Reddit-Forum setzt WSWS auf schwarze Liste

Von der Redaktion
13. Februar 2014

Die Moderatoren des Forums r/socialism auf der Link Aggregating-Seite Reddit haben in einem Akt offener politischer Zensur einseitig beschlossen, die World Socialist Web Site für einen Monat auf ihre schwarze Liste zu setzen. Bei der Ankündigung der Suspendierung erklärte einer der Moderatoren, die Suspendierung werde dauerhaft werden, wenn die WSWS ihre politische Linie nicht ändere.

Am Montag löschten die Moderatoren des gleichen Forums kurzzeitig einen Artikel über den Arbeiteruntersuchungsausschuss auf der Webseite zur Insolvenz von Detroit, der aufgrund seiner Popularität unter den Reddit-Nutzern den höchsten Platz auf der Seite erreicht hatte. Diese Aktion erfolgte ohne irgendeine Erklärung, hat jedoch eindeutig die politische Motivation hinter dem Verbot der WSWS und der verächtlichen Einstellung der Moderatoren, die mit verschiedenen politischen Gruppen verbündet sind, gegenüber den Nutzern des Forums gezeigt.

Ihr Ziel ist es, zu einer Zeit, in der die Leserschaft der WSWS wächst und die Kampagnen der Socialist Equality Party auf große Unterstützung unter Arbeitern und Jugendlichen in Detroit und im ganzen Land treffen, den politischen Einfluss der sozialistischen Bewegung zu verringern.

Der unmittelbare Grund für das Verbot ist die Haltung der WSWS zum jüngsten Sexskandal, den die Medien hochgepeitscht haben, d.h. zu dem Angriff des New York Times-Kolumnisten Nicholas Kristof auf Woody Allen. Die WSWS verurteilte in einem Artikel ihres Kunstredakteurs David Walsh vom 5. Februar, dass Kristof diskreditierte Vorwürfe wieder ausgegraben hat, laut denen Allen vor zwanzig Jahren seine adoptierte Tochter sexuell missbraucht haben soll.

Mit diesem Artikel verstieß Kristof auf groteske Weise gegen den journalistischen Ethos, um die private Vendetta einer persönlichen Freundin und politischen Mitstreiterin zu unterstützen, nämlich Allens ehemaliger Geliebter Mia Farrow, die sich von ihm entfremdet hat. Obwohl Kristof zugab, dass keiner sicher sein könne, was wirklich passiert war, benutzte er seine Position als Times-Kolumnist, um alles in seiner Macht stehende zu tun, um den Filmemacher zu diskreditieren und mit Schmutz zu bewerfen.

Dieser Artikel, und ein anderer von vor fünf Jahren über die Kampagne gegen Roman Polanski, wurden von dem Reddit-Moderator erwähnt, der das Verbot ankündigte, allerdings zitierte er nicht daraus (sein Benutzername lautet "G0VERNMENT," und er bezeichnet sich als Anhänger des "Marxismus-Deleonismus/IWW). Diese Person erklärte, der Artikel würde "Vergewaltigung verharmlosen" und die WSWS solle künftig davon Abstand nehmen, "Pädophile und verurteilte Vergewaltiger zu verteidigen."

Die WSWS weist die Forderung, sie solle ihre politische Linie ändern, um diese Kräfte zufriedenzustellen, mit Verachtung zurück.

Der Vorwurf, Vergewaltigung zu entschuldigen, ist eine verachtenswerte Verleumdung, die viel mit der rechten Boulevardpresse gemeinsam hat. Die Unterstützer des Verbotes, die die Ankündigung auf der Seite r/socialism kommentierten, verbanden hysterische Vorwürfe, die WSWS verteidige "verurteilte Vergewaltiger" mit unflätiger Schmähkritik an den zahlreichen Nutzern der Seite, die die Behauptung ablehnten (sogar die Mehrheit der Nutzer).

Es herrschte eine starke unterschwellige Atmosphäre der Gewaltandrohung gegen marxistische Kritiker. Ein anderer Post auf Reddit, der zum gleichen WSWS-Artikel über Allen verlinkte, trug die Überschrift "David Walsh gehört erschossen."

Das ist die Sprache und die Politik von Rechtsextremen. Die verleumderischen Vorwürfe, die WSWS würde Vergewaltigung verharmlosen, sind nur ein Vorwand, um die wahren Tatsachen zu verbergen: die beiden WSWS-Artikel weisen darauf hin, dass offen reaktionäre Kräfte, die Medien, "Menschenrechts"aktivisten und rechte Identitätspolitikaktivisten gemeinsam den Staat und sein Handeln verteidigen.

Reaktionäre Kräfte haben in der Vergangenheit mehr als einmal Vorwürfe der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs benutzt, um ihre politische Agenda zu fördern, in den USA und weltweit. Dass der Moderator von r/socialism den Begriff "schwarze Liste" benutzt, sagt alles - er bekennt sich damit zu der Praxis, die während McCarthys Kampagne gegen sozialistisch gesinnte Künstler in Hollywood und linke Schriftsteller, Intellektuelle und Arbeiter während der 1940er und 1950er berüchtigt wurde. Es ist nicht ohne Ironie, dass Walsh ausführlich über die schwarze Liste in Hollywood geschrieben und Interviews mit Regisseuren und Autoren geführt hat, die auf dieser Liste standen, unter anderem mit Abe Polonsky, Walter Bernstein und John Berry.

Walshs Artikel über Polanski erwähnt auch andere berüchtigte Fälle, in denen Sexskandale inszeniert wurden, um prominente Menschen zu vernichten, die ins Fadenkreuz rechter Kräfte und des Staates geraten waren. Unter anderem wurde der Mann Act, der den Transport von Frauen über Bundesstaatsgrenzen zu "unmoralischen Zwecken" verbot, gegen den Boxchampion Jack Johnson und den Schauspieler, Regisseur und Sozialisten Charlie Chaplin angewandt.

Er schreibt auch über den Lynchmord an Leo Frank, einem jüdischen Fabrikverwalter in Atlanta, der von rechten Pseudopopulisten und Antisemiten verfolgt wurde, nachdem ihm zu Unrecht vorgeworfen wurde, eine Arbeiterin vergewaltigt und ermordet zu haben.

In den amerikanischen Südstaaten spielten solche Vorwürfe eine zentrale Rolle bei der -Terrorherrschaft und Selbstjustiz gegen Afroamerikaner, unter anderem bei der Ermordung des vierzehnjährigen Emmett Till, der 1955 in Mississippi ermordet wurde, weil er angeblich mit einer weißen Frau geflirtet hatte.

Der Fall der Scottsboro Boys ist ein berüchtigtes Beispiel. Neun schwarzen Teenagern wurde 1931 in Alabama vorgeworfen, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben. Daraufhin wurden sie beinahe gelyncht. Nur eine massive Kampagne von linken Kräften konnte ihnen das Leben retten. Dennoch mussten mehrere von ihnen Jahrzehnte im Gefängnis verbringen und einer wurde von einem Gefängniswärter erschossen. Die heutigen Moralapostel, die unter anderem r/socialism führen, würden die Hinrichtung der Scottsboro Boys fordern und jedem, der die Vorwürfe infrage stellt, vorwerfen, Vergewaltigung zu verharmlosen.

Das FBI hat routinemäßig aus niederen politischen Beweggründen Informationen über sexuelle Beziehungen und Fälle von ehelicher Untreue gesammelt, unter anderem um Martin Luther King zu erpressen. In der jüngeren Geschichte diente ein Sexskandal als Anlass für das Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton. Das war eine rechte Kampagne, durch die ein gewählter Präsident abgesetzt und eine unausgesprochene und reaktionäre politische Agenda verfolgt werden sollte.

Solche Taktiken wurden nicht nur in den USA angewandt. In der antisemitischen Propaganda des Dritten Reichen waren reißerische Vorwürfe von Sexualverbrechen (als Rassenschande und Blutschande bezeichnet) an der Tagesordnung. Die Nazi-Boulevardzeitung der Stürmer brachte viel über diese Vorwürfe. Viele Juden wurden wegen mutmaßlicher Vergewaltigung in Verbindung mit mutmaßlichen sexuellen Beziehungen mit deutschen "arischen" Frauen verurteilt und hingerichtet.

Das ist das politische Erbe der heutigen Moralapostel. Unter den Zielen der jüngsten Sexskandale, die von den Medien hochgepusht wurden, sind viele Künstler - man sollte hinzufügen, dass es oft, wie im Falle Polanskis und jetzt Allens, jüdische Künstler sind. Die Opfer dieser Angriffe waren meist Menschen, deren Werke sozialkritischen Charakter hatten.

Einer der übelsten Fälle in der jüngeren Geschichte ist die Hetzkampagne gegen WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Die Befürworter eines Verbots der WSWS erklären sich völlig mit der Vendetta gegen Assange solidarisch, deren treibende Kraft die Obama-Regierung ist. Der gleiche Moderator, der das Verbot verkündet hat, erklärt in einem Post: "Es gibt auch andere Beispiele [wie die WSWS Vergewaltigungen entschuldigt], darunter die Verteidigung von Assange."

Solche Kräfte haben absolut nichts mit linker Politik zu tun. Ihre Politik definiert sich nicht dadurch, als was sie sich bezeichnen, sondern dadurch, was sie tun. Sie nennen sich zwar "Sozialisten," aber auch die Nazis nannten sich "Nationalsozialisten."

Diese Elemente sprechen im Auftrag höchst privilegierter Teile des Kleinbürgertums, sie sind antikommunistisch, antimarxistisch, pro-imperialistisch und der Arbeiterklasse zutiefst feindselig gesonnen.

Sie stellen sich willig und bewusst auf die Seite des Staates und seiner Anhängsel in den Medien. Die Identitätspolitik, die sie entwickelt haben, wurde als grundlegende Komponente der bürgerlichen Ideologie übernommen. Vor allem Sexvorwürfe sind Teil des Modus Operandi für Angriffe auf demokratische Rechte und den Beginn von Angriffskrieg im Namen der "Menschenrechte" geworden.

Die Gegner der WSWS schweigen völlig über den zentralen Fokus des Artikels über Allen, d.h. die Politik von Nicholas Kristof und der Times.

Im ursprünglichen Artikel hieß es, Kristof habe sich "in den letzten zehn Jahren zu einem der aktivsten Verfechter des 'Menschenrechtsimperialismus' entwickelt und hat amerikanische Militärinterventionen im Sudan (Darfur), Libyen und Syrien gefordert -allesamt Gebiete, in denen es um das Verlangen der amerikanischen herrschenden Elite nach Energiereserven und geopolitischen Erwägungen geht."

Der Times-Kolumnist hat sich auf bildliche Schilderungen von Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch in Afrika spezialisiert, mit denen er eine Kampagne unterstützt, die sich für die Intervention der USA einsetzt.

Der Grund, warum sie zu Kristofs Politik schweigen, ist ganz einfach: sie sind mit ihm einer Meinung. Die pseudolinken Organisationen waren die heftigsten Kämpfer für ein Eingreifen in Libyen und Syrien. Jetzt sind sie mit ähnlichen Hetzkampagnen zur Unterstützung eines Regimewechsels in der Ukraine beschäftigt.

Mehrere Gegner des Verbotes der WSWS deuteten an, dass dieses Vorgehen an die antisozialistischen Provokationen staatlicher Behörden wie das COINTELPRO-Programms der 1960er und 70er erinnert. Zweifellos sind hinter den Kulissen Personen beteiligt, die direkte Beziehungen zu staatlichen Behörden haben. Aber die hetzerischen Angriffe auf die WSWS entsprechen auch der Politik der Gruppen und Individuen, die beteiligt sind. Sie sind, was sie tun.

Die Kampagne gegen die WSWS und ihre Haltung zu Woody Allen trägt dazu bei, die politische Orientierung der Identitätspolitik und des rechten, kleinbürgerlichen Milieus zu enthüllen, aus dem sich ihre Anhänger rekrutieren. Sie reagieren auf sozialistische Kritik, indem sie politische Diskussionen verbieten. Auf eine Bewegung der Arbeiterklasse werden sie reagieren, indem sie deren Unterdrückung durch den Staat unterstützen.