Der große Gatsby

Neuverfilmung von F. Scott Fitzgerald

Von David Walsh
8. Juni 2013

Regie Baz Luhrmann
gemeinsames Drehbuch von Luhrmann und Craig Pearce
nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald
[deutsche
Fassung: Johanna Ellsworth, Hamburg 2011]

“Nicht alles ist Unsinn”, rief Amory leidenschaftlich. „Zum ersten Mal in meinem Leben verteidige ich den Sozialismus. Er ist das einzig wirksame Gegenmittel, das ich kenne. Ich bin ruhelos. Meine ganze Generation ist ruhelos. Ich bin das System leid, in dem der reichste Mann das schönste Mädchen bekommt, wenn er will, in dem der mittellose Künstler gezwungen ist, sein Talent an einen Knopffabrikanten zu verkaufen. Und hätte ich auch keine Talente, wollte ich dennoch nicht zehn Jahre lang schuften, verurteilt zum Zölibat oder zum heimlichen Genießen, nur damit ein Herrensohn ein Automobil erhält.“ (Fitzgerald, „Diesseits vom Paradies“, 1920, aus dem Englischen)

Es ist bedauerlich, dass während der Dreharbeiten niemand an Regisseur Baz Luhrmann herantrat, um ihn darauf aufmerksam zu machen, dass seine Interpretation von F. Scott Fitzgeralds Großem Gatsby (1925) wenig durchdacht sei und wahrscheinlich zur gekünstelten Parodie verkommen müsse.

Jetzt kann man nichts mehr machen, und wir müssen mit der aufgetischten Kost vorlieb nehmen.

Der große Gatsby

 

Luhrmanns Version des Gatsby läuft seit Mitte Mai in den Kinos, und man kann davon ausgehen, dass ein breites Publikum sie zu sehen bekommt. Der Stoff weckt Interesse, und vom Original sind immer noch genug (verführerische) Fragmente übrig, um das Publikum zu begeistern, denn in unseren Zeiten sind faszinierende Dramen rar, und die langen Durststrecken machen sehnsüchtig nach dem Besonderem.

Hinzu kommt, dass prominente Zeitungskritiker, die es doch besser wissen müssten, in ihrer Verantwortungslosigkeit den neuen Gatsby empfehlen, als wäre er ein seriöses Werk, und als würde er mehr bieten als eine flüchtige Bekanntschaft mit den Hauptthemen des Buches.

Fitzgeralds Roman, der im Sommer 1922 spielt, handelt von einem jungen Mann aus dem Mittelwesten, Nick Carraway (Tobey Maguire im neuen Film), der an der Wall Street mit Aktien handelt. Er wohnt (in einem alten Bungalow) im spießigen Long Island, Tür an Tür mit der Villa des geheimnisvollen, jugendlichen Millionärs Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio). Direkt gegenüber, auf der andern Seite der Bucht, wo alter Geldadel seinen Stammplatz hat, lebt Nicks attraktive Kusine Daisy (Carey Mulligan) mit ihrem grobschlächtigen und treulosen Ehemann Tom Buchanan (Joel Edgerton).

Der große Gatsby

 

Gatsby richtet regelmäßig glamouröse und opulente Partys aus, bei denen New Yorker Prominente mit ihrem Gefolge, meist ungeladene Gäste, zugegen sind. Die Herkunft von Gatsbys enormem Vermögen gibt Anlass zu Spekulationen. Auf einer solchen Cocktailparty lernt auch Nick ihn kennen. Er findet heraus, dass Gatsby tiefe und aufrichtige Gefühle für Daisy hegt, die er fünf Jahre zuvor in ihrer Heimatstadt Louisville in Kentucky kennengelernt hatte, als er noch ein armer junger Mann und Soldat im Ersten Weltkrieg war.

Gatsby will um jeden Preis, dass Daisy Tom verlässt, und außerdem soll sie öffentlich erklären, sie habe ihn niemals geliebt, damit im Grunde die dazwischenliegenden fünf Jahre auslöscht werden. Eigentlich hat Gatsby seine Millionen (mittels Alkoholschmuggel und Aktienbetrug mit dem Gangster Meyer Wolfsheim [Amitabh Bachchan]) nur deshalb gescheffelt, um damit Daisy zurückzugewinnen. Nur dazu hat er die Villa auf Long Island gekauft und sich diese mondäne Existenz aufgebaut. In der Tat entwickelt sich, als Nick das Paar wieder zusammengeführt hat, eine Affäre zwischen den beiden.

Inzwischen hat Buchanan seiner Geliebten Myrtle Wilson (Isla Fisher) in New York ein Appartement verschafft, in welchem er sie, auch in Nicks widerstrebender Begleitung, besuchen kann. Myrtles farbloser Ehemann George (Jason Clarke) besitzt eine Garage auf der als Tal der Asche bekannten grauen Strecke zwischen Queens und dem wohlhabenden Long Island.

Die verschiedenen aussichtslosen und wahnhaften Beziehungen setzen eine Abfolge tragischer Ereignisse in Gang, die für die Parvenüs und Habenichtse zu Tod und Elend führen, während Buchanan, der im Großen und Ganzen unberührt und skrupellos agiert, unbeschadet davon kommt.

Fitzgeralds Roman ist brillant, ein Drama, das wegen seiner Kürze, Zurückhaltung und Leichtigkeit leicht unterschätzt wird. Der Roman hat etwas von der transparenten Sensibilität von Keats, dem Lieblingsdichter des Autors. Gleichzeitig ist es ein wütendes und vernichtendes Werk und die unversöhnlichste Bloßstellung des „amerikanischen Traums“, die man sich vorstellen kann…

Leider steht Luhrmann einfach nicht auf der Höhe der intellektuellen und gesellschaftlichen Fragen, um die es hier geht. Nicht einmal entfernt. Offen gesagt, kommt der Film einem Debakel gleich.

Der australische Regisseur behandelt den Stoff auf unreife und karikatureske Weise. Es scheint, als leide er unter dem geradezu unheilbaren Zwang, jede Aussage wörtlich nehmen zu müssen. Jeder Wink, jede Anspielung oder Metapher des Romans, die er zur Dramatisierung verwendet, wird von ihm in Capitalis Monumentalis gesetzt.

Der Film nutzt Bemerkungen des Icherzählers Nick, wie „Beim Durchlesen muss ich feststellen, …“, als Mittel, sich die Sache leicht zu machen: Er erfindet eine Rahmenhandlung, in der Carraway sich von seinem Alkoholismus (à la Fitzgerald) und einem mentalen Zusammenbruch erholen muss. In einem unsinnig schneebedeckten Sanatorium im Mittleren Westen betreut ihn ein Psychiater, und als Bestandteil von dessen Therapie muss er einen Bericht über die Ereignisse verfassen.

Was wird dadurch gewonnen? Luhrmann und sein Co-Szenarist Craig Pearce nutzen bloß die Gelegenheit, einen weiteren hanebüchenen Dialog einzuflechten.

Gefangen in seiner engen wörtlichen Auslegung, scheint Luhrmann zu glauben, die rechte Weise, die Ruhelosigkeit des Jazz-Zeitalters zu präsentieren, bestehe darin, mit der Kamera kaum je längere Zeit auf den Menschen oder Objekten zu verweilen. Schneller als die Feuerwehr rasen wir an der Bucht von Long Island und an den Spitzen der Wolkenkratzer entlang, von dort in die Schluchten von New York und schließlich durch die hässlichen Straßen des Asche-Tals. Die Exzesse löschen einander aus und hinterlassen praktisch keine Spur.

Wenn Nick bei den Vorbereitungen zum ersten Treffen von Daisy und Gatsby in seinem Haus erklärt: „Die Blumen hätte ich mir sparen können, denn um zwei wurde von nebenan ein komplettes Gewächshaus mit unzähligen Behältern angeliefert“, dann bringt Luhrmann ein virtuelles Gewächshaus auf die Leinwand. Dies ist übertrieben, nicht überzeugend, und es lenkt ab. Auf diese Weise geht es allerdings ein dutzendmal und öfter weiter. Die Stränge der Geschichte gehen schlicht verloren.

Die Sekundärfiguren, Gatsbys Partygäste oder Myrtles Gäste in New York, sind bloße Masken. Die Partyszenen in Long Island, zu zeitgenössischer populärer Musik gesetzt, sind für sich selbst genommen unterhaltend und eine kollektive Glanzleistung, doch sie haben so gut wie nichts mit Fitzgerald oder dem Amerika der 1920er Jahre zu tun. Die Kulissen wirken (vermutlich mit Absicht) unrealistisch, wie aus einem Disney-Film.

Bei den wenigen, kurzen Gelegenheiten, wenn das hitzige Treiben sich verlangsamt und menschliche Eigenschaften aufschimmern, wird die außerordentliche Wahrheit des Buches und seiner Dialoge spürbar. Diese heben sich dann als seltsame Kontraste von dem albernen großen Ganzen ab. DiCaprio ist vermutlich eine optimale Besetzung für Gatsby, doch Luhrmann macht es ihm nicht leicht.

Einige wenige Szenen sind in passablem Tempo gespielt, und in einer von ihnen fragt Carraway Gatsby, ob Wolfsheim, dem er gerade vorgestellt wurde, Schauspieler oder Zahnarzt sei. „Nein, der ist ein Spieler“, erklärt Gatsby. „Er war es, der 1919 das Ergebnis der World’s Series [Baseballfinale] manipuliert hat.“ (Wolfsheim basiert auf dem berüchtigten Gangster Arnold Rothstein, dem Fitzgerald einmal begegnet war.) Carraway ist verblüfft: „‘Wie kam er dazu, so etwas zu tun?‘, fragte ich schließlich. ‚Er witterte seine Chance‘.“ Diese letzte Replik bringt DiCaprio perfekt.

Ohne Umschweife präsentiert Luhrmann auch die Szene an einem grauenhaft heißen Tag, als im Plaza-Hotel das Ehedrama seinen Höhepunkt erreicht. Solche Momente sind indessen furchtbar selten.

Es mag sein, dass Luhrmann, Pearce und ihre Crew den Roman tatsächlich bewundern, und dass sie ihn einem jugendlichen Publikum von heute nahebringen wollen. Wenn das zutrifft, dann haben sie sich, meiner Meinung nach, böse vergriffen. Nicht nur passen sie sich dem Verständnis- und Kulturniveau an, das sie für aktuell gegeben halten. Das allein wäre schon ein Fehler. Doch schlimmer noch, die Filmemacher haben mit ihrem konfusen und sinnlosen Produkt den Kern des Films herausgeschnitten.

Luhrmann und Pearce reduzieren das Drama des Großen Gatsby im Wesentlichen auf die darin enthaltene Romanze. Sie führen sich die große Liebe zwischen Gatsby und Daisy zu Gemüte und zeichnen diese in kitschigen Farben. Das wird so weit überreizt, dass aus der jungen Frau eine viel zu sympathische Person entsteht. Ihr werden Details angedichtet, die im Roman nicht enthalten sind – und die tatsächlich seinem Geist widersprechen. (So erwägt sie beispielweise, Gatsby im letzten Moment anzurufen).

F. Scott Fitzgerald

 

Fitzgerald hatte etwas anderes im Sinn. Gatsby ist weniger in eine wirkliche Frau verliebt (die er im Grunde kaum kennt), als vielmehr in einen bestimmten Lebensstil. Darin ähnelt er seinem fiktiven Zeitgenossen, Clyde Griffiths aus Dreisers Roman Eine Amerikanische Tragödie (der ebenfalls 1925 erschien). Dieser Stil, den Daisy verkörpert, zeichnet sich durch Luxus, Coolness, Eleganz, guten Geschmack und Raffinesse aus.

Gegen Ende des Buchs, als Gatsby und Nick versuchen, in Worte zu fassen, was Daisys magische Attraktion ausmacht, bringt Fitzgerald folgende wundervolle Passage zuwege. Es geht um Daisys Stimme:

“’Da schwingt das Geld mit’, sagte er [Gatsby] unvermittelt. Das war es. Ich hatte es bisher nicht erkannt. Es war das Geld, das ihrer Stimme diesen immerwährenden Charme verlieh, dieses Auf und Ab, dieses melodische Klimpern, diesen Klang der Zimbeln … Hoch oben in einem weißen Palast lebt die Königstochter, das goldene Kind …“

Die Verfilmung von 1974 mit Robert Redford und Mia Farrow, die unter der Regie von Jack Clayton an keiner Stelle ganz lebendig wird, rückt zumindest dieses soziale Element in den Mittelpunkt. (Die 1949er Interpretation mit Alan Ladd als Gatsby, Betty Field als Daisy und Shelley Winters als Myrtle, unter der Regie von Elliott Nugent, ist schlecht zugänglich. An beiden Adaptionen, 1949 und 1974, war Howard Da Silva beteiligt, der auf McCarthys schwarzer Liste stand.)

Der große Gatsby

 

In Luhrmanns Version wird der tödliche Ausgang fast ausschließlich dem bösartigen Tom Buchanan in die Schuhe geschoben. Selbstverständlich ist Tom zu einem Großteil dafür verantwortlich, doch Daisy ist durchaus mitschuldig, sie ist in Wahrheit die Schuldige an einem Verbrechen (eine Tatsache, die in dieser Version heruntergespielt wird). Nicht umsonst schreibt Fitzgerald, nachdem die Katastrophe eingetreten ist: „Sie [Tom und Daisy] wirken nicht glücklich (…), doch wirkten sie auch nicht unglücklich. Sie erweckten deutlich den Eindruck ungezwungener Vertrautheit, und jeder, der sie so gesehen hätte, wäre sicher gewesen, dass sie etwas im Schilde führten.“

Ein Roman ist weder ein Geschichtswerk noch ein politisches Manifest. Der Künstler sammelt im Lauf der Jahre Gedanken, Gefühle, Stimmungen und Themen und arbeitet sie in eine konkrete, zusammenhängende und sinnvolle Metaphorik ein. Jedes ernsthafte Werk beinhaltet außerdem Mehrdeutiges, Komplexes und „asymmetrische“ Elemente, die nicht leicht auf eine konkrete Gesellschaftsanalyse zurückzuführen sind.

Indessen bezieht der Künstler seine Auffassungen und Emotionen keineswegs aus dem leeren Raum, sie sind auch nicht einfach Ausdruck ewiger psycho-biologischer Motive. Bedeutende künstlerische Ideen und Darstellungen sind stets durch die kollektive menschliche Erfahrung gestaltet, durch die historische und gesellschaftliche Entwicklung.

Fitzgerald befasste sich intensiv mit politischen Ereignissen und dem sozialen Leben. Seine Bücher und Briefe müssen nur aufmerksam gelesen werden, damit das sichtbar wird. Der 1896 geborene Autor gehörte der Generation an, die aufs Stärkste vom Ersten Weltkrieg, der Russischen Revolution und der darauf folgenden Entwicklung geprägt waren.

Ein Beispiel. In einem wichtigen Dialog zu Beginn des Großen Gatsby geht Tom Buchanan auf ein Buch ein, das er gelesen hat: The Rise of the Colored Empires, [Der Aufstieg der farbigen Nationen], „von diesem Goddard“. Er fährt fort: „Er wirft die Theorie auf, dass die weiße Rasse untergehen wird, wenn wir nicht aufpassen. Im Buch ist alles wissenschaftlich belegt und so."

Der nur schwach verhüllte Bezug gilt Lothrop Stoddards The Rising Tide of Color Against White World-Supremacy (1920) [Die anschwellende Flut der Farbigen gegen die Weltvormacht der Weißen], einer reaktionären Schmähschrift zu den im Titel ausgedrückten Gefahren. Doch Stoddard war nicht bloß ein Rassist (und später eine Zeit lang Sympathisant der Nazis), sondern auch ein hitziger Antikommunist, der solche Perlen wie „Bolschewismus: Die Häresie des Untermenschen“ und „Soziale Unruhen und Bolschewismus in der islamischen Welt“ verfasste.

In der Szene, in der das Drama seinen Höhepunkt erreicht, kehrt Buchanan zu dem Thema zurück: „Heutzutage geht es damit los, dass die Leute die Familie und die Institution der Ehe verächtlich abtun, und als Nächstes werden sie alles einfach abschaffen und Mischehen zwischen Weißen und Schwarzen zulassen.“

Es ist unnötig, die Anspielungen in Fitzgeralds Briefen allzu wörtlich zu nehmen, wenn er zum Beispiel schreibt: „Wir Marxianer…“, „Ich bin noch immer Sozialist…“, „Ich bin Kommunist genug…“, um zu verstehen, dass diese Thematik ihm vertraut war. Der Dialog aus Diesseits vom Paradies, aus dem wir eingangs ein Stück zitiert haben, beinhaltet noch folgenden Wortwechsel, an dem die Hauptfigur, Amory, beteiligt ist:

“Russland ist Ihr Beispiel einer segenbringenden Gewalt, nehme ich an?”

“Gut möglich”, gab Amory zu. “Natürlich artet es aus, ebenso wie die französische Revolution, aber ich habe keinen Zweifel, dass es ein wirklich großes Experiment und die Sache wert ist.“

“Glauben Sie nicht an Mäßigung?”

“Man wird nicht auf die Gemäßigten hören, und es ist schon fast zu spät. Die Wahrheit ist, dass das Volk eine so bestürzende und erstaunliche Sache fertigbringt, und das nur alle hundert Jahre. Sie lassen sich von einer Idee ergreifen.“

Wie Fitzgerald über die Gesellschaft dachte, zeigte er auf bewegende Weise im Dezember 1940. Nur wenige Tage vor seinem Tod schrieb er seiner Tochter in einem Brief: „Wenn Du dich einmal sehr mutig und trotzig fühlst, und man Dich zum Beispiel nicht zu einer Collegeveranstaltung eingeladen hat, dann lies das schreckliche Kapitel in Das Kapital [von Marx] über den ‚Arbeitstag‘, und schau, ob Du immer noch dieselbe bist.“

Nebst vielem anderen ist Der große Gatsby ein wütender Angriff auf die Reichen in Amerika. Niemand hat jemals eine so beißende und unvergessliche Anklage zu Papier gebracht: „Sie waren ganz einfach oberflächlich, Tom und Daisy – sie zerstörten Gegenstände und Lebewesen, hinterließen einen Scherbenhaufen und zogen sich dann einfach zurück – in ihren Wohlstand oder ihre grenzenlose Gedankenlosigkeit oder was immer es war, das die beiden zusammenhielt, – und ließen andere den Scherbenhaufen zusammenkehren. …“ (Luhrmanns Film lässt diese Aussage im Grunde vollkommen außen vor!).

Die Romanfiguren sind im Großen und Ganzen ziemlich grässlich. Nachdem der Kritiker Edmund Wilson im April 1925 ein Exemplar erhalten hatte, schrieb er Fitzgerald und überschüttete diesen mit Lob. Sein einziger Vorbehalt war: „Die Figuren sind meist in sich selbst so unerfreulich, dass die Geschichte bereits einen so bitteren Beigeschmack erhält, bevor man ans Ende gelangt. (…) Ich wünschte, Sie würden in Ihrem nächsten Werk ein sympathischeres Thema behandeln. (Nicht, dass ich den Gatsby nicht bewundere und die Pointe der ganzen Geschichte nicht erkennen würde, doch Sie werden zugeben müssen, dass sie uns in einem Hyänenkäfig gefangen hält.)“

Fitzgerald hat, wenn auch vielleicht etwas weitschweifig, etwas über das Stadium zu sagen, in das die Gesellschaft der Vereinigten Staaten in den 1920er Jahren eintrat (als das Land die beherrschende Weltmacht war). Auf den letzten Seiten deutet er offenbar an, dass nicht nur Gatsbys persönlicher Traum, sondern ebenso Amerikas fortschrittliche, einst so grenzenlos erscheinende Verheißung („der letzte und größte Traum des Menschen“) schon der Vergangenheit angehörte.

Fitzgerald schreibt über Gatsby: “Er hatte einen langen Weg hinter sich, um diesen nachtblauen Rasen zu erreichen, und dann muss sein Traum in solch greifbare Nähe gerückt sein, dass es schier unmöglich schien, nicht nach ihm Greifen zu können. Was er nicht wusste, war, dass er den Traum längst zurückgelassen hatte, irgendwo weit weg in der Weite vor der Stadt, wo die dunklen Felder dieses Landes in der Nacht vorbei gehuscht waren.“ Amerika war längst zurückgelassen …

In diesem Kontext muss man Luhrmanns künstlerische Versäumnisse und Entgleisungen betrachten. Was auch immer in den Köpfen der Filmemacher vorging, ihr Unwille, die Anklage des Großen Gatsby gegen die Schmarotzer und Kriminellen zu verstehen, hat eine gewisse objektive Bedeutung. Sie haben Amerika vor neunzig Jahren regiert, und seither haben sie ihren Würgegriff unermesslich gesteigert.

Die heutigen Schmarotzer und Kriminellen von Amerika und ihr Anhang würden es nicht schätzen, würden ihre Machenschaften und ihr Lebensstil in der Öffentlichkeit ausgebreitet. Dies übt einen starken Druck aus, der sich mittels verwirrter und der Gesellschaft gleichgültig gegenüberstehender Künstler überträgt, und zu diesen Künstlern gehören Luhrmann und Pearce.

Kathryn Schulz vom New-York-Magazin (die unter anderem auch für die Nation schreibt) spricht für all jene, welche damals auf Gatsbys Cocktailpartys verkehrt hätten und solche Anlässe wohl auch heutzutage frequentieren. Sie schrieb Anfang Mai einen Artikel „Warum ich den Großen Gatsby hasse“ und bemerkte darin, dass dies das einzige Buch sei, welches sie mehrmals gelesen habe, „obwohl ich fast gar nicht in der Lage war (…) aus dieser Erfahrung Genuss zu ziehen“.

Dazu ist höchstens zu sagen, dass das Buch keineswegs geschrieben wurde, um der selbstzufriedenen gehobenen Mittelklasse Genuss zu bereiten. Es nimmt gerade diese Schicht aufs Korn, und Frau Schulzens fortgesetztes Missvergnügen an Fitzgerald ist die denkbar beste Empfehlung, den Roman zu lesen. Unvermeidlicherweise kritisiert sie an diesem „Moralisten“, er weise „ein gedankenloses Engagement für eine archaische Geschlechterordnung auf, die aus der Vormoderne stammt“.

Gemessen an jedem objektiven Standard ist Luhrmanns Filmversion leider völlig misslungen.