Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt erneut vor Finanzkrise

Von Nick Beams
17. Juli 2014

Die in der Schweiz ansässige Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat erneut die Alarmglocken geläutet und auf die Gefahren für das globale Finanzsystem hingewiesen, die durch die ultra-lockere Geldpolitik der großen Zentralbanken der Welt heraufbeschworen werden, die Börsen und andere Märkte befeuert hat.

In einem Interview mit dem britischen Telegraph vom 13. Juli erklärte der Chef des BIZ, Jaime Caruana, dass das Finanzsystem noch anfälliger für eine Krise sein könnte, als 2007, weil die Schulden der aufstrebenden Märkte seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 deutlich zugenommen hätten.

Caruana erklärte, Investoren schienen in ihrer unbändigen Jagd nach Rendite die Risiken einer strengeren Geldpolitik zu ignorieren. „Die Märkte scheinen nur eine enge Auswahl an potentiellen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen“, sagte er. „Sie haben sich selbst davon überzeugt, dass das geldpolitische Umfeld für eine sehr lange Zeit günstig bleiben wird. Sie scheinen mehr Vertrauen in diese Entwicklung zu haben, als die Zentralbanken ihnen wirklich vermitteln wollen.“

In ihrem Jahresbericht von Ende letzten Monats warnte die BIZ, die Zentralbank der Zentralbanken, dass die Politik der „quantitativen Lockerung“, die in unterschiedlichen Ausprägungen von der amerikanischen Fed, der Bank von England, der Bank von Japan und in gewissem Ausmaß auch von der Europäischen Zentralbank betrieben wird, zu einer „euphorischen Stimmung an den Anleihemärkten geführt habe.

Angesichts niedriger Wachstumsraten in den entwickelten Ländern und offener Rezession in Teilen Europas, weist die BIZ auf eine “erstaunliche Diskrepanz” zwischen „dem großen Optimismus an den Märkten und den zugrunde liegenden globalen Entwicklungen“ hin.

Diese Warnung wurde von den Zentralbanken und zahlreichen Medienexperten umgehend zurückgewiesen, so von dem Kolumnisten der New York Times, Paul Krugman. Dieser behauptete, dem Bericht der BIZ mangele es an jedweder Methodik und er sei „Ausdruck einer Haltung, die nach Rechtfertigung sucht“.

Die Vorsitzende der amerikanischen Federal Reserve, Janet Yellen, reagierte auf den BIZ-Bericht mit der Versicherung, dass die ultra-lockere Geldpolitik fortgesetzt werde, und dass gegen Risiken im System mit so genannter makro-prudentieller Regulierung auf der Ebene des Gesamtsystems reagiert werde. Yellen betonte, ein Anziehen der Geldpolitik werde nur zu mehr Arbeitslosigkeit führen. Als sie gefragt wurde, wie wirkungsvoll Regulierungen angesichts der Erfahrung seien, dass die Finanzmärkte Mittel und Wege finden, sie zu umgehen, entgegnete Yellen, dass sie darauf auch keine „allumfassende Antwort“ habe

Yellens Standpunkt wurde von Vertretern der Bank von England und von EZB-Chef Mario Draghi unterstützt. Caruana nannte in dem Interview vom 13. Juli seine Kritiker zwar nicht direkt beim Namen, aber das Interview war eine Antwort darauf, dass die Warnungen der BIZ in den Wind geschlagen wurden.

Caruana erklärte, das internationale Finanzsystem sei insoweit anfälliger, als vor dem Kollaps von Lehman Brothers, als die Verschuldung höher sei. Die Schuldenquote in den entwickelten Ländern sei um zwanzig Prozent auf 275 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gestiegen und vierzig Prozent der Konsortialanleihen gingen an untergeordnete Schuldner. Das sei ein höherer Anteil als in 2007.

Caruana wies darauf hin, dass aufsteigende Wirtschaftsmächte in Asien nicht mehr in der Lage seien, als Puffer zu fungieren wie noch 2008, weil sie selber zur Quelle von Risiken werden könnten. Die Schuldenquoten Chinas, Brasiliens, der Türkei und anderer „aufstrebender“ Märkte seien um zwanzig Prozent gestiegen und stünden nun bei 175 Prozent des BIP. Aufstrebende Märkte hätten ihre Verschuldung in ausländischen Währungen seit 2008 um zwei Billionen Dollar erhöht.

Der Jahresbericht der BIZ wies darauf hin, das jede Krise der aufstrebenden Märkte heute viel schwerwiegendere Auswirkungen haben würde, als die asiatische Finanzkrise von 1997-98, weil diese Märkte inzwischen viel größer und viel stärker in das globale Finanzsystem integriert seien. Die Folgen wären besonders schwer, „wenn China kollabieren würde, wo es derzeit einen exzeptionellen Finanzboom gibt“.

Caruana machte keine Voraussage, wann die Blase möglicherweise platzen werde, fügte aber hinzu: “Wie Keynes sagte, können die Märkte länger irrational agieren, als du in der Lage bist, solvent zu bleiben.“

Es sieht so aus, als ob die Irrationalität weitergeht. Am Montag hat der Internationale Währungsfond (IWF) seinen Jahresbericht zur Eurozone veröffentlicht. Darin heißt es, die Region „erhole“ sich zwar, tief sitzende Probleme seien aber immer noch ungelöst. Die Erholung sei schwächer ausgefallen als erwartet, Produktion und Investitionen lägen immer noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau und hohe Schulden, höhere Realzinsen für problembeladene Volkswirtschaften, sowie schwache Banken und Kreditklemmen stünden verstärkter wirtschaftlicher Aktivität entgegen.

Weil die Inflation immer noch deutlich unter dem Zielkorridor der EZB von zwei Prozent liegt, müsse „die Zentralbank möglicherweise ihre Bilanz deutlich ausweiten, wie das auch andere Zentralbanken getan haben, um ein starkes Signal zu geben, dass sie jedes zur Verfügung stehende Instrument einsetzen werde, um ihr Mandat zu erfüllen, für Preisstabilität zu sorgen.

Die Inflation in Europa sei zu lange zu niedrig gewesen und das Nicht-Erreichen des Inflationsziels könne die Glaubwürdigkeit der Bank unterhöhlen, heißt es im Bericht des IWF. „Ein negativer äußerer Einfluss könnte die Wirtschaft in eine Deflation kippen lassen.“

Die Warnungen der BIZ wurden weitgehend ignoriert, wie ähnliche Warnungen vor dem Lehman-Kollaps missachtet wurden. Aber sie wurden vergangene Woche bestätigt, als eher kleinere Schwierigkeiten der relativ kleinen portugiesischen Banco Espirito Santo eine Schockwelle durch die europäischen und globalen Märkte schickten.

In seinem Interview wies Caruana die Behauptung der Fed und anderer Zentralbankvertreter zurück, dass macro-prudentielle Regulierung die erste Verteidigungslinie gegen finanzielle Turbulenzen sein sollte. „Es gibt wenige Hinweise darauf, dass sie für sich genommen finanzielle Ungleichgewichte unter Kontrolle halten könne“, sagte er.

Ein Bericht in der Financial Times vom vergangenen Monat stützt diese Auffassung. Darin hieß es, dass Regulierer in aller Welt „kämpfen, mit dem sich ständig weiter entwickelnden Schattenbankensektor Schritt zu halten“. Es sei zwar leicht ein Konzept der Schattenbanken zu entwerfen, aber es erweise sich „als wesentlich schwieriger, für die bunte Vielfalt der Erscheinungsformen dieses Sektors Regeln zu formulieren.“

Das System der “Schattenbanken” hat sich ja gerade entwickelt, um den Regeln der Zentralbanken und anderen Finanzbehörden mit den Mitteln der „Arbitrage“ zu entgehen, die sich die geringfügigen Unterschiede zwischen zwei oder mehr Märkten zu Nutze macht, um einen Profit (durch Spekulation) zu erzielen.

Der ehemalige stellvertretende Gouverneur der Bank von England, Paul Tucker, sagte der Financial Times: „Meine These ist, dass das aktuelle Modell der weltweiten Regulierung nicht geeignet ist, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten.“

David Wright, Generalsekretär der Internationalen Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörden, Iosco, zerstreute alle naiven Vorstellungen, dass die globalen Regulatoren auf der Grundlage der Erfahrungen von 2008 das Finanzsystem heute unter Kontrolle hätten.

“Es ist schon bemerkenswert, dass wir sieben Jahre [nach dem Ausbruch der Finanzkrise] immer noch kein ausreichendes Verständnis von Schlüsselaspekten der Finanzmärkte haben“, sagte er der Financial Times. „Davon, wie diese Märkte miteinander zusammenhängen und wie die Ansteckungskanäle verlaufen. Das ist sehr schwierig zu bestimmen.“