Rüsselsheim: Arbeiter lehnen Syrien-Krieg ab

Von unserem Korrespondenten
3. September 2013

Die überwältigende Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung reagiert mit Empörung und Abscheu auf die Kriegsdrohungen gegen Syrien. Ein Team der Partei für Soziale Gleichheit (PSG), das in Rüsselsheim Flugblätter „Hände weg von Syrien“ verteilte und mit Passanten sprach, erlebte das aus eigener Erfahrung. Am Opel-Tor 60 und im Arbeiterviertel Dicker Busch II blieben viele stehen, äußerten ihre Sorge und lehnten den geplanten Krieg ab.

„Selbstverständlich bin ich strikt gegen jegliche Kriegsvorbereitungen“, sagte Sven, ein junger Erzieher in der Ausbildung, der mit seiner Mutter unterwegs war. Wir trafen ihn im Arbeiterviertel Dicker Busch II beim Einkaufen. „Offensichtlich ist dieser Bürgerkrieg von außen angestachelt worden“, fuhr Sven fort. „Ich glaube, die USA wollten von Anfang an auf Krieg hinaus.“ Seine Mutter schaltete sich ein und rief empört: „Jetzt sieht das doch tatsächlich so aus, dass die mit Krieg anfangen. Ja, muss das denn wirklich sein?!“

Auf die Lage in Deutschland angesprochen, erklärte Sven, er würde „niemals CDU, SPD, FDP oder so etwas wählen“, denn diesen Parteien gehe es nur um das kapitalistische Interesse. Das sehe man an der Eurokrise: „Bei der Eurorettung geht es ihnen nur um die Rettung der Banken, aber nicht um die griechischen Arbeiter.“

Sadiyah, eine junge Frau, blieb stehen und kam sofort auf die wirtschaftlichen Interessen zu sprechen, die für den Syrienkrieg verantwortlich sind: „Die Imperialisten geben jetzt Millionen aus, in der Hoffnung, später Milliarden zu verdienen. Und alle machen mit, auch der ‚Friedensnobelpreisträger’ Obama. Erst kam er so nett daher und wurde so hoch gelobt, weil er die Schließung von Guantanamo versprochen hatte. Aber im Endeffekt unterscheidet er sich nicht von dem anderen Herrn vor ihm [George W. Bush].“

Sadiyah

 

Nano, eine junge Mutter, die in Deutschland aufgewachsen ist, und deren Eltern aus Syrien kommen, ist von dem Elend in ihrer alten Heimat tief erschüttert. Sie stammt aus Aleppo und war erst vor kurzem dort zu Besuch. Sie beklagte die unerträglichen Lebensbedingungen im Land: „Das geht jetzt schon seit fast drei Jahren so. Das Schlimmste ist, dass die Menschen so darunter leiden, die gar nichts dafür können.“

Nano ging auf die Behauptung der USA ein, sie hätten sich bis jetzt angeblich rausgehalten. „Das stimmt aber überhaupt nicht. Sie haben von Anfang an die Rebellen finanziert und organisiert. Da werden Leute aus dem Ausland, aus anderen Ländern reingeschickt, Islamisten, die die Bevölkerung spalten.“

Sie sei ja selbst Muslimin, sagte Nano, aber „die Islamisten lehne ich vollkommen ab. Die geben ein völlig falsches Bild vom Islam. Der Islam ist ja nicht für Terror, sondern für Frieden.“ Es habe schon so viele Tote gegeben, das sei furchtbar traurig. „Ich habe auch schon viele Verwandte verloren. Und jetzt auch noch das Giftgas.“

Jetzt heiße es überall: Assad habe das Giftgas eingesetzt. „Aber wo sind die Beweise? Das macht doch für Assad gar keinen Sinn, Giftgas einzusetzen.“ Bestimmt hätten beide Seiten Fehler gemacht, aber „sicherlich stehen dahinter letztlich wirtschaftliche Interessen. Die USA tun scheinheilig so, als ob sie nichts damit zu tun hätten. Aber es heißt ja sogar, dass sie beim 11. September die Finger im Spiel hatten.“

Klaus M., ein etwa fünfzigjähriger Maschinenbauer, bezeichnete die amerikanische Regierung und ihre europäischen Verbündeten als richtige Kriegstreiber. Es sei ja noch nicht einmal klar, ob wirklich Giftgas eingesetzt worden sei. Die US-Regierung habe selbst gesagt, dass die Untersuchungen noch ein paar Tage bräuchten, aber das interessiere sie schon gar nicht mehr. „Sie wollen um jeden Preis losschlagen.“

Klaus M. berichtete über die gespannte Lage in den Industriebetrieben. Er arbeitet in einem Betrieb für Baumaschinen und erzählte, überall seien die Auswirkungen der Globalisierung zu spüren. „Es wird viel ausgelagert. Bei uns werden große Baumaschinen hergestellt. Da wird jetzt viel nach Tschechien verlagert.“

Er stimmte zu, dass Arbeiter über die nationalen Grenzen gemeinsam Widerstand dagegen leisten müssten, sagte jedoch: „Zu so einem Kampf taugen aber unsere Gewerkschaften gar nicht mehr. Die setzen sich schon längst nicht mehr richtig ein. Man hat den Eindruck, dass da Geld in bestimmte Taschen fließt.“

„Ich finde, die soziale Kluft geht immer weiter auseinander“, sagte Klaus zum Schluss. „Warum lassen sich die Leute das alles bieten?“ Als er erfuhr, dass wir zum Aufbau von Aktionskomitees aufrufen, die von den Gewerkschaften unabhängig sind, nahm er sich interessiert den Wahlaufruf mit.

Das PSG-Team verteilte den Aufruf „Hände weg von Syrien“ auch am Opel-Tor 60 in Rüsselsheim. Auch hier stieß er auf Interesse und Unterstützung. Fast jeder nahm einen Handzettel mit, und wer stehenblieb, äußerte sich besorgt und empört, in jedem Fall aber gegen den Krieg.

„Dieser drohende Krieg ist wirklich schlimm“, sagt Franz, ein etwa 25 Jahre alter Gießerei-Arbeiter. Am meisten tue ihm „die Zivilbevölkerung leid, die gar nichts dafür kann und abgestraft wird und sogar mit Giftgas abgeschlachtet wird. Aber wer ist dafür verantwortlich? Uns Europäer wird nahe gelegt, dass Präsident Assad verantwortlich sei. Aber die Nato und die Amerikaner könnten ihn auch bewusst provoziert haben.“

Mehmet, ca. 45 Jahre alt, erklärt: „Alles entwickelt sich genauso wie im Irak. Erst werden Vorwürfe wegen Massenvernichtungswaffen gemacht, und später sagen sie dann: Oh! Da haben wir einen Fehler gemacht. Die suchen einfach einen Grund, anzugreifen, und Assad verteidigt sich.“

Mehmet arbeitet schon seit 23 Jahren bei Opel in der Qualitätskontrolle. Er wies darauf hin, dass „alles seit langem geplant“ worden sei. „Erst war’s der Irak, jetzt ist Syrien dran, dann kommen Iran und auch die Türkei an die Reihe. Diese Reihenfolge lesen wir schon seit zehn Jahren, und das bestätigt sich jetzt. Nur Ägypten war damals noch nicht dabei.“