Steigende Altersarmut vor allem bei Migranten

Von Sybille Fuchs und Werner Albrecht
24. September 2013

Mehr als 40 Prozent der in Deutschland lebenden Migranten im Rentenalter sind von Altersarmut betroffen. Dies geht aus dem Mikrozensus von 2011 hervor. Danach ist die Altersarmut unter den älteren Ausländern, die meist als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland kamen, mehr als dreimal so hoch wie bei deutschen Rentnern.

Auch die sogenannte Grundsicherung, die Menschen erhalten, deren Rente unter 698 Euro liegt, müssen Migranten sechs Mal so häufig in Anspruch nehmen wie Deutsche. Das Armutsrisiko unter ausländischen Rentnern wird sich in den nächsten Jahren noch erheblich verschärfen, weil die Anzahl der ausländischen Arbeiter und Arbeiterinnen, die das Rentenalter erreichen, ansteigt.

Dies geht aus einer neueren Untersuchung des Sozialexperten Eric Seils vom Wirtschafts-und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung hervor.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Deutsche Unternehmen – vor allem die Großbetriebe an Rhein und Ruhr, Autofabriken, die Stahlwerke von Thyssen und Krupp – hatten in den 1960er und 1970er Jahren meist für einfache, relativ schlecht bezahlte Arbeiten Migranten aus Südeuropa und der Türkei angeworben, die in ihren Heimatländern der bitteren Armut entfliehen wollten. Viele kamen vom Lande und konnten in der Heimat keine Rentenansprüche erwerben. In der jüngeren Vergangenheit wurden sie in Deutschland oft nur als Leiharbeiter bei Zeitarbeitsfirmen zu Minilöhnen beschäftigt.

Bei Absatzkrisen oder Konjunktureinbrüchen wurden sie als erste entlassen. Daher waren sie häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen und von Sozialleistungen abhängig. Die ersten Entlassungswellen gab es schon mit der Wirtschaftskrise Ende der 1960er Jahre. Nicht wenige der heute altersarmen Ausländer konnten aufgrund körperlich schwerer oder extrem gesundheitsgefährdender Arbeit nicht bis zum vollen Renteneintrittsalter arbeiten und müssen daher erhebliche Abschläge in Kauf nehmen.

„Nach einem Leben voller Arbeit droht den ehemaligen Gastarbeitern die Altersarmut“, resümiert Seils.

Im Vergleich zu den Vorjahren ist die Altersarmut unter Migranten in den letzten Jahren gestiegen. Wer schon seit einiger Zeit Rente bezieht, erhält im Durchschnitt 811 Euro, während Neurentner nur noch 623 Euro bekommen. Besonders düster sind die Aussichten für die Renten ausländischer Frauen, da sie meist nur für sehr geringe Löhne gearbeitet haben.

Im Pflegebereich, am Bau, in Schlachthöfen und in der Gastronomie arbeiten heute Hunderttausende Männer und Frauen zu extrem niedrigen Löhnen und können nur sehr wenig in die Rentenversicherung einzahlen, wenn sie überhaupt versichert sind. Ihnen droht voraussichtlich noch größere Armut im Alter als heutigen Rentnern.

Auch Arbeiter mit deutschem Pass sind zunehmend von Altersarmut bedroht. Während die Regierungsparteien und die ihnen hörigen Medien nicht müde werden zu behaupten, den Rentnern gehe es so gut wie nie, ist in den Jahren 2006 bis 2011 die Armutsquote unter Senioren deutlich stärker gestiegen als bei Jüngeren.

Wegen der hohen Arbeitslosigkeit der letzten Jahrzehnte und des massiv angestiegenen Niedriglohnsektors, besonders seit Einführung der Hartz-Gesetze durch die rot-grüne Bundesregierung, ist verbreitete Altersarmut vorprogrammiert. Die durchschnittlichen Rentenansprüche der Neurentner sinken immer weiter unter das Niveau derer, die schon länger im Ruhestand sind.

Das trifft vor allem diejenigen, die durch den industriellen Kahlschlag in den Neuen Bundesländern nach der Wende arbeitslos wurden. Während ältere dort lebende Rentner meist wegen ihrer lückenlosen Erwerbsbiografie eine einigermaßen ausreichendes Ruhegehalt beziehen, mussten sich Jüngere häufig durch lange Zeiten der Arbeitslosigkeit quälen oder über kurzfristige Aushilfejobs oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mühsam über Wasser halten. Die Neurenten in Ostdeutschland sinken daher seit 2000 sehr stark.

Seils geht davon aus, dass sich besonders bei ostdeutschen Männern eine „Wende zur Armut“ abzeichnet.

Stark ansteigen wird die Altersarmut auch, wenn die von der Großen Koalition (CDU/CSU und SPD) 2007 eingeführte Rente mit 67 vollständig greift. Da viele jetzt noch Arbeitende dieses Rentenalter nicht erreichen und vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden, weil sie arbeitslos oder gesundheitlich beeinträchtigt sind, werden ihre Rentenansprüche entsprechend geringer ausfallen. Bereits heute müssen jährlich fast 160.000 Arbeiterinnen und Arbeiter aus gesundheitlichen Gründen ihren Job vor Erreichen des Rentenalters aufgeben.

Die Rezepte, die die Berliner Parteien gegen Altersarmut vorlegen und im Wahlkampf groß propagieren, sind das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben sind. Weder die von der SPD oder von der Linken geforderten gesetzlichen Mindestlöhne von 8,50 oder 10 Euro noch die von Bundesministerin Ursula von der Leyen initiierte Zuschussrente können Altersarmut wirksam bekämpfen.

Während die Mindestlöhne kaum ausreichen werden, die steigenden Lebenshaltungskosten aufzufangen und weitere Einschränkungen bei der Rente schon in der Schublade liegen, wird nur ein winziger Bruchteil die Bedingungen – langjährige Beitragszahlung und private Vorsorge – erfüllen können, die von der Leyen für die Zuschussrente vorsieht.

Abgesehen davon ist einer der Hauptgründe für die steigende Altersarmut die wiederholte Senkung des Rentenniveaus durch mehrere Bundesregierungen. Gerechtfertigt wurde sie mit der demografischen Entwicklung. Angeblich sollen die Rentenversicherungsbeiträge für Jüngere langfristig nicht zu stark ansteigen.

In Wirklichkeit geht es vor allem darum, dass die Unternehmen nicht stärker durch die Rentenbeiträge belastet werden. Das Rentenniveau soll 2030 16 Prozentpunkte unter dem von 2003 liegen. Ein Durchschnittsverdiener, der 45 Jahre lang in die gesetzliche Rentenversicherung einbezahlt hat, wird dann nur noch 43 Prozent seines Monatsgehalts bekommen. Derzeit liegt dieser Wert bei knapp 51 Prozent.

Diese Absenkung geht mit massiver Werbung für die so genannte „private Vorsorge“ einher, einer kapitalgestützten Rentenversicherung, von der vor allem die Versicherungskonzerne profitieren wollen. Angesichts der Finanzkrise sind private Rentenversicherungen stark von Entwertung bedroht. Sie sind nach der Riesterrente eine erneute Umverteilung von Einkommen aus den Taschen der arbeitenden Bevölkerung in die der Versicherungen.

Siehe auch: Verschärfte Altersarmut vorprogrammiert, Bundestag segnet Rentenkürzungen ab