Quantitative Lockerung wird weitergeführt

Entscheidung der Fed weist auf Verschärfung der Finanzkrise

26. September 2013

Vergangene Woche gab die amerikanische Notenbank Federal Reserve bekannt, sie werde noch nicht damit beginnen, den monatlichen Aufkauf von Staatsanleihen in Höhe von 85 Milliarden Dollar langsam zurückzuführen. Diese Entscheidung stellt erneut die Abhängigkeit des globalen Finanzsystems von der Zufuhr ultrabilligen Geldes unter Beweis.

Sie zeigt auch, dass die Krise, die mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vor fünf Jahren ausgebrochen ist, längst nicht gelöst ist, sondern sich weiter verschärft. Die Politik der Fed und anderer Zentralbanken schafft Bedingungen für eine neue Finanzkatastrophe von möglicherweise noch viel größerem Ausmaß als die von 2008-2009.

Wall Street feierte die Entscheidung mit einem Kursfeuerwerk des Dow Jones und des Index S&P 500. In den so genannten „aufsteigenden Märkten“ war ein Seufzer der Erleichterung zu vernehmen. Sie hoffen, dass der Abfluss von Kapital der letzten Monate jetzt nachlassen wird. In Erwartung eines Auslaufens der Billiggeldpolitik stiegen zuletzt die Zinsen in den USA, was zu einem Wertverfall der Währungen von Ländern wie Brasilien, Indien, Indonesien und Südafrika führte.

In anderen Ländern, wie z.B. Australien, setzte die gegenteilige Reaktion ein. Man fürchtete, dass die Währungskurse abnormal hoch blieben und das Wirtschaftswachstum verlangsamen würden, und dass Zinssenkungen der Zentralbank, die diesem Effekt entgegenarbeiten sollten, eine Blase an den Immobilienmärkten bewirken könnten.

Als die Fed ihre Entscheidung bekanntgab, wies sie auf die “angespannten Finanzierungsbedingungen in den letzten Monaten“ hin, die „die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage und des Arbeitsmarkt verzögern könnten”.

Seitdem der Vorsitzende der Fed, Ben Bernanke, im vergangenen Mai das Zurückfahren der Politik des billigen Geldes ins Spiel brachte, sind die Zinsen für US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit von 1,56 Prozent auf fast drei Prozent gestiegen. Diese Staatsanleihen gelten als zentrale Stütze des globalen Finanzsystems.

Die Fed begründet ihre Entscheidung zwar mit der Notwendigkeit, die Arbeitslosigkeit zu senken, aber ihr eigentliches Anliegen ist nicht die Realwirtschaft oder die verschlechterte Lage von Dutzenden Millionen Arbeiterfamilien, sondern die Notwendigkeit, im Interesse der Wirtschafts- und Finanzelite den Preis von Wertpapieren hochzuhalten.

In Finanzkreisen wird weithin anerkannt, dass die Politik der “quantitativen Lockerung” der Fed und anderer Zentralbanken praktisch nichts dazu beigetragen hat, Investitionen, Arbeitsplätze oder Wirtschaftswachstum zu fördern. Sie war im Wesentlichen darauf angelegt, auf Kosten der Bevölkerung Spekulation zu finanzieren.

Der ehemalige Chef der britischen Behörde für Finanzdienstleistungen, Adair Turner, stellte kürzlich fest, dass in Großbritannien nur fünfzehn Prozent der Finanzströme in Investitionsprojekte fließen, während der Rest bestehende wirtschaftliche Interessen, Immobilien und persönlichen Reichtum stützt.

Die Befürchtungen gehen dahin, dass ein Ende der lockeren Geldpolitik oder auch nur eine nennenswerte Einschränkung zum Zusammenbruch aufgeblähter Vermögenswerte führt. Die Financial Times schrieb am Samstag in einem Kommentar: „Ein plötzliches Ende der quantitativen Lockerung könnte die wirtschaftliche Erholung gefährden, insbesondere dann, wenn der Preis der Vermögenswerte so schnellt fällt, dass er eine Welle von Insolvenzen bewirken würde. Selbst wenn ein Ende Schritt für Schritt angekündigt wird, wird automatisch ein schnelleres Ende einsetzen.“

Darauf folgt in dem Kommentar die Warnung, dass die Fed ihre Politik nicht „heimlich“ durchführen könne, und dass das Verhalten der Märkte „gefährlich unberechenbar wird, wenn sie im Unklaren gelassen werden“. Aber eine Zunahme solcher Unsicherheiten ist die direkte Folge der überraschenden Ankündigung der Fed. Sie hatte behauptet, sie setze ihre Politik mit „Vorwarnung“ um, indem sie den Finanzmärkten ihre Absichten kundtue. Aber wenn sie erst ein Zurückschrauben signalisiert, und dann wieder zurückschreckt, schafft sie eine neue Quelle der Unruhe.

Die Windungen der Finanzmärkte sind jedoch nur der unmittelbare Ausdruck einer grundlegenden Transformation der Struktur des globalen Kapitalismus und des Finanzsystems in den letzten dreißig Jahren.

Die globale Unternehmensberatungsfirma Bain & Company machte in einer neueren Studie darauf aufmerksam, dass die Beziehung zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft „einen entscheidenden Wendepunkt“ erreicht habe. Während das Wirtschaftswachstum sich in den letzten Jahrzehnten „deutlich verlangsamt“ habe, habe „das Volumen der globalen Finanzwerte schnell zugenommen“.

Bis 2010 ist das globale Kapital auf 600 Billionen Dollar gestiegen und hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten somit verdoppelt. Finanzwerte betragen heute fast das Zehnfache des Werts der globalen Produktion von Gütern und Dienstleistungen.

Das Wachstum des Finanzkapitals ist noch dramatischer, wenn der Vergleichszeitraum noch weiter nach hinten verschoben wird. In den 1980er Jahren entsprach der Wert der Finanzvermögen etwa der globalen Produktion.

Das globale Finanzsystem nimmt immer mehr die Form einer auf dem Kopf stehenden Pyramide an, weil der Wert des Finanzvermögens im Vergleich zur Realwirtschaft, auf der es letztlich beruht, immer größer wird.

Das hat zu einem grundlegenden Wandel der Funktionsweise des globalen Kapitalismus geführt. Der Bain-Report erklärt die Folgen der Zunahme der Finanzialisierung so: „Selbst die traditionellsten stabilen Unternehmen arbeiten heute nicht viel anders als viele Hedgefonds.“ Spekulation ist mit anderen Worten die vorherrschende Form der Profitakkumulation geworden.

Wie Marx in seiner Analyse der Dynamik der Kapitalakkumulation erklärte, ist ihre Triebkraft im Wesentlichen die Verwandlung von Geld in mehr Geld. Der Produktionsprozess erscheint insoweit nur als „notwendiges Übel im Prozess der Geldvermehrung“. Das erklärt, so Engels, warum alle kapitalistischen Länder periodisch auf die Idee verfallen, die Vermehrung von Geld vom Produktionsprozess unabhängig zu machen.

Was zu Marx’ und Engels Zeiten noch ein “momentaner Anfall” war, ist heute zu einem dauerhaften Charakteristikum der globalen kapitalistischen Wirtschaft geworden.

Die Krise von 2008 war ein erster Ausdruck dieser historischen Veränderung. Aber die seitdem ergriffenen Maßnahmen haben die Widersprüche noch verschärft, die in dem Finanzkollaps zutage traten.

Durch ihr Programm der quantitativen Lockerung hat die Fed den Wert der Papiere in ihren Tresoren von weniger als einer Billion Dollar in 2007 auf mehr als vier Billionen Dollar erhöht. Das entspricht in etwa einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts der USA.

Dieser Aufkauf von Staatspapieren, der in der Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel ist, ist Ausdruck davon, dass die Fed und andere Zentralbanken im Unterschied zu 2008 heute als Kreditgeber letzter Instanz nicht mehr außerhalb der Finanzmärkte stehen, sondern tief in das Wirken der Märkte verstrickt sind. Das bedeutet, dass die nächste Finanzkrise, die sich schon ankündigt, die Zentralbanken mit in den Abgrund reißen wird und damit den völligen Zusammenbruch des Finanzsystems ankündigt.

Die herrschenden Eliten häufen immer größere Reichtümer durch die spekulative Ausplünderung der Wirtschaft an. Aber sie wissen auch, dass eine neue Krise heraufzieht, die scharfe soziale Kämpfe mit sich bringen wird.

Sie bereiten sich darauf vor, indem sie immer autoritärere Herrschaftsformen etablieren. Die Arbeiterklasse muss sich ihrerseits vorbereiten, indem sie den Kampf um die politische Macht auf der Grundlage eines internationalen sozialistischen Programms aufnimmt.

Nick Beams