ISIS:

Eine dschihadistische Bewegung “Made in the USA”

Von Jean Shaoul
1. August 2014

Der Islamische Staat von Irak und Syrien (ISIS) setzt sich nach unterschiedlichen Schätzungen aus 3.000 bis 10.000 Kämpfern zusammen. Die Organisation hat große Teile des östlichen Syrien und des westlichen Irak unter Kontrolle sowie den Grenzübergang Trabil an der jordanisch irakischen Grenze. Ihr Territorium reicht jetzt bis auf 122 Kilometer an die irakische Hauptstadt Bagdad heran.

Die Gruppe hat ihre Absicht erklärt, in der Region ein Kalifat zu errichten und alle Grenzen zu beseitigen, die von Großbritannien und Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg entsprechend dem geheimen Abkommen von Sykes-Picot von 1915 festgelegt worden waren.

Im letzten Monat eroberten sie in Zusammenarbeit mit Stammesführern und früheren Mitgliedern der verbotenen Baath Partei Saddam Husseins die nordirakische Stadt Mosul, die zweitgrößte Stadt des Irak, übernahmen die Kontrolle ihrer militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen und breiteten sich in südlicher Richtung am Tiber entlang aus und nahmen die Stadt Tikrit ein.

Während der letzten zwei Wochen haben ISIS-Truppen die christliche Gemeinde aus Mosul vertrieben, wo sie seit mehr als 1600 Jahren ansässig war. Sie forderten sie auf, entweder zu konvertieren oder zu fliehen, andernfalls würden sie exekutiert. Mehr als 1.000 Christen flohen Berichten zufolge aus der Stadt.

ISIS hat, was für die Großmächte am wichtigsten ist, einen großen Teil der strategischen Ölindustrie der Region erobert. Auch hat die Bewegung große Mengen von US-Waffen beschlagnahmt, die dort nach dem Rückzug aus dem Irak vor drei Jahren zurückgelassen worden waren. Darunter befinden sich 1,500 Humvees, 4,000 PKC Maschinengewehre und 52 M198 155-Millimeter-Haubitzen. Diese schwere Artillerie ermöglicht ihnen, irakische Städte, möglicherweise auch Bagdad, zu bombardieren und westliche Wirtschaftsinteressen zu bedrohen.

Es ist aber festzuhalten, dass die USA und die wichtigsten europäischen Mächte und ihre Verbündeten in der Region alle ISIS und ähnliche Gruppen finanziell, militärisch und politisch unterstützt haben. Alle diese Gruppen tragen sie die Handelsmarke „Made in the USA“. Sie haben bis heute eine entscheidende Rolle bei Washingtons Bemühungen gespielt, das Regime von Präsident Bashar al-Assad in Syrien zu stürzen, was Teil der umfassenden Bestrebungen ist, die Kontrolle über die großen Energiereserven der Region und die Transitrouten zu erlangen.

IISIS zeichnet sich aus durch ihren religiösen Fanatismus, ihre kapitalistischen Überzeugungen und heftigen Antikommunismus. Wie die Taliban in Afghanistan und ähnliche Gruppen in Somalia, Nigeria und anderswo setzt sie Terrormethoden ein, um Druck auf die imperialistischen Mächte auszuüben und sie zu zwingen, sich mit ihnen als einem regionalen Machtzentrum abzufinden.

Derartige Organisationen waren in der Lage, ein bestimmtes Maß an Unterstützung zu erhalten, indem sie an die tiefsitzende soziale Unzufriedenheit breiter Schichten der Bevölkerung des Nahen Ostens appellieren konnten, die weitestgehend ein Ergebnis des Scheiterns säkularer nationalistischer Regimes und Parteien ist. Diese waren außerstande die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern oder auch nur eine einigermaßen bedeutende Unabhängigkeit vom Imperialismus zu erreichen.

ISIS ist ein Ableger von Al Kaida, der terroristischen islamistischen Gruppierung, die früher von Osama bin Laden angeführt wurde, einem Sohn eines reichen Bauunternehmers mit engen Beziehungen zum Herrscherhaus der Saudis. Al Kaida wurde Ende der 1980er Jahre in Afghanistan mit Hilfe der CIA gebildet, die die Mujaheddin im Rahmen ihres verdeckten, 1979 begonnenen Krieges gegen das prosowjetische Regime in Kabul unterstützten.

Über einen Zeitraum von 10 Jahren lieferten die USA Waffen im Wert von 5 Milliarden Dollar und halfen bei der Rekrutierung und Ausbildung der lokalen Truppen. Saudi Arabien und Pakistan förderten die Mujaheddin und ermutigten Freiwillige aus den arabischen und islamischen Ländern, wie bin Laden, sich ihnen anzuschließen.

Al Kaida war keineswegs die einzige fundamentalistische islamische Gruppe, die von Washington und seinen Verbündeten in dem Kampf um geopolitischen Einfluss gegen Regime und Bewegungen, die mit Russland verbündet waren, gefördert wurde. So förderte Israel die Hamas, den Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft als Gegengewicht gegen Arafats Palästinische Befreiungsorganisation (PLO).

Die 2004 gebildete ISIS nahm später eine Reihe anderer sunnitischer Fraktionen im Irak in sich auf. Sie war verantwortlich für drei Terrorbombenanschläge auf Hotels in Amman in Jordanien 2005, blieb aber eine relativ kleine Gruppe, bis im März 2011 die Demonstrationen in Dera’a im Süden Syriens begannen.

Die Westmächte, dachten im Rausch ihres Erfolges nach der Organisation eines islamistischen Aufstands in Bengasi zur Rechtfertigung des NATO-Angriffs zum Sturz von Muammar Gaddafi in Libyen, sie könnten ähnliche Kräfte nutzen, um Assad in Syrien zu stürzen, dessen Regime seine Hauptunterstützung von der Religionsgemeinschaft der Alawiten, eines Zweigs der Schiiten, sowie von sunnitischen Unternehmern erhält.

Drei Jahre lang pumpten die USA zusammen mit den Golfstaaten und der Türkei Milliarden in die syrische “Opposition“, diese angeblich namenlosen „Gemäßigten“, aber in Wirklichkeit mit Al Kaida verbundenen sunnitischen Gruppen, wie die al-Nusra und ISIS, die diesen sektiererischen Krieg anführten. Die USA, die Türkei und Jordanien haben in Jordanien einen Operationsstützpunkt errichtet, wo Instrukteure der US-Armee Dutzende von ISIS-Mitgliedern ausbildeten. In einem Artikel vom letzten Jahr bestätigte die New York Times, dass die CIA arabischen Regierungen und der Türkei half, diese Gruppen in der Türkei und in Jordanien aus der Luft mit Waffen zu versorgen. Der Guardian berichtete im März, dass britische und französische Ausbilder ebenso daran beteiligt waren.

Andere ISIS Mitglieder wurden in der Nähe der Luftwaffenbasis Incirlik in der Nähe von Adana in der Türkei ausgebildet, wo US-Truppen stationiert sind. Nachdem sie ihre Ausbildung erhalten hatten, gingen sie nach Syrien und später in den Irak. Nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes bis zu dem Angriff vom 11. September 2012 nutzte die CIA das Konsulat der USA in Bengasi als Transitstützpunkt für Waffen, islamistische Kämpfer und Geld auf dem Weg nach Syrien. An diesem Tag töteten islamistische Milizen in einem „Rückschlag“ den Botschafter der USA und drei Konsulatsangehörige.

Als die Opposition gegen die Regierung des irakischen Premierministers Nouri al-Maliki, den die USA eingesetzt hatten, stärker wurde, weil dieser ein Terrorregime gegen die sunnitische Minderheit im Irak führte, griff der von Amerika und den Saudis unterstützte Bürgerkrieg in Syrien auf den Irak über.

Der scheinbar rasche Vormarsch von ISIS muss von deren Verbündeten in der Region, Saudi Arabien und Israel, gut vorbereitet worden sein. Israel beobachtet Syrien ständig von den Golanhöhen aus, von wo es auch schon Angriffe auf Syrien durchgeführt hat. Außerdem versorgte es die „Rebellen“ mit Geheimdienstinformationen und einem Feldlazarett. Israelis, darunter der ehemalige israelische Botschafter in Washington, Michael Oren und Amos Gilad, der Direktor der Abteilung für politische und militärische Beziehungen des israelischen Verteidigungsministeriums, haben offen über die Verbindungen auf Arbeitsebene mit den Saudis gesprochen.

Shalom Yerushalmi, erklärte in der israelischen Tageszeitung Maariv, dass Saudi Arabien nicht nur die Geheimdienstaktivitäten mit Tel Aviv koordiniere, sondern gegenwärtig auch einen großen Teil der Kampagne Israels gegen den Iran mit möglicherweise mehr als einer Milliarde Dollar finanziere, einschließlich seiner Morde und der Entwicklung von Computerviren.

Es ist wahrscheinlich, dass Washington angesichts seiner in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze stationierten Patriot-Raketen und der Überwachungsaktionen der CIA im Voraus von der ISIS-Offensive wusste. Im März wurde viel darüber berichtet, dass nach der Wiedereroberung von Gebieten im Westen Syriens durch Streitkräfte des Regimes, ISIS und al-Nusra sich auf ihre Stützpunkte im Osten in der Nähe der irakischen Grenze zurückgezogen hatten. Wenn aber Der Vormarsch von ISIS den USA unbekannt gewesen sein sollte, dann heißt das, dass seine Verbündeten hinter seinem Rücken operieren.

Wenn Riad sich jetzt auch von ISIS zu distanzieren versucht und die Gruppe verboten hat, so ist es doch unwahrscheinlich, dass es jegliche Unterstützung gestoppt hat. Es ist entschlossen, eine sunnitische Pufferzone zwischen sich und dem Iran zu schaffen und sicherzustellen, dass in Bagdad eine Regierung an der Macht ist, die nicht zu Teheran hält. Gleichzeitig arbeitete es mit Tel Aviv zusammen, um zu verhindern, dass Washington mit dem Iran kollaboriert, um den sunnitischen Aufstand zu unterdrücken.

Washington ist jetzt hin- und hergerissen, weil es nicht weiß, wie es weitermachen soll. In Syrien unterstützt es Kräfte, gegen die es im Irak vorgeht. Inzwischen hat es Soldaten zum Schutz seiner Botschaft und 5.000 Beamte und Zulieferfirmen nach Bagdad geschickt. Damit bereitet es ein erneutes militärisches Abenteuer vor, bei dem ISIS als Vorwand dient.