Klares Votum gegen Münchner Olympia-Bewerbung

Von Gisela Groß
19. November 2013

Trotz des enormen Werbeaufwands mit zahllosen Plakatwänden, Durchsagen in der S-Bahn und endlosen öffentlichen Einsätzen von Prominenten aus Politik und Sport hat ein Bürgerentscheid der Bewerbung Münchens um die Olympischen Winterspiele 2022 eine eindeutige Absage erteilt.

Obwohl sowohl die in Bayern regierende CSU wie die in München dominierende SPD die Bewerbung unterstützten, entschieden sich die Stimmberechtigten in allen vier betroffenen Landkreisen und Kommunen dagegen. Das Votum war damit auch ein Ausdruck der tiefen Kluft, die große Teile der Bevölkerung von den etablierten Parteien trennt.

Am höchsten war die Ablehnung mit knapp 60 Prozent im Landkreis Traunstein, am niedrigsten mit 51,6 Prozent in Garmisch-Partenkirchen. In München votierten 52 Prozent gegen die Austragung der Spiele. Die Beteiligung lag zwischen 30 Prozent in München und 56 Prozent in Garmisch-Partenkirchen und war damit für einen Bürgerentscheid relativ hoch.

Die Kampagne der Gegner wurde von der Bewegung „Nolympia“ geführt, der 18 Organisationen angehörten: neben den Grünen und dem Bund Naturschutz in Bayern unter anderem die Linke im Münchner Stadtrat sowie das Netzwerk Attac und die ÖDP in München. Ihr Sprecher ist Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bayerischen Landtag.

Das Lager der Befürworter nannte sich „Team München 22“; darin versammelt waren Unternehmen, Vereine und Parteien. Neben dem Fussballclub FC Bayern München haben sich dort etwa Sky Deutschland, die Münchner CSU, SPD, FDP und Freien Wähler, der ADAC und die Tourismus-Initiative München zusammengeschlossen.

Laut der Internetseite von Nolympia standen für die Pro-Kampagne etwa 3 Millionen Euro zur Verfügung. 1,5 Millionen Euro von der so genannten „Tourismus Initiative München“, einem Zusammenschluss von Geschäftsleuten, Brauereien, BMW-Welt usw., und weitere 1,5 Millionen Euro von der Landeshauptstadt, also aus Steuergeldern. Hinzu kam es die „ideelle” Unterstützung vom Bundesland Bayern und den Landkreis- und Stadtverwaltungen.

Die Mitglieder dieses Befürworter-Bündnisses reagierten teilweise verstört über das Abstimmungsergebnis und rätselten darüber, warum sich die Stimmberechtigten nicht mehr von den vielen Parolen und Werbemaßnahmen beeindrucken ließen, wie noch 2010 in Garmisch-Partenkirchen, wo eine ähnliche von „Nolympia“ organisierte Abstimmung zugunsten der Befürworter ausging.

Angesichts der täglichen Erfahrungen mit horrenden Mieten und ständig steigenden Kosten sowie Angriffen durch Sparmaßnahmen hat sich die Sicht der Bevölkerung in München und Umgebung auf Veranstaltungen wie die Olympische Spiele deutlich verändert. Die Argumente der Gegner fielen hier auf fruchtbaren Boden.

Die Tatsache, dass Politik und Wirtschaft bereit sind, horrende Summen in die Austragung einer Sportveranstaltung zu investieren, während die Mehrheit der Bevölkerung mit Kürzungen, steigenden Mieten und wachsender sozialer Ungleichheit konfrontiert ist, führte zu diesem klaren Ergebnis der Abstimmung. Und das, obwohl die Gegner der Kampagne zu einem großen Teil heuchlerisch agierten. Die Münchner Grünen beispielsweise arbeiten seit Jahren eng mit der SPD-Regierung in der Landeshauptstadt unter Bürgermeister Christian Ude zusammen und unterstützen dessen Kürzungspolitik. Ähnliches gilt für die Linken.

Dennoch traf die Kampagne einen Nerv. Die Intersetseite von „Noloympia“ schrieb dazu: „Die sozialen Folgen: Steigende Lebenshaltungskosten und steigende Mietkosten gehören zu den Folgen und belasten vor allem schwächere, ärmere und jüngere Mitbürger. Gerade in den Orten mit den meisten Veranstaltungen, München und Garmisch-Partenkirchen, sind die Mieten schon heute nahezu unerschwinglich und werden bereits durch eine Bewerbung für die Spiele weiter angeheizt.“

Auch aufgrund der Berichte über Sport-Großveranstaltungen der letzten Jahre, z. B. in Vancoover und London, ist die Überzeugung gewachsen, dass die Olympischen Spiele zunehmend zu einem alle vier Jahre stattfindenden Fest des Nationalismus, der Gigantonomie und der Geldmacherei geworden sind. Und dass zum Schluss die Kosten von der Bevölkerung durch Kürzungen eingetrieben werden, während das IOC oder andere internationale Sportverbände und Unternehmen das große Geld einstreichen.

So führten die Gegner die Tatsache an, dass das Internationale Olympische Komitee die alleinigen Rechte an Olympischen Sommer- und Winter-Spielen hat. Die Fernsehsender der Welt zahlen dem IOC Milliarden für die Übertragung. Dazu kommen Hunderte von Millionen an Sponsorengeldern. Nur ein geringer Teil davon fließt in die Austragungsorte. Wer die Spiele austrägt, muss nach den Regeln des IOC handeln. Und eine der Grundregeln lässt sich so zusammenfassen: Wenn das Budget aus dem Ruder läuft, haften die Steuerzahler – nicht das IOC.

Das IOC mit Sitz in Lausanne ist in der Schweiz als gemeinnütziger Verein eingetragen, tatsächlich aber eines der größten privatwirtschaftlich finanzierten Unternehmen der Welt. Experten von Brand Finance bewerteten die Marke Olympia mit 47,5 Milliarden US-Dollar als zweitwertvollstes Unternehmen der Welt, hinter Apple, aber noch vor Google.

In ehemaligen Olympia-Städten leiden heute viele Bewohner unter den Folgen der Spiele. Ein typisches Bespiel ist Vancouver, eine Stadt mit massiven sozialen Problemen, nicht erst seit Olympia. Nach der Austragung der olympischen Winterspiele 2010 fehlt dort noch mehr Geld, um die Probleme zu lösen.

In London wurden die Olympischen Spiele darüber hinaus genutzt, um unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung die Polizei massiv aufzurüsten und demokratische Rechte außer Kraft zu setzen.

Auch die Berichte über die Verwüstungen und Enteignungen rund um die russische Stadt Sotschi, den Austragungsort der Winterspiele im Februar nächsten Jahres, haben viele beeinflusst und abgeschreckt.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat Anfang Februar einen Bericht veröffentlicht, der die brutale Ausbeutung von Arbeitsmigranten bei den Vorbereitungen für die Spiele in Sotschi dokumentiert. Zehntausende von Arbeitern, darunter rund 16.000 Arbeitsmigranten, bauen Luxushotels und die erforderliche Infrastruktur. Da ein Großteil der Gelder in die Taschen von korrupten Bürokraten und Geschäftsleuten fließt, werden es die wohl teuersten Spiele aller Zeiten sein. Im Februar bezifferte der Kreml die Gesamtkosten für die Spiele auf 50 Mrd. US-Dollar, fast fünf Mal mehr als ursprünglich geplant.

Das Problem ist nicht einfach, dass einzelne oder eine ganze Reihe von korrupten Individuen im IOC die olympische Idee ruinieren. Das Problem ist, wie die WSWS am 7. August 2012 in einem Kommentar zu den olympischen Spielen in London schrieb, dass „jeder Aspekt menschlichen Strebens, nicht nur des sportlichen, sondern auch des künstlerischen, wissenschaftlichen und intellektuellen, von lähmenden Zwängen des Profitsystems bedroht ist, mit denen er in Widerstreit liegt.“