Das „Detroit-Projekt“ in Bochum

Von Sybille Fuchs
10. Dezember 2013

Im Oktober startete in Bochum ein Künstler-Projekt unter dem Motto „This is not Detroit“. Das Motto erinnert an die Verwüstung und Verödung der einst blühenden und jetzt insolventen Autostadt Detroit, dem Sitz der Opel-Muttergesellschaft General Motors, nachdem dort ein großes Autowerk nach dem anderen stillgelegt wurde. Mit der Stilllegung der Autoproduktion in Bochum Ende 2014 droht der Ruhrgebietsstadt ein ähnliches Schicksal.

Aber das vom Bochumer Schauspielhaus und Urbane Künste Ruhr initiierte Projekt ist alles andere als eine Unterstützungsaktion für die vom Verlust ihrer Arbeitsplätze bedrohten Opel-Arbeiter. Nicht der Erhalt, sondern die Schließung des Werks ist die Voraussetzung für dieses Projekt, das ein ganzes Jahr lang laufen soll.

In einem kurzen Interview mit der Main-Spitze stellte Sabine Reich, die Projektleiterin und Dramaturgin des Bochumer Schauspielhauses klar, das Anliegen des Projekts sei weniger eine „immanente Opel-Diskussion“, es interessiere vielmehr die übergeordnete Frage, „welche Alternativen gibt es für die Firmengelände“. Wieso dies eine „übergeordnete“ Frage sein soll, wenn Tausende von Arbeitsplätzen vernichtet werden, durch die nach wissenschaftlichen Prognosen bis zu 45.000 Menschen in der Region ihre Arbeit verlieren, sagte sie nicht.

In Wirklichkeit werden hier Künstler, Theaterleute, Stadtplaner und andere Kreative mobilisiert, um dem Bochumer Betriebsrat und der IG Metall, die die Stilllegung des Opelwerks mit organisiert haben, den Rücken zu stärken und damit die Schließung des ersten großen Autowerks in Deutschland nach 1945 zu besiegeln.

Der Bochumer Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel, der maßgeblich dazu beitrug, jeden effektiven Kampf gegen die Schließung zu unterdrücken, war gemeinsam mit seinem Stellvertreter Murat Yaman zur Projekt-Eröffnung eingeladen und verlinkt das Projekt auf seiner Internet-Seite als Zeichen der Solidarität.

Das Detroit-Projekt hat trotz gegenteiliger Behauptungen genau so wenig mit Solidarität mit den Opel-Arbeitern oder der Bochumer Bevölkerung zu tun, wie das Opel-Solidaritätsfest im letzten Frühjahr, an das es bewusst anknüpft. Das durch IG Metall und Betriebsräte ebenfalls mit Unterstützung des Schauspielhauses organisierte Fest erwies sich angesichts der Verhinderung jedes effektiven Kampfs gegen die Werksschließung als „missbrauchte Solidarität“.

Dass die Initiatoren darauf aus sind, die Rolle der Gewerkschaft zu glorifizieren, zeigte auch die Einladung von Dr. Manfred Wannöffel von der Ruhr-Universität Bochum (RUB) zur Auftaktveranstaltung am 11. Oktober. Wannöffel ist Leiter der gemeinsamen Arbeitsstelle der RUB und der IG Metall. In seinem Beitrag lobte er die Arbeit des Bochumer Betriebsrats und der Gewerkschaften und pries das Instrument der Mitbestimmung als Allheilmittel gegen Entlassungen und Betriebsstilllegungen.

Wahrheitswidrig behauptete Wannöffel, geprägt durch die Mitbestimmungskultur werde „General Motors/OPEL mit der angekündigten Schließung 2014 in Bochum keinen radikalen Kahlschlag vollziehen“. Als Zukunftsvision für das Ruhrgebiet nannte er Firmengründungen aus den Hochschulen heraus. Solche Gründungen gibt es seit langem, sie konnten aber nur einen winzigen Bruchteil der bisher verlorengegangenen Arbeitsplätze ersetzen.

Das für ein ganzes Jahr geplante „Detroit-Projekt“ ist als gemeinsame Initiative mit drei weiteren Generale-Motors-Standorten in Europa konzipiert – Gliwice (Polen), Zaragoza (Spanien) und Ellesmere Port/Liverpool (Großbritannien). Es soll sich mit der Frage befassen: „Kann die Kunst Wege aufzeigen für die Motorcities im Umbruch?“ Es soll „Antworten zur Zukunft der Stadt, der Arbeit und der Kunst“ suchen und „neue Impulse für die Stadtentwicklung“ geben. „ Bochum wird mit dem Detroit-Projekt zum Austragungsort internationaler Kunst“, heißt es im Programmheft.

Im Laufe des nächsten Jahres sollen die Arbeitsergebnisse oder Produkte dieser Anstrengungen überall in Bochum präsentiert werden. Als Höhepunkt soll in der Zeit von April bis Juli ein großes internationales Festival stattfinden.

Als beteiligte Künstler und Kuratoren wurden unter anderem eingeladen: Tyree Guyton, Initiator des „Heidelberg Projects“in Detroit/USA, Igor Stokfiszweski („krytyka polityczna“/„Politische Kritik“) und Marta Keil (Kuratorin) aus Gliwice/Polen, Paul Domela („Shrinking Cities“) aus Liverpool/Großbritannien, Alberto Nanclares (basurama), Patrizia di Monte und José Carlos Arnal(FZCC Zaragoza) aus Spanien, Tim Etchells (Großbritannien) und Ari Benjamin Meyers (Berlin und USA/New York).

Die Gruppe Krytyka Polityczna versteht sich nach eigenen Aussagen als Erbin der Tradition der engagierten Intelligenz (Intelligenzija), der gebildeten Mittelschichten, die im Russland des 19. Jahrhunderts ihr Wirken in Kunst und Gesellschaft „als Verpflichtung gegenüber den schlechter situierten Gesellschaftsschichten“ erachteten. Obwohl sie sich ein linkes Image zu geben versucht, knüpft die Gruppe bewusst an antikommunistische Dissidenten gegen den Stalinismus an, die diesen von rechts kritisierten und die Einführung des Kapitalismus unterstützten. Jacek Kuron, einer ihrer Gewährsmänner, war enger Berater von Lech Walesa und als Minister für die ökonomische Schocktherapie in Polen verantwortlich.

Die Gruppe zeichnet sich durch die vehemente Verteidigung der EU aus. Im Jahr 2003 veröffentlichte Krytyka Polityczna einen offenen Brief, in dem sie sich scharf gegen Kritik an der damals geplanten EU-Verfassung wandte, die weiteren Demokratieabbau und soziale Angriffe vorsah. In ihrer Zeitschrift veröffentlicht die Gruppe überwiegend postmodernistische Autoren wie Alain Badiou oder Judith Butler.

Neben solchen Ideologen waren bei der Projekteröffnung vor allem Stadtplaner und Architekten vertreten. Teilweise präsentierten sie interessante Projekte zur partizipativen Gestaltung öffentlicher Räume. So stellte die spanische Architektin Patrizia di Monte ein Projekt vor, das sie in Zaragoza verwirklichte. Zusammen mit den Bewohnern armer Stadtteile gestaltete sie vier Freigelände zu Spielplätzen, Sportstätten und sozialen Räumen um. Dabei entstanden architektonisch bemerkenswerte Plätze.

Der Bildhauer und Maler Tyree Guyton aus Detroit hat sich der zerfallenden Häuser in der Heidelberg Street seiner Heimatstadt angenommen und sie unter Einbeziehung der verbliebenen Bewohner und vor allem Jugendlicher mit Farben und Skulpturen geschmückt und gegen die mehrfachen Abrissversuche der Stadt verteidigt. Das Projekt, das sich inzwischen selbst trägt, existiert seit 27 Jahren und ist zu einer Touristenattraktion geworden. (siehe: „The last days of the Heidelberg Project“ und „Protest turns back attempt to demolish Detroit art project“).

Solche Arbeiten, die oft um weitere Finanzierung und gegen den Verfall kämpfen müssen, werden von den Initiatoren des Detroit-Projekts genutzt, um die wahren sozialen Beziehungen zu verdecken. Denn tatsächlich handelt es sich bei der Schließung des Opelwerks in Bochum nicht um eine städteplanerische Herausforderung, sondern um den Auftakt für historische Kürzungen und Massenentlassungen in der gesamten europäischen Industrie.

Guyton leitete seinen Beitrag auf dem Eröffnungssymposium mit einem Zitat von John F. Kennedy ein: „Frag nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern was Du für Dein Land tun kannst.“ In einem Gespräch mit dem WSWS erklärte er, die Veränderung der Gesellschaft sei notwendig, aber jeder müsse bei sich selbst anfangen. Er berief sich dabei auf die Lehren von Rudolf Steiner.

Zu der Frage, was er von der Veräußerung der Kunstwerke des Detroit Institute of Art (DIA) meine, erklärte er, diese gehörten der Bevölkerung von Detroit. Wenn sie (nicht der Insolvenzverwalter oder die Politiker) es für notwendig halte, sie zu verkaufen, dann solle sie es tun.

Als weiteres Beispiel, in welche Richtung die Überlegungen der Initiatoren gehen, wurde auf der Eröffnungsveranstaltung das Zentrum „Etopia“ in der spanischen Opelstadt Zaragoza vorgestellt, eine Initiative des Stadtrats und des Ministeriums für Industrie, Tourismus und Handel. Laut José Carlos Arnal, der das Projekt leitet, interessiert sich Etopia für sogenannte informelle Ökonomien, die einen zunehmend größeren Anteil am gesamten Wirtschaftsvolumen übernähmen. Arnal warf allerdings selbst die Frage auf, ob kleine Selfmade-Projekte wirklich Lösungen für die globale Krise bieten können.

Auch die Ideen, die in den Arbeitsgruppen während des Symposiums erörtert wurden, kreisten um Konzepte alternativer Kreativwirtschaft, die sich vor allem an ein kleinbürgerliches Milieu richten. So wurden Wirtschafts- und Verteilungsexperimente wie Tauschwirtschaft, Leben ohne Geld, Timebanking usw. angepriesen, die sich in gewissen Nischen der Gesellschaft als erfolgreich erwiesen hätten. Dazu passte auch die Bemerkung von Alberto Nanclares (basurama), der zur Schließung des Autowerks Opel meinte: „Toll, dann mehr Fahrräder für alle!“

Gepaart war dies oft mit kaum verhüllter Feindschaft gegenüber Arbeitern. So wenn die angebliche Passivität der Konsumenten angeklagt wurde, die ihren A… nicht hoch bekämen, nur shoppen gehen wollten etc..

Gleichzeitig appellierten die Initiatoren an die politisch Verantwortlichen, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Kuratorin Sabine Reich beschwerte sich in der Main-Spitze, es gebe zwar Planungsdebatten in Stadt und Land, aber sie seien darin nicht involviert. „Wir würden gerne mal mit denen sprechen.“ Sie sieht darin eine Chance, einen anderen Blickwinkel beizusteuern. Dass dies bei den maßgeblichen Stellen auf Wohlwollen stößt, zeigt sich in der Finanzierung des Projekts durch 1,15 Millionen Euro von der Kulturstiftung des Bundes, der Kunststiftung NRW, aus den Etats des Schauspielhauses, von Urbane Künste Ruhr und der Goethe-Institute.

Seinen Anspruch – „This is not Detroit“ – wird das Bochumer Projekt nicht erfüllen. Im Gegenteil, es wird dazu beitragen, dass Bochum denselben Weg geht wie die einstige Autometropole in den USA.

Detroit steht inzwischen unter dem Diktat eines Insolvenzverwalters, der den Arbeitern der Stadt den Krieg erklärt hat. Kevin Orr, ein Vertrauensmann der Wall Street, streicht die Arbeitsplätze, Löhne und Renten der städtischen Bediensteten und verscherbelt die weltberühmte Kunstsammlung des Detroit Institute of Art (DIA), um die Gläubiger der Stadt zu befriedigen. Er ist dazu in der Lage, weil er von den Gewerkschaften und der Demokratischen Partei unterstützt wird. Beide organisieren seit Jahrzehnten den Niedergang der Stadt und ihrer Industrie und sabotieren jeden Widerstand der Arbeiterklasse dagegen.

In Bochum ist es ähnlich, nur dass hier die SPD den Part der Demokratischen Partei spielt. Mitten im Ruhrgebiet, der einst größten Industrieregion Europas gelegen, ist die einstige Bergarbeiterstadt seit Jahrzehnten eine Hochburg der SPD. Ein dicht vernetztes Geflecht von Politikern und Gewerkschaftern, das von der Landesregierung in Düsseldorf über die Rathäuser bis in die Stadtteile, von den Gewerkschaftszentralen bis in die Betriebsratsbüros reicht, schnürt die Arbeiter ein wie eine Zwangsjacke und erstickt jede kämpferische Initiative.

In Detroit haben die Socialist Equality Party (SEP) und die World Socialist Website die Initiative ergriffen, diese Umklammerung zu durchbrechen. Zu einer von der SEP organisierten Demonstration gegen den Verkauf von Kunstwerken des Detroit Institute of Arts kamen am 4. Oktober fünfhundert Arbeiter, Jugendliche, Studierende und Künstler. Inzwischen organisiert die SEP eine Arbeiteruntersuchungskommission gegen das Insolvenzverfahren der Stadt.

In einem Kommentar „Die Bedeutung der Kundgebung zur Verteidigung des Detroit Institute of Arts“ schrieb die WSWS: „Wie das Internationale Komitee und die WSWS schon seit Langem betonen, ist Kultur für die Arbeiterklasse notwendig, und der Kampf der Arbeiterklasse für den Sozialismus ist für die Kultur unverzichtbar. Die Kunst kann sich nicht selbst retten. Das gesamte fortschrittliche Erbe der Menschheit, darunter auch das kulturelle Erbe, hängt vom Eingreifen der Arbeiterklasse gegen die Raubzüge der modernen Aristokratie ab.“

Das ist die Perspektive, an der sich ernsthafte Kunst heute orientieren muss. Sie muss ihre Aufmerksamkeit und Sensibilität auf die realen sozialen Prozesse lenken. Die Verschleierung dieser Prozesse, der sich das Detroit-Projekt in Bochum verschrieben hat, kann nur zu ideologischem Kitt, aber zu keiner wirklichen Kunst führen. Es kann keine „Aufbruchsstimmung“ erzeugt werden, wenn zuvor der arbeitenden Bevölkerung die Existenzgrundlage entzogen wurde. Wie der Kunstkritiker Alexander K. Woronski betonte: Eine falsche Idee, ein falscher Inhalt kann keine vollkommene Form finden.