Türkei: Chaos auf Devisenmärkten lässt Zinssätze ansteigen

Von Nick Beams
31. Januar 2014

Die türkische Zentralbank hat den Tagesgeldzinssatz von 7,75 Prozent auf zwölf Prozent erhöht. Das ist ein verzweifelter Versuch, den Absturz der Lira aufzuhalten. Der Vorstand der Bank kündigte die massive Erhöhung nach einer Dringlichkeitssitzung um Mitternacht am Dienstagmorgen an. Die Finanzmärkte, die allgemein nur mit einer Erhöhung um zwei Prozentpunkte gerechnet hatten, zeigten sich überrascht. Der Ankündigung waren Warnungen vorausgegangen, dass Untätigkeit schwere Folgen haben würde.

Der Hintergrund der Entscheidung der Zentralbank ist der Absturz der Lira auf ihren niedrigsten Stand im Vergleich zum US-Dollar in der letzten Woche; damit hat sie in diesem Jahr zehn Prozent an Wert verloren. Die Bank erklärte, sie werde ihre neue "strenge Haltung zur Geldpolitik" beibehalten, bis sich die inflationäre Prognose deutlich verbessere.

Die Türkei stand letzte Woche im Zentrum des Finanzsturms, in dem die Werte der Währungen der Schwellenmärkte aufgrund der Furcht, dass steigende Zinsen in den USA zu einer Kapitalflucht führen könnten, an Wert verloren. Die Krise wurde durch die Entscheidung argentinischer Finanzbehörden ausgelöst, den Peso nicht weiter zu stützen, sodass er zwölf Prozent an Wert verlor. Das war der größte Verlust seit der Finanzkrise von 2001-2002

Die Türkei ist für die globalen Turbulenzen besonders anfällig, da sie ein Leistungsbilanzdefizit von 60 Milliarden Dollar pro Jahr hat, von dem etwa 80 Prozent durch kurzfristige Gelder finanziert werden. Sie hat etwa 33 Milliarden Devisenbestände. Das reicht lediglich, um eineinhalb Monate lang die Kosten für Importe zu decken.

Andere Länder, darunter Südafrika und Indien, die bei der Begleichung ihrer Zahlungsbilanzdefizite ebenfalls von den äußerst unbeständigen Kapitalströmen abhängig sind, sind weitere Kandidaten für schwere Krisen.

Die Entscheidung der türkischen Zentralbank wird die politischen Unruhen im Land mit Sicherheit weiter verschärfen: Premierminister Recep Tayyip Erdogan, der in einen schweren Korruptionsskandal verwickelt ist, bezeichnete die Kräfte, die sich für eine Erhöhung des Zinssatzes einsetzen, als Beteiligte an einer Verschwörung. Vor dem außerordentlichen Treffen der Bank erklärte er: "Die türkische Wirtschaft wird nicht durch Sabotage beschädigt werden."

Die Hauptursache für die Turbulenzen in der Türkei und anderen Schwellenmärkten ist nicht "Sabotage" oder "Verschwörung“, sondern die Folge des Programms der "quantitativen Lockerung" der amerikanischen Federal Reserve. In den letzten fünf Jahren wurden Billionen Dollar in die Finanzmärkte gesteckt, um die großen amerikanischen Banken und Finanzinstitute zu stützen.

Nachdem die Fed letzten Monat angekündigt hatte, ihre Aufkäufe von Wertpapieren im Wert von 85 Milliarden Dollar im Monat auf 75 Milliarden zu beschränken, wird damit gerechnet, dass die Zinssätze in den USA steigen werden, was den Kapitalfluss umkehren wird. Eine Studie der Weltbank, die Anfang des Monats erschien, warnte davor, dass die Schwellenmärkte im schlimmsten Fall damit rechnen müssen, dass der Zufluss von Kapital um bis zu 80 Prozent sinkt.

Wenn die Fed am Donnerstag beschließt, den Aufkauf von Wertpapieren zu beschränken, könnte dies wieder zu Unruhen auf den Devisenmärkten führen.

Der Gouverneur der brasilianischen Zentralbank Alexandre Tombini erklärte, die "Staubsaugerfunktion" steigender Zinsen in den großen Wirtschaften würde das Geld aus den Schwellenmärkten saugen und deren Zentralbanken dazu zwingen, die Zinsen zu erhöhen.

Die indische Zentralbank erhöhte am Donnerstag die Zinsen um 25 Basispunkte - die dritte Erhöhung in den letzten sechs Monaten. Andere Länder könnten dem Beispiel der Türkei und Indiens bald folgen.

Der Konsens auf den Finanzmärkten ist zwar scheinbar, dass die südafrikanische Zentralbank nicht handeln wird, aber das könnte sich schnell ändern. Südafrika hat momentan sein bisher höchstes Leistungsbilanzdefizit. Letzte Woche fiel der Rand auf seinen niedrigsten Stand im Vergleich zum Dollar seit Oktober 2008 nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers.

Brasilien, die größte Wirtschaftsmacht Lateinamerikas, hat ebenfalls ein niedriges Wirtschaftswachstum und sein Leistungsbilanzdefizit hat den höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren erreicht. Die brasilianische Zentralbank hat die Zinssätze seit letztem April um 3,25 Prozentpunkte auf 10,5 Prozent erhöht, um die Inflation einzudämmen und hat aktiv auf den Finanzmärkten interveniert, um große Veränderungen am Wert seiner Währung zu verhindern.

Abgesehen vom Anstieg der Zinsen in den USA sind weitere wichtige Faktoren im aktuellen Währungssturm die Folge des langsamen Wachstums in China und die wachsende Angst, dass das Finanzsystem des Landes aufgrund der in den letzten fünf Jahren rapide gestiegenen Verschuldung auf einen Zusammenbruch zusteuert.

Ruchir Sharma, der oberste Verantwortliche für Schwellenmärkte bei Morgan Stanley Investment Management, warnte am Montag in einem Kommentar in der Financial Times, China drohe die "ernste Gefahr mindestens einer schweren Verlangsamung" und möglicherweise schlimmeres.

Er schrieb: "Vergessen Sie Argentinien. Das große Thema in den Schwellenländern ist die schwarze Wolke aus Schulden, die über China hängt." Sharma wies auf andere Entwicklungsländer hin, in denen es einen ähnlichen Kreditboom wie in China gegeben hatte; sie alle hatten danach eine Kreditkrise und einen schweren wirtschaftlichen Abschwung durchlebt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind Chinas Schulden in den letzten fünf Jahren um 71 Prozent auf insgesamt 230 Prozent gestiegen.

Nicht nur der Anstieg der Verschuldung bietet Anlass zur Sorge. Laut Sharma war vor fünf Jahren ein Anstieg der Verschuldung um einen Dollar notwendig, um ein Wirtschaftswachstum von einem Dollar zu schaffen. Im Jahr 2013 waren dazu fast vier Dollar notwendig, und ein Drittel der neuen Schulden wird benötigt, um die alten zu bezahlen.

Es herrscht auch Nervosität wegen der Stabilität von Chinas Schattenbanksystem, in dem schätzungsweise 4,8 Billionen Dollar Schulden schlummern. Die Instabilität und das Potenzial für eine ernste Krise wird von Schritten der staatlichen Finanzbehörden unterstützt, die Kreditvergabe zu begrenzen und die Schuldenblase zu leeren, die sich in den letzten fünf Jahren entwickelt hat.

Laut der aktuellen Global Data Watch, die von JP Morgan herausgegeben wird, werden "die steigenden Interbankensätze die Fremdkapitalkosten weiterhin nach oben treiben, solange die Liquidität niedrig gehalten wird, und zusammen mit langsamerem Wachstum die Gefahr bergen, die Belastung auf den Finanzmärkten zu erhöhen.

Ein größerer Abschwung in China oder eine Finanzkrise werden sofort Auswirkungen auf die Wirtschaftsmächte haben, die sie mit Rohstoffen versorgen, darunter Brasilien, Südafrika und Australien und die südostasiatischen Länder, die die chinesische Industrie mit Teilen und Komponenten versorgen.

Die meisten Finanzkommentatoren behaupten zwar, dass die aktuelle instabile Lage keine Wiederholung der Asienkrise von 1997-98 ist, aber die derzeitigen Unruhen auf den Devisenmärkten haben die gleichen Zutaten, darunter Kredite, die auf Dollars basieren, die immer schwerer zu bezahlen sind, da der Wert der eigenen Währung sinkt. Außerdem bedeutet die weitere, komplexe Integration der Finanzmärkte in den letzten siebzehn Jahren, dass eine Krise in jeder Region der Welt schnell weltweite Folgen haben kann.