Wie Fed-Chefin Yellen ihren Einsatz für die Wall Street verpackte

Von Nick Beams
5. April 2014

Regierungs- und Finanzbehörden versuchen stets, ihre Entscheidungen im Interesse der Superreichen und Wirtschaftseliten damit zu rechtfertigen, dass tiefgefühlte Sorge um die Gesellschaft ihre Handlungen motiviere.

Doch in der Rede, die Janet Yellen, die Präsidentin des Federal Reserve Board (Fed), am Montag in Chicago hielt, stach etwas besonders heraus, das dazu angetan war, Übelkeit zu erregen. Yellen missbrauchte die soziale Katastrophe, die durch die Aktivitäten der Finanzeliten verursacht wurde, um der Wall Street für unbegrenzte Zeit den Zufluss hunderter Milliarden Dollar von der Fed direkt in ihre Taschen zuzusichern.

Yelen zitierte in ihrer Rede, die sie im “Ich-fühle-Ihren-Schmerz“-Stil des früheren US-Präsidenten Bill Clinton vortrug, die Fälle dreier Arbeiter, deren Existenz infolge der Finanzkrise und der anhaltenden Rezession vernichtet wurde, um den Finanzeliten zu versichern, dass die Zinssätze – trotz der „Reduzierung“ der Anleiheaufkäufe durch die Fed – auf ihrem gegenwärtigen niedrigen Niveau verharren werden.

Zwei Wochen zuvor hinterließ Yellen bei der Beantwortung einer Frage auf der Pressekonferenz, die einem Meeting des Offenmarktausschusses der Fed gefolgt war, den Eindruck, dass die Zinssätze früher steigen könnten als die Finanzmärkte erwartet hatten.

Jedes Wort, das die Fed-Präsidentin äußert, wird von den Finanzspekulanten und -händlern sorgfältig erwogen. Sie wollen Marktbewegungen voraussehen und Profite sicherstellen, die sich selbst bei kleinen Verschiebungen auf hunderte Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar belaufen.

Bei ihrer Pressekonferenz am 19. März wurde Yellen gefragt, wie bald nach Beendigung des gegenwärtigen Programms von Anleiheaufkäufen ein Ansteigen der Zinssätze zu erwarten sei. Sie wies auf die offizielle Erklärung hin, in der von einem „erheblichen“ Zeitraum gesprochen wird, fügte dann aber hinzu: „Doch Sie können sich denken, dass dies vielleicht etwa sechs Monate oder etwas Vergleichbares bedeutet.“

Dies war beträchtlich früher, als die Finanzmärkte erwarteten und sie fielen im Anschluss an die Bemerkung. Dies war eine scharfe Rüge, die Yellen in der ersten Pressekonferenz nach ihrer Übernahme der Präsidentschaft von Ben Bernanke im Januar erhalten hatte.

Da sie wusste, dass die Märkte jedes einzelne ihrer Worte sorgfältig auf die Goldwaage legen würden, stand sie jetzt in ihrer Rede bei der National-Interagency-Community-Reinvestment-Konferenz in Chicago vor dem Problem, wie sie der Wall Street begegnen und den Ausrutscher vor zwei Wochen korrigieren könnte.

Sie hätte sich ehrlich verhalten und einfach sagen können: “Ich habe die Botschaft der Wall Street vernommen und möchte den entstanden Eindruck korrigieren, dass die Fed schon bald von ihrer Politik ablassen werde, die in den vergangenen fünf Jahren für die Banken und Finanzhäuser so einträglich war.“

Aber das war natürlich unmöglich, denn dies würde allzu deutlich den wahren Zustand der Beziehungen zwischen der Fed und den Banken sowie Finanzhäusern entblößen.

Also wurde beschlossen, die Botschaft in Wendungen der Sorge über die Entbehrungen arbeitender Menschen und ihrer Familien zu verpacken. Obwohl die Fed mittels der Finanzmärkte wirke, behauptete Yellen, „besteht unsere Absicht darin, den einfachen Menschen und nicht der Wall Street zu helfen.“ Die „außerordentlichen Maßnahmen“, die seit Beginn der Krise eingeleitet wurden – die Bilanz der Fed, zusammengesetzt aus Anleihen und Finanzanlagen, die auf den Finanzmärkten aufgekauft wurden, stieg von knapp einer Billion Dollar im Jahr 2008 auf 4,2 Billionen Dollar heute –, seien von dem Wunsch geleitet worden, „Wirtschaftsaktivität anzuspornen und Arbeitsplätze zu schaffen“, sagte sie.

Und so ging es weiter. Yellen erwähnte die Flaute in der Wirtschaft, das Wachstum der Langzeitarbeitslosigkeit, das geringe Reallohnwachstum und die sinkende Erwerbsquote, da zunehmend mehr Arbeiter aus dem Arbeitsmarkt herausfallen, weil keine Arbeitsplätze verfügbar sind. Die drei Menschen, die sie anführte „hoffen zurecht darauf, dass bessere Tage kommen werden“, denn die Fed fahre fort mit ihrem „außergewöhnlich hohem Unterstützungseinsatz.“

Schließlich erreichte sie ihren Höhepunkt: “Ich denke, dieser außergewöhnliche Einsatz wird immer noch benötigt, und er wird noch einige Zeit benötigt. Diese Ansicht wird auch, denke ich, von meinen Kollegen, den Entscheidungsträgern in der Fed, geteilt“, erklärte sie.

Das war Musik in den Ohren der Finanzmarktanalysten. „Das ist wie ein indirekter neuer Spielanstoß,“ sagte Ward McCarthy, leitender Finanzökonom von Jeffries LLC, einer New Yorker global agierenden Investmentbank.

“Ich denke, sie konnte nicht direkt dem widersprechen, was sie zuvor bei der Pressekonferenz gesagt hatte, also machte sie das Nächstbeste und zeichnete das Bild einer Fed, die für lange, lange Zeit entgegenkommend sein werde.“

Thomas Costerg, ein Ökonom bei Standard Chartered Plc in New York, stimmte zu: “Sie sagte nicht ausdrücklich ‘Oh, ich habe einen Fehler gemacht,’ sondern legte das Gewicht auf die andere Seite, dass wir für einige Zeit eine entgegenkommende Politik brauchen.“

Bei der Wall Street ist die Botschaft angekommen. Nach Yellens Rede begannen die Märkte zu steigen und am Dienstag erreichte der Standard & Poor’s 500-Aktienindex einen neuen Höchstwert. „Mit Beginn des Quartals wurden riskantere Anlagen begünstigt, die amerikanischen Aktienmärkte stiegen auf Rekordhöhen,“ berichtete die Financial Times und merkte an, dass dieser Auftrieb nur einen Tag später folgte, nachdem Yellen „versichert hatte, dass die amerikanische Geldpolitik noch für längere Zeit entgegenkommend bleiben werde.“

Aber ganz gleich, wie viel Mühe sie sich gab, es zu verpacken, Yellens Rede und die von ihr verteidigte Politik der Fed sind eine Anklage gegen das kapitalistische Profitsystem und die Aktivitäten der Finanzinteressen, die sie verteidigt.

Das Parasitentum und die unverblümte Kriminalität der Finanzhäuser der Wall Street haben die Bedingungen für die weitreichendste wirtschaftliche und gesellschaftliche Katastrophe seit der Großen Depression in den 1930er Jahren geschaffen. Aber die Verantwortlichen wurden von der Fed mit Provisionen von Milliarden Dollar ultrabilligen Geldes belohnt, damit sie ihre Aktivitäten fortsetzen können.

Diese Politik führt nicht nur nicht zu einer Wirtschaftserholung, tatsächlich schafft sie die Bedingungen für einen weiteren Finanzzusammenbruch, dessen Auswirkungen noch viel weitreichender sein werden als diejenigen des Zusammenbruchs aus dem Jahr 2008.