2014: Geopolitische Spannungen wie zu Beginn des Ersten Weltkriegs

11. Januar 2014

Die Financial Times, eine der führenden Zeitungen der Welt, eröffnete das neue Jahr mit einem Leitartikel unter dem Titel „Überlegungen über den Großen Krieg“. Darin zog sie Parallelen zwischen der aktuellen Lage und der Lage, die vor hundert Jahren zur Katastrophe führte. Das ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass sich die weltweiten politischen Spannungen verschärfen.

Wie es in dem Leitartikel heißt, konnten sich im Januar 1914 nur wenige Europäer vorstellen, dass „ihre politischen und militärischen Führer die Welt nur sieben Monate später in einen katastrophalen Krieg führen würden,“ der in den nächsten vier Jahren dutzende Millionen Tote und Verwundete fordern sollte.

Der Leitartikel versicherte dem Leser zwar, es gäbe keinen Grund zur Befürchtung, „dass die Welt am Rande einer derart epochalen Katastrophe stünde“. Hätte man diese Frage im Januar 1914 aufgeworfen, wäre die Antwort zweifellos ähnlich gewesen. Dennoch bemerkt der Leitartikel, dass es „einige beunruhigende Ähnlichkeiten zwischen damals und heute“ gebe.

Die Financial Times ist nicht die einzige Zeitung, die Parallelen zwischen den geopolitischen Verhältnissen im Jahr 2014 und denen vor einem Jahrhundert entdeckt.

Der Wirtschaftskolumnist Ambrose Evans-Pritchard schrieb am 2. Januar im britischen Daily Telegraph von der Rückkehr des „Gespenstes von 1914“. Er merkte an, dass es nie leicht sei, Prognosen für das neue Jahr zu machen, aber „angesichts einer Veränderung der Weltordnung, in der jederzeit politische Bomben losgehen können“, sei es nahezu unmöglich.

Er verglich Chinas Einrichtung einer Luftverteidigungszone, die sich gegen Japans Ansprüche auf die umstrittenen Senkaku/Diaoyu-Inseln im Ostchinesischen Meer richtet, mit den Streitigkeiten des deutschen Kaisers mit Frankreich, die „Großbritanniens Reaktion vor dem Ersten Weltkrieg“ testen sollten, und fuhr fort: „Die beiden asiatischen Großmächte befinden sich praktisch bereits auf Kriegsfuß. Sie befinden sich nur eine Fehleinschätzung weit davon entfernt, die Kette von Ereignissen auszulösen, die alle rationellen Überlegungen zerstören würde.“

Evans-Pritchard fuhr fort, in der „schönen neuen Welt des Jahres 2014“ sei nicht mehr Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ aktuell, sondern „die Rückkehr der Geschichte mit Zähnen und Klauen“.

Die beiden Zeitungsartikel sind nur zwei von zahlreichen Kommentaren, die den zunehmenden Konflikt zwischen den USA und China mit den Spannungen zwischen Deutschland und Großbritannien im Vorfeld des Ersten Weltkriegs vergleichen.

Die Financial Times warnte, die durch rivalisierende Nationalismen und historische Beschwerden ausgelösten Spannungen seien „heute genauso in der Lage, einen Krieg auszulösen wie im Jahr 1914“. Die Risiken seien „besonders groß, wenn das Weltsystem durch den Aufstieg neuer Großmächte und den relativen Niedergang alter Großmächte neu geordnet wird“. Vor einem Jahrhundert habe sich Deutschland seinen „Platz an der Sonne“ auf Kosten des britischen Empires sichern wollen. Jetzt erinnerten zunehmende Spannungen im Ostchinesischen Meer zwischen Peking und seinen Nachbarn, die sich auf die Unterstützung der USA verlassen, an „Deutschlands belastete Beziehungen zu Großbritannien, Frankreich und Russland vor 1914“.

Solche Kommentare, die die „Schuld“ am Krieg ausschließlich den deutschen Bemühungen zuschieben, die bestehende „internationale Ordnung“ zu stören – und damit das alte Sprichwort bestätigen, die Geschichte werde von den Siegern geschrieben –, und die die angebliche deutsche Verantwortung mit ähnlichen Bestrebungen Chinas in der Gegenwart vergleichen, verfälschen sowohl die Geschichte wie auch die aktuelle Lage.

Wie Leo Trotzki im Jahr 1915 in seiner brillanten Schrift „Der Krieg und die Internationale“ erklärte, versuchten die imperialistischen Kriegsparteien im Ersten Weltkrieg zwar, ihren Gegnern die Schuld am Krieg zu geben, um ihre Bevölkerungen unter dem Banner der „Verteidigung des Vaterlandes“ zu sammeln, aber die wahre Ursache des Krieges lag in den Widersprüchen des Systems des Weltkapitalismus.

In den 40 Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war die Wirtschaft stark gewachsen und ein Weltwirtschaftssystem war entstanden. Aber dieser Prozess, den wir heute Globalisierung nennen, hatte einen fundamentalen Widerspruch enorm verschärft: den Widerspruch zwischen dem globalen Fortschritt der Produktivkräfte der Menschheit, einer wirklich progressiven Entwicklung, und dem System rivalisierender Nationalstaaten und Großmächte, in dem das kapitalistische System verwurzelt ist.

Trotzki schrieb, die kapitalistischen Regierungen versuchten den Widerspruch „nicht auf der Grundlage einer vernünftig organisierten Zusammenarbeit der gesamten produzierenden Menschheit“ zu lösen, „sondern auf der Grundlage der Ausbeutung der Weltwirtschaft durch die kapitalistische Klasse des siegreichen Landes“. Der Krieg sei der „größte Zusammenbruch eines an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehenden ökonomischen Systems, den die Geschichte kennt“.

Der Konflikt zwischen den USA und China ist der deutlichste Ausdruck der Tatsache, dass die Widersprüche, die zum Ersten Weltkrieg führten, sich wieder bemerkbar machen.

Trotz der Versuche der imperialistischen Propagandisten, China mit dem wilhelminischen Deutschland zu vergleichen, ist es keine imperialistische Macht. Es operiert innerhalb einer Weltwirtschaft und eines Finanzsystems, das von imperialistischen Mächten dominiert ist, vor allem von den USA.

Sein immenses Wirtschaftswachstum im Rahmen einer neuen Phase der Globalisierung hat jedoch in noch explosiverer Form den Widerspruch zwischen der globalen Entwicklung der Produktivkräfte und dem reaktionären und veralteten System der Nationalstaaten offen gelegt.

Wie vor dem Ersten Weltkrieg bereiten die imperialistischen Mächte eine weitere Katastrophe für die Menschheit vor, in der ein Atomkrieg an die Stelle der Schrecken des Grabenkriegs vor 100 Jahren treten wird.

Der Leitartikel der Financial Times betonte, die Regierungen und Völker sollten „des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs mit würdevollen Zeremonien und Respekt für die Toten gedenken, aber auch mit einer nüchternen Erwägung der Lehren, die aus der Katastrophe von 1914-18 gezogen werden müssen“.

Tatsächlich wird eine Verherrlichung imperialistischer Gewalt geplant, als wichtige ideologische Vorbereitung eines neuen Kriegs.

In Großbritannien fordert Premierminister David Cameron, den Jahrestag ähnlich wie das diamantene Thronjubiläum der Königin im letzten Jahr zu „feiern“, das mit einem Meer nationaler Flaggen und Straßenfesten begangen wurde. Etwa 50 Millionen Pfund werden für „nationale Gedenkveranstaltungen“ bereitgestellt, die „den Geist unserer Nation“ einfangen sollen.

In Australien werden hunderte Millionen Dollar für vier Jahre andauernde extravagante Festlichkeiten ausgegeben, die in den Worten des liberalen Premierministers Tony Abbott ein „Volksfest“ sein werden, mit dem ein „außergewöhnlicher Zeitabschnitt gefeiert wird, in dem Australien mehr als zu jeder anderen Zeit seinen Fußabdruck in der Welt hinterlassen hat“. Die oppositionelle Labor Party unterstützt ihn dabei einhellig.

Obwohl der Leitartikel darauf beharrt, die Lehren aus der Katastrophe von 1914 zu ziehen, schließt er die Möglichkeit eines neuen Weltkriegs nicht aus. Eine „abschließende Lehre“ müsse gezogen werden: „Wenn der Krieg ausbricht, ist es wichtig, ihn mit dem Aufbau eines sicheren Friedens zu beenden.“

Der einzige „Friede“ nach einem dritten Weltkrieg, für den die Bedingungen schnell heranreifen, wird Todesstille und ein nuklearer Winter sein.

Die internationale Arbeiterklasse muss ihre eigenen Lehren ziehen und ihre unabhängigen Vorbereitungen treffen. Wie Trotzki schrieb: „Dem Kriege als Lösungsmethode für die unlösbaren Widersprüche des Kapitalismus auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung ist das Proletariat gezwungen, seine Methode entgegenzustellen – die Methode der sozialen Revolution.“

Nick Beams