Zum Hintergrund der Angriffe auf das Detroit Institute of Arts:

Oligarchen und ihre Spielereien: Private Museen auf dem Vormarsch

Von Nancy Hanover
18. Januar 2014

Im Dezember 2013 schlug der Richter Gerald Rosen der insolventen Stadt Detroit einen „grandiosen Vergleich“ vor. Sie solle das Museum Detroit Institute of Arts (DIA) mit seiner weltberühmten Kunstsammlung gegen die Zahlung von 500 Millionen Dollar einer privaten Stiftung übereignen. Das Museum gehört der Stadt seit hundert Jahren.

Leider begrüßten die Museumsbetreiber den schlimmen Vorschlag. Sie befürworten ein Vorgehen, „über nationale und lokale Stiftungen und andere Finanzquellen einen Mechanismus zu schaffen, der der Stadt zu Geld verhelfen und gleichzeitig die gegenwärtige und zukünftige Existenz der DIA-Sammlung sichern könnte“. Der Detroit Free Press zufolge führen die Vertreter des DIA zurzeit Gespräche mit mehreren Vermittlern und einem Stiftungs-Konsortium.

Ein solcher Deal wäre ein gewaltiger Diebstahl an öffentlichem Eigentum. Er würde den Generalangriff der Finanzelite auf öffentlich zugängliche Kunst und Kultur enorm begünstigen. Einmal mehr würde die Kontrolle über Kunst und Kultur der Gesellschaft entzogen und in die Hände großer Privatunternehmen und deren Stiftungen gelegt.

Weit entfernt davon, die Sammlung des DIA zu „sichern“, würde dieser Deal vielmehr den Detroiter Einwohnern die Kunstwerke entziehen, die sie seit Generationen lieben und verehren und die von ihren Steuergeldern erworben oder ihnen geschenkt wurden. Stattdessen würden sie der geldgeilen Elite anvertraut.

So schockierend die Vorstellung ist, so wenig weit ist sie hergeholt. Sie steht vollkommen im Einklang mit der bedauernswerten Zunahme privater Museen in den USA und international.

Seit einem Vierteljahrhundert werden praktisch alle neuen Museen privat finanziert und geleitet. Die von der öffentlichen Hand unterhaltenen Einrichtungen werden dagegen systematisch ihrer Ressourcen beraubt. Die Bundesstaaten und Kommunen kürzen systematisch ihre Kulturbudgets oder streichen sie ganz, und die nationale Zwangsverwaltung bewirkt, dass Kunstprojekte übel zusammengestrichen werden.

Gleichzeitig führt die beispiellose Konzentration des Reichtums, den die Finanzklasse seit einigen Jahren anhäuft, zu einer Explosion privat finanzierter Kunstsammlungen, wie ein Artikel im Business Insider ausführt. Superreiche bauen sich ihre eigenen Museen, weil der Platz dafür in ihren Privatvillen nicht mehr ausreicht.

Allein die enormen Preise, die unendlich reiche Großsammler für Kunstwerke bezahlen können, lassen die öffentlichen Museen im Regen stehen. Kaum auszudenken, was für ein Kaufrausch auf dem Kunstmarkt entfesselt würde, würde auch nur ein Bruchteil der Sammlung des Detroit Institute of Arts zum Kauf angeboten, gehört das DIA doch zu den größten und bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt.

Die Vorsitzende der Fellows of Comteporary Art Fellows of Comteporary Art, Eine Non-Profit-Organisation zur Förderung der Gegenwartskunst in Los Angeles, California, USA, Pam Smith, sagte angesichts der Zunahme privater Museen: „Wir erkennen hier eine ganz neue Philosophie. Die Leute suchen nach vollkommen andern Wegen, ihre Kunst zu erhalten und zu zeigen, als jemals zuvor. Wenn sie sie einem Museum schenken, dann war´s das. Dann haben sie keine Kontrolle mehr darüber.“

Ann Somers Cooks, die ehemalige Herausgeberin der Kunstzeitung The Art Newspaper, führt die zunehmende Verbreitung privater Galerien auf die hektische Marktentwicklung der 1990er Jahre zurück. Die Financial Times zitiert sie mit den Worten: „Während die spekulativen Märkte anwuchsen, legten die Leute ihr Geld in Kunst an und begannen mehr zu kaufen, als sie bei sich unterbringen konnten. Natürlich konnten sie sie einlagern, aber dann hatten sie keinen Spaß daran. Es gibt einen riesigen Klub reicher Sammler, die Stiftungen unterhalten, einander auf ihren Events besuchen und sich auf den Kaufmessen treffen. Sie sind der Meinung, dass sie etwas Gutes tun.“

Wenn sie die Werke ausstellen, kann das deren Wert noch steigern. „Es muss gar nicht sein, dass sie ihre Sammlung nur zur Schau stellen, um sie später wieder zu verkaufen“, meint Somers Cook, „doch meilenweit weg sind sie von solchen Überlegungen bestimmt auch nicht“.

Die Privatisierung von Kunst hat mit der wachsenden Vorherrschaft der Finanzindustrie über die Weltwirtschaft stetig zugenommen, seitdem eine Handvoll Plutokraten durch kriminelle Machenschaften geradezu obszönen Reichtum aufhäuft. Kunst als Ware (“zu Geld gemacht”) bedeutet, dass die Öffentlichkeit weder Kontrolle darüber noch Zugang dazu hat.

Wer sind die Eigentümer der Privatmuseen dieser Welt? Die folgende unvollständige Liste soll eine Vorstellung vermitteln, wer alles sich in die Lage versetzen konnte, das künstlerische und kulturelle Erbe der Menschheit an sich zu reißen. Diese Leute bestimmen darüber, welche Werke zu sehen sind und welche nicht, und zu welchem Preis. Man muss nicht erst an die Privatpaläste Ludwig XIV. in Versailles erinnern, die randvoll gestopft mit Kunst waren, um zu spüren, welche Dekadenz und Korruption mit der Rückkehr dieses aristokratischen Prinzips im 21. Jahrhunderts verbunden ist.

Eli und Edythe Broad von SunAmerica und KB Home, die für ihre Kampagne für die Schulprivatisierung berüchtigt sind, werden 2014 im Zentrum von Los Angeles ihr Museum für Gegenwartskunst eröffnen. In dem 395 Millionen Dollar teuren Museum (bescheiden The Broad genannt) wird Kunst aus der 2000 Werke umfassenden Broad-Sammlung zu sehen sein. In der Pressemitteilung heißt es: „Die Besucher werden eine mehr als 31 Meter hohe Rolltreppe hochfahren, vorbei an den Hochregalen im zweiten Stock, die das gewaltige Kunstwerke-Lager der Broad-Sammlung beherbergen, um dann im dritten Stock in den Ausstellungsräume aufzutauchen. Die Decken sind dort sieben Meter hoch, und 318 Oberlichter lassen das Sonnenlicht indirekt einströmen. Die Besucher betreten die Ausstellung aus einer Treppe, deren Wände aus Glas sind, und von wo aus sie einen Blick in die Lager des zweiten Stockwerks erhaschen und so ermessen können, welche Kunstwerke künftige Ausstellungen zeigen könnten.“

Einblick in das Cristal Bridges Museum [Photo: Timothy Hursley, Courtesy of Crystal Bridges Museum of American Art, Bentonville, Arkansas]

 

2011 gab Alice Walton, die Erbin von Wal Mart, dem weltgrößten Einzelhändler, mehr als 317 Millionen Dollar für den Bau des Crystal Bridges Museum aus. Dieses Museum für amerikanische Kunst steht in Bentonville, Arkansas, dem Standort des Wal-Mart-Konzerns. Crystal Bridges war das erste größere Museum, das seit 1974 in den USA gebaut wurde. Der ungefähr 30.500 Quadratmeter umfassende Komplex besteht aus einer Reihe von Pavillons und Ausstellungsräumen, die mehr als 66.000 Quadratmeter Fläche umfassen. Dieses Museum war von Anfang an umstritten, da damit Steuerverluste über ca. siebzehn Millionen Dollar für Arkansas und die Stadt Bentonville verbunden waren. Darüber hinaus war Crystal Bridges in eine Reihe umstrittener Kunstkäufe verwickelt. Es ging um den Ankauf von Gemälden aus öffentlichen Einrichtungen, die ihrer Finanzmittel beraubt worden waren. Beispielsweise wurde der New York Public Library ein sehr berühmtes Bild der Hudson River Schule für Landschaftsmalerei, “Kindred Spirits” von Asher B. Durand, für rund 25 Millionen Dollar abgekauft. Der Thomas Jefferson Universität wurde für etwa zwanzig Millionen Dollar das Bild von Thomas Eakins, “Porträtvon Professor Benjamin H. Rand”, abgekauft.

Das Cristal Bridges Museum der Architekten Safdieaus der Luft. [Photo: Timothy Hursley, Courtesy of Crystal Bridges Museum of American Art, Bentonville, Arkansas]

 

2006 sicherte sich Alice Walton das Vorkaufsrecht auf die Hälfte der 101 Werke von Georgia O’Keeffe, die der Fisk University of Nashville geschenkt worden waren, was zu einer ganzen Reihe von Gerichtsprozessen führte. Wie das Wall Street Journal bemerkte, kauft sie regelmäßig und geheim auf Auktionen ein und hat dabei schon oft größere Museen bei verschiedenen Meisterwerken überboten. Insider von Christie´s geben ihr deshalb den Spitznamen „Sam“, eine Anspielung auf ihren verstorbenen Vater.

Im Juli letzten Jahres bezahlten die Textil-Magnaten Maurice und Paul Marciano acht Millionen Dollar, um in Los Angeles einen ehemaligen Freimaurertempel zu erwerben, den sie zu einem privaten Museum umgestalten wollen. „Wir haben eine Menge Kunstwerke auf Lager“, erklärte Maurice Marciano gegenüber der New York Times. Sie besitzen ungefähr tausend Kunstwerke sowohl privat als auch über die Sammlung ihrer Kunststiftung. Der Tempel wird auf seinen vier Etagen etwa 27.500 Quadratmeter Fläche bieten, was ungefähr den Flächen des städtischen Museum für Gegenwartskunst in LA entspricht. Marciano erklärte, das Museum würde weder Personal noch regelmäßige Öffnungszeiten bereitstellen, sondern könnte „nach Vereinbarung geöffnet werden“.

Der größte Käufer von Gegenwartskunst im letzten Jahr war Scheich Hassan bin Mohamed bin Ali Al Thani. Sein Privatmuseum, das Mathaf, Arabisches Museum für Moderne Kunst,wurde 2010 in Katar eröffnet. Dort wird arabische Kunst von 1840 bis heute ausgestellt.

Der reichste Mann der Welt, der mexikanische Telekom-Milliardär Carlos Slim, baut schon sein zweites Museum, das Soumaya. Es wird auf fünf Stockwerken sowohl seineRodin-Sammlung als auch Impressionisten und Surrealisten beherbergen und einen winzigen Bruchteil seiner Sammlung zeigen, die 60.000 Werke umfasst.

Der Leiter des weltgrößten Spielbank-Syndikats, unter dem Namen Bank Roll bekannt, der Australier David Walsh, hat außerhalb von Hobart in Tasmanien ein Museum für Alte und Neue Kunst (MONA) geschaffen. Das MONA ist als Labyrinth angelegt und widmet sich den Themen Sex und Tod. Einschließlich seiner Kunstwerke soll es über 200 Millionen Dollar gekostet haben. Das ist laut Monthly doppelt so viel, wie das Guggenheim Museum von Bilbao kostete. In den zwei Jahren seiner Existenz hat das Museum mehr als 700.000 Besucher angezogen, was Hobart 2013 den Spitzenplatz auf der Lonely Planet Liste der zehn meistbesuchten Städte einbrachte.

Das MONA, Museum für Alte und Neue Kunst, vor Hobart auf Tasmanien [Photo: Jeff Owen]

 

Die StiftungDESTES Foundation for Contemporary Art gehört dem griechisch-zypriotischen Unternehmer Dakis Joannou. dessen Vermögen aus internationalen Geschäften aus der Baubranche, Flaschenabfüllungen, Schifffahrt, Luftfahrt und Immobilien stammt. Sein berühmtes Kunstmuseum befindet sich auf seiner Yacht, die den Namen „Guilty“ [„Schuldig“] trägt und von Jeff Koons in Marine Camouflage angestrichen ist.

Die von der Kunstpresse mit der höchsten „Spannung erwartete, privat finanzierte Galerie” ist die des russischen Handelsoligarchen Roman Abramowitsch. Der Tycoon, dessen Nettovermögen sich auf über dreizehn Milliarden Dollar beläuft, gibt freimütig zu, dass er Milliarden für politische Vergünstigungen und Protektion ausgegeben hat, um sich einen großen Teil der russischen Öl- und Aluminiumvorkommen zu sichern. Für das Vorrecht, auf der historischen Neu-Holland Insel mitten in St. Petersburg eine „Stadt in der Stadt“ zu bauen, hat er 400 Millionen Dollar ausgegeben. Das Projekt sieht den Bau eines Komplexes von Galerien, Museen und Hotels vor. Der britische Telegraph berichtete: „Abramowitsch kündigte seine Ankunft auf der Kunstszene 2008 an, indem er in nur 24 Stunden bei zwei Auktionen in New York 60 Millionen Pfund [ca. 72 Mill. €] ausgab. Zunächst kaufte er für 17 Millionen Pfund [14.4 Mill €] ein Gemälde von Lucian Freud – die höchste Summe, die je für ein Werk eines noch lebenden Künstlers bezahlt wurde – und in der darauffolgenden Nacht erwarb er für 43 Millionen Pfund [ca. 52 Mill. €] das Triptych 1976 von Francis Bacon. Das war eine Rekordsumme, sowohl für diesen Künstler, als auch für ein Werk der Gegenwartskunst überhaupt.“

Das Sifang-Museum in der chinesischen Stadt Nanjing [Photo: Brian Lockwood]

 

Es überrascht nicht, dass auch die Millionen Dollars, die auf den Bankkonten der Neureichen in China herumschwappen, ebenfalls ihren Weg zu Spekulation und Handel mit Kunst finden. Der chinesische Kunstauktionsmarkt erreichte im letzten Jahr die astronomische Höhe von 8,9 Milliarden Dollar, womit er den amerikanischen Kunstmarkt von 8,1 Milliarden Dollar noch übertraf. Zwar erlaubt die chinesische Regierung keine Steuervergünstigung für Kunstschenkungen, aber sie räumt stattdessen die Möglichkeit ein, von staatlichen Immobilienentwicklern günstig Land zu erwerben. Aus diesem Grund wurden von Immobilienfirmen im Hinblick auf künftige Riesenprofite zahlreiche Museumsprojekte in Angriff genommen.

Die ersten Festlandchinesen, die sich auf der Liste der 200 Spitzensammler von ARTnews befinden, sind der Investmentmagnat Liu Yiqian und seine Frau Wang Wie, die in den vergangenen zwei Jahren zwei Milliarden Yuan [fast 250 Millionen Euro] für Kunst ausgegeben haben. In einem Bericht von Associated Press bemerkt Kelvin Chan: „Wang und der Investment Milliardär Liu gehören einer neuen Generation reicher Asiaten an, die besser dafür bekannt sind, ihr Geld für extravagantes Spielzeug wie Privatjets, megagroße Yachten und Superautos herauszuwerfen. Einige allerdings haben stattdessen große Kunstsammlungen angelegt und trachten jetzt nach Gelegenheiten, ihre verfeinerte Sensibilität vor einem größerem Publikum zur Schau zu stellen.“