gewerkschaft IG-Metall oder dem Betriebsrat, sondern von zwei Angehörigen der Beschäftigten: Daniela Nikolic und Johanna Weiß.

Die beiden sind wild entschlossen, bis zur Rücknahme der Arbeitsplatzreduzierung zu kämpfen, berichtet die Lokalzeitung Mainpost. Die 33-jährige Daniela Nikolic ist alleinerziehende Mutter eines siebenjährigen Kindes, ihre Eltern sind beide in der Produktion bei Fehrer beschäftigt. „Wenn dort dicht gemacht würde, würden sie alles verlieren: Ihre finanzielle Sicherheit, ihr Leben, ihr Haus. Und mein Bruder könnte vermutlich auch nicht studieren“, sagt sie im Interview.

Johanna Weiß ist Sprachstudentin an der Dolmetscherschule in Würzburg. Ihre Mutter ist bei Fehrer in der Heißschaum-Produktion beschäftigt – ein Jobverlust würde auch ihre Familie bis ins Mark treffen, berichtet die Mainpost.

Gewerkschaft und Gesamtbetriebsrat haben alles getan um den Protest gegen die Entlassungen klein zu halten und zu isolieren. Nachdem die Entlassungspläne bekannt wurden, unternahmen Gewerkschaft und Betriebsrat nichts um die Arbeitsplätze zu verteidigen. Der Bevollmächtigte der IG-Metall, Walther Mann, stellte sich sogar demonstrativ hinter das Management um Graf und erklärte, der brutale Preisdruck der Automobilindustrie auf ihre Zulieferer sei Schuld an den Entlassungen.

Besonders zynisch und abstoßend war der Auftritt von Klaus Ernst (Die Linke). Er erklärte vor den Fehrer-Beschäftigten: “Es muss aufhören, dass eine kleine Gruppe von Leuten entscheidet, was auf dieser Welt passiert und dass deren Wohlstand steigt, wenn sie andere hinauswerfen“.

Ernst hat als 1. Bevollmächtigter der IG-Metall Schweinfurt zusammen mit dem Management des Autozulieferers Schaeffler Einsparungen in einem Volumen von 250 Millionen Euro beschlossen. Für die Beschäftigten bedeutete dies durchschnittliche Lohneinbußen von 17 Prozent. IG-Metall und Linkspartei spielten eine zentrale Rolle dabei, dem Konzern zu helfen, sich auf Kosten der Beschäftigten gesund zu stoßen. Ähnliches geschieht gegenwärtig bei Fehrer.