Die Filmtrilogie „Unsere Mütter, unsere Väter“

Von Bernd Reinhardt
27. Juni 2013

Der Fernsehdreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, der im März für Rekordeinschaltquoten im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) sorgte, ist inzwischen unter dem Namen „Generation War“ in die USA und verschiedene Länder verkauft worden. Vor kurzem lief er im polnischen Fernsehen.

Berlin 1941: Fünf junge Menschen werden quasi von der Schulbank in die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs geworfen. Etwas naiv, glaubt man an ein baldiges Wiedersehen. Es müssen vier Jahre vergehen. Die, die überlebt haben, sind schwer gezeichnet von der Hölle, die sie durchgemacht haben.

Zu den Hauptfiguren gehören die Brüder Wilhelm (Volker Bruch) und Friedhelm (Tom Schilling) aus gutem Hause, wo man auf preußisch-soldatische Tugenden hält. Viktor (Ludwig Trepte) ist der Sohn eines jüdischen Schneiders, der stolz im Ersten Weltkrieg für Deutschland kämpfte und den Judenstern für einen „Fehler“ hält. Viktor ist mit Greta (Katharina Schüttler) zusammen. Diese bewundert den Star Marlene Dietrich und träumt von einer eigenen Gesangskarriere, während sie in einer Kneipe Gläser spült. Das Dritte Reich ist ihr ziemlich egal. Charlotte (Miriam Stein) dagegen, stolz Deutschland dienen zu dürfen, geht freiwillig als Krankenschwester an die Ostfront.

Die Geschichten werden parallel erzählt, so dass eine Art filmisches Mosaik entsteht. In die Filme flossen persönliche Erlebnisse ehemaliger Kriegsveteranen mit ein. Die schnelle und unmittelbare Filmsprache des Regisseurs Philipp Kadelbach ist beeinflusst vom amerikanischen Kino, ohne in Hollywood-Schwulst zu verfallen, noch eine blutige Orgie der Gewalt zu inszenieren. Es sind Antikriegsfilme, die auf sachliche und differenzierte Weise zeigen, welch gewaltiger Einschnitt der Krieg damals für die jungen Menschen darstellte und wie er ihr Bewusstsein veränderte.

Zu Beginn des ersten Teils steht nicht jene fanatisierte Jugend, die man aus Nazi- Propagandafilmen kennt. Die jungen Leute haben ein eher lockeres Verhältnis zu den politischen Phrasen der herrschenden Ideologie. „Schalom, Volksgenossen“ begrüßt Viktor die Freunde ironisch. Mit Spott begegnet der literaturbelesene Friedhelm dem propagierten Ideal des „deutschen Helden“. Charlotte ist von der völkischen Erziehung im BDM beeinflusst. Doch das beeinträchtigt nicht ihre Freundschaft zu Viktor und Grete und deren „Rassenschande“.

Bevor es in den Krieg geht, prophezeit Friedhelm, dieser werde das Niedrigste in den Menschen hervorrufen. Die Filme bestätigen das teilweise. Die Freunde werden in Verbrechen verwickelt, die niemand unter normalen Bedingungen begangen hätte. Aber Friedhelms fatalistischer Satz wird auch widerlegt.

So versucht Wilhelm erfolglos zu verhindern, dass ein jüdisches Mädchen von der SS erschossen wird. So etwas gab es wirklich. Und auch der sogenannte „Kommissar-Befehl“ in dem „Weltanschauungskrieg“ wird von ihm nicht in blindem Gehorsam oder gar begeistert ausgeführt. Die Kriegsrealität nährt seine Zweifel weiter. Ihn schockiert die Unmenschlichkeit hoher Wehrmachtsoffiziere gegenüber den deutschen Soldaten, die völlig gleichgültig verheizt werden.

Bei einem sinnlosen Gefecht um eine Telegrafenstation, das allein dazu dient, die Soldaten nicht zur Besinnung kommen zu lassen, verliert er fast alle Männer. Er desertiert und kommt in eine Strafeinheit. Kurz vor Ende des Kriegs tut er etwas Unerhörtes für einen vorbildlichen Soldaten, der er einmal war – er tötet seinen Befehlshaber.

Erschießung angeblicher Partisanen - Foto David Slama (ZDF)

Friedhelm ist eine interessante Figur. Er hält den Krieg gegen das „Internationale Judentum“ von vornherein für sinnlos. Doch gerade er ist es, der nach einer gewissen Zeit ohne mit der Wimper zu zucken die grausamsten Befehle ausführen kann, eine junge Frau erschießt, an einer Hinrichtung angeblicher Partisanen teilnimmt. Seine Figur verdeutlicht, dass allein ironische Distanz, Spott über „blonde Helden“, Provokationen, kurz, Friedhelms ganzes elitäres Gehabe, nichts mit einer prinzipiellen Ablehnung des Kriegs zu tun hat. Er ist passiv und zynisch.

Als er sich nicht mehr vor „freiwilligen Einsätzen“ drücken kann, stürzt er sich mit eben diesem Zynismus in den Kampf und wird ein besonders bewusster, gefährlicher Soldat. Zum Schluss läuft er, innerlich völlig ausgebrannt, allein in das MG-Feuer der Roten Armee, um die bewaffneten Kinder seines „Volkssturms“ von einem sinnlosen Kampf abzuhalten. Von sowjetischer Seite muss er wie ein Fanatiker erscheinen, der noch kurz vor Kriegsende den Heldentod sucht. Wie viele dieser verzweifelten „Fanatiker“ gab es damals?

Charlottes Entwicklung zeigt, dass irrationale Ideologien zusammenbrechen, wenn sie mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. Die Krankenschwester ist zunächst fassungslos über den wenig heroischen Alltag, die wimmernden Verwundeten, die schnellen Entscheidungen des Arztes über Tod und Leben. Als Charlotte unter ukrainischen „Untermenschen“ eine Hilfskraft aussucht, bemerkt sie bald, dass diese ihr fachlich überlegen ist, und fängt an, sie zu bewundern. Als sie mitbekommt, sie ist Jüdin, zeigt sie sie an, um es im nächsten Moment zu bereuen. Der Entschluss, sie zu retten, kommt zu spät. Später versucht sie vergeblich, ihr Versagen an einer russischen Hilfsschwester gutzumachen. Von Charlottes anfänglicher Überzeugung, einer Herrenrasse anzugehören, bleibt nichts übrig.

Zum Schluss sind die Überlebenden offen für einen Neuanfang. Doch als Viktor nach Berlin kommt, noch schockiert vom Antisemitismus polnischer Antifaschisten, stößt er in einer Verwaltung auf den ehemaligen für die Gestapo arbeitenden SS-Obersturmbannführer Dorn, der für Viktors Deportation verantwortlich war und für die Erschießung Gretas. Das spezielle Fachwissen dieses wendigen Nazi-Karrieristen ist bei den Alliierten wieder gefragt. Diese realistische Szene, die sich massenhaft so oder so ähnlich in der Realität zutrug, ist eine der stärksten Stellen des Films.

Der Produzent Nico Hofmann hat in der Vergangenheit mehrfach Filme produziert, die sich kollektiven Erfahrungen widmen. In dem Fernsehzweiteiler „Dresden“ (2006) ging es um die Leiden der Zivilbevölkerung bei der sinnlosen Bombardierung von Dresden. „Die Flucht“ (2007) behandelte das menschliche Leid während der Vertreibung der deutschen Bevölkerung 1945 aus dem damaligen Ostpreußen. Diese Ereignisse hinterließen tiefe Spuren.

Im Hinblick auf die sogenannte kollektive „Deutsche Schuld“ wurde darüber nicht gesprochen, bzw. diese Themen politisch rechten Kräften überlassen. Für die 68er gehörten diese Menschen ausnahmslos zur „Tätergeneration“, die den Holocaust mit zu verantworten hatten. Die Filme differenzieren und setzen sich damit von Daniel Goldhagens kategorischer Behauptung ab, alle „ganz gewöhnlichen Deutschen“ seien „Hitlers willige Vollstrecker“ gewesen.

Hofmanns erklärte Absicht war, die „persönlichen Geschichten“, die Alpträume jener Generation zu inszenieren, die Kinder waren als Hitler an die Macht kam, die im Krieg Schreckliches erlebten und taten und später zum Schweigen verurteilt waren. Das ist ihm beeindruckend gelungen. Von den genannten Produktionen ist dies die überzeugendste.

Allerdings präsentiert sie diese Generation sehr verschwommen und diffus. Soziale und gesellschaftliche Prägungen sind weitgehend ausgespart. Die Hauptfiguren machen zu Beginn des ersten Teils einen unglaubwürdig naiven, unberührten Eindruck. Dass sie die herrschende Ideologie zu Beginn des ersten Teils nicht sehr ernst nehmen, auch den Krieg nicht, hat im Film keinen anderen Grund als den, – dass Jugendliche ebenso sind.

Sofern soziale Hintergründe bei einzelnen Figuren eine Rolle spielen – Gretas und Charlottes Herkunft bleibt völlig im Dunkeln –, sind sie einseitig ausgewählt. Die anderen drei Hauptfiguren stammen aus bürgerlich-nationalkonservativen Elternhäusern, die ihre Kinder in der Regel voller Stolz in den Krieg verabschiedeten Das ist nicht gerade ein gesellschaftlicher Querschnitt.

Was mögen jene Millionen Eltern ihren Kindern fürs Leben mitgegeben haben, die, anders als Viktors Vater, nicht stolz sondern schockiert aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrten und später einen zweiten Schock erlebten, als bereits in der Weimarer Republik wieder kräftig aufgerüstet wurde? Die politische und soziale Spaltung der Weimarer Zeit war für sie alle prägend. Die spannungsgeladene gesellschaftliche Atmosphäre, die sich bei den Nazis fortsetzte, deren Diktatur gerade kein „Volksstaat“ war, hätte sich in irgendeiner Form in den Hauptfiguren von „Unsere Mütter, unsere Väter“ niederschlagen müssen.

Wo gesellschaftliche Einflüsse unsichtbar bleiben, erscheinen Handlungen oft rätselhaft bzw. erhalten charakterliche Stärken und Schwächen eine völlige Überbewertung. Mehrere der jungen Hauptdarsteller erklärten, sie hätten Schwierigkeiten gehabt, die Motive ihrer Figuren richtig zu verstehen. Er hätte es halt gespielt, so der Darsteller des Viktor.

Noch lebende Kriegsveteranen fanden sich in den Filmen wieder. Das spricht für eine realistische Schilderung der unmittelbaren Ereignisse. „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist jedoch nicht in der Lage, die Brücke zur Gegenwart anders zu schlagen als durch die populistische Frage, die auch immer wieder in Talkshows gestellt wurde: Wie hättest Du Dich damals verhalten? Wie man sich denken kann, gab es eher verlegene Reaktionen.