US-Medien zur Freilassung des Kriegsgefangenen Bowe Bergdahl

6. Juni 2014

Einmal mehr stellen amerikanische Medien ihr grenzenloses Potential unter Beweis, Propaganda abzusondern und die rückständigsten und reaktionärsten Konzepte zu verbreiten. Ihre Verleumdung des Sergeanten Bowe Bergdahl, der am 31. Mai durch einen Gefangenenaustausch mit den Taliban freikam, ist ein weiteres beredtes Beispiel dafür.

Den bisherigen Höhepunkt bildet eine Kolumne des Wall Street Journal-Herausgebers vom Dienstag, in der er nahelegt, eine passende Reaktion auf Bergdahls Rückkehr sei die Zusammenstellung eines Erschießungskommandos. Die Kolumne zitierte den Artikel 85 des Militärjustizhandbuchs: „Jede Person, die der Fahnenflucht oder der versuchten Fahnenflucht überführt ist, soll in Kriegszeiten mit dem Tode oder nach der Entscheidung eines Kriegsgerichts bestraft werden.“

In der Kampagne gegen Bergdahl spielt eine Gruppe ehemaliger Zugkollegen von ihm in Afghanistan eine wichtige Rolle. Rechte Aktivisten der Republikanischen Partei haben diese Soldaten gegen Bergdahl in Stellung gebracht. Zentraler Vermittler zwischen den Ex-Soldaten und ihren Mediensprachrohren ist offenbar Richard Grenell, ein ehemaliger Mitarbeiter John Boltons, der erst US-Botschafter der Vereinigten Staaten bei den UN und 2012 Wahlkampfhelfer des Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney war.

Mehrere Sender räumen diesen Männern Übertragungszeit für ihre diversen Vorwürfe gegen Bergdahl ein, ohne deren Korrektheit unabhängig überprüft zu haben. Derweil liegt das Opfer des koordinierten Angriffs in einem Militärkrankenhaus in Deutschland und kann sich nicht gegen die Vorwürfe verteidigen.

Neben den üblichen Verdächtigen bei Fox News, Interview-Radiosendungen und ultrarechten Blogs sind auch die “Mainstreammedien“ auf den Zug aufgesprungen. In einem Interview mit einem Ex-Soldaten, der zusammen mit Bergdahl gedient hatte, fragte die Moderatorin Savannah Guthrie in der NBC Show Today ganz offen, ob der langjährige Kriegsgefangene wegen Fahnenflucht angeklagt werden müsse.

Auf der Kommentarseite der New York Times bezog sich auch der ehemalige eingebettete Times-Reporter im Irak und in Afghanistan, Alex Berenson, auf Artikel 85 und fügte hinzu: „Sergeant Bergdahl hat vielleicht zahllose Militärgesetze verletzt.“ Er fuhr fort: „Ich kann nicht sehen, wie das Pentagon eine erneute Untersuchung dessen vermeiden kann, was am 30. Juni 2009 wirklich geschehen ist. [Der Tag, an dem Bergdahl seine Einheit verlassen hat und von den Taliban gefangen genommen wurde]. Wenn Sergeant Bergdahl psychisch in der Lage ist, einen Prozess durchzustehen, verdient er vielleicht ein paar Jahre in Leavenworth [Militärgefängnis], damit er über sein Dienstversäumnis nachdenken kann.“

Mehrere Medien zitieren Bruchstücke aus Bergdahls Emails an seine Eltern aus der Zeit vor seiner Gefangennahme durch die Taliban. Sie zeigen seine wachsende Desillusionierung, was den Afghanistan-Krieg angeht. Lange Auszüge aus diesen Emails werden in der Ausgabe der Zeitschrift Rolling Stone vom 21. Juni 2012 wiedergegeben, die sich unter dem Titel „Amerikas letzter Kriegsgefangener“ Bergdahl und seiner Familie widmet. Bowe wurde anscheinend am 25. Juni 2009 endgültig aus der Bahn geworfen, als ein junger Offizier, den er kannte und mochte, von einer Sprengfalle getötet wurde.

Zwei Tage später schrieb er an seine Eltern: “…Ich schäme mich sogar Amerikaner zu sein. Ihre unbändige selbstgerechte Arroganz ist schrecklich. Es ist alles Ekel erregend.“

"Mir tut alles hier leid“, fuhr er fort. „Diese Menschen brauchen Hilfe, aber stattdessen sagt ihnen das arroganteste Land der Welt, dass sie nichts sind, dass sie dumm sind, dass sie nicht wissen, wie man lebt."

Er berichtete über einen besonders grässlichen Fall, dessen Zeuge er geworden war: "Es interessiert uns nicht einmal, wenn wir hören, wie wir mit unseren gepanzerten Lastwagen ihre Kinder auf den staubigen Straßen überfahren."

Kurz danach verließ Bergdahl seine Einheit, nur mit einem Messer bewaffnet. Offenbar wollte er zu Fuß nach Pakistan oder China gehen und wurde bald danach von Aufständischen gefangen genommen. Dem Rolling Stone zufolge entkam er mindestens einmal, im September oder Oktober 2011, wurde aber wieder ergriffen.

Die bedrohlichste Verleumdung gegen Bergdahl ist die Behauptung, er sei für den Tod amerikanischer Soldaten verantwortlich, weil sie ihn angeblich in Ostafghanistan suchten und dabei in Sprengfallen oder Hinterhalte der Taliban gerieten. Eine Liste von sechs, alternativ acht, Soldaten hat große Publizität erhalten. Der Zusammenhang zwischen ihrem Tod und Bergdahls Verschwinden wird dabei als gesicherte Tatsache unterstellt.

Die New York Times vom Mittwoch gab aber in einem Bericht auf der Titelseite unter Berufung auf die Afghanistan-Kriegsberichte, die Bradley Manning an WikiLeaks weitergeleitet hatte, zu, dass es keine Beweise für einen Zusammenhang zwischen dem Tod dieser Soldaten und Bergdahl gebe.

Die passendste Antwort darauf kam vielleicht von Thomas Ricks, einem ehemaligen Reporter der Washington Post und Autor mehrerer Bücher über den Irakkrieg, der auf Twitter schrieb: „Zu Bergdahl: Wenn wir anfangen Leute anzuklagen, weil sie den Tod von Soldaten verursachen, dann kenne ich eine Menge Leute, die schuldiger sind als ein depressiver Gefreiter.“

Ganz oben auf einer solchen Liste würden George W. Bush und Barack Obama stehen.

Der wirkliche Zweck der Kampagne gegen Bergdahl ist, seinen Antikriegsansichten entgegenzuwirken, die der Stimmung der großen Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung Ausdruck verleihen. Wieder soll der kriminelle und neokoloniale Charakter des Kriegs verschleiert werden. Die Hexenjagd gegen Bergdahl ist vergleichbar mit der Kampagne der amerikanischen Medien, WikiLeaks Gründer Julian Assange und den Gefreiten Manning zu verunglimpfen und zu verleumden, weil sie Kriegsverbrechen in Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern aufgedeckt haben.

Für die medialen Befürworter des Imperialismus ist ein Soldat, der über Verbrechen gegen die Menschlichkeit entsetzt ist und sich weigert, daran mitzuwirken, ein Verbrecher, während jene, die gehorsam Gräueltaten begehen, Helden sind. Man sollte daran erinnern, dass die Entschuldigung, „nur Befehle ausgeführt“ zu haben, bei den Nürnberger Prozessen gegen die Nazi-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg als Verteidigung glatt zurückgewiesen wurde. Wer immer diese Entschuldigung heute wiederbelebt, bereitet noch größere Verbrechen vor.

Patrick Martin