Fünf Jahre nach dem Finanzkrach schwächelt die Weltwirtschaft immer noch

20. August 2013

Unmittelbar nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise vom September 2008 kam die Theorie auf, dass die so genannten “aufstrebenden Märkte” wie China, Indien oder Brasilien sich von den großen kapitalistischen Volkswirtschaften “abkoppeln” und für die ganze Weltwirtschaft eine neue Wachstumsgrundlage bieten könnten.

Diese wirtschaftliche Fiktion ist inzwischen als solche entlarvt. Die „aufstrebenden Märkte“ stimulieren nicht nur das Wachstum nicht, sondern sie werden selbst schnell zur Quelle neuer globaler Instabilität.

Vergangene Woche zitierte das Wall Street Journal einen Bericht von Bridgewater, dem weltweit größten Hedgefond, aus dem hervorgeht, dass die großen Volkswirtschaften – die USA, Europa und Japan – inzwischen mehr Wachstum zur Weltwirtschaft beitragen als die aufstrebenden Märkte.

Das ist allerdings kein Indikator für einen Aufschwung in den etablierten Industrieländern. Vielmehr ist es ein Hinweis auf eine generelle Schwächung der globalen Wirtschaft. Die Wachstumsraten der großen Volkswirtschaften bleiben deutlich hinter dem Niveau zurück, das sie 2007-2008 erreicht hatten. Die Aussicht, dass das Vorkrisenniveau jemals wieder erreicht werde, ist gleich Null.

Eine Untersuchung, die Ökonomen von der Federal Reserve von Philadelphia herausgegeben haben, geht davon aus, dass die US-Wirtschaft 2013 nur um 1,5 Prozent wachsen wird, statt der noch im Mai erwarteten 2,0 Prozent. Auch längerfristig werden sich die Wachstumsraten nicht erholen, so ein führender Ökonom von JPMorgan. Er sieht die potentielle Wachstumsrate der US-Wirtschaft, die in der Vergangenheit normalerweise bei 3,5 Prozent lag, nur noch halb so groß.

Anderswo ist die Lage noch schlechter. Europa stagniert weiter. Die Länder der Eurozone wuchsen im zweiten Quartal nur um 0,3 Prozent. Das entspricht einer Jahresrate von 1,1 Prozent. Die Rückkehr zu positivem Wachstum nach sechs aufeinanderfolgenden Quartalen mit Minus-Wachstum bedeutet keineswegs, dass Europa „die Wende geschafft hat“. Die Wirtschaft der Eurozone ist im Ganzen immer noch um drei Prozent kleiner als 2008. Die meisten Analysten gehen davon aus, dass eine jährliche Wachstumsrate von mindestens zwei bis drei Prozent über die nächsten drei Jahre notwendig wäre, um die Arbeitslosigkeit abzubauen. Und auf eine solche Entwicklung deutet nichts hin.

Das Wall Street Journal kommentierte, es sei “nicht zu erkennen, wie Europa aus diesem Teufelskreis ausbrechen kann”. Die Zeitung fuhr fort: „Folgende Wachstumsbremsen existieren: andauernde Austeritätspolitik, ein Mangel an günstigen Bankkrediten, steigende Arbeitslosigkeit und schwache Haushaltseinkommen und schwache Investitionen von Firmen, die immer noch deutlich unterhalb ihrer Kapazitätsgrenze operieren.“

Die Verdopplung der Geldmenge durch die Bank von Japan scheint der japanischen Wirtschaft einen gewissen Schwung verliehen zu haben. Das Wachstum im dritten Quartal läuft auf eine Jahresrate von 2,6 Prozent hinaus. Aber das ist immer noch deutlich weniger, als die erwarteten 3,6 Prozent.

Der entscheidende Faktor für den nachlassenden Beitrag der “aufstrebenden Märkte” zum globalen Wachstum ist die verlangsamte Entwicklung in China. Die offizielle Wachstumserwartung für dieses Jahr liegt bei 7,5 Prozent. Das ist der geringste Wert seit 1990. Aber es gibt Warnungen, dass es noch geringer ausfallen könnte.

Nachlassendes Wachstum in China hat spürbare Auswirkungen auf die Volkswirtschaften Südostasiens und auf Rohstofflieferanten wie Brasilien und Australien.

Vor zwei Jahren wuchs Brasilien, das Sojabohnen und Eisenerz nach China exportiert, um 7,6 Prozent. Für dieses Jahr werden lediglich 2,3 Prozent Wachstum erwartet.

Australien, ein anderer wichtiger Lieferant von Eisenerz, ist stark von der Zurückführung der Investitionen in die chinesische Infrastruktur betroffen. Offizielle Erwartungen des Finanzministeriums gehen von einer spürbaren Verschlechterung der australischen Terms of Trade aus, dem Verhältnis von Export- zu Importpreisen. Wie die Labor-Regierung unter Rudd erklärt hat, ist der „China-Boom“, der größere Investitionen in Eisenerzprojekte ausgelöst hatte, zu Ende.

Geringeres Wachstum ist nicht das einzige Problem. Es gibt Befürchtungen, dass die hohe Verschuldung in China, die eine Folge der Kredit- und Konjunkturprogramme in der Zeit nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise von 2008-2009 ist, eine Finanzkrise auslösen könnte.

Die Financial Times berichtete vergangene Woche, dass der Analystin Charlene Chu von Fitch Ratings zufolge eine Studie des so genannten chinesischen Schattenbankensektors gezeigt habe, dass die Gesamtverschuldung des Landes bis zu 200 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen könnte. Chu warnte, der ganze Bankensektor könne von den Krediten der Schattenbanken stärker betroffen sein, als die meisten Leute denken. Sie schätzt, dass die Bilanzsumme des chinesischen Bankensektors von 2008 bis 2013 um vierzehn Billionen Dollar gestiegen ist. Das entspricht dem Umfang des gesamten amerikanischen Bankensystems.

Offizielle Zahlen zeigen, dass faule Kredite in den Büchern chinesischer Banken im zweiten Quartal um zwei Milliarden Dollar zugenommen haben. Das ist der siebte Quartalsanstieg hintereinander.

Die zunehmenden Finanzprobleme Indiens, einer weiteren Volkswirtschaft, die als neues globales Wachstumszentrum gesehen wurde, könnten eine Blaupause für Entwicklungen auch an anderer Stelle werden. Es gibt Befürchtungen, dass das anhaltende Nachlassen des Wirtschaftswachstums die Verschuldung einiger der größten Industriekonzerne des Landes ansteigen lassen könnte. Dieses Jahr wird nur ein Wachstum von fünf Prozent erwartet, nachdem es vor drei Jahren noch zehn Prozent waren.

Das indische Finanzsystem leidet unter akuter Kapitalflucht. Letzte Woche wurden wieder Kapitalkontrollen eingeführt, um den Verfall des Werts der Rupie zu stoppen.

Die Financial Times beschreibt die Lage der indischen Wirtschaft folgendermaßen. „Sie besteht aus der gefährlichen Kombination einer fallenden Währung, einem scharfen Einbruch des Wirtschaftswachstums, einem anschwellenden Zahlungsbilanz- und Haushaltsdefizit und hartnäckig hoher Inflationsrate.“

Indien ist nicht das einzige aufstrebende Land, das von wachsenden Finanzproblemen geplagt wird. Die Erwartung, dass die US Federal Reserve den Ankauf von Staatsanleihen bald „einschränken“ werde, hat auch anderswo zu Kapitalabflüssen geführt. Die Politik der „quantitativen Lockerung“ könnte schon nächsten Monat eingeschränkt werden. Neben Indien ist auch Indonesien, ein weiteres angeblich neues Wachstumszentrum, von Finanzproblemen geplagt.

Märkte in ganz Asien brachen vergangene Woche ein, weil befürchtete wurde, dass die „Kurskorrektur“ der Fed die Zinsen in den USA steigen lassen werde. Als Folge könnten die Anlagen in amerikanische Finanzpapiere zurückfließen. Die Gefahr besteht, dass der momentane Abfluss sich in eine Flut verwandeln könnte, wenn die Kurskorrektur tatsächlich beginnt.

1997-98 führte der Wertverfall des thailändischen Baht in ganz Asien zum Platzen einer Finanzblase. Die wirtschaftlichen Folgen in der Region lassen sich mit den Auswirkungen der Großen Depression der 1930er Jahre in den großen kapitalistischen Ländern vergleichen.

Angesichts der wachsenden Abhängigkeit der Weltwirtschaft von den “aufstrebenden Märkten” in den letzten Jahren und der immer engeren Integration der Finanzmärkte wären die Folgen einer weiteren Finanzkrise umso verheerender.

Nick Beams