Insolvenz des Weltbild-Verlags gefährdet 6.800 Arbeitsplätze

Von Dietmar Henning
17. Januar 2014

Der katholische Weltbild-Verlag hat am vergangenen Freitag Insolvenz angemeldet. Die katholischen Gesellschafter – zwölf deutsche Bistümer, die Katholische Soldatenseelsorge und der Verband der Diözesen Deutschlands – hatten sich zuvor geweigert, weiteres Geld in den Verlag zu stecken.

Der von den Kardinälen und Bischöfen eingesetzte Sanierer Josef Schultheis hatte am Tag zuvor erklärt, dass nicht wie geplant 65 Millionen, sondern 130 Millionen Euro Zuschüsse nötig seien, um Weltbild zu retten. Hinzu kommen Bankschulden in Höhe von 190 Millionen Euro.

Weltbild mit Sitz in Augsburg zählt mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Euro zu den größten Medienhandelskonzernen und Verlagen in Europa. Der gesamte Konzern beschäftigt 6.800 Mitarbeiter, davon 2.200 am Hauptsitz in Augsburg.

Die bayerische Stadt Augsburg hat in den letzten Jahren bereits mehrere Entlassungswellen erlebt. Weltbild ist nach dem Druckmaschinenhersteller Manroland und dem Baukonzern Walter Bau die dritte große Pleite in Augsburg in acht Jahren. Weitere Tausende Arbeitsplätze wurden und werden beim Energiespar- und Leuchtstofflampenhersteller Osram, beim IT-Hersteller Fujitsu, beim EADS-Tochterunternehmen Aerotec und dem Autozulieferer Kuka gestrichen.

Der Weltbild-Konzern ist der größte deutsche Buchhandelskonzern. Er unterhält auch einen Katalogversand und einen Onlineshop. Bisher betrifft die Insolvenz nur die Verlagsgruppe, nicht die Filialen und die Gesellschaften in Österreich und der Schweiz.

Als Grund für die Insolvenz des Weltbild-Verlags wird gemeinhin das schlechte Management genannt. Weltbild hatte sich von einem kleinen katholischen Zeitschriftenverlag vor allem über den systematischen Aufbau des Katalog-Versandhandels zu einem Buchhandelsriesen entwickelt. Die Kirche hatte sich nicht vom Katalog-Versandhandel verabschieden wollen, obwohl er in Zeiten des Internets ein Auslaufmodell ist. Das hatten schon die Beschäftigten von Neckermann und Quelle zu spüren bekommen, die alle ihre Arbeitsplätze verloren.

Nun geraten zunehmend auch Kaufhäuser und Einzelhandelsketten unter den Druck des Online-Handels. Nach der Drogeriemarkt-Kette Schlecker und den Praktiker-Baumärkten ist nun Weltbild Pleite gegangen. Kaufhäuser verlieren genauso wie der Katalog-Versandhandel gegen Internet-Konzernriesen wie Amazon.

Im deutschen Buchhandel ist zwar der Preiskampf aufgrund der Buchpreisbindung – neue Bücher kosten überall das gleiche – beschränkt. Aber der Umsatz des Filialhandels sinkt seit Jahren drastisch zugunsten des Onlinehandels. Nur noch rund die Hälfte der 9,5 Milliarden Euro Jahresumsatz wird im Filialhandel erzielt. Buch-Kaufhäuser in besten Lagen in den Innenstädten schreiben bis auf wenige Ausnahmen Verluste.

Im Buchhandel kommt hinzu, dass er an zwei „digitalen Fronten“ kämpfen muss: zusätzlich zum Onlinehandel mit der Digitalisierung des Verkaufsprodukts. E-Books machen derzeit zwar nur 3 Prozent des Gesamtumsatzes aus, aber es ist abzusehen, dass dieser Anteil stark ansteigen wird.

Die Insolvenz des Weltbild-Verlags kann deshalb nicht auf interne Fehler reduziert werden. Die Versäumnisse und Streitigkeiten unter den kirchlichen Gesellschaftern haben ihn zwar beschleunigt, aber der tiefere Grund liegt in der ständigen, weltweiten Offensive gegen die Löhne und Rechte der Arbeiterklasse.

Internetriesen wie Amazon beuten die Belegschaft rücksichtslos aus, verlangen pausenlose körperliche Schwerstarbeit und bezahlen unter dem Einzelhandelstarif. Ein großer Teil der Belegschaft besteht aus Leiharbeitern, die oft nur einen Bruchteil dessen verdienen, was ihre fest angestellten Kolleginnen und Kollegen erhalten. Die Lohn- und Betriebskosten sind so niedriger und die Profitraten entsprechend hoch.

Andere Buchhändler bereiten ebenfalls Angriffe auf ihre Belegschaft vor. Thalia, mit 300 Filialen der zweitgrößte deutsche Filialbuchhändler nach Weltbild, gehört zum Douglas-Konzern, der im Sommer 2013 vom US-Finanzinvestor Advent übernommen wurde.

Das Familienunternehmen Hugendubel ist sogar unmittelbar von der Insolvenz von Weltbild betroffen. Beide betreiben seit 2007 den Buchhandel mit rund 400 Filialen über die DBH (Deutsche Buch Handels GmbH), an der sie zu jeweils 50 Prozent beteiligt sind. In den letzten Jahren hat DBH zahlreiche kleinere Ketten und Buchhandlungen aufgekauft, darunter die Karstadt Buchabteilungen. Die Familie Hugendubel hält außerdem eine 49-Prozent-Beteiligung am Schweizer Marktführer Orell Füssli Buchhandels AG. Schon in den letzten Jahren hat Hugendubel mehrere Buchläden geschlossen.

Unter diesen Umständen zeichnete sich die Weltbild-Insolvenz seit längerem ab. Bereits im September vergangenen Jahres waren Gerüchte über eine bevorstehende Insolvenz aufgekommen. Damals war der Betriebsrat dem Konzern sofort beiseite gesprungen.

Der Betriebsratsvorsitzende Peter Fitz hatte erklärt: „Weltbild muss den Umbau ohne betriebsbedingte Kündigungen schaffen.“ Der Betriebsrat habe dafür konkrete Wege aufgezeigt, berichtete damals die Gewerkschaft Verdi. Der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen hieß vor allem, dass befristete Teilzeit-Verträge, die über 100 ehemalige Leiharbeiter 2011 erhalten hatten, nicht verlängert wurden. Das gleiche galt für die befristeten Verträge vieler Werkstudenten in den Bereichen Lager und Versand.

Im Oktober erstellten dann Wirtschaftsprüfer der Unternehmensberatung KPMG ein „Sanierungsgutachten“, das eine „doppelte Digitalisierung“ forderte, also den Aufbau eines Onlinehandels und Investitionen ins E-Book-Geschäft.

Der Umsatz in diesen Bereichen sollte verdreifacht werden. Gemeinsam mit der Deutschen Telekom und den Mitkonkurrenten Thalia und Club Bertelsmann hatte Weltbild als Konkurrent zu Amazons Kindle vor knapp einem Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch einen eigenen E-Book-Reader, den Tolino, auf den Markt gebracht. Ob er sich durchsetzt, steht noch aus.

Teil des Sanierungskonzepts von KPMG war auch die Entlassung der Beschäftigten im Kataloggeschäft, vor allem im Lager, Versand und im Kundenservice. Letzterer sollte ausgelagert, die ganze Abteilung mit rund 150 Beschäftigten aufgelöst werden. Mit der Insolvenz ist dieser Plan vorerst vom Tisch. Beruhigt sind die Beschäftigten nicht. „Wir werden trotzdem die Ersten sein, die gehen müssen“, äußerte eine Betroffene besorgt gegenüber der Augsburger Allgemeinen.

Im Rahmen des Sanierungskonzepts war auch geplant, die Allianz mit Hugendubel im nächsten Monat aufzukündigen. Die Insolvenz ist auch diesen Plänen zuvorgekommen.

Durchsetzen sollte das von KPMG entworfene Sanierungsprogramm Josef Schultheis. Im November hatten ihn die katholischen Gesellschafter als neuen Geschäftsführer verpflichtet. Schultheis gilt als knallharter Sanierer. Er hatte schon bei den Insolvenzen von Karstadt, Quelle und Praktiker mitgearbeitet. Während er Quelle und Praktiker abwickelte, verkaufte er Karstadt an den Investor Nicolas Berggruen. Geholfen hat dies nichts, immer noch schwebt das Damoklesschwert der Insolvenz über dem Kaufhauskonzern.

Die Angst der Weltbild-Beschäftigten um ihren Arbeitsplatz ist daher mehr als berechtigt. Das gilt vor allem, nachdem das Amtsgericht Augsburg einmal mehr Arndt Geiwitz zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt hat. Er hatte in gleicher Funktion schon Schlecker abgewickelt, wo 20.000 vor allem Frauen ihren Job verloren. Den Strumpffabrikanten Kunert verkaufte Geiwitz an einen österreichischen Investor. Beim Industriebaukonzern Alpine baute er 500 von 1.230 Arbeitsplätzen ab. Auch bei der Zerschlagung des Druckmaschinenherstellers Manroland, bei der über 2.000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verloren, wirkte seine Kanzlei Schneider, Geiwitz & Partner mit.

Die Verhandlungen von Geiwitz mit Hugendubel, Banken, Gläubigern und Lieferanten laufen angeblich bereits auf Hochtouren. Dasselbe gilt für die Beratungen, die Geiwitz mit dem Betriebsrat, den politischen Vertretern und mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi führt.

Am Samstag trat ein Runder Tisch unter dem Vorsitz des Augsburger Oberbürgermeisters Kurt Gribl (CSU) zusammen, an dem sich auch Betriebsräte und Verdi-Vertreter beteiligen – der Betriebsratsvorsitzende Fitz, sein Betriebsratskollege und Verdi-Betriebsgruppensprecher Timm Boßmann und der Verdi-Sekretär für den Handel in Augsburg Thomas Gürlebeck. Am Tisch saßen außerdem Vertreter der Handwerkskammer, der IHK und der Agentur für Arbeit – letztere, weil schon jetzt eine Transfergesellschaft für die Entlassenen im Gespräch ist.

Im Anschluss erklärte Fitz: „Wir fühlen uns in unserer Position gestärkt, dass Weltbild eine Zukunft hat, wenn jetzt alle an einem Strang ziehen.“ Verdi-Sekretär Gürlebeck verdeutlichte, dass er damit die katholische Kirche selbst und die CSU-Regierung in Bayern meint. „Die Eigentümer sind in der Pflicht, die Existenzen der Kollegen und ihrer Familien nachhaltig zu sichern.“

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte in einer ersten Stellungnahme Unterstützung zugesagt und erklärt, von „Bürgschaften bis Überbrückungen“ sei alles möglich. Seine Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) schloss Staatshilfen dann aber kategorisch aus. „Es werden hier definitiv keine Steuergelder für die Rettung eingesetzt“, sagte sie dem Münchner Merkur.

Betriebsrat und Verdi sicherten Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz ihre volle Unterstützung zu. Laut Süddeutscher Zeitung arbeiten die Betriebsräte schon an Lösungen für die Insolvenz. Sie stellten sich die Frage nach der „Verwertbarkeit“. „Welche Abteilung ist interessant für einen Investor? Welche nicht?“

Hier bahnt sich das seit Jahren bekannte Manöver an. Betriebsrat und Gewerkschaft sitzen mit Politik, Insolvenzverwalter und Arbeitsagentur an einem Tisch und entwickeln den Modus, nach dem die Arbeitsplätze zerschlagen werden.