Boeing-Arbeiter rebellieren

16. November 2013

Am Mittwoch haben die die Boeing-Arbeiter in den Bundesstaaten Washington und Oregon mit überwältigender Mehrheit gegen die Verlängerung eines Tarifvertrages um acht Jahre gestimmt, die vom Konzern, der Gewerkschaft und den Politikern der Bundesstaaten gefordert wurde. Das ist ein Ausdruck der wachsenden Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse.

Am Mittwochabend brachen hunderte Arbeiter im Gewerkschaftshaus in Seattle in Jubel aus, als Gewerkschaftsfunktionäre der International Association of Machinists (IAM) enttäuscht verkündeten, das Tarifabkommen sei mit einem Verhältnis von 2 zu 1 abgelehnt worden.

Tom Wroblewski, der Präsident des Ortsverbands District 751 und Mark Johnson, internationaler Koordinator der IAM für die Luftfahrtindustrie – die den Verrat hinter dem Rücken der Arbeiter organisiert hatten – wurden von den wütenden Arbeitern als Handlanger des Unternehmens beschimpft und flüchteten sich schnell in ihre Büros.

Diese Entscheidung der 31.000 Boeing-Arbeiter, die in Massen herbeiströmten, um gegen das Tarifabkommen zu stimmen, ist umso mutiger, weil sie sich auch von der Drohung mit Massenarbeitslosigkeit nicht haben einschüchtern lassen.

Vorstandsmitglieder des Flugzeugriesen erklärten, das Unternehmen werde die Produktion des neuen Flugzeugs 777X mit kohlefaserverstärkten Flügeln in ein gewerkschaftsfreies Werk in South Carolina verlagern, wenn die Arbeiter im Nordwesten nicht zu umfassenden Zugeständnissen bereit seien, die für eine „wettbewerbsfähige Kostenstruktur“ notwendig seien – d.h. um die Gewinne zu erhöhen.

IAM-Funktionäre schlossen sich der Argumentation des Unternehmens an. Wroblewski stand letzte Woche neben Boeing-Managern, als das Abkommen präsentiert wurde und erklärte: „Das Unternehmen hat gezeigt, dass es bereit ist, in unsere Zukunft zu investieren. Das könnte die ganze Situation ändern. Washington braucht neue Arbeitsplätze, genauso wie unsere Familien.“

Die Mainstreammedien haben sich ebenfalls an der Debatte beteiligt und erklärt, Boeings Werke in Everett, Washington, wären in ein paar Jahren halbleer und die umliegenden Gemeinden am Puget Sound würden verfallen, wenn die Arbeiter nicht richtig abstimmten.

Außerdem brachten sich die gekauften und bezahlten politischen Vertreter Boeings ein – der demokratische Gouverneur von Washington und Abgeordnete aus den beiden Wirtschaftsparteien – die kurz vor der Abstimmung der Arbeiter noch langfristige Steuererleichterungen in Höhe von neun Milliarden Dollar für das Unternehmen durchgesetzt hatten. Gouverneur Jay Inslee unterzeichnete am Montag mit Unterstützung von IAM-Funktionären die Steuererleichterungen und erklärte: „Wir haben die Chance, dieses Flugzeug hier zu bauen. Ich hoffe wir nutzen sie.“

Aber die Arbeiter waren nicht in der Stimmung, sich erpressen zu lassen, die Verlängerung des Tarifvertrages zu akzeptieren, der Arbeitsbedingungen und Rechte abgeschafft hätte, die in jahrzehntelangen Kämpfen errungen wurden.

Wenn das Tarifabkommen angenommen worden wäre, wäre der aktuelle Tarifvertrag bis 2024 verlängert worden. Die Betriebsrenten wären abgeschafft, die Selbstkosten der Krankenversicherung deutlich erhöht und ihre Leistungen verringert worden. Die Löhne wären praktisch eingefroren worden, Erhöhungen auf ein Prozent alle zwei Jahre beschränkt worden, was eine Reallohnsenkung von zehn Prozent ausgemacht hätte. Die bereits heute schlecht bezahlten Neueingestellten müssten sechzehn Jahre lang arbeiten, um in die oberen Gehaltsklassen aufzusteigen.

Als ob das nicht genug wäre, stimmte die IAM auch noch zu, diese Bedingungen industrieller Knechtschaft mit einem „Tarifvertrag“ zu besiegeln, der bis 2024 ein Streikverbot festlegt.

Nachdem sie schon seit Jahrzehnten Zugeständnisse gemacht haben, die von den Gewerkschaften unterstützt wurden, haben die Boeing-Arbeiter jetzt realisiert, dass die neuen Opfer ihre Arbeitsplätze nicht retten, sondern nur die Forderung nach neuen Zugeständnissen nach sich ziehen würden. Es wird immer deutlicher, dass die Arbeiter nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen haben, wenn sie Gegenwehr organisieren.

Außerdem machen die gleichen Konzerne, die herumjammern, man könne sich angemessene Löhne und Renten „nicht leisten“ mehr Gewinn als je zuvor. Boeing ist Amerikas größter Exporteur und macht Milliarden mit Regierungsaufträgen, Steuererleichterungen und Subventionen. Allein im dritten Quartal sind seine Gewinne um zwölf Prozent auf 2,2 Milliarden Dollar gestiegen, die Aktienkurse erreichen Rekordhöhen.

Boeings Vorstandschef Jim McNerny erhielt im letzten Jahr 27,5 Millionen Gehalt und Bonuszahlungen, zwanzig Prozent mehr als 2011. Er will zwar die kümmerlichen Rentenversicherungen der Arbeiter kürzen – die nach 30 Jahren Arbeit 2700 Dollar im Monat erhalten – in seine eigene Rentenkasse kamen jedoch alleine im letzten Jahr 6,3 Millionen Dollar, sodass er sich mit einer Rente von 265.575 Dollar im Monat zurückziehen kann!

Die Arbeiter sind jedoch nicht nur mit einem gierigen Unternehmen oder Vorstandschef konfrontiert, sondern mit einem ganzen wirtschaftlichen und politischen System, das auf der Ausbeutung der Arbeiterklasse zum Nutzen einiger weniger basiert – dem Kapitalismus. Die Demokraten und Republikaner, die Gerichte, die Polizei und die Gewerkschaften, die sich für die Konzerne und Regierung zur Werkspolizei machen, verteidigen allesamt das Profitsystem und die soziale Ungleichheit, die es schafft.

Seit dem Börsenkrach von 2008 hat die Obama-Regierung durch Rettungsaktionen und die lockere Geldpolitik der Federal Reserve Billionen Dollar für die Wall Street-Banken und Aktienmärkte aufgewandt. Sie hat die verzweifelte wirtschaftliche Lage, in der sich die arbeitende Bevölkerung befindet, ausgenutzt, um Löhne und Zusatzleistungen zu senken. Der Beginn dessen war die Zwangsinsolvenz und Sanierung von GM und Chrysler. Darauf folgte der Affordable Care Act, den Unternehmen wie Boeing und Stadtverwaltungen wie in Detroit und Chicago benutzen, um Kosten zu sparen und Arbeitern minderwertige Krankenversicherungen aufzuzwingen.

Indizes für soziales Elend sind auf einem Niveau wie zuletzt in der Großen Depression, aber den Superreichen geht es besser als je zuvor. 95 Prozent aller Einkommenszuwächse seit 2009 entfallen In den USA auf das reichste Prozent der Bevölkerung. Weltweit hat sich das Nettovermögen der Milliardäre in den letzten drei Jahren auf 6,5 Billionen Dollar verdoppelt.

Das steckt hinter der immensen sozialen Wut in der Arbeiterklasse und den zunehmenden Klassenkämpfen, die die Gewerkschaftsbürokratie immer schwerer unter Kontrolle halten kann. In der jüngeren Vergangenheit kam es zu Arbeitskämpfen der Schulbusfahrer in Boston und New York City, der Chicagoer Lehrer, der kalifornischen BART-Verkehrsbeschäftigten und zu einer ganzen Reihe von Zusammenstößen zwischen Autoarbeitern und der Gewerkschaft United Auto Workers.

Der Kampf bei Boeing zeigt, dass Arbeiter, wann immer sie versuchen, ihre Interessen zu verteidigen, sofort in Konflikt mit den Gewerkschaften geraten, die sich in direkte Instrumente der Konzerne, der Demokratischen Partei und des kapitalistischen Profitsystems verwandelt haben.

Ein Teil der lokalen Gewerkschaftsfunktionäre in Washington, der sich der Wut der Arbeiter bewusst ist, hat sich gegen den Vertrag gestellt und behauptet, die Gewerkschaft könne reformiert werden. Aber sie haben die gleiche pro-kapitalistische Perspektive wie der IAM-Apparat als Ganzes. Ein lokaler Gewerkschaftsführer stellte dies klar, als er auf einer Kundgebung vor hunderten von Arbeitern vor der Abstimmung erklärte, wenn Boeing seine Sozialleistungen anpassen müsse, dann könne man „debattieren, diskutieren und ernsthaft verhandeln.“

Die Erfahrung hat gezeigt, dass die IAM alles in ihrer Macht stehende tun wird, um die Arbeiter zu schwächen und einen weiteren verräterischen Tarifvertrag durchzusetzen. Deshalb müssen die Arbeiter der IAM die Kontrolle über den Arbeitskampf entreißen und ein Basiskomitee wählen, das aus den vertrauenswürdigsten und militantesten Arbeitern besteht, um einen echten Kampf gegen die drohende Zerstörung ihrer Arbeitsplätze und ihres Lebensstandards zu organisieren.

Der Kampf gegen einen riesigen multinationalen Konzern wie Boeing erfordert jedoch die Mobilisierung breitester Teile der Arbeiterklasse, darunter der Arbeiter der amerikanischen und internationalen Luftfahrtindustrie, denen ebenfalls Lohnsenkungen und Entlassungen drohen und allen Teilen der Arbeiterklasse und der Jugend.

Die Arbeiter brauchen eine neue Massenpartei der Arbeiterklasse, die gegen beide Parteien des Großkapitals und für eine sozialistische Alternative zum Profitsystem kämpft, unter anderem für die Verstaatlichung der wichtigsten Industrien und der Banken unter der Kontrolle der Arbeiterklasse.

Jerry White