VW eröffnet Werk in chinesischer Unruheprovinz Xinjiang

Von Philipp Frisch
14. September 2013

Der deutsche Autobauer VW eröffnete Anfang September sein neues Werk in Urumqi, der Hauptstadt der Provinz Xinjiang in Chinas Nordwesten. Es ist die erste Autofabrik überhaupt in einer Region, die von Steppen- und Wüstenklima geprägt ist.

Hier soll in Kürze das VW-Mittelklassemodell „New Santana“ für den chinesischen Markt vom Band rollen. Da das Werk noch auf die Fertigstellung des Presswerks und der Lackiererei wartet, müssen einige Teile zunächst aus dem knapp 4.000 km entfernten Shanghai angeliefert werden, bis es voll funktionsfähig ist.

Insgesamt baut VW in China derzeit sieben neue Autowerke, die bis 2015 eröffnet werden sollen. Vier davon werden komplette Autos fertigen. Der chinesische Absatzmarkt ist für viele westliche Autobauer der wichtigste, da sich ihre Aussichten in Europa und Amerika durch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und die Spardiktate der Europäischen Union verschlechtern.

Anfang dieser Woche gab VW bekannt, dass auf dem europäischen Markt seit Beginn des Jahres 6,7 Prozent weniger Autos verkauft wurden als im selben Vorjahreszeitraum. In Südamerika ging der Absatz um 14,6 Prozent und in den USA um 1,3 Prozent zurück, während er in China um 18,4 Prozent anstieg.

Äußerungen von VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch in der Börsen-Zeitung unterstreichen diese Entwicklung. Da das Unternehmen davon ausgehe, dass in Westeuropa so wenig Autos verkauft würden wie zuletzt 1993, müsse man „den Gürtel auf der Kostenseite enger“ schnallen. Bei internen Abläufen werde der Rotstift angesetzt. Dies kann nur bedeuten, dass den Beschäftigten des größten europäischen Autobauers Entlassungen und eine drastische Verschlechterung der Arbeitsbedingungen bevorstehen.

Ihre Verluste in Europa und auf anderen Märkten versuchen europäische und amerikanische Autobauer in China auszugleichen. Fiat und Chrysler stehen offenbar kurz vor einer Einigung mit dem chinesischen Hersteller Guangzhou Automobile, Jeep-Geländewagen in China zu produzieren. Der Absatz soll von 700.000 Autos im Jahr 2012 auf 1 Million im Jahr 2014 gesteigert werden.

VW ringt mit General Motors um die Führung beim Absatz in China mit jeweils über 20 Prozent Marktanteil. Insgesamt wollen die zehn größten Autohersteller ihre Produktion von 18 Millionen Autos im Jahr 2012 auf 35 Millionen im Jahr 2015 steigern. In China bahnt sich damit eine weitere Verschärfung des brutalen Kampfs um Marktanteile an.

Die Steigerung der Produktion von Neuwagen, mit denen China in den vergangenen Jahren überflutet wurde, führt nun dazu, dass die Nachfrage in den Städten im so genannten „Wohlstandsgürtel“ an der Küste zurückgeht. Diese Entwicklung wird sich mit der rasanten Ausweitung der Produktion bis 2015 noch deutlich verschärfen.

Ein weiterer Dorn im Auge der Auto-Konzerne ist das Lohnniveau, das in den Küstengebieten höher als in den Provinzen in Zentral- und Westchina ist. Die Mindestlöhne, die in China von den lokalen Regierungen festgelegt werden, orientieren sich am jeweiligen Lebensstandard. In Xinjiang liegen die monatlichen Mindestlöhne in weiten Teilen der Provinz zwischen 1.160 und 1.320 Yuan (142 bis 162 Euro) und damit deutlich unter dem Niveau von 1.620 Yuan (198 Euro) in Shanghai.

Die Eröffnung des neuen VW-Werks in Urumqi steht in diesem Zusammenhang. Sie ist Teil der VW-Strategie, sich zukünftig stärker an der Ausbeutung der Arbeiter von Zentral- und Westchina zu beteiligen. Auf der Suche nach billigeren Arbeitskräften und Märkten, die noch nicht erschöpft sind, zieht es VW und andere Automarken in China zunehmend in Gebiete mit geringerem Lebensstandard und niedrigeren Löhnen.

Das Vorgehen von VW steht dabei im Einklang mit der Politik der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), die westliche Industriekonzerne unter der Losung „Go West!“ schon lange dazu ermuntert, stärker im Westen des Landes zu investieren. So werden beispielsweise Kosten für Transport und Logistik von der örtlichen Regierung übernommen.

In der Provinz Xinjiang kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Unruhen zwischen Uiguren und Han-Chinesen. Die gewaltige Mehrheit der Uiguren, einem Turkvolk, lebt in bitterster Armut. In der über 2 Millionen Einwohner zählenden Provinzhauptstadt Urumqi leben knapp 300.000 Uiguren als Bürger zweiter Klasse mehrheitlich in verarmten Stadtteilen.

Unter der Bevölkerungsgruppe der Han-Chinesen, die in Urumqi drei Viertel der Einwohner stellen, befinden sich die Profiteure der kapitalistischen Politik der chinesischen Regierung. Die KPCh heizt in der Provinz gezielt nationalistische Stimmungen an, um von den sozialen Ursachen der Armut abzulenken. Von der chinesischen Regierung werden die Uiguren immer wieder als wütender Mob dargestellt, der über die Han herfällt.

Auch viele uigurische Arbeiter sollen künftig in dem VW-Werk arbeiten. Dies hat allerdings nichts mit der von einem VW-Sprecher beschworenen „Aufbauarbeit“ zu tun, die man dort mit der Integration der uigurischen Arbeiter leisten wolle. Vielmehr wird die Armut der Uiguren benutzt, um diese Arbeiter als Druckmittel gegen die restliche Belegschaft einzusetzen. Dies wird insbesondere dann geschehen, wenn sich die Lage in den restlichen Autowerken weiter zuspitzt.

Schon jetzt warnen Branchenanalysten wie Bill Russo, Direktor der Pekinger Unternehmensberatung Synergistics und ehemaliger Chrysler-Manager, vor „hohen Überkapazitäten“ und „erheblichem Margendruck“ in der chinesischen Autoindustrie aufgrund der relativ schwachen zu erwartenden wirtschaftlichen Entwicklung.

Der IWF prognostiziert für die chinesische Wirtschaft nur ein Wachstum von 7,75 Prozent in diesem Jahr, die geringste Erwartung seit 1990. Nächstes Jahr geht er von einer ähnlichen Wachstumsrate aus. Dies ist weniger als der traditionelle Orientierungswert von acht Prozent, der von der chinesischen Regierung als notwendig erachtet wird, um die Arbeitslosigkeit unter Kontrolle zu halten. Die Berater von McKinsey & Co erwarten, dass bis 2020 die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate in China nicht über diese 8 Prozent steigt. In den Jahren 2005 bis 2011 lag die Rate noch bei 14 Prozent.

In Deutschland werden daher Befürchtungen über eine wachsende Abhängigkeit des VW-Konzerns vom chinesischen Markt laut. Diese Sorgen teilt Finanzvorstand Pötsch nicht. „China ist ein wichtiger Markt für uns, und wir sind dort sehr gut unterwegs.“ Aber man habe sich von einer einzelnen Region in den letzten Jahren nicht zu abhängig gemacht.

Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sieht das anders. Es sei bereits dann mit hohen Risiken zu rechnen, wenn 25 Prozent der weltweiten Gesamtverkäufe in China abgesetzt würden. Schon jetzt verkauft VW 40 Prozent seiner Autos in China. Dudenhöffers Institut CAR (Center Automotive Research) rechnet bis 2020 mit einer Steigerung auf 50 Prozent. Er selbst beschreibt die Lage so: „Wenn China hustet, hat VW eine Lungenentzündung.“