Streik in Südafrikas Platinminen geht in die zehnte Woche

Von Thabo Seseane Jr
12. April 2014

Etwa 70.000 Mitglieder der Association of Mineworkers and Construction Union (AMCU) bestreiken seit dem 23. Januar die drei größten Platinproduzenten. Sie fordern eine Anhebung der Grundeinstiegsgehälter um mehr als 100% auf 12.500 Rand (870 €) im Monat.

Seit letztem Jahr ist die AMCU die größte Bergarbeitergewerkschaft bei Anglo American Platinum Ltd. (Amplats), Impala Platinum Holdings Ltd. und Lonmin Plc. Damit rückte sie an die Stelle der diskreditierten National Union of Mineworkers (NUM), die dem Congress of South African Trade Unions (COSATU) angehört, einem Verbündeten des regierenden ANC und der stalinistischen South African Communist Party (SACP).

Auch die National Union of Metalworkers of South Africa (NUMSA) bemüht sich um enttäuschte frühere Mitglieder der NUM. Mphumzi Maqungo, der Schatzmeister der NUMSA, gab in der letzten Woche bekannt, seine Gewerkschaft werbe streikende Bergleute an.

“Es gibt Leute, die zu uns kommen und wir nehmen sie auf”, sagte er in einem Interview mit Moneyweb. “Wir fassen Fuß in der Bergbauindustrie”.

Keine der Gewerkschaften, weder die NUMSA noch die AMCU, bietet eine brauchbare Alternative zu dem Verrat und der Klassenkollaboration der NUM.

Dass die NUMSA Arbeiter außerhalb ihrer traditionellen Basis, der Autoindustrie, rekrutiert, ist Teil ihres Kampfes gegen eine Fraktion der COSATU-Bürokratie, darunter auch Führer der NUM, die ihrerseits die Fraktion des Generalsekretärs von COSATU, Zwelinzima Vavi, bekämpfen. Seine im letzten Jahr erfolgte Suspendierung wurde kürzlich von einem Bezirksrichter in Gauteng für ungültig erklärt.

Die NUMSA, die dem COSATU angegliedert bleibt, erklärte im Dezember, sie werde ihre Mitglieder bei den Wahlen am 7. Mai nicht zur Wahl des ANC aufrufen. Sie hat die Zahlung von Mitgliedsbeiträgen an COSATU eingestellt. Nachdem sie seit 1994, als der ANC die Macht erlangte, Teil der regierenden Allianz war, stellt sich die NUMSA jetzt als linke Kritikerin dar und greift den vom ANC vorgestellten nationalen Entwicklungsplan an, da er einerseits die Vermögenden und die politische Elite begünstige und andererseits nicht genug für Arbeiter und für die Schaffung von Arbeitsplätzen für die 25 Prozent arbeitslosen Südafrikaner bewirke.

Das opportunistische Abwerben von Mitgliedern der AMCU durch die NUMSA findet zu einer Zeit statt, in der die Bourgeoisie ihre Anstrengungen zur Beendigung des Streiks verstärkt. Nach einer Demonstration von Mitgliedern der AMCU vor der Verwaltung von Lonmin in Johannesburg erklärte deren Generaldirektor, Ben Magara, in der letzten Woche, die Forderungen der AMCU würden “zum drastischen Verlust von Arbeitsplätzen und zum Ausbluten von Wohngebieten ” führen.

Magara vergoss Krokodilstränen, als er nach einer Rundfahrt mit Managern von Lonmin durch die Platinregion bemerkte, in Rustenburg, einem im Nordwesten gelegenen Provinzort, der vom Platinabbau lebt, würden die “Menschen hungern”. Der Lonmin-Manager Lerato Molebatsi erklärte gegenüber den Medien, die Antworten auf per Text- und automatische Voicenachrichten (AVM) an die Handynummern von Beschäftigten gesandten Fragen zeigten, dass eine “überwältigende Mehrheit” den Streik beenden wolle.

Die Antworten auf AVMs, die an 20.000 von 23.000 Arbeitern in den Arbeitskategorien drei bis neun geschickt worden waren, wiesen darauf hin, dass 67 Prozent die Arbeit wiederaufnehmen wollten. Molebatsi versicherte, dass 6.500 Textantworten die Furcht vor Gewalt als Grund für das Fernbleiben von der Arbeit genannt hätten.

Ein anderes Bild zeichnet die Website der IOL. Dort wird Siyabonga Siyo, “ein verheirateter 32-jähriger Untertagearbeiter im Holzlager” mit den Worten zitiert: “Wir leihen uns Essen oder Geld. Die Leute helfen einander”.

Dan Masimong, Sekretär der AMCU für Gesundheit und Arbeitssicherheit, stellte fest, dass Präsident Jacob Zuma sich noch immer nicht dazu bequemen konnte, auf ein Memorandum mit einer Aufzählung von Missständen zu antworten, das die AMCU im letzten Monat bei einem der Protestmärsche am Regierungssitz, den Union Buildings, übergeben hatte. “Ans Leiden sind wir gewöhnt”, sagte Masimong. “Wir sterben lieber, als die 12.500 Rand nicht zu bekommen”.

Von Seiten der Kommentatoren wurde wiederholt bemerkt, dass die streikenden Bergleute jedes Verhandlungsergebnis unterhalb von 12.500 Rand als einen Verrat an den Genossen ansehen würden, die bei dem Massaker von Marikana im August 2012 ihr Leben verloren, als die Polizei 34 Minenarbeiter erschoss und noch weit mehr verletzte. In Marikana hatten sich Bergleute zuerst unabhängig organisiert und erstmals die Forderung nach 12.500 Rand erhoben, nachdem sie von Vertretern der NUM körperlich angegriffen worden waren (und bevor die AMCU mit ihrer Rekrutierung begann),

Die Rolle, die die NUM gegenwärtig spielt, ist nicht weniger abscheulich. Sie appellierte an die Unterzeichner der von der Regierung, den Gewerkschaften und Bergbauunternehmen ausgearbeiteten Rahmenvereinbarung, die sporadisch auftretenden Fälle von Gewaltanwendung verurteilt. Die Gewerkschaft bezeichnet sie als “wüste Attacken” auf ihre streikbrechenden Mitglieder. Die AMCU gehört nicht zu den Unterzeichnern der Rahmenvereinbarung.

Der sich in die Länge ziehende Streik bietet der NUM die Möglichkeit, die Dominanz der AMCU zu schmälern. “Unsere Mitgliederwerbung verläuft ordentlich.... Wir sind bei Lonmin in Marikana von drei Prozent auf elf Prozent vorangekommen” erklärte der Bezirkssekretär der NUM in Rustenburg, Sydwell Dolokwane, im Hinblick auf den Anteil der zu seiner Gewerkschaft gehörenden Bergleute. Dolokwane behauptete, die NUM repräsentiere 34 Prozent der Arbeiter in der dem Unternehmen Amplats gehörenden Mine Bathopele.

Während die AMCU Streiks ausruft, verfügt sie über keinerlei Perspektive, wie der Allianz zwischen Gewerkschaftsbürokratie, ANC und Arbeitergebern entgegengetreten werden kann. Es ist diese Allianz, die den entscheidenden politischen Mechanismus liefert, mit dem die Arbeiterklasse den Interessen der südafrikanischen Bourgeoisie und der transnationalen Minenunternehmen unterworfen wird. Die AMCU behindert den Widerstand sogar aktiv, wenn sie sich als unpolitisch und nichtkommunistisch bezeichnet und so die Unzufriedenheit über den Verrat und die Klassenkollaboration der SACP ausnutzt, um einer sozialistischen Alternative und einem Kampf um die Macht im Staat eine Absage zu erteilen.

Das Endresultat besteht darin, dass die Arbeiter der Platinminen seit Wochen streiken, während die AMCU mit einer Vielzahl von Demonstrationen für einen Abschluss wirbt. Joseph Mathunjwa, Präsident der AMCU, verspricht eine Fortsetzung der Demonstrationen und plant, als nächstes, die britische Botschaft (Lonmin ist an den Börsen sowohl von London als auch von Johannesburg notiert) und das Parlament ins Visier zu nehmen.

Derweil arbeiten die Unternehmen zusammen mit der Regierung daran, dem Streik eine bittere Niederlage zuzufügen, etwa mit dem Plan, die AMCU finanziell zugrunde zu richten. Amplats erhob eine Schadensersatzklage über 600 Millionen Rand gegen die AMCU. Der Vorsitzende von Amplats und frühere Kabinettsminister des ANC, Valli Moosa, sagte bei der Jahresversammlung des Unternehmens in der vergangenen Woche, dass Amplats den Rechtsweg auch weiterhin beschreiten wolle. Das Unternehmen argumentiert, die AMCU habe die Anweisung eines Arbeitsgerichts missachtet, Ordner für die Aufsicht über streikende Bergarbeiter der Gewerkschaft zu stellen, deren Streikposten Eigentumsschäden verursacht hätten. Die Rechtsanwälte von Amplats strengten im Februar ein Verfahren beim Obersten Gericht in Pretoria an.

Die herrschende Klasse wendet sich zudem an traditionelle Führer, wie Häuptlinge und Älteste, mit der Bitte um Vermittlung. Ein erheblicher Anteil der streikenden Minenarbeiter gehört zum Stamm der Xhosa aus den ländlichen Gegenden der Provinz Eastern Cape. Dort, wie in anderen ehemaligen Homelands, hält die ANC-Regierung Herrschaftsstrukturen wie in der Ära der Apartheid aufrecht.

Der Kongress der traditionellen Führer Südafrikas (Contralesa) wurde 1987 (als der Kampf des ANC gegen die Apartheid erst begann) von feudalistischen Führern im Homeland KwaNdebele ins Leben gerufen, um die Interessen der traditionellen Führer zu artikulieren und nominell als außerparlamentarische Opposition gegen das rassistische Regime der weißen Vorherrschaft zu fungieren. South African History Online führt in diesem Zusammenhang aus: “Zu der Zeit...als Contralesa 1989 landesweit ins Leben gerufen wurde, waren die traditionellen Führer ... mit zu den wichtigsten Partnern des ANC auf dem Lande geworden”. Mathunjwa warnte zutreffend davor, dass “ihre Einmischung nur zu ethnischer Gewalt in der Platinregion führen könne”.