New York Times über Syrien:

Jede Propaganda, die es wert ist …

Von Bill Van Auken
19. September 2013

Die New York Times schrieb am Dienstag auf der Titelseite, dass ein Bericht der Vereinten Nationen vom Vortag über den Chemiewaffenangriff vom 21. August in einem Vorort von Damaskus die syrische Regierung „stark belastet“.

In Wirklichkeit war davon in dem Bericht nicht die Rede. Die Überschrift des Artikel, „UN wirft Syrien Einsatz von Chemiewaffen vor“, ist eine zynische Fälschung, die darauf abzielt, die Bedürfnisse der US-Regierung nach Kriegspropaganda zu erfüllen.

Die UN-Inspektoren schrieben zwar von „klaren und überzeugenden Beweisen“, dass Boden-Boden-Raketen mit Sarin-Gas bei dem Angriff zum Einsatz gekommen seien. Allein der Bericht äußerte sich nicht dazu, ob diese Raketen von Regierungstruppen oder von den „Rebellen“ verschossen worden seien. Die „Rebellen“ werden von Washington und seinen Verbündeten unterstützt und von Al Qaida geleitet. Im Report heißt es: „Die Schlussfolgerung lautet: Im anhaltenden Konflikt zwischen den Parteien in der Arabischen Syrischen Republik wurden Chemiewaffen eingesetzt.“

Diese Inspektoren waren von der Regierung von Präsident Baschar al-Assad nach Syrien eingeladen worden. Sie sollten drei Schauplätze von angeblichen Chemiewaffenangriffen untersuchen, die das Assad-Regime den islamistischen regierungsfeindlichen Milizen anlastet. Bei einem dieser Angriffe, am 19. März auf das Dorf Khan al Assal vor Aleppo, waren die Mehrheit der Todesopfer Regierungssoldaten.

Weder die Times, noch sonst jemand, der dem Assad-Regime die Verantwortung für den Angriff vom 21. August zuweist, hat bisher irgendeine Erklärung angeboten, warum das Regime dies genau an dem Tag tun sollte, an dem die Waffeninspektoren, die es selbst nach Syrien eingeladen hatte, ihre Arbeit aufnahmen, und warum ausgerechnet an einem Ort, der nur fünfzehn Minuten Fußmarsch von ihnen entfernt war. Das Motiv der „Rebellen“, einen solchen Angriff zu inszenieren und ihn der Regierung anzulasten, ist hingegen offensichtlich: damit hätten sie eine Militärintervention des Westen provozieren können, um Unterstützung bei ihrem stagnierenden Aufstand zu bekommen.

Der Times-Artikel hält sich nicht mit solchen Fragen auf. Stattdessen legt er die Ergebnisse des Berichtes so aus, dass nur die Regierung dafür verantwortlich sein kann. Dies auf der einzigen Grundlage, dass von den „Rebellen“ angeblich nicht bekannt sei, dass sie „solche Waffen besitzen“. Ein Zitat der amerikanischen UN-Botschafterin Samantha Powers geht in die gleiche Richtung. Sie behauptet, es gäbe „keine Beweise, dass die Opposition Sarin besitzt“.

Tatsächlich gibt es genug Beweise, dass die Rebellen sowohl Sarin, als auch die Mittel besitzen, es mit Artillerie und Boden-Boden-Raketen einzusetzen. Wie Carla Del Ponte, ehemalige Chefanklägerin bei UN-Kriegsverbrechertribunalen und ein ranghohes Mitglied der UN-Kommission, welche Menschenrechtsverletzungen in Syrien untersucht, im letzten Mai bekanntgab, deuten die Ermittlungen des Ausschusses darauf hin, dass „die Opposition, die Rebellen, Nervengas eingesetzt hat, und wir haben keine Hinweise darauf, dass die syrische Regierung Chemiewaffen eingesetzt hat“.

In der Türkei erhoben Staatsanwälte letzte Woche Anklage gegen ein syrisches Mitglied der mit Al Qaida verbündeten Al Nusra-Front und fünf türkische Komplizen. Ihnen wird vorgeworfen, versucht zu haben, die chemischen Komponenten für die Herstellung von Sarin-Gas aufzutreiben. Die sogenannten „Rebellen“ haben Videos ins Internet gestellt, auf denen sie Kaninchen mit Gas töten und sich damit brüsten, dass sie solche Waffen haben und bereits sind, sie zu benutzen.

Letzte Woche sagten außerdem der belgische Lehrer Pierre Piccinin und der italienische Journalist Domenico Quirico aus, die von Islamisten und der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) fünf Monate als Geiseln gehalten wurden. Beide erklärten, sie hätten während ihrer Gefangenschaft eine Skype-Unterhaltung zwischen zwei FSA-Kommandanten gehört, die darüber sprachen, dass die „Rebellen“ für den Angriff verantwortlich seien.

Quirico, ein Kriegsberichterstatter für die italienische Tageszeitung La Stampa, erklärte: „In dieser Unterhaltung behaupteten sie, der Gasangriff auf zwei Viertel von Damaskus sei von Rebellen als Provokation verübt worden, um den Westen zu einer Militärintervention zu veranlassen.“

Was die Mittel für einen solchen Angriff angeht, so meldete die Nachrichtenagentur Reuters letzten Monat: „Die Freie Syrische Armee – wie auch die mit Al Qaida verbündete Al Nusra-Front und andere Gruppen – setzt zunehmend eroberte schwere Artillerie ein, unter anderem Boden-Boden-Raketen vom Typ Grad (...).“

Natürlich findet nichts davon seinen Weg in die Berichterstattung der Times. Ihr Motto: „Jede Nachrichten, die es wert ist, gedruckt zu werden“, sollte geändert werden in: „Jede Nachricht, die der Regierungspropaganda entspricht“…

Der Artikel, der die Ergebnisse der UN-Inspektoren verzerrt, entspricht dem Rest der Berichterstattung über syrische Chemiewaffen. Sie greifen die Behauptungen der US-Regierung als Tatsachen auf und ignorieren alle konträren Beweise. Diese Linie teilt auch C.J. Chivers, ein hochrangiger Autor der New York Times, der bei dieser Zeitung einen kometenhaften Aufstieg erlebt hat, seit er 1999 als Polizeireporter angefangen hatte.

Chivers, ein Captain der US-Marines und Absolvent der Army Ranger School, war im ersten Golfkrieg und während der Rassenunruhen in Los Angeles 1992 an „Friedenssicherungs“-Maßnahmen beteiligt. In einem Interview mit Mediabistro.com im Jahr 2005 sprach Chivers davon, er teile mit dem Militär „ein gemeinsames Denken, eine Reihe von gemeinsamen Erinnerungen und Idealen“. Er sagte, in seiner Karriere als Journalist habe ihm dieses Denken „immens“ geholfen, auch als er an den Interventionen im Irak, in Afghanistan, Libyen und Syrien beteiligt war. Auch in Russland, wo er als Chef der Moskauer Büros über die Kämpfe in Tschetschenien, das Massaker an einer Schule in Beslan und das Massaker von Andijan in Usbekistan berichtete.

Diese gemeinsamen „Ideale“ führen zweifellos zu intimen Beziehungen mit dem amerikanischen Militär- und Geheimdienstkomplex, sind aber wohl einer kritischen Einstellung zu Washingtons Kriegspropaganda kaum förderlich.

Ähnliche „gemeinsame Ideale“ gab es auch zwischen der ehemaligen Times-Korrespondentin Judith Miller und dem amerikanischen Militär und den Geheimdiensten. Sie trugen zu der unverzichtbaren Rolle der Zeitung bei der Verbreitung der Lügen über Massenvernichtungswaffen bei, mit denen die amerikanische Bevölkerung in einen Angriffskrieg gegen den Irak gezogen wurde.

Einige dieser Kolumnisten – so auch der ehemalige Redakteur und ehemalige Chef des Moskauer Büros Bill Keller –, die den Irakkrieg unterstützten, spielen heute im Falle Syriens die gleiche Rolle.

Ein besonders hartgesottener Fall ist Nicholas Kristof. Er drückte seine tiefe Enttäuschung über das Abkommen zwischen den USA und Russland aus, das vorsieht, dass Syrien seine Chemiewaffen zerstört. Dieses Abkommen verzögert die, wie er es darstellt, notwendige „humanitäre Intervention“, – d.h. Raketenangriffe auf Damaskus.

Die Times-Leser, die Kristofs unaufhörliches Mutter Teresa-Getue leid sind, überschütten die Zeitung mit Zuschriften, in denen sie ihren Widerstand gegen Krieg und ihre Abscheu gegenüber der liberalen Kriegspropaganda des Kolumnisten ausdrücken. Kristof musste bereits zugeben, dass er durch seine Unterstützung von Raketenangriffen auf Syrien „offensichtlich viele Leser erzürnt“ habe, und er sah sich gezwungen, eine ganze Kolumne zu schreiben, in der er sich und seine Kriegsforderungen verteidigte, unter anderem indem er versprach, dieser Krieg würde nicht teuer werden.

Er fügte hinzu, es seien ja „Syrer, angeführt von der syrischen Exilregierung, die amerikanische Luftangriffe fordern“. Das ist kaum überraschend. Eine Ansammlung von handverlesenen Kollaborateuren mit den USA, die weit von jedem möglichen Ziel für Raketen entfernt sind, unterstützen eine Militärintervention, durch die sie an die Macht kommen wollen.

Natürlich deutet keiner dieser Reporter und Kolumnisten je an, dass der US-Imperialismus ein anderes Motiv für eine Intervention in Syrien haben könnte als eine humanitäre Einstellung und Abscheu vor Chemiewaffen, oder dass die aktuelle Intervention irgendetwas mit den letzten Kriegen in Afghanistan, dem Irak und Libyen zu tun hat, oder mit den geplanten Kriegen gegen den Iran oder Russland.

Die Berichterstattung über Syrien ist nur das klarste und konsequenteste Beispiel dafür, wie die Times die Nachrichten so manipuliert, dass sie den Interessen des herrschenden Establishments der USA dienen.

Das zeigt sich klar im Verhältnis zu den Enthüllungen staatlicher Verbrechen und umfassender Überwachung durch WikiLeaks und Edward Snowden, bei denen die Zeitung Rufmord mit effektiver Zensur verbunden hat.

Am Montag musste die Öffentlichkeitsredakteurin Margaret Sullivan zu einer großen Zahl von Leser-E-Mails Stellung nehmen, die wissen wollten, warum die Zeitung nichts über die geheimen NSA-Dokumente geschrieben habe, die Snowden veröffentlicht hatte und die zeigten, dass die Behörde rohes Datenmaterial, darunter Telefongespräche, E-Mails und andere Online-Kommunikationen von amerikanischen Staatsbürgern an den israelischen Geheimdienst weitergab.

„Meine Freunde, die nie zuvor geglaubt haben, dass Zeitungen die Wahrheit unterdrücken, sind schockiert über die Beweise, die ich ihnen zeige“, schrieb ein Leser.

Sullivan berichtet von einer Diskussion, die sie darüber mit dem Chefredakteur Dean Baquet hatte. Er habe ihr erklärt, die Geschichte sei „nicht wichtig und nicht überraschend“, und die Zeitung müsse über wichtigere Themen berichten, wie über die „Unruhen“ in Syrien.

Mit anderen Worten, die Geschichte über die NSA und Israel passte nicht zu der Propaganda der Times für einen Krieg in Syrien, der eng mit den Interessen Israels verknüpft ist.

Auch nach mehr als zehn Jahren ist der Gestank der journalistischen Verbrechen von Judith Miller und Bill Keller, die die Lügen verbreiteten, mit denen der Irakkrieg gerechtfertigt wurde, noch nicht aus den Büros und Konferenzräumen der New York Times verschwunden. Jetzt werden wegen Syrien neue Verbrechen begangen, und die Zeitung macht sich noch offener und direkter zur Propagandaabteilung der US-Regierung.