NATO-Truppenabzug aus Afghanistan schürt Ängste des Kremls vor Konflikt mit den USA

Von Clara Weiss
10. September 2013

Der Kreml befürchtet, der beginnende Truppenabzug der NATO aus Afghanistan könnte der Auftakt zu einer schärferen Konfrontation der USA und ihrer islamistischen Verbündeten mit Moskau in Zentralasien sein.

Die USA haben zurzeit 68.000 Soldaten in Afghanistan stationiert, die ab 2014 abgezogen werden sollen. Sie planen zwar eine andauernde Präsenz mit mindestens neun permanenten Militärbasen in Afghanistan, aber der Truppenabzug ist Teil einer umfassenden Veränderung der amerikanischen Außenpolitik. Die USA planen im Bündnis mit Al-Qaida-nahen terroristischen Milizen einen Krieg gegen Russlands Verbündeten, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, und bereiten damit einen Konflikt mit Russland und China vor.

Washingtons verstärkte Zusammenarbeit mit islamistischen Terror-Gruppen unterstreicht, dass hinter dem angeblichen „Krieg gegen den Terror“ geostrategische Interessen stehen, die sich auch in der Afghanistan-Politik widerspiegeln. Zusammen mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai führt Washington Verhandlungen mit den Taliban, um den Truppenabzug aus Afghanistan vorzubereiten.

Der russische Vize-Verteidigungsminister Anatolij Antonow hat vor kurzem erklärt, dass der NATO-Truppenabzug aus Afghanistan „zu übereilt” sei. Moskau bemühe sich, seine Kontingente in den ex-Sowjetrepubliken Tadschikistan und Kirgisistan vor dem Truppenabzug zu erhöhen.

Der Chef des russischen Militärgeheimdienstes, Igor Sergun, beschrieb die Situation in Afghanistan als „ernsthafter Herausforderung für die internationale Stabilität“.

Der Kreml und die herrschenden Oligarchien in den zentralasiatischen Republiken Kirgisistan, Usbekistan und Tadschikistan haben die blutige NATO-Besetzung von Afghanistan unterstützt.

Russland unterhält auch enge Verbindungen zu den War Lords der Nord-Allianz, die dem von den USA installierten Karzai-Regime im Inland den Rücken stärkt. Der Kreml leistet wichtige logistische Unterstützung für die NATO-Besatzungstruppen und hat das Karzai-Regime seit 2010 finanziell gestützt und mit Waffen versorgt.

Neben mehreren osteuropäischen und kaukasischen Ländern sind Russland, Kirgisistan und Tadschikistan Teil des Northern Distribution Networks, das NATO-Truppen in Afghanistan versorgt. Usbekistan hat der NATO seinen Luftraum zur Verfügung gestellt.

Die russische Unterstützung für die NATO-Besetzung Afghanistans war einer der Hauptelemente der so genannten „reset”-Politik Washingtons mit dem Kreml, die auf eine Stabilisierung der amerikanisch-russischen Beziehungen nach dem georgischen Krieg von 2008 abzielte. Doch der amerikanische Truppenabzug aus Afghanistan und der Krieg in Syrien haben die Grundlage für den reaktionären Deal des Kremls mit dem US-Imperialismus in Zentralasien untergraben, der auf der Unterstützung für die neokoloniale Versklavung der afghanischen Bevölkerung beruhte.

Die aggressive Politik des US-Imperialismus in Zentralasien bedroht grundlegende strategische Interessen des Kremls. Wladimir Scharichin, der Vize-Direktor des Russischen Instituts für die GUS, erklärte gegenüber der regierungsnahen Zeitung Vzglyad: „Unsere Außengrenzen sind im Wesentlichen die Grenzen der zentralasiatischen Staaten. Mit anderen Worten, wir werden diese Länder verteidigen – wir haben im Grunde keine andere Wahl.“

Russland unterhält in Zentralasien mit der 201. Armeedivision in Tadschikistan seine größte ausländische Militärbasis. Insgesamt sind dort rund 7.000 russische Soldaten stationiert. Weitere 700 Soldaten stehen in Kirgisistan, wo Russland auch die Kant-Luftwaffenbasis nahe der Hauptstadt Bischkek unterhält. Beide Militärbasen werden vom Kreml als wichtige Bollwerke zur Verteidigung seiner Interessen in Zentralasien angesehen.

Die US-Politik bedroht jedoch nicht nur die russischen Interessen im angrenzenden Zentralasien, sondern auch Russlands eigene territoriale Integrität. Russland hat eine große muslimische Bevölkerung von über 16 Millionen Menschen, die im an den Kaukasus und Zentralasien grenzenden Süden des Landes konzentriert ist. Die muslimische Bevölkerung wird sowohl von der allgemeinen sozialen Katastrophe seit dem Zusammenbruch der UdSSR als auch von der chauvinistischen, anti-muslimischen Politik des Kremls unterdrückt. Seit der Auflösung der Sowjetunion und der Restauration des Kapitalismus 1991 hat der Kreml zwei blutige Kriege im weitgehend muslimischen Nordkaukasus geführt, die Zehntausende Menschen das Leben kosteten.

Die weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem Kreml unter russischen Muslimen hat es islamistischen Gruppen, die mit Al-Qaida, Saudi Arabien und den USA verbunden sind, ermöglicht, im Nord Kaukasus aktiv zu werden. Diese Gruppen haben den US-Krieg gegen Syrien unterstützt. Mehrere islamistische Kämpfer aus dem nordkaukasischen Tschetschenien haben sich den von den USA unterstützten Oppositionsgruppen in Syrien angeschlossen, die gegen das Assad-Regime kämpfen.

Vor diesem Hintergrund verstärkt der Kreml seine militärischen Stellungen in Zentralasien. Der russische Präsident Wladimir Putin und sein tadschikischer Amtskollege haben sich Anfang August darauf geeinigt, die Auslauffrist der 201. Militärbasis, die 2004 eröffnet wurde, bis 2042 zu verlängern. Außerdem wird der Kreml die tadschikische Armee finanziell mit $200 Mio. unterstützen. Kirgisistan soll $1 Mrd. US-Dollar zur Aufrüstung seiner Armee erhalten.

Russische Kommentatoren zeigten sich besorgt, ob die derzeitigen Militärbasen ausreichen, um Russlands Grenzen im Falle eines größeren Krieges zu schützen.

Insbesondere die tadschikisch-afghanische Grenze ist für den Kreml von Bedeutung. Tadschikistan, das eine Bevölkerung von rund 8 Mio. Menschen hat und ehemals Teil der Sowjetunion war, hat im Süden eine 1.200-Kilometer lange Grenze mit Afghanistan. Die Tadschiken, die ethnisch gesehen persischer Herkunft und die dominierende Volksgruppe in Tadschikistan sind, machen auch rund ein Viertel (27 Prozent) der afghanischen Bevölkerung aus.

Von 1992 bis 1997 wurde Tadschikistan von einem blutigen Bürgerkrieg verwüstet, dem bis zu 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Hunderttausende flohen damals nach Afghanistan. Trotz der Waffenruhe, die 1997 mit Unterstützung des Kremls zwischen der tadschikischen Regierung und der demokratisch-islamistischen Opposition geschlossen wurde, sind die politischen und ethnischen Spannungen in dem Land seitdem akut geblieben.

Die Regierungen in Tadschikistan und Usbekistan kämpfen seit langem gegen die Islamistische Bewegung von Usbekstian (IBU), die von den Taliban unterstützt wird und gemeinsam mit ihnen in Afghanistan gegen die US-Besatzung gekämpft hat. Nach schweren Verlusten im afghanischen Krieg sind die Aktivitäten der IBU vorwiegend auf den Süden Tadschikistans begrenzt gewesen. Allerdings gibt es auch Berichte über die Präsenz der IBU in anderen zentralasiatischen Staaten.

Die tadschikische Regierung warnte vor kurzem vor dem wachsenden Einfluss der IBU in der Region Berg-Badachschan im Süden des Landes. Modest Kolerow, ein bekannter, regierungsnaher Journalist und Historiker, warnte in Vzglyad, dass es zurzeit keine Aussichten auf eine stabile Grenze zwischen Afghanistan und Tadschikistan gebe.