Die Bedeutung der Kundgebung zur Verteidigung des Detroit Institute of Arts

8. Oktober 2013

Am Freitag fand in Detroit unter dem Banner der trotzkistischen Socialist Equality Party und der International Youth and Students for Social Equality eine Demonstration gegen den Ausverkauf von Kunstwerken des Detroit Institute of Arts statt. Sie war ein wichtiger, historischer Meilenstein auf dem Entwicklungsweg der nationalen und internationalen Arbeiterbewegung.

Zum ersten Mal nahm der Widerstand gegen den Bankrott von Detroit und gegen die Politik des Zwangsverwalters Kevyn Orr eine organisierte politische Form an. Etwa 500 Arbeiter und Jugendliche waren gekommen, um den Angriff auf die Kultur und alle Rechte der Arbeiterklasse öffentlich zurückzuweisen. Sie repräsentierten einen Querschnitt der Detroiter Arbeiterklasse: Studenten, städtische Angestellte, Lehrer, Rentner, Künstler und Mieter, die gegen ihre Zwangsräumung kämpfen.

Es war eine begeisterte und optimistische Demonstration. Nachdem die unternehmerfreundlichen Gewerkschaften jegliche Opposition gegen Angriffe auf die Arbeiterklasse jahrzehntelang verraten und unterdrückt hatten, bot diese Kundgebung vielen Teilnehmern zum ersten Mal die Gelegenheit, ihren sozialen Protest auszudrücken. Die Redner griffen Demokraten wie Republikaner gleichermaßen an, verurteilten das kapitalistische Profitsystem und appellierten an die internationale Solidarität der Arbeiterklasse, und die Demonstranten applaudierten begeistert.

Die Größe der Demonstration war beachtlich, was sogar die örtlichen Medien anerkennen mussten. Bis Freitag waren der Bankrott von Detroit und die Maßnahmen des Zwangsverwalters ohne aktiven Widerstand über die Bühne gegangen. Die Finanzheuschrecken, in deren Namen Orr spricht, hatten freie Hand, Renten und Gesundheitsversorgung zu plündern und den Besitz der Stadt zu liquidieren. Erst vergangene Woche sagte Orr, von ihm aus könne ein großer Teil der DIA-Kunstwerke sofort von Christie‘s geschätzt und zum Verkauf freigegeben werden, um die Gläubiger der Stadt zu befriedigen.

Der Zwangsvollstrecker hat die Unterstützung des gesamten demokratischen und republikanischen Establishments. Orr wurde durch den Republikanischen Gouverneur Rick Snyder und den Demokratischen Finanzminister Andy Dillon des Bundesstaats Michigan eingesetzt, die ihn mit diktatorischen Vollmachten ausstatteten. Der Stadtrat, der Bürgermeister und die gesamte korrupte Kommunalverwaltung ließen sich von Anfang an alles gefallen und gaben protestlos ihre Macht preis, solange sie ihre privilegierten Positionen behalten konnten.

Orr hat auch die Unterstützung der Obama-Regierung, die die Vorgänge in Detroit als Modell für ähnliche Maßnahmen im ganzen Land ansieht. Vertreter der Regierung waren erst vor einer Woche in der Stadt und gaben den Plänen ihren Segen. Die mickrigen Mittel, die sie zur Verfügung stellten, sind vor allem dazu bestimmt, der herrschenden Klasse von Detroit den Abriss von Gebäuden und die Beschäftigung zusätzlicher Polizisten zu finanzieren.

Die Gewerkschaften unterstützen diese reaktionären Machenschaften aktiv. Die Gewerkschaftsführer betreiben ihre Organisationen als profitorientierte Geschäftsunternehmen, die von der Ausbeutung der Arbeiterklasse profitieren. Sie haben die gleichen Auffassungen und Interessen wie amerikanische Wirtschaftsbosse. Diese Bürokraten verachten die Arbeiter, die sie angeblich vertreten. Das brachte der Sekretär der Lokalgewerkschaft des öffentlichen Dienstes auf den Punkt, als er den Verkauf von Kunstwerken aus dem DIA mit dem Argument rechtfertigte: „Kunst kann man nicht essen.“ Diese Gewerkschaftsfunktionäre sorgen sich höchstens darum, dass ein Teil aus dem Verkaufserlös in ihre Taschen wandert.

Politische Gegner der Socialist Equality Party unter den zahllosen kleinbürgerlichen Protestorganisationen verurteilen uns regelmäßig als “Sektierer”. Was sie in Wirklichkeit stört, ist die Tatsache, dass die SEP die Arbeiterklasse auf der Grundlage eines internationalen sozialistischen Programms gegen die pro-kapitalistischen Gewerkschaften und die Demokratische Partei organisiert. Dies bezeichnen sie als „sektiererisch“. Die Kundgebung von Freitag war eine sprechende Widerlegung dieser Verleumdung.

Die SEP hat sich nicht nur als die einzige Organisation erwiesen, die in der Lage ist, die Arbeiterklasse zur Verteidigung ihrer Interessen zu organisieren. Die Kundgebung zeigte auch, dass die objektive Bewegung der Arbeiterklasse und Kampf für marxistische Prinzipien und für sozialistisches Bewusstsein beginnen, sich zu überschneiden.

Ein weiterer Punkt zur Rolle der Socialist Equality Party bei der Verteidigung des Detroit Institute of Arts muss erklärt werden. Einige haben uns gefragt, warum sich die SEP mit dem Schicksal einer „Eliteeinrichtung“ beschäftigt. Was hat die Erhaltung von Gemälden und Kunstwerken überhaupt mit den „Brot-und-Butter-Fragen“ zu tun, die angeblich das Hauptinteresse der Arbeiterklasse bilden? Selbst wenn diese Fragen ernsthaft und in guter Absicht gestellt werden, zeigen sie eine Unterschätzung der Arbeiterklasse als entscheidende revolutionäre, fortschrittliche Kraft in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft. Sie verraten, dass der Kampf für den Sozialismus nur unzureichend verstanden wird. Denn kann es Zweifel daran geben, dass eine Arbeiterklasse, die sich der Bedeutung von Kunst und Kultur bewusst ist, ebenso fähig ist, Löhne, Krankenversorgung und Renten entschlossen zu verteidigen?

Wie das Internationale Komitee und die WSWS schon seit Langem betonen, ist Kultur für die Arbeiterklasse notwendig, und der Kampf der Arbeiterklasse für den Sozialismus ist für die Kultur unverzichtbar. Die Kunst kann sich nicht selbst retten. Das gesamte fortschrittliche Erbe der Menschheit, darunter auch das kulturelle Erbe, hängt vom Eingreifen der Arbeiterklasse gegen die Raubzüge der modernen Aristokratie ab.

Die SEP ist sich im Klaren, dass diese eine Demonstration in einer einzelnen Stadt nicht die komplexen politischen Probleme der amerikanischen Arbeiterklasse löst. An der Demonstration haben Hunderte teilgenommen, nicht Tausende. Aber wer die politischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten kennt, wird erkennen, dass die Demonstration vom 4. Oktober zur Verteidigung des DIA ein Ereignis von enormer, ja historischer Bedeutung war.

Die Verhältnisse in den USA sind von der Monopolisierung des öffentlichen Lebens durch das kapitalistische Zweiparteiensystem geprägt. In den Medien herrscht ein gnadenloser Antikommunismus, und jede abweichende Meinung wird unterdrückt. Pausenlos werden Militarismus und jede nur erdenkliche Form von Rückständigkeit verherrlicht. Während man die schiere Existenz einer amerikanischen Arbeiterklasse leugnet, wird die alberne Identitäts- und Lifestylepolitik der Mittelklasse gepflegt.

Doch nun haben in Detroit, einem historischen Zentrum des amerikanischen und internationalen Klassenkampfs, Hunderte Arbeiter und Jugendliche unter sozialistischen Transparenten und Plakaten gegen die Politik der Kapitalistenklasse demonstriert.

Jahrzehntelang war die Arbeiterklasse aus dem politischen Leben und den sozialen Kämpfen verbannt. Dies beginnt sich jetzt zu ändern. Die Demonstration war eine bedeutende Vorwegnahme der politischen Radikalisierung der amerikanischen Arbeiterklasse. Die weitere Entwicklung dieser Radikalisierung, die einen immer deutlicheren anti-kapitalistischen und sozialistischen Charakter annehmen wird, wird nicht nur das politische Leben in den Vereinigten Staaten dramatisch verändern. Das Auftreten der amerikanischen Arbeiterklasse als revolutionäre Kraft wird die ganze Welt erzittern lassen.

Wer mit dem Programm der Socialist Equality Party übereinstimmt und aktiv am Kampf für den Sozialismus teilnehmen will, sollte sich entscheiden, Mitglied zu werden.

Joseph Kishore und David North