Globale Krise ruft Turbulenzen in Schwellenländern hervor

Von Barry Grey
4. September 2013

Gegen Ende August erreichte die Krise in den Volkswirtschaften der sogenannten “Schwellenländer” einen neuen Höhepunkt. Indien, Brasilien, die Türkei und Indonesien kündigten Sofortmaßnahmen an, um den Sturz ihrer Währungen und Aktien- und Rentenmärkte einzudämmen.

Indien, dessen Rupie gegenüber dem US-Dollar seit Beginn des Jahres um 15 Prozent gefallen ist, kündigte an, die Geldmenge einzuschränken, die Einzelpersonen und Unternehmen ins Ausland schicken dürfen. Die Türkei erhöhte ihre Zinssätze in der Hoffnung, die Kapitalflucht einzudämmen, die zu einer Wertminderung der türkischen Lira um zehn Prozent geführt hatte. Indonesien kündigte Schritte an, um mehr Dollars für seine Märkte verfügbar zu machen, erhöhte Steuern auf Luxusgüter und verringerte seine Ölimporte. Die indonesische Rupie ist in diesem Jahr schon um über acht Prozent gesunken.

Brasiliens Zentralbankchef Alexandre Tombini gab in letzter Minute seinen Plan auf, die jährliche Konferenz der US-Notenbank in Jackson Hole, Wyoming zu besuchen, und kündigte stattdessen ein Programm über sechzig Milliarden Dollar an, das darauf abzielt, den Sinkflug des Real einzudämmen. Die brasilianische Währung hat gegenüber dem Dollar zwanzig Prozent ihres Wertes verloren.

Der Rückgang dieser Währungen, wie auch des südafrikanischen Rand, hat sich seit dem 22. Mai in eine regelrechte Flucht verwandelt, seitdem FED-Chef Ben Bernanke die Absicht der US-Notenbank bekanntgab, möglicherweise schon ab September weniger Dollars zu drucken und in geringerem Maße Anleihen anzukaufen. Seit letztem Dezember hat die FED durch den Kauf von US-Staatsanleihen und hypothekarisch besicherte Anleihen jeden Monat fünfundachtzig Milliarden Dollar in die Finanzmärkte gepumpt.

Diese dritte Runde der sogenannten “quantitativen Lockerung”, wie auch das Drücken der Zinssätze für kurzläufige Kredite, die seit Ende 2008 bei nahe Null gehalten wurden, hielten die langfristigen Zinssätze in den USA niedrig und machten Barmittel für Banken und Spekulanten praktisch frei verfügbar. Zusätzlich zum Auftrieb der US-Aktienwerte und Anleihekurse und zur Steigerung der Unternehmensgewinne bewirkten diese Zusatzgewinne für die Finanzelite eine wahre Flut von spekulativem Kapital, das in die sogenannten Schwellenländer floss.

So überschwemmten die Banken und Hedgefonds schon seit der Zeit kurz nach dem Wall Street Crash von September 2008, fünf Jahre lang Volkswirtschaften wie Indien, Brasilien, die Türkei und Indonesien mit Billigdollars, weil die höheren Zinsen und das schnellere Wirtschaftswachstum in diesen Ländern riesige Renditen versprachen.

Jetzt jedoch steigen die Zinsen in den USA wieder, denn die FED ist entschlossen, ihre Praxis des Gelddruckens (wie sie auch die Zentralbanken in Großbritannien, Europa und Japan praktizierten) zu reduzieren und letztlich ganz einzustellen. Dies bewirkte eine Umdrehung der Kapitalströme. Fast über Nacht versiegte der Geldstrom in die Schwellenländer, die nun mit einer massiven Kapitalflucht zurück in die USA konfrontiert sind.

Einige Zahlen geben einen Hinweis auf den Umfang des finanziellen Schocks, der diese Volkswirtschaften trifft. Laut Société Générale verzeichneten die Schwellenländer in den letzten drei Monaten bis zum 21. August Anleihen- und Aktienfonds-Abflüsse von zwanzig Milliarden bzw. 26,5 Milliarden Dollar.

Anleger entzogen den Aktien- und Rentenfonds der Schwellenländer im Juni eine Rekordsumme von siebenunddreißig Milliarden Dollar. In der Woche, die am 21. August endete, wurden 1,76 Milliarden aus den Aktienmärkten der Schwellenländer abgezogen - mehr als die doppelte Menge wie in der Woche davor.

Dreizehn Wochen lang haben die Fonds Anleihen aus den Schwellenländern abgestoßen. In der Woche zum 21. August wurden weitere 1,3 Milliarden abgezogen, fast eine halbe Milliarde mehr als in der Vorwoche.

Der MSCI Emerging Market Index fiel in diesem Jahr um mehr als zehn Prozent, während der Welt-Index, der die Aktienmärkte aller entwickelten Länder abbildet, um zehn Prozent stieg. Die zehn größten Schwellenländer haben in diesem Jahr allesamt Geld verloren.

Viele Zentralbanken haben versucht, den Währungsverfall rückgängig zu machen oder zumindest ihn zu verlangsamen, indem sie mit Devisenreserven auf den Märkten intervenierten. Die Zentralbanken in der sogenannten Dritten Welt verloren seit Anfang Mai durch Kapitalabfluss und Devisenmarktinterventionen 81 Milliarden Dollar ihrer Notstandsreserven.

Die Türkei hat seit Mai rund fünfzehn Prozent ihrer Reserven ausgegeben. Indonesiens Reserven sind um sechsundzwanzig Prozent ihres Spitzenwertes von 2013 gefallen. Kapitalflucht und Währungseinbrüche treiben diese Volkswirtschaften auf jede Art und Weise ins Chaos. Sie schüren die Inflation, die in Indien schon bei zehn Prozent liegt. Sie erhöhen die Kosten für Importe, einschließlich lebenswichtiger Ressourcen wie Öl. Und sie erhöhen die tatsächlichen Kosten für die Zahlung der Schulden in Dollar und anderen Fremdwährungen.

In vielen dieser Länder zogen Banken und Konzerne Vorteile aus den relativ hohen Wechselkursen ihrer Währungen, um unter Bedingungen, in denen die FED-Politik den Dollar verbilligte, auf Dollar lautende Schulden zu übernehmen. Jetzt wird es schwieriger für sie, den Zahlungsverpflichtungen aus ihren Schulden nachzukommen, weil es viel mehr kostet, Dollar mit ihren nationalen Währungen zu aufzukaufen.

Die Krise ist besonders stark in Ländern, die hohe Leistungsbilanzdefizite aufgebaut haben und das einströmende heiße Geld nutzten, um ihre Schulden zu decken. Jetzt stehen sie vor einer drohenden Insolvenz. Indien ist ein solches Land. Es hat ein riesiges Leistungsbilanzdefizit und eine hohe Staatsverschuldung. Schon spricht man davon, dass Indien ein Rettungspaket beim Internationalen Währungsfonds beantragen könnte.

Andere Länder, die sich in dieser misslichen Lage befinden, sind Brasilien, die Türkei, Südafrika und Indonesien. Von dem Letzteren hieß es kürzlich, sein Leistungsbilanzdefizit im zweiten Quartal dieses Jahres sei stark angewachsen.

Grund für die finanziellen Probleme der Schwellenländer ist die Tatsache, dass es in den USA, Europa oder Japan keine echte Erholung der Realwirtschaft gibt, und dass die globale Wirtschaft sich im Gegenteil weiter verschlechtert. Die massive Infusion billigen Geldes durch die Zentralbanken der USA, Europas und Japans in die Finanzmärkte war selbst der Versuch, Leben in eine Weltwirtschaft zu pumpen, die beinahe zum Erliegen gekommen war.

Aber während die Unternehmensgewinne und die Vermögen der Reichen und Superreichen subventioniert werden, wird gegen die Massenarbeitslosigkeit, den sinkenden Lebensstandard und die wachsende Armut praktisch nichts unternommen. Im Gegenteil, die herrschenden Klassen und die Regierungen der USA, Europas und Japans verbinden die riesigen Handouts an die Banken alle mit Sparmaßnahmen für die Masse der arbeitenden Bevölkerung. Ihr Gerede von Wachstumsförderung und Schaffung von Arbeitsplätzen ist immer mit sogenannten “Strukturreformen” verbunden. Dies aber ist ein Euphemismus für die Zerstörung jeder Form wirtschaftlicher Sicherheit für die Arbeiter, für Lohnsenkung, Prekarisierung von Arbeit, Privatisierung und Wirtschaftsderegulierung.

Mit der finanziellen Verschlechterung der Schwellenländer geht eine deutliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums einher. Brasilien, dessen Bruttoinlandsprodukt um 7,5 Prozent im Jahr 2010 wuchs, erfuhr einen BIP-Anstieg um lediglich ein Prozent im Jahr 2012. Indien, dessen jährliches Wachstum zwischen 2006 und 2011 im Durchschnitt acht Prozent betrug, wird voraussichtlich nur um fünf Prozent im nächsten Jahr wachsen.

Aber die gravierende Verlangsamung in diesen und anderen aufstrebenden Volkswirtschaften, zum Beispiel in China, ist selbst ein Ergebnis des fortgesetzten Wirtschaftseinbruchs in den USA, Europa und Japan. Die US-Wirtschaft wächst kaum, Europa versinkt in der Rezession und Japan kämpft darum, ein deutliches Wachstum zu erreichen, obwohl es eine radikale und sehr riskante Politik des monetären Stimulus und der Yen Abwertung eingeschlagen hat.

Unter diesen Bedingungen kann der Export- und Rohstoff-Boom, der die realen Volkswirtschaften Brasiliens, Indiens, der Türkei getragen hat, nur zusammenbrechen. Dies ist, der Citigroup zufolge, der Grund dafür, dass sich die Leistungsbilanz der aufstrebenden Volkswirtschaften (ohne China und die Golfstaaten) von einem Überschuss von 2,3 Prozent im Jahr 2006 hin zu einem Defizit von 0,8 Prozent in diesem Jahr umgedreht hat.

IWF-Chefin Christine Lagarde, die am Dienstag auf der FED-Konferenz von Jackson Hole sprach, erwähnte das Thema der wachsenden Krise in den Schwellenländern und sagte: “Die Entwicklung in diesem Sommer hat gezeigt, dass wir uns in einer gefährlichen neuen Phase befinden. Die Eckpunkte sind klar: Wir riskieren ein Entgleisen der fragilen Erholung.”

Außer einer Fortsetzung der “Haushaltskonsolidierung” und “Strukturreformen” hatte Lagarde keinen konkreten Aktionsplan anzubieten. Sie versuchte, die Märkte durch das Versprechen zu beruhigen, der IWF sei bereit, “seine materielle Unterstützung anzubieten, wo immer sie benötigt und relevant wird”.

Die herrschenden Klassen, für die Lagarde spricht, haben in Wirklichkeit keinen Ausweg aus der Krise, die nach fünf Jahren deutlicher als je zuvor als Systemkrise des Weltkapitalismus hervortritt.