Japanische Aktien brechen angesichts globaler Finanzturbulenzen ein

Von Andre Damon
19. Juni 2013

Am Donnerstag sackte der japanische Aktienmarkt um 6,4 Prozent ab. Der Ramschverkauf – Teil eines Rückgangs um einundzwanzig Prozent innerhalb der letzten drei Wochen – war nur das sichtbarste Anzeichen der wachsenden Schwankungsanfälligkeit der globalen Aktien-, Anleihen- und Währungsmärkte. Dem liegt die Angst zugrunde, dass jegliche Unterbrechung des von der US-amerikanischen Federal Reserve betriebenen Aufkaufs von Staatsanleihen einen globalen Finanzzusammenbruch auslösen könnte.

Am 22. Mai sagte Notenbankchef Ben Bernanke, der Vorsitzende der Federal Reserve, in einer Kongressanhörung, dass die amerikanische Zentralbank erwägen könnte, ihr Staatsanleihenaufkaufprogramm (in Höhe von 85 Milliarden Dollar monatlich) „bei einem der kommenden Meetings“ zurückzuschrauben, falls eine signifikante Erholung der Wirtschaft eintreten sollte. Diese Bemerkung fiel in die wachsenden Befürchtungen von Investoren, die beispiellose Gelddruckerei der weltweiten Zentralbanken könnte ein Ende nehmen.

Auf Bernankes Bemerkung folgte ein sturzflutartiger Ausverkauf auf Anleihenmärkten. Vergangene Woche erklärte das Wissenschaftsinstitut EPFR Global, Investoren hätten in der laufenden Woche im größten Anleihenverkauf seit dem Jahr 2001 12,53 Milliarden Dollar weltweit bei Anleihen abgezogen. Seit Ende April schoss der Zinssatz für amerikanische Schatzwechsel mit dreißigjähriger Laufzeit von 2,8 auf 3,37 Prozent.

Ängste, die Federal Reserve könnte ihr Programm der „quantitativen Lockerung“ zurückfahren, haben außerdem dazu beigetragen, dass Währungen von Schwellenländern im Wert sanken. In den drei letzten Monaten fielen der brasilianische Real um acht, die indische Rupie um 6,8 und der australische Dollar um 7,7 Prozent gegenüber dem US-Dollar.

Gleichermaßen signifikant ist die Kreditausgabe in Schwellenländern eingeschränkt worden. Im vergangenen Monat stieg der J.P.Morgan Emerging Markets Bond Index (EMBI - Schwellenländerindex) um einen Prozentpunkt auf 5,5 Prozent.

Die Verkaufswelle bei diesen Währungen war so massiv, dass Regierungen Schritte einleiteten, diesen Prozess aufzuhalten. Am Dienstag intervenierte die indische Zentralbank, um den Rutsch der Rupie aufzuhalten.

Am selben Tag erklärte Bank Indonesia, sie würde ihren Leitzinssatz um einen Viertelprozentpunkt auf 6 Prozent erhöhen.

Die brasilianische Regierung kündigte an, die einprozentige Finanztransaktionssteuer im Lande aufzuheben, um den Fall des Real zu stoppen, der auf dem niedrigsten Niveau gegenüber dem US-Dollar seit vier Jahren steht.

Diese Maßnahmen werden inmitten einer fortschreitenden Abwärtsbewegung der Weltwirtschaft ergriffen. Chinas Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr um 7,7 Prozent und zeigte damit den langsamsten Wert seit dreizehn Jahren auf, wobei Wirtschaftswachstumsindikatoren nach unten weisen.

Am Donnerstag senkte die Weltbank ihre Wachstumsprognose für die chinesische Wirtschaft für das Jahr 2013 von 8,4 auf 7,7 Prozent und warnte vor einer potenziell „starken“ Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft.

Der Bericht erwähnte die “Möglichkeit, dass hohe Investitionsquoten sich als unbeständig erweisen und eine ungeordnete Abwicklung sowie einen starken Wirtschaftsabschwung provozieren könnten.“

Zu Beginn des Monats machte die HSBC-Bank bekannt, dass ihr Index für Produktionstätigkeiten in China im Mai auf 49,2 Prozent gefallen ist: das ist der tiefste Wert in acht Monaten, außerdem erheblich niedriger als der Wert von 50, der den Wendepunkt zwischen Schrumpfung und Wachstum kennzeichnet.

Der Ramschverkauf in Japan brach aus, nachdem Investoren ihrem Missmut über die Abe-Regierung Luft gemacht hatten, weil diese die Angriffe auf den Lebensstandard der Arbeiterklasse nicht aggressiv genug betreibe. Das Wall Street Journal drückte dies folgendermaßen aus: Abes jüngste Ankündigungen einer Umstrukturierung der Wirtschaft “lassen einige entscheidende Maßnahmen vermissen, auf die sowohl Markt- als Geschäftssektor hofften, darunter die Senkung des Unternehmenssteuersatzes und eine Deregulierung der arbeitsrechtlichen Vorschriften, um den Umstrukturierungen der Unternehmen entgegen zu kommen.“

Der weltweite Anleihenverkauf dürfte der Federal Reserve gleichfalls als Warnung dienen: Jeder Schritt zur Eindämmung des riesigen Banknotenausstoßes in die globalen Märkte wird mit verhängnisvollen Ramschverkäufen beantwortet werden.

Doch noch beherrschender scheint das Element der Panik zu sein. US-Aktien steigen seit vier Jahren und haben ihren Kurswert seit ihrem Tiefpunkt im Frühjahr 2009 mehr als verdoppelt. Dennoch schuf die amerikanische Wirtschaft seit 2010 durchschnittlich nur 162.000 Arbeitsplätze monatlich. Dies ist weniger als die monatliche Wachstumsrate von 166.000 der US-amerikanischen arbeitsfähigen Bevölkerung.

Das einzige Mittel, um das schwindelerregende Steigen der Aktien inmitten einer katastrophalen wirtschaftlichen Situation aufrechtzuerhalten, besteht darin, dass die Zentralbanken kolossale Ströme an liquiden Mitteln in die Finanzmärkte pumpen. Diese werden an weltweite Sparprogramme gekoppelt, die zu dramatischen Lohnkürzungen bei Arbeitern und zu brummenden Profiten bei Konzernen führen.

Gleichwohl wachsen Befürchtungen, dass die gesamte weltweite Wirtschaftsarchitektur, die auf Basis des Ankaufs von Staatsanleihen der Federal Reserve errichtet wurde, vor dem Zusammenbruch steht.

Am Mittwoch schrieb das Wall Street Journal in einem alarmierenden Bericht auf der Titelseite: „Die tektonischen Platten der Weltökonomie verschieben sich.“ Und weiter: „Seit einigen Jahren fußte die Weltwirtschaft, die sich noch nicht von der Weltkrise erholt hat, auf einigen Konstanten: Die Vereinigten Staaten drucken Unmengen von Geld und halten die Zinssätze niedrig. China liefert enorme Nachfrage und saugt die Waren von der ganzen Welt ab.“

Doch die Umkehrung dieser Trends könnte “ein Vorbote von Volatilität auf den Finanzmärkten sein (…), die zu einem unwillkommenen Steigen der Zinssätze auf den Märkten führt, bevor die amerikanische Wirtschaft das erreicht hat, was Notenbankchef Ben Bernanke einmal als ‚Ausstiegsgeschwindigkeit‘ bezeichnet hatte.“

Die weltweite Panik vor dem möglichen „Ausklingen“ des Staatsanleihenaufkaufs der Federal Reserve ist letztlich Ausdruck des trügerischen Charakters der „Erholung“ der Weltwirtschaft. Aktienwerte, aufgeschwollen dank gigantischer Liquiditätsspritzen der Federal Reserve, stehen in absolut keinem Verhältnis zu der nachlassenden Weltkonjunktur und drohen jeden Moment zu fallen.

Vergangenen Monat schrieb Gillian Tett in der Financial Times: „Während die Geldströme der Zentralbanken dem System ermöglichen, kleine Schocks zu neutralisieren, maskieren sie zugleich eine große Anzahl innerer Widersprüche und Unsicherheiten, die zur Oberfläche gelangen könnten, wenn ein Schock nicht aufgefangen werden kann. Oder genauer gesagt, gerade weil die Zentralbanken unter allen Umständen Stabilität zu gewährleisten versuchen, steigt in rasanter Weise das Potenzial für eine künftige brachiale Instabilität; das ‚Tail Risk‘, wie die Statistiker es nennen, wächst an.“

Klarer ausgedrückt warnt Tett, dass die gigantische Kreditausdehnung der Zentralbanken zwar teilweise die sich verschärfenden ökonomischen Widersprüche des globalen Finanzsystems verdecken konnte, doch zugleich bereitet sie den Weg für einen Finanzzusammenbruch, der auf einer höheren Stufenleiter stehen wird als der Krach des Jahres 2008.