“15 Jahre World Socialist Web Site” in Zürich

Von unserem Korrespondenten
6. Juni 2013

Aus Anlass ihres 15-jährigen Bestehens stellte sich die World Socialist Web Site auch ihren Lesern in der Schweiz erstmals direkt vor. Am Samstag, den 1. Juni, erläuterte Peter Schwarz, IKVI-Sekretär und Mitglied der internationalen Redaktion, im Zürcher Volkshaus die Geschichte, die Bedeutung und die Ziele der WSWS.

Peter Schwarz spricht in Zürich

Gestützt auf die Vorträge, die der Vorsitzende der internationalen Redaktion der WSWS David North in den USA, Australien, London und Berlin gehalten hatte, ging Schwarz einleitend auf die Methode des historischen Materialismus ein, die der WSWS zugrunde liegt.

„Diese Methode bestimmt die Produktion unserer Website“, sagte er. „Die wichtigste Aufgabe der WSWS besteht darin, jeden Tag die Entwicklung der Weltkrise des Kapitalismus zu analysieren. Sie entwickelt unter Arbeitern, fortschrittlichen Intellektuellen und Jugendlichen ein Verständnis dieser Krise. So ist es möglich, eine Praxis zu entwickeln, die nicht auf subjektiven Einfällen beruht, sondern auf einem wissenschaftlichen Verständnis der Realität.“

Schwarz betonte die Bedeutung der Geschichte, um die Gegenwart zu verstehen und eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln. „Ohne Geschichtsfragen zu studieren, ohne jedes Ereignis im Rahmen einer größeren historischen Entwicklung zu analysieren, kann man die komplexe Realität der Gegenwart überhaupt nicht verstehen“, sagte er. Die idealistische und subjektive Philosophie, die heute an den Universitäten gelehrt werde, lehne eine solche Herangehensweise dagegen ab.

„Das Verständnis der täglichen Ereignisse im Rahmen eines langfristigen historischen Prozesses“ schließe auch „die Geschichte unserer eigenen Bewegung mit ein“, sagte Schwarz, und fasste die 90-jährige Geschichte der trotzkistischen Bewegung, die heute vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale verkörpert wird, kurz zusammen. „Die Entwicklung unserer Perspektive ist mit dieser reichen historischen Erfahrung verbunden.“

Im zweiten Teil seines Vortrags ging Schwarz auf die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der vergangenen 15 Jahre ein, wie sie auf der WSWS täglich analysiert worden sind, und verglich sie mit der Periode von 1898 bis 1913, die dem Ersten Weltkrieg voranging. Damals wie heute habe es sich um eine „vorrevolutionäre Periode“ gehandelt, „in der sich die Krise in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Geistesleben ständig zuspitzte“, folgerte er.

Schon in der Einleitung hatte die Versammlungsleiterin an die revolutionären, internationalistischen Traditionen in der Schweiz erinnert. Rosa Luxemburg hatte Ende des 19. Jahrhunderts in Zürich studiert, und Lenin hatte im gleichen Volkshaus, indem die Veranstaltung stattfand, 1917 zu den Zürcher Arbeitern gesprochen, ehe er nach Russland zurückkehrte, um die Oktoberrevolution anzuführen.

Einige Besucher, die zum ersten Mal eine Versammlung der Vierten Internationale besuchten, äußerten ihre Anerkennung über das hohe Niveau der politischen Analysen und Polemiken auf der Site und erklärten, der Vortrag habe ihnen ein viel tieferes Verständnis des Charakters und der Aufgaben verschafft, mit denen Arbeiter heute konfrontiert sind.

Ein Leser aus der Schweiz, der die Veranstaltung mitorganisiert hatte, schrieb in einem Brief an die Website: „Die WSWS zählt seit über zehn Jahren zu meinen Hauptinformationsquellen. Die Berichterstattung ist deshalb einzigartig, weil sie die Ereignisse nach der Bedeutung für die Arbeiterklasse auswählt und sich nicht auf eine oberflächliche Analyse des Geschehens beschränkt. Viele Tatsachen werden in anderen Medien entweder falsch dargestellt oder sogar ganz verschwiegen. (…) Ich lese die WSWS heute fast täglich, und mir gefallen besonders die internationale Ausrichtung und die konstruktive und optimistische Perspektive für die Arbeiterklasse, die in den Artikeln vermittelt werden.“

In der Diskussion rückte die Lage der Schweizer Wirtschaft in den Mittelpunkt, die scheinbar von der internationalen Wirtschaftskrise nur wenig betroffen ist. Es wurde aber schnell deutlich, dass das Alpenland aufgrund seiner Rolle als internationaler Finanzplatz und seiner Abhängigkeit von Export und Tourismus wie kaum ein anderes Land der Willkür der Weltwirtschaft ausgesetzt ist. Bereits 2008 hatte der Zusammenruch der Großbank UBS, deren Bilanzsumme mehr als doppelt so hoch wie das Schweizer BIP ist, nur durch eine staatliche Finanzspritze von 60 Mrd. Dollar verhindert werden können.

Die Veranstaltung war durch eine Plakat- und Flugblattaktion in mehreren Städten und einen Büchertisch der WSWS bei der 1. Mai-Demonstration in Zürich vorbereitet worden. Viele Arbeiter und Jugendliche zeigten Interesse und gaben ihre Kontaktdaten, um zu weiteren Veranstaltungen eingeladen zu werden.