Karstadt droht die Zerschlagung

Von Dietmar Henning
16. Juli 2014

Das Traditionshaus Karstadt steht vor der Zerschlagung. Der Investor Nicolas Berggruen, der vor vier Jahren von der Gewerkschaft Verdi und Politikern als Retter gefeiert wurde, zeigt keinerlei Interesse, den Warenhauskonzern zu erhalten. Er hat ihn in gewohnter Investoren-Art ausgepresst, um nun die Reste zu verkaufen.

Die erst vor fünf Monaten eingesetzte Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt legte ihren Posten Anfang letzter Woche nieder. In einer kurzen Erklärung schrieb sie, Berggruen habe ihr bei ihrem Antritt seine Unterstützung für eine langfristige Weiterführung der 83 Karstadt-Kaufhäuser versprochen. „Nach eingehender Prüfung, den Erfahrungen der letzten Monate und in genauer Kenntnis der wirtschaftlichen Rahmendaten muss ich jedoch nun feststellen, dass die Voraussetzungen für den von mir angestrebten Weg nicht mehr gegeben sind“, erklärte die Managerin.

Nachdem Berggruen Millionen aus dem Konzern herausgeholt hat, möchte er ihn nun offensichtlich loswerden. Zeitungen berichten, der Milliardär verhandle bereits über den Verkauf an den Immobilienmakler René Benko aus Österreich. Benko hatte 2013 bereits für mehr als 1,1 Milliarden Euro die Immobilien von 17 Karstadt-Filialen gekauft. Er besitzt auch drei Viertel der Anteile an der Karstadt Premium GmbH, zu der die 28 Sporthäuser und die drei Luxuskaufhäuser KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München gehören.

Inzwischen hat Benko die Hälfte dieser zwei Unternehmensbereiche an den israelischen Diamantenhändler Beny Steinmetz verkauft. Für die verbliebenen 83 klassischen Karstadt-Warenhäuser hat er mit Berggruen eine Kaufoption für eine 75-Prozent-Beteiligung ausgehandelt. Kaufpreis: 1 Euro. Benko ist vor allem daran interessiert, die inzwischen erhöhten Mieten in den Karstadt-Häusern weiter zu kassieren. Selbst ins Kaufhausgeschäft einzusteigen, entspräche nicht seinem bisherigen Geschäftsmodell.

Benkos Innsbrucker Holding Signa hält Immobilien im Wert von 5,5 Milliarden Euro. Benko besitzt 50 Prozent plus eine Stimme, die restlichen Anteile gehören dem Reeder George Economou aus Griechenland.

Der schwerreiche Emporkömmling hat sich ein enges Netzwerk in Wirtschaft, Politik und Medien aufgebaut, die er vor allem mit seinem abstoßend zur Schau gestellten Reichtum beeindruckt. Im Beirat von Signa sitzen der frühere Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ), der Unternehmensberater Roland Berger, die ehemalige FPÖ-Politikerin Susanne Riess und Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking.

Im August letzten Jahres wurde Benko wegen Korruption („versuchter verbotener Intervention“) zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er soll beabsichtigt haben, dem ehemaligen kroatischen Regierungschef Ivo Sanader über seinen Steuerberater 150.000 Euro zukommen zu lassen, damit ihm dieser in Italien in einer Steuerangelegenheit hilft. Sanader soll Benko Kontakt zum ehemaligen italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi angeboten haben.

Berggruen tritt nach außen anders auf als Benko. Der Sohn des bekannten Kunstsammlers Heinz Berggruen gibt sich als reicher Philanthrop, als „Investor mit Seele“. Als 2009 die Holdinggesellschaft Arcandor, zu der neben Karstadt auch Quelle und Neckermann gehörten, Insolvenz anmeldete, präsentierte sich Berggruen als „Retter“ und übernahm nur ein Jahr später Karstadt für den symbolischen Kaufpreis von einem Euro.

Er profitierte damals schon vom „Sanierungspaket“, das der Karstadt-Betriebsrat Ende 2009 mit Unterstützung der Gewerkschaft Verdi mit dem Insolvenzverwalter abgeschlossen hatte. Das Paket beinhaltete die Schließung mehrerer Karstadt-Filialen sowie Lohn- und Gehaltskürzungen für die verbliebenen Arbeiter und Angestellten in Höhe von 150 Millionen Euro innerhalb von drei Jahren. Laut Handelsblatt soll der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats Helmut Patzelt zur gleichen Zeit für sich selbst eine monatliche Gehaltserhöhung um 1.875 Euro auf 10.000 Euro ausgehandelt haben.

Berggruen ließ 2010 die besten Absichtserklärungen verbreiten: „Niemand wird entlassen“, „Karstadt wird nicht zerschlagen“, „Geld spielt keine Rolle“. Mit diesen und anderen Aussagen verzückte er Verdi, Politiker und Medien.

„Wenn ich mich engagiere, dann engagiere ich mich voll“, versprach Berggruen. „Heute ist ein Tag der Freude für die Mitarbeiter“, sekundierte die damalige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bei einem gemeinsamen Pressetermin mit dem Investor. „Der spürt schon soziale Verantwortung“, erklärte Martin Schulz (SPD), inzwischen Präsident des Europaparlaments, am Rande eines von Berggruen finanzierten Kongresses.

Die damalige stellvertretende Verdi-Chefin Margret Mönig-Raane, Mitglied im Aufsichtsrat von Arcandor, erklärte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, Berggruen habe „eine Idee von der Weiterführung dieses Unternehmens, die mir sehr gut gefällt“. Er sähe das „eben nicht nur als Geldanlage-Veranstaltung an, sondern hat wirklich Ideen, wie dieses Unternehmen weiterentwickelt werden kann“.

An dieser Lobhudelei auf Berggruen hielt Verdi auch anschließend fest. Zuletzt sprach die Gewerkschaft beim Teilverkauf des Konzerns an Benko von einem „ersten Schritt“ zur Rettung. Tatsächlich arbeitete Berggruen wie jede andere Investoren-Heuschrecke, das zeigt sich heute in aller Deutlichkeit.

Gegen eine Jobgarantie handelte er mit Verdi und dem Betriebsrat einen weiteren Sanierungstarifvertrag aus, der zusätzliche Lohnkürzungen vorsah. Trotzdem fand dann ein kontinuierlicher Arbeitsplatzabbau über natürliche Fluktuation, Aufhebungsverträge, Verrentung und das Auslaufen von befristeten Arbeitsverträgen statt. Als der Sanierungstarifvertrag zwischen Verdi, Betriebsrat und Berggruen auslief, wurden zusätzlich 2.000 Vollzeitstellen abgebaut. Die Zahl der Karstadt-Mitarbeiter sank so von 25.000 auf 17.000.

Die Finanzspritze von 65 Millionen Euro, die Berggruen gegen horrende Zinsen in den Karstadt-Konzern investierte, ließ er sich nach wenigen Tagen zurückzahlen. Zudem kaufte er für fünf Millionen Euro die Namensrechte von Karstadt. Seither muss ihm der Konzern jedes Jahr neun bis zwölf Millionen Euro für die Nutzung der Markenrechte am eigenen Namen zahlen. Laut einem Bericht der Bild am Sonntag fließen diese Millionen an eine Briefkastenfirma auf den Britischen Jungferninseln, einer bekannte Steueroase.

Weil Karstadt in den letzten Jahren hohe Millionenverluste verzeichnete, steht der Konzern nun vor der Insolvenz, sollten keine weiteren Investitionen erfolgen. Benko hat auf Berichte, er verhandle mit Berggruen über die Ziehung der Ein-Euro-Kaufoption, signalisiert, er habe kein Interesse an einer Übernahme Karstadts. Das muss allerdings nichts heißen. Denn Benko hatte auch schon einmal versucht, die andere große deutsche Kaufhauskette, den Kaufhof, von der Metrogruppe zu kaufen.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, auch die Kaufhof-Eigentümer hätten vorsorglich die Kosten für die Übernahme eines insolventen Karstadt-Konzerns ausrechnen lassen. Sollte sich Kaufhof nach all den Wirren doch noch mit Karstadt zusammenschließen, dürften 10.000 bis 15.000 Arbeitsplätze betroffen sein. Höchstens 20 Karstadt-Filialen würden bei einer Fusion überleben.

Verdi bleibt indes dabei, die Zerschlagung des Konzerns und der Arbeitsplätze zu begleiten. „Sollten sich Medienberichte bestätigen, dass Herr Benko plant, die Mehrheit an der Karstadt Warenhaus GmbH zu übernehmen, dann ist er gefordert, den Beschäftigten ein Konzept vorzulegen, wie die Zukunft von Karstadt und den Beschäftigten gesichert werden kann“, sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Ein solches Konzept habe der derzeitige Eigentümer Berggruen bislang nicht vorgelegt. Die enge Zusammenarbeit Verdis mit Berggruen hat das nicht beeinträchtigt.