Karstadt an vorbestraften Immobilienspekulanten verkauft

Ver.di schürt neue Illusionen

Von Marianne Arens
22. August 2014

Das Traditionskaufhaus Karstadt wird an den österreichischen Multimillionär und Immobilienspekulanten René Benko verkauft.

Wie am Freitag, 16. August, bekannt wurde, ist der Deal zwischen dem bisherigen Investor Nicolas Berggruen und seinem Geschäftspartner perfekt: Für einen symbolischen Euro erhält Benko, Mehrheitseigner der Immobilienholding Signa, auch die restlichen 83 Karstadt-Filialen, in denen noch 17.000 Menschen arbeiten. Bisher gehören ihm bereits drei Viertel der Anteile an den 28 Karstadt-Sporthäusern und an der Karstadt Premium GmbH mit den drei Luxuskaufhäusern KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München, außerdem ein Teil der Karstadt-Liegenschaften.

Als Immobilieninvestor ist Benko vor allem an den Grundstücken und hohen Mieten in den Karstadt-Häusern interessiert. Sein Plan ist, wie mehrere Zeitungen berichten, rund zwanzig defizitäre Filialen sofort zu schließen, die profitablen Häuser in Einkaufsmeilen umzuwandeln und mit ausgewählten Markenhändlern zu bestücken. Letzteres hat er schon auf ähnliche Weise mit dem Kaufhaus Tyrol in seiner Heimatstadt Innsbruck gemacht.

Mit der Benko-Übernahme bewahrheiten sich die Befürchtungen zu Beginn der Kaufverhandlungen, dass Karstadt vor der Zerschlagung steht. Die Karstadt-Angestellten, die bereits unter Berggruen Lohnsenkungen und Arbeitsplatzabbau hinnehmen mussten, stehen erneut vor drastischen Angriffen und Entlassungen. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung könnten folgende Filialen unmittelbar von Schließung bedroht sein: Bayreuth, Dessau, Mönchengladbach, Bottrop, Recklinghausen, Iserlohn, Siegen, Bremerhaven, Neumünster und zwei Filialen in Hamburg.

Der erst 37 Jahre alte René Benko gehört zu den fünfzig reichsten Männern Österreichs. Der Aufsteiger mit Vernetzung in die noble Wiener Gesellschaft und Geschäftswelt, der gerne sein auf 850 Millionen Euro taxiertes Vermögen zur Schau stellt, ist schon vorbestraft. Der Oberste Gerichtshof in Wien bestätigte am 11. August, unmittelbar vor Kaufvertragsabschluss, die Verurteilung der Vorinstanz zu einer Bewährungsstrafe von zwölf Monaten wegen Schmiergeldzahlungen. Benko hatte 2009 versucht, mithilfe des damaligen kroatischen Regierungschefs Ivo Sanader und dessen Kontakt zum damaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi ein Steuerverfahren in Italien zu manipulieren.

Um seine Pläne für die Zerschlagung von Karstadt mit der gebotenen Rücksichtslosigkeit durchzusetzen, hat er seinen Mann fürs Grobe, den Geschäftsführer Wolfram Keil, eingesetzt. Er soll laut Manager-Magazin („Benkos Mann bei Karstadt“) viel Erfahrung für derlei Einsätze haben. Der Immobilienexperte arbeite „zielstrebig“ und „fackelt nicht lange“. Er habe seine „Erfahrungen im Sanieren angeschlagener Unternehmen“ bei diversen Finanzinvestoren gesammelt: „Von Terra Firma über Cerberus bis hin zu Square Four – Unternehmen, die im Volksmund gerne auch Heuschrecken genannt werden.“

Dies hält die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di nicht davon ab, dem neuen Karstadt-Besitzer ihre uneingeschränkte Bereitschaft zur Zusammenarbeit anzutragen.

Am Montag appellierten der Ver.di-Bundesvorstand und der Karstadt-Gesamtbetriebsrat an den neuen Eigentümer, gemeinsam mit der Gewerkschaft ein „umfassendes Konzept für die Zukunft“ umzusetzen: „Es muss tragfähig, es muss nachhaltig sein. Es braucht eine Strategie“, erklärte Ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger im Bayrischen Rundfunk.

Ver.di hat schon mit dem Finanzspekulanten Thomas Middelhoff und dessen Holding Arcandor bis zur Insolvenz 2009 zusammengearbeitet, die zur Pleite der Kaufhäuser Quelle und Neckermann führte. Als ab 2010 der Investor Nicolas Berggruen, der Sohn des berühmten Kunstsammlers, den Kaufhauskonzern übernahm, feierte ihn Ver.di als "Retter" und "Investor mit Seele" und half ihm, einen harten Sanierungskurs gegen die Mitarbeiter durchzusetzen.

Jetzt empfängt die Gewerkschaft auch René Benko mit offenen Armen. Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt, zugleich stellvertretender Aufsichtsratschef, erklärte der Presse am vergangenen Freitag, Karstadt habe „auch mit einem Eigentümer René Benko eine Zukunft".

Patzelt ist bei der Belegschaft nachhaltig bekannt, weil er vor fünf Jahren sein eigenes Gehalt um 1.875 Euro auf monatlich zehntausend Euro erhöht hat, während er den Beschäftigten Lohnverzicht und Mehrarbeit verordnete. In diesem Salär sind die Aufsichtsratstantiemen noch nicht eingerechnet. Heute dient er sich René Benko als Juniorpartner an und empfiehlt ihm seine „Konzepte für mehr Regionalität und Variabilität“, die nur andere Vorschläge zur Sanierung auf Kosten der Belegschaft beinhalten.

Immer deutlicher zeigt sich, dass die Gewerkschaftsspitze selbst alle Weichen für die Übernahme durch den dubiosen Immobilienhai Benko gestellt hat. Die Aufspaltung von Karstadt vor vier Jahren, an die Nicolas Berggruen seine Übernahme geknüpft hatte, war ohne Ver.di nicht möglich.

Auf der Ver.di-Homepage berichtet die Gewerkschaft in einem Beitrag vom 5. Mai 2011, dass die Tarifkommission „eine schwierige Entscheidung“ habe treffen müssen, weil Berggruen die „Aufteilung von Karstadt auf die drei Einheiten Warenhaus, Sport und Premium“ verlangte.

Nach dieser Entscheidung handelten Gewerkschaft und Betriebsräte den Sanierungsplan „Karstadt 2015“ aus, in dem die Beschäftigten gegen das Versprechen einer Jobgarantie drei Jahre lang auf Teile von Urlaubs- und Weihnachtsgeld und tarifliche Vorsorgeleistungen verzichten mussten.

Wie Ver.di heute vorrechnet, haben die Karstadt-Mitarbeiter im Lauf der letzten zehn Jahre durch Lohnverzicht rund siebenhundert Millionen Euro zum Konzern beigesteuert. In dieser Zeit wurde der Konzern aufgespalten, sechs Filialen wurden geschlossen und dreitausend Arbeitsplätze abgebaut. Im Mai 2013 stieg Karstadt aus der Tarifbindung aus.

Sämtliche Investitionen für die Sanierung der Karstadt-Häuser wurden durch die Belegschaften selbst finanziert. Berggruen, von Ver.di und SPD-Politikern als Mann der „sozialen Verantwortung“ dargestellt, hat dagegen in den vier Jahren seines Engagements nie eigenes Geld in das Unternehmen gesteckt.

In einem Bericht von Süddeutsche.de heißt es, die Liquidität sei Ende 2013 „zeitweise unter die kritische Marke von 100 Millionen Euro gesunken“, obwohl Berggruen Karstadt 2010 mit etwa 400 Millionen in der Kasse übernommen habe. Berggruen hat sich sogar den Namen Karstadt versilbern lassen. Für fünf Millionen Euro kaufte er Karstadt die Namensrechte ab, und der Konzern musste ihm jedes Jahr bis zu zwölf Millionen Euro für die Nutzung der Markenrechte am eigenen Namen zahlen. Die Namensrechte gehen jetzt auf den neuen Eigentümer Benko über.

Wenn Benko heute kurz vor Auslaufen des Sanierungspakets „Karstadt 2015“ die restlichen Karstadt-Häuser übernimmt, kann er von der jahrelangen Zusammenarbeit des Konzerns mit der Gewerkschaft profitieren.

Schon jetzt ist klar, dass diese ihre Zusammenarbeit nicht aufkündigen wird, ganz gleich, ob die Häuser in Shopping-Meilen verwandelt oder geschlossen werden, oder ob, wie inzwischen wieder diskutiert wird, eine einzige Deutsche Warenhaus AG mittels Fusion mit dem Kaufhof-Konzern entsteht.

Die Arbeitsplatzgarantie, für die die Beschäftigten ihre sozialen Errungenschaften, Rentenansprüche und Löhne verkaufen mussten, ist das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stand. Selbst bei einer Fusion mit Kaufhof würden nach Schätzungen höchstens noch zwanzig Karstadt-Filialen übrig bleiben und 10.000 bis 15.000 Arbeitsplätze vernichtet.

Für ihre Judas-Dienste und Zusammenarbeit mit halbseidenen Immobilienspekulanten werden die Ver.di-Funktionäre und Betriebsräte fürstlich bezahlt. Zehn Arbeitnehmervertreter sitzen im Aufsichtsrat und kassieren zusätzlich zu Tagungs- und Sitzungsgeldern Tantiemen zwischen 20.000 und 30.000 Euro jährlich.

Mit der Wut über die schrittweise Stilllegung des Traditionskaufhauses wächst auch die Opposition gegen die Betriebsräte und Gewerkschaftsbürokraten.

„Vom Betriebsrat erwarte ich schon lange nichts mehr, die sorgen vor allem für sich selbst“, sagte eine Verkäuferin am Montagmorgen gegenüber WSWS-Reportern am Personaleingang der Karstadt-Filiale auf der Zeil in Frankfurt. Andere klagten: „Wir sind die letzten, die Informationen erhalten. Wir werden gekauft und verkauft, ohne dass wir Verkäuferinnen viel mitkriegen. Das einzige, was wir spüren, ist ein massiver Personalabbau.“