Fiat zahlt 4,35 Milliarden Dollar an das Unternehmen UAW

7. Januar 2014

Am Neujahrstag einigte sich der italienische Autobauer Fiat mit einem Treuhandfond der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) darauf, für 4,35 Milliarden Dollar deren Chrysler-Aktien zu kaufen. Der Deal ist eine massive Belohnung der UAW für ihre Dienste bei der Kürzung von Löhnen und Zulagen der Chrysler-Arbeiter und der Profitabilitätssteigerung des Unternehmens.

Die Vereinbarung wurde hinter dem Rücken der Chrysler-Arbeiter im Rahmen vertraulicher Treffen zwischen Wall-Street-Juristen und -Beratern getroffen. Sie illustriert die unüberbrückbare Kluft, welche die UAW und die übrigen offiziellen Gewerkschaften von der Arbeiterklasse trennen.

Gemäß den erzielten Vereinbarungen erhält der von der UAW kontrollierte Renten- und Gesundheitsfonds (Voluntary Employees Beneficiary Association – VEBA) von Fiat 1,75 Milliarden Dollar und von Chrysler zusätzlich 1,9 Milliarden Dollar. Hinzu kommen weitere 700 Millionen Dollar, die Chrysler dem Fonds in vier jährlichen Ratenzahlungen überweisen wird, sobald der Verkauf etwa am 20. Januar abgeschlossen sein wird.

Der Versicherungsfonds VEBA in der Hand der UAW übernahm vor viereinhalb Jahren eine partielle Beteiligungsquote an dem Detroiter Autobauer, als die Obama-Regierung 2009 den Bankrott und die Umstrukturierung von Chrysler erzwang. Im Austausch für die am Mittwoch verkündete Multimilliardenzahlung verzichtet die UAW auf ihre 41,5-Prozent-Beteiligung an Chrysler (Fiat besitzt die anderen 58,5 Prozent). Die UAW nimmt die Klage zurück, mit der sie einen höheren Preis für ihre Aktien geltend machen wollte. Damit wird ein Börsengang abgewendet, von dem die UAW-Funktionäre erwarteten, er würde den Wert ihrer Aktien in die Höhe schrauben.

Laut der Detroit Free Press wurde der Handel am 28. Dezember an einem Urlaubsort in Florida besiegelt. Bei dem Meeting trafen sich Fiat-Geschäftsführer Sergio Marchionne und Alain Lebec, ein Hauptgeschäftsführer der Brock Capital Group LLC, die den UAW-Fonds vertritt.

Das Geld, das jetzt an die UAW fließt, wurde aus dem Schweiß und Blut der Chrysler-Arbeiter gepresst, denen in den vergangenen vier Jahren himmelschreiende Lohnkürzungen und Arbeitsbeschleunigungen diktiert wurden. Gewiss gehen umfangreiche Dividenden an Geschäftsleute wie den UAW-Präsidenten Bob King, der die Gewerkschaft kontrolliert, sowie an die Heerscharen von Wall-Street-Beratern und Juristen, welche die UAW anheuerte, um den Deal über die Bühne zu bringen.

Als die Neuigkeiten vom Aktienverkauf bekannt wurden, sprangen die Fiat-Aktien an der Mailänder Börse um sechzehn Prozent nach oben. Der Kauf gilt als gelungener Handstreich des Fiat-Geschäftsführers Marchionne, da er weit weniger zahlt, als Analysten vorhergesagt hatten. Die Komplettfusion der beiden Unternehmen – die zum siebtgrößten Autobauer der Welt verschmelzen – wird Erwartungen zufolge eine neue Welle von Entlassungen, Fabrikschließungen sowie Angriffe auf Löhne und Errungenschaften in Italien und anderen Ländern nach sich ziehen und zu weiteren Angriffen auf amerikanische Arbeiter führen.

“Die Abwendung eines Börsengangs”, schrieb das Wall Street Journal, „gibt Marchionne die Freiheit, die er braucht, um die technischen und betrieblichen Unternehmensabläufe weiter konsolidieren zu können. (…) Die Vereinbarung wird ihm außerdem erlauben, der Neuausrichtung der Operationen von Fiat in Europa mehr Zeit zu widmen, wo das Unternehmen an einem langanhaltenden Einbruch der Verkäufe leidet. (…) Im Gegenzug sagte die UAW zu, Chryslers Bemühungen zu unterstützen, die seine Abläufe effizienter gestalten sollen.“

Schon bisher hat die UAW gewaltige Angriffe auf die Chrysler-Arbeiter mitorganisiert. In den vergangenen sechs Jahren senkte das Unternehmen die Arbeitskosten um fast ein Drittel. Das ermöglichte es dem Chrysler-Konzern – der 2009 bankrott war –, neun aufeinanderfolgende Quartale profitabel zu sein. In den drei ersten Quartalen 2013 machte Chrysler einen Profit von 1,14 Milliarden Dollar und hatte Berichten zufolge einen Kassenbestand von 11,5 Milliarden Dollar.

In Anwendung der Bedingungen, die Obama Chrysler und General Motors für ihre Restrukturierung diktierte, setzte die UAW im Jahr 2009 Konzessionen von geschätzten 1,3 Milliarden Dollar im Jahr bei Löhnen und Zusatzleistungen der Arbeiter durch. Dazu zählt ein Zwei-Klassen-Lohnsystem, das die Löhne und Leistungen der Neueingestellten auf ein Niveau herabsetzt, das effektiv dem Lohnniveau der US-Autoarbeiter in den 1930er Jahren entspricht.

Zusätzlich hat die UAW den sogenannten Alternativen Arbeitsplan im Unternehmen durchgesetzt, der die Arbeiter zwingt, zehn unbezahlte Überstunden zu arbeiten. Damit können Chrysler und andere Autobauer aus ihren Fabriken ein Äquivalent von 49 zusätzlichen Arbeitstagen herauspressen.

Im Austausch für diese Zugeständnisse sprach die Obama-Regierung der VEBA eine erhebliche Kapitalbeteiligung an Chrysler aus zu. Die UAW richtete die VEBA ursprünglich im Jahr 2007 ein, um den Detroiter Autobauer von seinen Renten- und Gesundheitsobligationen zu entlasten. Damit erhielt die UAW die Kontrolle über einen der größten privaten Investmentfonds der Welt, dessen Wert auf ihrer eigenen Website auf 54 Milliarden Dollar geschätzt wird.

Davon haben die 117.000 Chrysler-Rentner und ihre verwitweten Eheleute jedoch keinerlei Nutzen. Im Gegenteil, durch ihre Kontrolle der VEBA hat die UAW einen direkten finanziellen Anreiz, die Renten- und Gesundheitszuwendungen zu kürzen. Sie hat dies bereits getan, indem sie Zuzahlungen und Selbstbeteiligungen erhöhte und die Übernahme einiger Rezepte strich. Weiteres muss erwartet werden: Die UAW unterstützt uneingeschränkt die Abschaffung angeblicher „vergoldeter“ Beihilfen durch Obamacare.

Die Wall-Street-Berater weisen die UAW-Funktionäre zweifellos darauf hin, dass sie für sich selbst weit mehr Geld herausschlagen können, wenn nicht allzu viele Arbeiter die Zeit erleben, in der sie Zuwendungen aus dem VEBA-Fonds beanspruchen dürfen. Damit hat die UAW ein weiteres Motiv, den Arbeitern verlängerte Arbeitstage und mörderische Arbeitstempi aufzunötigen.

Eine Schlüsselperson, die den Weg zum endgültigen Deal der UAW frei gemacht hatte, ist Ron Bloom, ein ehemaliger Wall-Street-Investmentbanker und enger Finanzberater der UAW sowie anderer Gewerkschaften. Bloom wurde von Marchionne angeheuert, um den Aktienkauf mit der UAW auszuhandeln. Bloom verkörpert in einer Person Finanzparasitismus, Gewerkschaftsbürokratie und Demokratische Partei.

In den 1990er Jahren beriet Bloom die Stahlarbeitergewerkschaft USW, als sie der Wall Street dabei half, die Stahlindustrie umzustrukturieren. Während die Vermögenswerte der USW geschützt wurden, verloren hunderttausende Stahlarbeiter Arbeitsplätze oder Renten.

Später beriet Bloom die UAW bei der Schaffung der VEBA, und im Jahre 2009 diente er Obama bei dessen Auto-Task-Force, die die Autoindustrie im Interesse der Wall Street umstrukturierte.

Die Multi-Milliarden-Dollarprämie unterstreicht die Tatsache, dass die UAW den Arbeitern, deren Interessen sie zu repräsentieren vorgibt, organisch feindlich gegenübersteht. Nach Jahrzehnten der Sozialpartnerschaft und der Verrätereien hat sich die Gewerkschaft vollends in ein Geschäftsunternehmen verwandelt, das an den Profiten, die aus der Ausbeutung der Arbeiterklasse generiert werden, seinen Anteil fordert.

Die UAW und die übrigen Gewerkschaften werden von korrupten Elementen kontrolliert, die den oberen Schichten der Mittelklasse angehören. Sie sind entschlossen, selbst Millionäre zu werden, indem sie Arbeiter vermitteln und ihre Dienste als Industriepolizei versehen. So liegt es in ihrem Interesse, der kapitalistischen Ausbeutung immer billigere Arbeitskraft zuzuführen.

Die UAW senkt die Arbeitskosten für General Motors, Ford und Chrysler, macht sich gleichzeitig aber auch immer stärker für die transnationalen Autounternehmen in den USA nützlich und hilft ihnen bei Werksschließungen in Europa, Australien und anderen Ländern. Zurzeit verhandelt sie über die Köpfe der Arbeiter hinweg im Geheimen mit Volkswagen über die Anerkennung der Gewerkschaft, um den Widerstand gegen die jämmerlichen Löhne im VW-Werk in Tennessee unterdrücken zu können.

Eine Riege pseudolinker Organisationen wie Labor Notes und International Socialist Organization (ISO) behauptet nach wie vor, dass die UAW und andere Gewerkschaften „Arbeiterorganisationen“ seien, die durch Druck von unten oder durch die Wahl neuer Führer reformiert werden könnten. Sie lügen! Diese der Arbeiterklasse feindlichen und antidemokratischen, bürokratischen Verbände können ebenso wenig den Interessen der Arbeiter dienstbar gemacht werden, wie die Konzerne selbst, in deren Diensten die Gewerkschaften in Wirklichkeit stehen.

Seit langem fordert die World Socialist Web Site Arbeiter auf, sich aus dem Zangengriff dieser rechten Organisationen zu befreien, mit ihr zu brechen und neue Formen des politischen und betrieblichen Kampfs zu entwickeln. Dieser muss von einer komplett neuen Strategie angeleitet werden. Das erfordert, die nationalistischen und pro-kapitalistischen Programme der Gewerkschaften sowie ihr Bündnis mit der Demokratischen Partei zurückzuweisen und den Kampf zur Schaffung einer authentischen Arbeiterbewegung aufzunehmen, die für den Sozialismus und die internationale Vereinigung der Arbeiterklasse gründet.

Jerry White