Faschistische Untertöne

Bild hetzt für Krieg gegen Syrien

Von Peter Schwarz
14. September 2013

Deutsche Medien von der grünen taz über die sozialliberale Zeit bis hin zur konservativen Welt reagieren mit unverhohlener Wut und Enttäuschung auf die Verschiebung eines US-Militärschlags gegen Syrien, wie wir vor zwei Tagen im Artikel Schaum vor dem Mund aufgezeigt haben. Nun hat sie die Bild-Zeitung alle übertroffen. Das Boulevard-Blatt aus dem Springer-Verlag schlägt unverkennbar faschistische Untertöne an, wenn es den US-Präsidenten wegen seiner angeblichen Ohnmacht und Untätigkeit in Syrien geißelt.

Franz Josef Wagner, seit 2001 offizieller „Chefkolumnist im Hause Axel Springer“, beschimpft Barack Obama als „Weichei“, weil er noch keine Bomben auf Syrien geworfen hat. Nach einem Hinweis auf „Gas-tote Kinder“ schreibt er in seiner täglichen Bild-Kolumne Post von Wagner: „Sie sind der mächtigste Mann der Welt. Warum machen Sie nicht ruckzuck alldem ein Ende? Ein Knopfdruck. Drohnen. Der mächtigste Mann der Welt könnte das Böse auslöschen.“ (Hervorhebung im Original)

Wagner appelliert offen an rassistische Vorurteile, um Obama als „Weichei“ darzustellen,. „Sie sind auf Hawaii geboren. Mutter ein Hippie. Vater ein Schwarzer“, schreibt er. Amerika sei „die Polizei der Welt“, doch Obama sei „ein schwacher Polizist“. „Sein Problem ist, dass er nicht den Baseballschläger rausnimmt.“

Der Hinweis auf den Baseballschläger ist ein Appell an Neonazis, die sich mit Vorliebe dieses Instruments bedienen, wenn sie Immigranten und politische Feinde jagen und verprügeln. Auch in Quentin Tarantinos abstoßendem Film Inglourious Basterds erfüllt der Baseballschläger diesen Zweck. In einer der brutalsten Szenen schlägt ein Rächer einem Nazi mit einem Baseballschläger den Schädel ein.

Franz Josef Wagner ist für seine ausfälligen Kommentare bekannt. Vor zehn Jahren, an seinem 60. Geburtstag, schrieb die taz: „Er gilt als cholerisch, viril, impulsiv, reaktionär, hysterisch, zynisch, chaotisch, mithin unerträglich.“ Dennoch wäre es falsch, die faschistischen Ausfälle im auflagenstärksten deutschen Boulevardblatt lediglich als persönliche Marotte Wagners abzutun.

Bild bemüht sich zwar gezielt, Rückständigkeit zu schüren und auf dem niedrigsten intellektuellen Niveau zu schreiben. Doch die Redakteure und Verlagsleiter wissen sehr genau, was sie tun. Springer-Chef Matthias Döpfner ist ein gebildeter Mann. Er hat Musikwissenschaft, Germanistik und Theaterwissenschaften studiert, promoviert und einen Doktortitel erworben. Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann hat ein Studium der Geschichte, Germanistik und Politik zwar abgebrochen, verfügt dafür aber über umso bessere Drähte in die Politik. So hat er maßgeblich bei der Abfassung der Memoiren von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) mitgewirkt.

Der Springer-Verlag und seine Blätter pflegen enge Beziehungen in die Chefetagen von Wirtschaft und Politik. Auf ihren Empfängen zeigt sich stets die Crème de la crème aus Regierung, Parteien und Wirtschaft. Spätestens seit dem Rücktritt von Ex-Bundespräsident Christian Wulff, der sowohl seinen politischen Aufstieg als auch seinen abrupten Fall maßgeblich Bild-Chef Kai Dieckmann verdankte, weiß man, dass sich Bild in Berlin auch als Königsmacher betätigen kann.

Wenn das Blatt nun mit faschistischen Klischees zum Krieg in Syrien hetzt, muss dies ernst genommen werden. Bereits während der Studentenproteste 1968 hatte Bild eine Pogromstimmung geschürt, die direkt zum Mordanschlag auf Studentenführer Rudi Dutschke führte. „Enteignet Springer“ lautete danach eine der zentralen Forderungen der Studentenbewegung.

Heute haben die meisten 68er ihren Frieden mit Bild gemacht. Die Grünen, die Erben der Studentenbewegung, werben selbst intensiv für ein imperialistisches Eingreifen in Syrien. Wenn Bild dennoch wieder eine Pogromstimmung schürt, bereitet sie sich damit auf eine mächtige Anti-Kriegsbewegung von unten vor, die noch keinen bewussten politischen Ausdruck gefunden hat. Sie reagiert auf die scharfen Spannungen in einer tief gespaltenen Gesellschaft, die sich früher oder später in heftigen Klassenkämpfen äußern müssen.

Selbst US-Präsident Obama, der seit Wochen intensiv für einen Militärschlag gegen Syrien wirbt und im östlichen Mittelmeer eine gigantische Kriegsflotte zusammengezogen hat, gilt ihr da als „Weichei“. „Ein Knopfdruck, Drohnen“, „ruckzuck auslöschen“ und „nehmt den Baseballschläger raus“ sind die Reflexe, mit denen Bild und die hinter ihr stehende herrschende Klasse auf die wachsenden sozialen Spannungen reagieren.