Warum der Imperialismus um Mandela trauert

10. Dezember 2013

Nelson Mandelas Tod im Alter von 95 Jahren hat weltweite, nahezu beispiellose offizielle Trauerbekundungen ausgelöst.

Zweifellos zollt die arbeitende Bevölkerung Südafrikas und der Welt dem Führer des African National Congress Respekt für den Mut und die Opfer, die er - und tausende andere, die ihr Leben und ihre Freiheit verloren haben – in den langen Jahren der Illegalität, Verfolgung und Haft unter dem verhassten Apartheidregime gezeigt hat.

Die kapitalistischen Regierungen und die Mainstreammedien der ganzen Welt haben jedoch ihre eigenen Gründe dafür, ihr Beileid zu bekunden. Unter ihnen befinden sich Staatsoberhäupter, die das südafrikanische Apartheidregime unterstützt und ihm vor 50 Jahren geholfen hatten, Mandela als "Terroristen" zu verhaften und einzusperren.

Barack Obama, der für die Schrecken von Guantanamo und einem Gefängnissystem verantwortlich ist, in dem 1,5 Millionen Menschen hinter Gittern sitzen, veröffentlichte eine Stellungnahme, in der er schrieb, er gehöre zu den "zahllosen Millionen," die von dem Mann inspiriert wurden, der 27 Jahre auf Robben Island verbrachte.

Der britische Premierminister David Cameron, Standartenträger der rechten Konservativen Partei, ließ vor seiner offiziellen Residenz die Flagge auf Halbmast setzen und nannte Mandela eine "überragende Figur unserer Zeit, eine Legende zu Lebzeiten, und nun im Tod - ein wahrer Held der ganzen Welt."

Milliardäre wie Michael Bloomberg, der in New York City die Fahnen auf Halbmast setzen ließ, und Bill Gates fühlten sich ebenfalls verpflichtet, Erklärungen zu veröffentlichen.

Das bemerkenswerte an dem scheinheiligen Geschwätz, das die Medien anlässlich von Mandelas Tod verbreiten, ist die Art, wie ein Mann, dessen Leben untrennbar mit der Geschichte und der Politik Südafrikas verbunden ist, in eine völlig unpolitische Ikone verwandelt wird, eine Heiligenfigur, die, wie Obama es formuliert, "nicht von Hass, sondern von Liebe geleitet" wurde.

Was bedauern die kapitalistischen Oligarchen in einem Land nach dem anderen an Mandelas Tod wirklich? Eindeutig nicht seinen Willen, einem unterdrückerischen System Widerstand zu leisten - sie alle wären bereit, das mit Gefängnis oder der Ermordung durch eine Drohne zu bestrafen.

Die Antwort liegt vielmehr in der aktuellen sozialen und politischen Krise in Südafrika und der historischen Rolle, die Mandela dabei gespielt hat, die Interessen des Kapitalismus unter hochexplosiven Bedingungen zu schützen

Es ist bedeutsam, dass das südafrikanische Institut für Gerechtigkeit und Versöhnung einen Tag vor Mandelas Tod einen Jahresbericht veröffentlichte, der zeigt, dass die Befragten überwiegend der Meinung waren, dass Klassenungleichheit das wichtigste Problem der südafrikanischen Gesellschaft sei. Doppelt soviele (27,9 Prozent) nannten Klassenzugehörigkeit und nicht ethnische Zugehörigkeit (14,6 Prozent) als "größtes Hindernis für die nationale Versöhnung."

Zwanzig Jahre nach dem Ende der offiziellen Rassenunterdrückung durch die Apartheid ist die Klassenfrage in Südafrika in den Mittelpunkt gerückt. Sie ist in den heldenhaften Massenkämpfen der Bergarbeiter und anderer Teile der Arbeiterklasse verkörpert, die sie in direkten Konflikt mit dem African National Congress gebracht haben.

Diese Unruhen fanden ihren schärfsten Ausdruck im Massaker vom 16. August 2012, bei dem 34 streikende Bergarbeiter des Lonmin-Platinbergwerkes in Marikana ermordet wurden - ein Massenmord, dessen blutiger Anblick an die schlimmsten Ereignisse der Unterdrückung unter dem Apartheidregimes in Sharpesville und Soweto erinnerte. Diesmal wurde das Blutbad jedoch von der ANC-Regierung und ihren Verbündeten im offiziellen Gewerkschaftsbund COSATU organisiert.

Südafrika ist heute das ungleichste Land der Welt. Die Kluft zwischen Reichen und Armen und die Zahl der Armen in Südafrika ist heute höher als 1990, als Mandela aus dem Gefängnis entlassen wurde. Volle 60 Prozent der Einkommen des Landes gehen an die obersten zehn Prozent, während die unteren 50 Prozent unterhalb der Armutsgrenze leben und insgesamt weniger als acht Prozent der Gesamteinkommens erzielen. Mindestens zwanzig Millionen Menschen, darunter mehr als die Hälfte aller jungen Arbeiter, sind arbeitslos.

Gleichzeitig ist im Rahmen von Programmen wie dem "Black Economic Empowerment" (wirtschaftliche Besserstellung von Schwarzen) eine kleine Schicht von schwarzen ehemaligen ANC-Führern, Gewerkschaftsfunktionären und Kleinunternehmern sehr reich geworden, indem sie in Vorstände eingetreten sind, Aktien gekauft und Aufträge von der Regierung erhalten haben. Unter diesen Umständen wurden die ANC-Regierungen nach Mandela, zuerst unter Thabo Mbeki und jetzt unter Jacob Zuma als korrupte Vertreter eines reichen herrschenden Establishments gesehen.

Mandela, der eine immer weniger aktive Rolle in der Politik des Landes gespielt hatte, diente dem ANC dennoch als Fassade, seine opferreiche Geschichte und sein Image demutsvoller Würde wurden benutzt um die korrupte Selbstbereicherung des ANC zu verschleiern. Hinter der Fassade strichen Mandela und seine Familie Millionen ein, seine Kinder und Enkelkinder sind in etwa 200 Privatunternehmen aktiv.

Die New York Times veröffentlichte am Freitag einen Artikel mit der besorgten Überschrift "Nach Mandelas Tod hat Südafrika kein moralisches Zentrum." Es ist klar, dass die Sorge besteht, Mandelas Tod nehme dem ANC den Rest der Glaubwürdigkeit, die er noch hat und verschärfe die Klassenkämpfe.

Die Sorge der kapitalistischen Regierungen und der Wirtschaftsoligarchen über die Auswirkungen von Mandelas Tod auf die aktuelle Krise in Südafrika ist verbunden mit Dankbarkeit für die Dienste, die der ehemalige Präsident und ANC-Führer ihnen erwiesen hat. Als die herrschende Klasse Südafrikas Mitte der 1980er Jahre Verhandlungen mit Mandela und dem ANC über ein Ende der Apartheid aufnahm, befand sich das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise und stand am Rand eines Bürgerkrieges. Die Regierung hatte die Kontrolle über die Townships verloren, in denen die schwarze Arbeiterklasse lebte, und musste den Notstand ausrufen.

Die internationalen und südafrikanischen Bergbaukonzerne, Banken und andere Konzerne und die bewusstesten Elemente im Apartheidsregime erkannten, dass der ANC - und vor allem Mandela - die einzigen waren, die revolutionäre Erhebungen verhindern konnten. Deshalb wurde er vor dreiundzwanzig Jahren aus dem Gefängnis entlassen.

Der ANC nutzte das Prestige, das er durch seine Verbindungen zum bewaffneten Widerstand und seine sozialistische Rhetorik gewonnen hatte dazu, den Massenaufstand einzudämmen, den er weder kontrollierte noch wollte, und ordnete ihn einer Verhandlungslösung unter, die den Reichtum und das Eigentum der internationalen Konzerne und der weißen kapitalistischen Herrscher des Landes garantierte.

Bevor Mandela und der ANC an die Macht kamen, ließen sie große Teile des Programms der Bewegung fallen, vor allem die Forderungen, die Banken, Bergwerke und Großindustrien zu öffentlichem Eigentum zu machen. Sie unterzeichneten ein geheimes Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds, in dem sie versprachen, die Politik des freien Marktes umzusetzen, darunter drastische Haushaltskürzungen, hohe Zinsen und die Abschaffung aller Hindernisse für das Eindringen des internationalen Kapitals.

Damit realisierte Mandela eine Vision, die er fast vierzig Jahre zuvor skizziert hatte, als er erklärte, die Umsetzung des Programms des ANC bedeute: "Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Landes wird die nicht-europäische Bourgeoisie die Gelegenheit haben, rechtmäßig in ihrem eigenen Namen Fabriken und Unternehmen zu besitzen. Handel und privates Unternehmertum werden boomen und florieren wie nie zuvor."

Aber für diese Blüte, die die Gewinne der transnationalen Bergbaukonzerne und Banken erhöht und eine Schicht von schwarzen Multimillionären geschaffen hat, haben die südafrikanischen Arbeiter mit verschärfter Ausbeutung bezahlt.

Aber nicht nur der ANC ging diesen entwürdigenden Weg. In der gleichen Zeit verfolgten fast alle sogenannten nationalen Befreiungsbewegungen, von der Palästinensischen Befreiungsorganisation bis hin zu den Sandinisten, eine ähnliche Politik; sie machten ihren Frieden mit dem Imperialismus und strebten nach Reichtum und Privilegien für eine schmale Schicht.

In diesem Kontext zeigt Mandelas Tod, dass es für die Arbeiterklasse in Südafrika - und weltweit - keinen anderen Ausweg gibt als Klassenkampf und sozialistische Revolution.

Es muss eine neue Partei aufgebaut werden, deren Grundlage die Theorie der Permanenten Revolution ist, die von Leo Trotzki ausgearbeitet wurde, und erklärt, dass in Ländern wie Südafrika die nationale Bourgeoisie vom Imperialismus abhängig ist und eine Revolution von unten fürchtet und daher nicht in der Lage ist, die grundlegenden demokratischen und sozialen Aufgaben zu lösen, vor denen die Massen stehen. Nur die Arbeiterklasse kann das erreichen, wenn sie die Macht selbst übernimmt, den Kapitalismus stürzt und den internationalen Kampf für ein Ende des Imperialismus und den Aufbau des Weltsozialismus aufnimmt.

Bill Van Auken