Rolls Royce meldet Rekordabsatz

Spiegelbild der globalen sozialen Ungleichheit

Von Dietmar Henning
25. Januar 2014

Manchmal sind es nur kurze, auf den ersten Blick belanglose Nachrichten, die aber stellvertretend für größere politische und soziale Entwicklungen stehen. So meldete der britische Automobilhersteller Rolls Royce für das vergangene Jahr einen Rekordabsatz. Die britische Traditionsmarke, die inzwischen zum deutschen Autobauer BMW gehört, verkaufte im letzten Jahr mehr Autos als jemals zuvor. Das waren zwar „nur“ 3.630, doch jede dieser Luxuskarossen kostet durchschnittlich 400.000 Euro.

Der zum VW-Konzern gehörende Konkurrent Bentley steigerte seine Verkaufszahlen im letzten Jahr ebenfalls um 20 Prozent auf über 10.000 Modelle. Ein solcher Wagen kostet allerdings auch „nur“ 170.000 Euro.

Die internationale Finanzaristokratie nutzt die Wirtschaftskrise seit 2008 für eine hemmungslose Bereicherung und zwingt gleichzeitig viele Millionen Menschen in aller Welt in bitterer Armut zu leben. Während die Regierungen in den USA, Asien und Europa Billionen Dollar in die Finanzmärkte pumpen, um die Bankkonten der Superreichen zu retten, wurden und werden diese Gelder durch nie dagewesene Sozialkürzungen und die Vernichtung von Arbeitsplätzen aus der arbeitenden Bevölkerung herausgepresst.

Der Meldung über Rekordabsätze von Luxuskarossen steht die Nachricht gegenüber, dass sich die große Mehrheit der Bevölkerung einen Klein- und Mittelklassewagen nicht mehr leisten kann. Das gilt besonders für Südeuropa, wo die Troika aus Europäischer Union (EU), Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) in Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal brutale Sparmaßnahmen durchsetzt.

Jahrelang war Europa einer der größten Automärkte. Nun ist der Absatz stark eingebrochen. Im vergangenen Jahr lagen die Neuzulassungen auf dem tiefsten Stand seit zwei Jahrzehnten.

Die Konzerne reagieren darauf, indem sie zahlreiche Werke schließen und die Löhne und Arbeitsbedingungen der verbleibenden Arbeiter angreifen. Tausende Arbeiter von Opel in Bochum, Ford in Genk, Peugeot-Citroen in Aullnay bei Paris, von Fiat in Italien verlieren durch Werksschließungen ihre Arbeit.

Die aktuell leicht ansteigenden Autoverkäufe in der Welt basieren vor allem auf überdurchschnittlichen Wachstumsraten in den USA und China. Davon profitieren vor allem, die so genannten Premium-Hersteller (vor allem die deutschen Marken, Daimler, BMW und Audi), denn dieser Markt wächst schneller als der Gesamtmarkt.

Diese Entwicklung in der Autoindustrie spiegelt die soziale Ungleichheit wieder, die seit 2008 beispiellose Ausmaße angenommen hat. Seit dem Tiefpunkt der Finanzmarktkrise im März 2009 hat sich der Reichtum aller Milliardäre der Welt von 3,1 Billionen Dollar (2,26 Billionen Euro) auf 6,5 Billionen Dollar (4,75 Billionen Euro) mehr als verdoppelt. Die Zahl der Milliardäre war im Jahr 2013 um 60 Prozent höher als 2009. 2.170 Personen teilen sich die Summe, die die nationalen Bruttoinlandsprodukte aller Länder der Welt mit Ausnahme der USA und Chinas übertrifft.

Vor wenigen Tagen hat die Organisation Oxfam Charity einen Bericht veröffentlicht, der feststellt, dass die reichsten 85 Menschen der Welt mehr Reichtum besitzen, als die unteren fünfzig Prozent der Weltbevölkerung, d. h. mehr als 3,5 Milliarden Menschen! Das reichste Prozent besitze heute 46 Prozent des Weltreichtums, 110 Billionen Dollar (80 Billionen Euro).

Der Bericht enthält auch eine Grafik, die zeigt, dass die USA seit 2008 den höchsten Zuwachs sozialer Ungleichheit unter allen Industrieländern aufweisen. China fehlt darin nur deshalb, weil keine Zahlen zur Verfügung stehen. Die Süddeutsche Zeitung schreibt, dass Schätzungen zufolge seit dem Jahr 2000 allein rund 4 Billionen Dollar (2,9 Billionen Euro) aus China in Steueroasen verschoben wurden.

Auch Deutschlands Superreiche sind reicher denn je. Das Manager Magazin veröffentlichte letzten Herbst eigene Recherchen, nach denen das Vermögen der reichsten 100 Personen und Familien in Deutschland in den vorangegangenen zwölf Monaten um 5,2 Prozent auf den Rekordwert von 336,6 Milliarden Euro gestiegen ist. Im Vorjahr besaßen sie „nur“ 319 Milliarden Euro.

Während die Armut in Deutschland wie in jedem Land ansteigt, wuchs auch hier die Zahl der Milliardäre auf einen neuen Rekordwert. Das Magazin zählte 135 Milliardenvermögen. Die reichsten Deutschen kommen wie schon in den letzten Jahren aus den Familien der Aldi-Gründer Karl und Theo Albrecht. Platz eins belegt mit einem Vermögen von 17,8 Milliarden Euro der 93-jährige Karl Albrecht, mit einem Vermögen von 16 Milliarden Euro belegt die Familie seines 2010 verstorbenen Bruders Theo Albrecht Rang zwei.

Drittreichster Deutscher ist der Milliardär Dieter Schwarz, der Gründer der Discounter Lidl und Kaufland. Er verfügt laut Manager Magazin über ein Vermögen von 13 Milliarden Euro und damit eine Milliarde mehr als noch ein Jahr zuvor.

Unter den ersten 20 befinden sich außerdem zahlreiche Erben der Industriellenfamilie Quandt, die den Grundstein zu ihren Reichtümern unter der Nazi-Herrschaft legte. Quandt-Erbin Susanne Klatten ist mit einem Vermögen von zehn Milliarden Euro fünftreichste, Stefan Quandt belegt auf der Milliardärsliste mit 7,2 Milliarden Euro Platz neun, Johanna Quandt, Patronin der Unternehmensdynastie mit 6,75 Milliarden Euro Platz zehn.

Es ist kein Zufall, dass die reichsten Personen der Welt, aus den Ländern kommen, in denen die soziale Ungleichheit und Armut am größten sind. An der Spitze der Superreichen steht laut der aktuellen Forbes-Liste der mexikanische Großunternehmer Carlos Slim mit einem Vermögen von 73 Milliarden Dollar (56 Milliarden Euro), gefolgt von Microsoft-Mitgründer Bill Gates aus den USA mit 67 Milliarden Dollar und dem Spanier Amancio Ortega, Mitbegründer der Zara-Mutter Inditex, mit 57 Milliarden Dollar Vermögen.

Auf einer Rangliste der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) über die soziale Ungleichheit in ihren 34 Mitgliedsstaaten belegt Mexiko den zweiten Rang, die USA den vierten und Spanien den achten.

In den Schätzungen des Manager Magazins wie Forbes zum Reichtum der Milliardäre werden neben Unternehmenswerten und Aktienbesitz auch Grund- und Immobilienbesitz sowie Kunstsammlungen berücksichtigt. Es ist nicht überraschend, dass auch das britische Auktionshaus Christie’s im vergangenen Jahr den größten Umsatz in der Geschichte des Kunstmarktes erzielt hat. Die Umsätze seien im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent auf 5,5 Milliarden Euro gestiegen.

Das Auseinanderdriften der steigenden Vermögen der Milliardäre und des sinkenden Lebensstandards der Massen ist ein wesentliches Merkmal des globalen Kapitalismus und ist mit demokratischen Verhältnissen in wachsendem Maße unvereinbar. Eine winzige globale Schicht von Superreichen hat die gesamte Weltbevölkerung im Würgegriff. Um ihren Reichtum zu verteidigen, steigern sie die Plünderung der Gesellschaft ins Unermessliche und diktieren der großen Mehrheit Armut, Elend und Not. Über drei Milliarden Menschen müssen mit weniger als 2,50 Dollar am Tag auskommen.