Aktienverkäufe deuten auf neue Krise hin

26. Juni 2013

Die internationalen Finanzmärkte sind wieder in Unruhe: Am Montag gab es schwere Kursverluste auf den asiatischen Märkten, und die Wall Street ging um ein Prozent zurück. Dies zeigt, dass kein einziges Problem, das im Jahr 2008 zur Finanzkrise führte, seither gelöst wurde. Im Gegenteil: Die neuesten Schwankungen sind ein sicheres Anzeichen, dass eine neue Krise bevorsteht – ausgelöst von exakt den politischen Maßnahmen, die die Zentralbanken in den letzten fünf Jahren getroffen haben.

Ursprünglicher Auslöser für die Verkäufe war eine Ankündigung des Vorsitzenden der Federal Reserve Bank. Wie Ben Bernanke bekanntgab, erwägt die Fed, ihre Politik der „quantitativen Lockerung“ zurückzufahren und die Anleihekäufe zu beenden, sollten sich die wirtschaftlichen Bedingungen in den USA verbessern. Die Märkte reagierten mit Panik auf diese Ankündigung, und hinzu kam noch die Angst vor einer Kreditklemme in China aufgrund der Beschränkungen der Geldpolitik durch die Finanzbehörden.

Seitdem im letzten September die dritte Runde der quantitativen Lockerung (QE3) angekündigt wurde, hat die Fed monatlich 85 Milliarden Dollar für Staatsanleihen und hypothekengestützte Wertpapiere ausgegeben und ihre Bilanz auf eine Billion pro Jahr erhöht.

Auf der Pressekonferenz am letzten Mittwoch versicherte Bernanke den Finanzmärkten mehrfach, die Fed werde ihre Geldpolitik nicht straffen, sondern nur den Fuß vom Gas nehmen. Sollten sich die wirtschaftlichen Bedingungen wieder verschlechtern, würde die Geldpolitik wieder gelockert werden.

Aber das Finanzkapital ist mittlerweile so stark vom extrem billigen Geld der Fed abhängig, dass die Märkte allein durch die bloße Andeutung, in Zukunft könnte weniger Geld fließen, in Krämpfe verfallen. Die Aktienkurse sanken, die Zinsen für Anleihen stiegen. An der Wall Street verlor der Dow Jones unmittelbar nach Bernankes Pressekonferenz 200 Punkte, am nächsten Tag nochmals 350 Punkte, und erst am Freitag erholte er sich wieder etwas.

Die Aktienverkäufe wirkten sich massiv auf die ganze Welt aus. Vor allem auf den so genannten „aufstrebenden“ Märkten, wo die Währungskurse im Vergleich zum Dollar gestiegen waren, kam es zu deutlichen Verlusten. Die türkische Lira und die indische Rupie verzeichneten letzte Woche Tiefststände.

Wie Fondsmanager meldeten, wurde in großem Umfang Kapital aus Anleihefonds abgezogen, da befürchtet wird, dass viele dieser Länder zu stark vom Geld aus den USA und dem Programm der quantitativen Lockerung abhängig sind, und dass eine Umkehrung des Geldflusses zu schweren wirtschaftlichen Problemen führen könnte. Die Türkei und Indien wurden als anfällig eingestuft, weil ihre Zahlungsbilanzen Defizite aufweisen.

Aber die wirtschaftlichen Schwierigkeiten dieser Regionen spiegeln nur die wachsende Krise im Zentrum der kapitalistischen Weltwirtschaft wider.

Seit Beginn der internationalen Finanzkrise im Jahr 2008 haben die Zentralbanken der Welt, allen voran die amerikanische Fed, etwa zehn Billionen Dollar in die Finanzmärkte gepumpt. Anfangs bestand die Unterstützung aus Rettungspaketen, mittlerweile erfolgt sie in Form von quantitativer Lockerung (billigem Geld). Sie besteht darin, dass den Banken und Finanzhäusern hunderte Milliarden Dollar zu extrem niedrigen Zinsen zur Verfügung gestellt werden, indem Anleihen aufgekauft werden.

Die offizielle Erklärung für diese Politik lautet, dass der Erwerb von Anleihen und die Senkung der Zinsen auf sichere Anlageformen die Investoren zu größeren Risiken ermutigen würden, damit sie Geld in die Realwirtschaft investierten.

Das ist nicht eingetreten. Stattdessen hat die quantitative Lockerung zu beispiellosen Finanzspekulationen geführt. Dies hat eine Situation hervorgebracht, in der die Märkte stark steigen, während die Realwirtschaft entweder sehr langsam wächst, stagniert oder zurückgeht.

Schon vor den jüngsten Verkäufen war klar, dass eine neue Phase finanzieller Turbulenzen bevorsteht. Als Bernanke am 22. Mai davon sprach, dass die Fed eine „Verminderung“ der quantitativen Lockerung erwägen könnte, wuchsen die Anzeichen für Instabilität, und viele befürchteten, dass die Zinsen steigen und die Anleihepreise fallen könnten.

Andy Haldane, Direktor für Finanzstabilität der Bank of England, sprach Anfang des Monats vor einer Gruppe britischer Parlamentarier über die Gefahr einer neuen Krise. Er sagte: „Lassen Sie mich klarstellen: Wir haben vorsätzlich die größte Anleiheblase der Geschichte geschaffen.“ Er fügte hinzu, das größte Risiko für das Finanzsystem sei eine „ungeordnete Reversion“, das heißt, ein schneller Sturz der Anleihenmärkte.

Gibt es ein klareres Eingeständnis, dass die aktuelle kapitalistische Wirtschaftsordnung gescheitert ist?

Dieselbe Politik, die Regierungen und Finanzbehörden im Auftrag der herrschenden Klassen der Welt umgesetzt haben, hat jetzt die Bedingungen für eine neue wirtschaftliche Katastrophe hervorgebracht. Dabei sind die sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen noch gar nicht genannt, die schon der Zusammenbruch von 2008 verursacht hat.

Die Art und Weise, wie sich die jüngsten Turbulenzen entwickeln, zeigt deutlich, dass die Krise ihren Ursprung in einer Fehlentwicklung im kapitalistischen Profitsystem selbst hat.

Bernanke erklärte, das Programm der quantitativen Lockerung würde erst zurückgenommen, wenn sich die realen wirtschaftlichen Bedingungen erholt hätten. Aber die Reaktion der Märkte auf diesen Vorschlag zeigt, dass es, würde dies getan, zu einem vollständigen Zusammenbruch käme. Mit anderen Worten: Unter Bedingungen, die früher als „normal“ galten, können die Finanzmärkte nicht mehr überleben.

Darin zeigt sich eine starke Desintegration des kapitalistischen Produktionsprozesses. Unter „normalen“ Bedingungen wird Geld in die Produktionsmittel investiert und dafür verwendet, um Arbeiter zu beschäftigen, welche Güter herstellen, die mit Profit verkauft werden. Zumindest ein Teil dieses Profits wird benutzt, um weitere Investitionen zu finanzieren und damit die Produktion und das Wirtschaftswachstum zu steigern.

Dieser Prozess ist jedoch zusammengebrochen. Profite werden zwar angehäuft, aber sie stammen immer weniger aus einer Expansion der Gesamtwirtschaft und immer stärker aus Kostensenkungen, vor allem Lohnsenkungen wie in der amerikanischen Autoindustrie, oder aus der Entwicklung neuer Technologien, um die Konkurrenten vom Markt zu drängen.

Wirtschaftliche Stagnation und schrumpfende Märkte bedeuten, dass Profite nicht wieder investiert werden, sondern zur Anhäufung von großen Geldmengen in den Konzernbüchern führen. Allein die amerikanische Wirtschaft rechnet mit einer Gesamtsumme von zwei Billionen Dollar. Mit diesen Geldern wird dann auf den Finanzmärkten spekuliert.

Die heftige Reaktion allein auf die Möglichkeit, dass die quantitative Lockerung eingeschränkt werden könnte, zeigt deutlich, wie extrem stark die kapitalistische Wirtschaft von dieser Form von Wirtschaftsparasitismus abhängt.

Es ist natürlich unmöglich, vorherzusagen, wie genau das nächste Stadium der weltweiten Krise der kapitalistischen Wirtschaft aussehen wird. Aber die perverse Logik der Marktbewegungen ist sehr aufschlussreich.

Die panische Reaktion auf die Andeutung, es könnte zumindest zum Teil eine Rückkehr zu wirtschaftlichen Verhältnissen geben, die früher als „normal“ galten, zeigt, dass die „Gesundheit“ der Finanzmärkte von der fortgesetzten Verarmung der Arbeiterklasse und der großen Bevölkerungsmehrheit abhängt.

Die Arbeiterklasse muss diese Situation erkennen und entsprechend handeln. Sie muss den politischen Kampf gegen die immer stärkeren Angriffe aufnehmen, um die Macht in ihre eigenen Hände zu nehmen und die Weltwirtschaft auf sozialistischer Grundlage umzugestalten.

Nick Beams