Kreditklemme trifft China

Von John Chan
28. Juni 2013

Nachdem die amerikanische Federal Reserve am vergangenen Donnerstag anklingen ließ, dass sie ihre Politik der quantitativen Lockerung möglicherweise beenden werde, kam es zu einem starken Abfluss spekulativen „heißen Geldes“ aus Asien und anderen aufstrebenden Ökonomien. In China führte eine Drosselung der Kredite der Zentralbank des Landes zu einer Krise des Finanzmarktes.

Seit Anfang Juni sind chinesische Banken und Finanzinstitute bei Kreditvergaben untereinander äußerst zurückhaltend, was zu einem starken Anstieg der Sollzinsen bei Geschäften der Banken untereinander (Shibor) geführt hat. Am vergangenen Donnerstag kam es dann zum praktischen Stillstand der Kreditvergabe zwischen den Banken. Entgegen den Erwartungen der Märkte pumpte die Chinesische Volksbank kein Bargeld in den Geldmarkt, um eine akute Kreditknappheit zu lindern.

Das Ergebnis war eine Panik, die den Sieben-Tage-Satz um 3,8 Prozentpunkte auf die Rekordhöhe von 12,06 Prozent trieb und den Ein-Tages-Satz mit 13,85 Prozent von 5,98 Prozentpunkten ausgehend mehr als verdoppelte. Im Mai lag der Sieben-Tages-Satz vergleichsweise bei nur 2,78 Prozent und Anfang Juni war er im Bereich von 6 Prozent.

Die New York Times warnte am Donnerstag, die Situation in China ähnele der Finanzmarktkrise nach dem Kollaps von Lehmann Brothers 2008. „ In einem worst-case Szenario, unter der Bedingung unterlassener Interventionen der Politik, könnten Zahlungsverzüge bei Krediten mit sehr hohem Verlustrisiko und sehr wackeliger Bilanz diese Institutionen in den Zusammenbruch treiben,“ schrieb die Zeitung. „Der Schaden könnte sich auf andere Banken ausbreiten und einen Ansturm der einfachen chinesischen Bevölkerung auf ihre Bankeinlagen auslösen.“

Am Freitag griff die Chinesische Zentralbank ein und schoss 8,2 Milliarden Dollar in den Markt, was zu einem drastischen Rückgang der Zinsen bei den Krediten zwischen den Banken führte. Der Sieben-Tages-Satz fiel um 3,57 Punkte. Wie die Financial Times jedoch am 21.06. schrieb, „erholte sich zwar die Kreditvergabe zwischen den Banken, die kurzzeitigen Zinsen blieben aber auf ungefähr doppeltem Niveau wie normal – hoch genug um unterkapitalisierte Finanzinstitute in ernste Schwierigkeiten zu bringen.“

Beijing versucht anscheinend das riesige „graue“ Bankensystem zu zügeln, das sich in den vergangenen Jahren in China entwickelt hat. Dieser unregulierte Sektor entstand, nachdem die Regierung nach der globalen Finanzkrise 2008-09 ein umfangreiches Konjunkturprogramm mit einer Flut billiger Kredite von staatlichen Banken zur Stärkung der Wirtschaft auflegte.

Wenn mit hohem Fremdkapital finanzierte Betriebe und Bauträger nicht mehr in der Lage waren, Kredite von Großbanken zu erhalten, wandten sie sich an das sich herausbildende „graue“ Bankensystem. Kleinere Banken und Trust-Gesellschaften liehen zu niederen Zinsen von staatlichen Geschäftsbanken und vergaben dann ihrerseits kurzfristige Kredite zu viel höheren Zinsen an notleidende Firmen.

Die Ratingagentur Fitch warnte vergangene Woche, Chinas „graues“ Bankensystem gerate rasch außer Kontrolle, da es den Schuldnern schwer fiele ihre Schulden zu bedienen. Die Chefin von Fitch in Beijing, Charlene Chu, warnte, die zwei Billionen Dollar hohen außerhalb der Bilanzen laufenden Kredite in Form von „Vermögensprodukten“ wie Trusts und Investmentfonds seien besonders besorgniserregend. Diese Finanzvehikel waren zur Zügelung der Immobilienspekulation geschaffen worden.

Die Immobilienspekulation hat sich wegen fehlender profitabler Investitionsmöglichkeiten in produktive Aktivitäten seit der Krise 2008 rasend ausgebreitet. Ein großer Teil der „grauen“ Kredite ging in riesige „Geisterstädte“ - leere Wohnblöcke und Einkaufszeilen in ganz China – deren Kauf oder Miete sich der Großteil der Bevölkerung nicht leisten kann. Eine schmale reiche Elite hält diese Immobilien einfach im Besitz und hortet sie.

Chinesische Banken haben drei Billionen Dollar bei der Zentralbank deponiert, um in einer Krise auf sie zugreifen zu können. Wie Fitch feststellte, ist diese Summe jedoch verglichen mit den Krediten in den letzten fünf Jahren nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Chinas gesamte Kredite sind von neun Billionen Dollar 2008 auf 23 Billionen Dollar heute hochgeschnellt, nach Chus Aussage ein Vorgang, der „das ganze amerikanische Geschäftsbankensystem in fünf Jahren verdoppelt“ hat.

Das Verhältnis von Krediten zum Bruttosozialprodukt in China ist von 75 Prozent auf 200 Prozent in die Höhe geschnellt. Zum Vergleich: etwa 40 Prozent waren es vor der Hypothekenkrise in den USA und in Japan vor dem Platzen der Immobilien- und Aktienblasen 1990.

„Das liegt jenseits von Allem, was wir jemals in einem großen Wirtschaftsraum gesehen haben“, warnte Chu. „Wir wissen nicht, wie das ausgeht. Die nächsten sechs Monate werden kritisch.“

Das Ausmaß fauler Kredite ist unbekannt. Lokale Regierungen, die die Konjunkturmaßnahmen von 2008 umgehend unterstützten, hatten 2012 Schulden von schätzungsweise 12,08 Billionen Yuan (1,5 Bill. Euro). Aber in den wenigen Jahren zuvor war keiner der Kapitalkredite abgelöst worden. Desweiteren wird berichtet, dass sich einige Lokalregierungen zur Rückzahlung alter Schulden Dutzende Milliarden Dollar mehr Schulden als 2010 aufgeladen haben.

Nach Angaben von Wei Yao, einer Ökonomin bei Société Générale hat das Verhältnis des Schuldendienstes zum BIP in China die 30-Prozent-Marke erreicht – das ist die signifikante Schwelle für eine Finanzkrise, da viele Firmen Kapital und Zinsen nicht mehr zurückzahlen können. „Die Schuldenlawine wird größer und größer, ohne dass sie zu realen Aktivitäten beiträgt“, sagte sie. Nach Schätzungen werden chinesische Firmen dieses Jahr allein eine Billion Dollar an Schulden zurückzuzahlen haben, eine Summe die jedes andere Land in den Schatten stellt.

Die Kreditkrise Chinas resultiert aus der Tatsache, dass es ein Billiglohnland mit hoher Abhängigkeit vom Export ist, der durch den wirtschaftlichen Niedergang der wichtigen Märkte in Nordamerika, Japan und Europa schwer getroffen wurde.

Am Donnerstag letzter Woche zeigten die Daten, dass die Firmentätigkeit im Juni auf ein Neunmonatstief abfiel. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) der britischen HSBC fiel in diesem Monat auf 48,3 von 49,2 im Mai. Ein Wert unter 50 weist auf einen Einbruch hin.

Die Exporte sind extrem zurückgegangen. Nach Angabe chinesischer Zollbehörden nahm der Export im Juni um nur ein Prozent zu – viel weniger als die Zunahme von 13,5 Prozent in den ersten fünf Monaten des Jahres. Eine Studie des Wirtschaftsministeriums über mehr als 1.000 Unternehmen zeigte, dass ihre durchschnittliche Gewinnspanne bei Exporten unter drei Prozent lag, wobei 26,8 Prozent der Betriebe bei den Exporten Verluste machten.

Um die Profite hoch zu treiben verlangt das internationale Finanzkapital, dass Beijing eine einschneidende Umstrukturierung der Industrie durchführt: Produktivitätssteigerungen, Entlassungen, Firmenschließungen und Konsolidierung industrieller Bereiche werden verlangt. Zu diesem Zweck hat die Zentralbank seit Februar die Geldausgabe gestrafft.

Anscheinend macht die neue chinesische Führung die „Reform“ des Finanzsektors zur ersten Priorität in ihrem Bestreben, die marktkonforme Umstrukturierung zu beschleunigen und die verbliebenen Wirtschaftsbereiche für private Investoren zu öffnen.

Wie berichtet wurde, sagte Premier Li Keqiang am Mittwoch vergangener Woche: „Da die Wirtschaft mit vielen Schwierigkeiten und Herausforderungen konfrontiert ist, müssen wir die Finanzreform ordentlich voranbringen, um so die wirtschaftliche Umstrukturierung besser zu unterstützen.“ Tags darauf unternahm die Zentralbank nichts um die Kreditkrise zu verhindern, die den Finanzsektor des Landes getroffen hatte.

Die Instabilität des Finanzsektors und die wirtschaftliche Abschwächung in China sind ein weiterer Hinweis darauf, dass der ökonomische Einbruch von 2008 keineswegs vorüber ist, sondern sich beschleunigt fortsetzt. Viele Länder, insbesondere in der asiatisch-pazifischen Region, die äußerst abhängig von chinesischen Exporten sind, wurden von der Ankündigung der Fed und der Kreditkrise in China heftig getroffen. Weit davon entfernt als die Zugmaschine zu fungieren, die die Weltwirtschaft aus dem Sumpf zieht, könnte China der nächste Auslöser eines erneuten Chaos der Weltwirtschaft sein.