Zum Tode von Siegfried Lenz

17. März 1926 – 7. Oktober 2014

Von Sybille Fuchs
1. November 2014

Mit Siegfried Lenz ist am 7. Oktober einer der beliebtesten und meistgelesenen Autoren der deutschen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur gestorben. Seine Leser haben seine Romane und Erzählungen nicht zuletzt wegen seiner klassisch realistischen Erzählweise und der Themen aus der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart, die er wählte, geschätzt.

Seine Werke wurden in 35 Sprachen übersetzt, seine Bücher erreichten hohe Auflagen. Auch Essays, Hörspiele und Theaterstücke hat er verfasst. Zwar hat er zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, aber im Gegensatz zu seinen Kollegen und Zeitgenossen Heinrich Böll und Günter Grass nicht den Nobelpreis für Literatur.

Aufgewachsen war Lenz in der ostpreußischen Stadt Lyck, dem heutigen Elk. Seiner Heimat blieb er stets verbunden, aber nie schloss er sich den reaktionären Vertriebenenorganisationen an, die eine Rückgabe der inzwischen polnischen Gebiete an Deutschland forderten.

Lenz machte nie einen Hehl daraus, dass er in der Hitlerjugend war und wie so viele seiner Generation das Regime bejaht hatte. Nach seinem Notabitur wurde er 1943 zur Kriegsmarine eingezogen. Obwohl vor einigen Jahren eine Mitgliedskarte der NSDAP gefunden wurde, bestritt er glaubhaft den Eintritt in die Partei. Viele junge Menschen waren damals von übereifrigen Funktionären kollektiv als Mitglieder registriert worden.

Im Verlauf des Krieges waren Lenz große Zweifel am Nationalsozialismus gekommen: „Ich musste die Tode anerkennen, die Verzweiflung der Flüchtlingstrecks, die Schiffstragödien.“ Als er in den letzten Kriegswochen in Dänemark Zeuge einer Hinrichtung wurde, desertierte er.

Er geriet in britische Gefangenschaft, wurde aber bald entlassen und begann ein Lehrer-Studium, das er jedoch 1948 abbrach, um bei der Hamburger Tageszeitung Die Welt als Volontär anzufangen. Dort arbeitete er dann von 1950 bis 1951 als Redakteur. Von da ab lebte er als freier Schriftsteller in Hamburg und in Dänemark. 1951 erschien sein erster Roman Es waren Habichte in der Luft. Von seinem Honorar reiste er nach Kenia. In seiner Kurzgeschichte Lukas, sanftmütiger Knecht verarbeitete er Eindrücke von dort und behandelte den Mau-Mau-Aufstand gegen die Kolonialherren.

Ein Jahr später schloss er sich der „Gruppe 47“ an, einer Vereinigung von Schriftstellern und Publizisten, die sich aus ihren Werken vorlasen und sie gegenseitig kritisierten. Zu ihr gehörten unter anderen auch Günter Grass, Heinrich Böll, Walter Jens, Ilse Aichinger, Erich Fried, Alfred Andersch und Ingeborg Bachmann. Später stieß auch Marcel Reich-Ranicki dazu. Die Gruppe verstand sich im weitesten Sinne als eine Art literarische Avantgarde. Viele der vorgelesenen und diskutierten Texte setzten sich mit dem Nationalsozialismus, seiner Verdrängung im Bewusstsein vieler Deutscher und mit den reaktionären Zügen der Adenauerzeit auseinander.

Entsprechend heftig wurde sie von deren Vertretern angegriffen. So nannte im Januar 1963 der CDU-Politiker Josef Hermann Dufhues die „Gruppe 47“ eine „geheime Reichsschrifttumskammer”, deren Einfluss „nicht nur im kulturellen, sondern auch im politischen Bereich“ ihm eine „geheime Sorge“ verursache. Bundeskanzler Ludwig Erhard beklagte die „Entartungserscheinungen“ der modernen Kunst.

Die Rechten schäumten umso mehr, als einige Autoren dieser Gruppe im Bundestagswahlkampf 1965 den SPD-Kandidaten Willy Brandt unterstützten. Zu ihnen gehörten auch Günter Grass und Siegfried Lenz. Lenz machte sich auch im Wahlkampf 1969 noch einmal für die SPD stark, obwohl diese seit 1966 in der Großen Koalition mit der CDU unter dem Ex-Nazi Georg Kiesinger regierte.

Lenz unterstützte insbesondere die Ostpolitik Brandts, in der er vor allem eine friedensstiftende Maßnahme zur Aussöhnung mit Polen sah. Er verurteilte ebenso wie Grass die Politik der Vertriebenenverbände und Rechten in der Bundesrepublik, die die Wiederherstellung des Deutschen Reiches und die Rückgabe der im Zweiten Weltkrieg verlorenen Gebiete forderten.

Der SPD blieb Lenz Zeit seines Lebens verbunden. Mit dem Altkanzler Helmut Schmidt verband ihn eine enge Freundschaft. Auf der Trauerfeier in der Hamburger Michaeliskirche hielt Schmidt am Dienstag dieser Woche eine Gedenkrede für Lenz.

Lenz war Repräsentant der Generation, die im Kindes- und Jugendalter die Nazizeit erlebt hatte und aus den Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit das Bedürfnis nach einer Abrechnung mit dem Dritten Reich und den konservativen Eliten entwickelte, die in der Adenauerzeit weiterhin das politische Geschehen bestimmten.

„Er erzählte den Deutschen ihre Geschichte und ihre Geschichten“, schreibt Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung. Aber diese „Geschichte“ beschränkt sich vor allem auf die Zeit, die er selbst unmittelbar erlebt hat. Er stellt in seinen Romanen und Erzählungen nicht die Frage, wie es zum Dritten Reich und zum Zweiten Weltkrieg gekommen war. Der Verrat der SPD, die 1914 den Ersten Weltkrieg unterstützte, und die Degeneration der Kommunistischen Partei unter dem Einfluss des Stalinismus gehören nicht zu der Geschichte, mit der er und viele westdeutsche Schriftsteller seiner Generation sich auseinandersetzten.

Die Kritik von Lenz, Böll und Grass an der bundesdeutschen Gesellschaft, an rechtsgerichteter Politik, Wissenschaft und Justiz, an ehemaligen Nazis in hohen Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft, am wütenden Antikommunismus, ihr Eintreten für die Bedürfnisse armer und benachteiligter Schichten traf auf breite Zustimmung insbesondere bei jungen Leuten, Schülern und Studenten, die sich in den 1960er Jahren zunehmend radikalisierten.

Lenz und viele andere junge Schriftsteller der „Gruppe 47“ waren zwar unzufrieden mit den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen in Westdeutschland. Aber sie hatten keine Verbindung mehr zur revolutionären Arbeiterbewegung der Zeit vor 1914. Sie standen selbst unter dem Einfluss der Ideologie des Kalten Krieges. Obwohl sie die sozialen Defizite in der Gesellschaft kritisierten, sahen sie in der westlichen kapitalistischen Demokratie eine verbesserungswürdige Perspektive und im Kommunismus keine Zukunft.

Die stalinistisch beherrschten Staaten der Sowjetunion und der DDR repräsentierten für sie totalitäre Regime, die sie ablehnten. Von einer linken revolutionären Alternative zum Stalinismus waren sie weit entfernt. Das trieb sie in die Arme der Sozialdemokratie, von der sie sich eine Reform der kapitalistischen Gesellschaft erhofften. Das hing auch damit zusammen, dass eine Auseinandersetzung mit dem Trotzkismus in Deutschland in den 1950er und 60er Jahren nicht stattfand, was weitgehend darauf zurückzuführen ist, dass die Pablisten die trotzkistische Organisation in der Sozialdemokratie auflösten.

In späteren Jahren hat sich Lenz nicht mehr aktiv politisch betätigt. Er zog sich ausschließlich auf die Schriftstellerei zurück. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt antwortete er 1999 auf die Frage, warum er sich nicht mehr politisch einmische, er habe „eingesehen, dass man Politik durchaus auch schreibend begleiten kann − und nicht nur, indem man sich an Wahlkämpfen beteiligt. Mir geht es darum, menschliche Schicksale zu beschreiben, im Vertrauen darauf, dass Leser ihre Schlüsse daraus ziehen und auf die jeweilige Politik anwenden.“

Im Weiteren erklärt er zu seiner Art des Schreibens: „Ich schreibe prinzipiell nicht nach Vorbildern, aber im Vertrauen darauf, dass meine Figuren einer Überprüfung durch die Realität standhalten. Eine Figur muss natürlich dadurch beglaubigt werden, dass sie in einer ganz bestimmten Umwelt vorgeführt wird. … Ich finde – und das entspricht einer eigenen Erfahrung −, was einem bestimmten Menschen zustößt, das stößt auch vielen anderen zu. Es gibt sozusagen repräsentative Erlebnisse, die der Einzelne, wenn auch nicht jeder Beliebige, hat, und die sich durchaus auf eine Ansammlung von Menschen oder eine Gesellschaft übertragen lassen. … Ich bin überzeugt davon, dass der Einzelne repräsentativ die Erfahrungen aller austrägt.“

Erzählungen

Lenz schrieb über die ostpreußische Stadt, in der er aufwuchs: „Ich wurde am 17. März 1926 in Lyck geboren, einer Kleinstadt zwischen zwei Seen, von der die Lycker behaupteten, sie sei die ‚Perle Masurens‘. Die Gesellschaft, die sich an dieser Perle erfreute, bestand aus Arbeitern, Handwerkern, kleinen Geschäftsleuten, Fischern, geschickten Besenbindern und geduldigen Beamten.“

Diesen Leuten hat er in den Erzählungen So zärtlich war Suleyken 1955 ein literarisches Denkmal gesetzt. Es war sein erster Bestseller. In ähnlicher Form nahm er die Landbevölkerung Schleswig-Holsteins liebevoll ironisch, manchmal auch etwas bissig in dem Bändchen Der Geist der Mirabelle. Geschichten aus Bollerup aufs Korn.

Bemerkenswert ist die große Vielfältigkeit des Spektrums seiner Erzählungen. Manche sind nur wenige Seiten lang, andere, wie Das Feuerschiff, haben den Umfang eines Kurzromans. Letzterer ist ein verfilmter Psycho-Krimi, der auch als politische Metapher für eine gewaltsame Machtübernahme und den Widerstand dagegen verstanden werden kann. Seine Erzählperspektiven wechseln, seine Sprache ist dem Gegenstand angemessen und sehr variationsreich,

Ebenso verschieden wie der Umfang ist auch die Thematik. Meist basieren seine Erzählungen auf genauer, kritischer Wahrnehmung und Beobachtung der jeweiligen Gegenwart. Sie spiegeln kritisch die Zeitstimmung, schildern die Landschaft, die dazugehörigen Menschen, die Tier- oder Pflanzenwelt korrespondierend mit den Stimmungen und Gefühlen der Personen, von denen er erzählt oder über die ein fiktiver Erzähler berichtet. Viele lesen sich spannend wie ein Kriminalroman, enthalten Momente der Überraschung oder überrumpeln den Leser mit ihrer Pointe. Ironisch kritisch demaskiert er Vertreter des Wirtschaftswunders wie in der Kurzgeschichte Ein Haus voller Liebe.

Viele seiner Geschichten leben von landschaftlich geprägten Stimmungsbildern aus dem Norden Deutschlands, aus seiner Heimat Ostpreußen und auch aus Schleswig-Holstein und Hamburg. Eine wichtige Rolle spielen das Meer oder die Elbe. Die Schicksale, die Lebenstragik und das Milieu meist kleiner Leute in der Nachkriegszeit (Die Nachzahlung) oder im Wirtschaftswunder (Mann im Strom), die zu alt, zu schwach oder zu krank sind, in der Leistungsgesellschaft mitzuhalten, schildert er mit großer Sympathie.

Grotesk satirisch verulkt er den Wissenschaftsbetrieb (Die Lampen der Eskimos). Aber es findet sich auch viel humoristisch Skurriles (Mein verdrossenes Gesicht) bis zur Politsatire (Sohn des Diktators). Oft ist in ein und derselben Erzählung Gegensätzliches vereint. Lenz ist ein Meister des Schwarzen Humors, Lächerliches schlägt oft um in Tragik und umgekehrt.

Viele seiner Erzählungen sind voller Dramatik. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Lenz außer Erzählungen und Romanen auch etliche Hörspiele und Theaterstücke verfasst hat. Sehr bekannt wurde sein Drama Zeit der Schuldlosen? von 1961. Dass in diesem Stück seine Auseinandersetzung mit Schuld und Diktatur seltsam abstrakt und auf moralische Fragen konzentriert bleibt, hängt sicher auch mit seinem beschränkten Zugang zur Geschichte zusammen.

Deutschstunde

Lenz‘ wichtigstes und auch weltweit erfolgreichstes Buch bleibt wohl der Roman Deutschstunde. Das Hauptthema des Buches ist die Frage von Schuld und Pflicht im Nationalsozialismus. Hatten doch alle Naziverbrecher vom Wehrmachtsoffizier, der Massaker befahl, oder KZ-Schergen bis zum denunzierenden Blockwart sich bis zur Absurdität damit gerechtfertigt, sie hätten nur ihre Pflicht getan.

Der Erzähler der Deutschstunde, der junge Siggi Jepsen, Insasse einer Strafanstalt für jugendliche Kriminelle und Schwererziehbare, soll einen Aufsatz schreiben über die „Freuden der Pflicht“. Er gibt ein leeres Heft ab, weil ihm zu viel zu dem Thema einfällt. Denn die von seinem Vater erfüllte „Pflicht“ hatte seine gesamte Kindheit und Jugend bestimmt. Siggi soll zur Strafe in einer Arrestzelle die verweigerte Arbeit nachschreiben. Er beginnt damit und lässt freiwillig den Arrest immer wieder verlängern, bis er mit der ganzen Geschichte seiner Kindheit und Jugend fertig ist. Der 1968 erschienene Roman umfasst 479 Seiten.

Das „Verbrechen“, das ihm die Jugendstrafe einbrachte, war, Bilder des Malers Max Ludwig Nansen, dem „Berlin“ ein Malverbot erteilt hatte, gestohlen zu haben, um sie vor seinem Vater Jens Ole Jepsen, dem „nördlichsten Polizeiposten Deutschlands“, in Sicherheit zu bringen. Jepsen war mit Nansen seit der Kindheit befreundet, dieser hatte ihn sogar einmal vor dem Ertrinken gerettet, was ihn aber nicht daran hinderte, das Malverbot auf das Strengste zu überwachen und alles zu beschlagnahmen, womit der Maler seiner Meinung nach dagegen verstoßen hatte.

Der zehnjährige Siggi soll ihm dabei helfen. Dieser beschließt jedoch, dem Maler, in dessen Haus er sich gern aufhält, zu helfen, die Bilder zu verstecken.

Der Vater betreibt seine Pflichterfüllung mit geradezu absurdem Fanatismus, weniger, weil er von der Naziideologie überzeugt ist, sondern weil die Obrigkeit, welche auch immer, es befohlen hat. Seine Frau, Siggis Mutter, ist dagegen zutiefst von der Nazipropaganda überzeugt. Sie ist gegen alles „Kranke“ und „Fremde“. Als der Freund von Hilke, der Schwester Siggis, einen epileptischen Anfall hat, wirft sie ihn als „krankes, unwertes Leben aus dem Haus“. Im Fall des älteren Bruders von Siggi, Klaas, der sich selbst verstümmelt und desertiert, um nicht mehr in den Krieg zu müssen, ist sie sich mit ihrem Mann vollkommen einig. Er wird für immer aus der Familie verstoßen, weil er seine Pflicht nicht erfüllt.

Auch nach Kriegsende hält es der entnazifizierte und wieder ins Amt gehobene „Polizeiposten“ weiterhin für seine Pflicht, die trotz seiner Überwachung entstandenen Bilder oder Zeichnungen zu vernichten. Deshalb versteckt sie Siggi, was ihm die Freiheitsstrafe einbringt.

Außer den drei Hauptfiguren, Siggi, dem Polizeiposten und dem Maler tauchen eine Menge höchst interessanter Nebenfiguren auf: Der Großvater, der als Bauer und Blut und Boden verhafteter Heimatforscher agiert, der Biologie- und „Lebenskunde“-Lehrer, der Bruder Klaas, der Deserteur und Selbstverstümmler, der später als Fotograf Siggi zu verstecken versucht. Er lebt in einer Kommune im Hamburger Künstlermilieu, die in einer stillgelegten Fabrik haust und sich über die altmodische Kunst eines Nansen mokiert.

Mit Ironie werden die Psychologen und Reformpädagogen geschildert, die sich über die „Schwererziehbaren“ im Strafvollzug hermachen, um sie nach allen Regeln ihrer beschränkten, individualistisch ausgerichteten Lehre zu analysieren. Der von Siggi noch als einigermaßen sympathisch empfundene Mackenroth, der seine Diplomarbeit über die „Jepsenphobie“ schreiben will, steckt selbst bis zum Hals in Problemen.

Bemerkenswert aktuell ist Lenz‘ Schilderung des Vernissage-Publikums. Noch heute finden sich solche Typen des Bildungsbürgertums bei derartigen Gelegenheiten zusammen. Das hanseatische Bürgertum und die Boheme, die bei der Nansen-Ausstellung auftauchen, werden mit wenigen Bemerkungen charakterisiert, Es erscheint höchst plausibel, dass die Bilder auch vor diesen Leuten beschützt werden müssen.

Treffend ist auch die Figur Maltzahn, ein Kunstkritiker und Wendehals. Er taucht nach 1945 bei Nansen auf, dessen Kunst er in der Zeitschrift Volk und Kunst als „Hexenspuk und Pamphlet der Entartung“ charakterisiert hatte. Jetzt versucht er, seine damalige Formulierung so umzudeuten, dass der Hexenspuk für ihn das gewesen sei, „was draußen vor sich ging, der Maler habe diesen politischen Spuk auf seine Art dargestellt“. Er wolle das jetzt klarstellen und ihn nun um die Genehmigung für den Abdruck der „unsichtbaren Bilder“ bitten, was Nansen ablehnt, der ihm die Tür weist.

Maltzahn, der später natürlich auch bei der Eröffnung der Ausstellung auftaucht, steht als Symbolfigur für all diejenigen, die im Dritten Reich bei der Verfemung von Künstlern willig mitmachten, nach dem Krieg sofort wieder „aus ihren Löchern“ hervorkamen, sich von den Verbrechen distanzierten und alles, insbesondere ihre eigene Rolle, verharmlosten.

Für Leute wie ihn und seinen Vater wünscht sich Siggi am Ende seiner Strafarbeit eine „Insel für schwererziehbare Alte“.

Die Figur des Malers Max Ludwig Nansen ist in vielen Zügen dem Expressionisten Emil Nolde nachempfunden, der mit der völkischen Bewegung sympathisierte und 1934 einem Ableger der NSDAP beitrat. Lenz wurde deshalb vorgeworfen, er habe ein verfälschtes Bild des Malers Nolde vermittelt, die Wirkungsgeschichte des Romans müsse neu geschrieben werden.

Lenz hat aber keine Nolde-Biografie geschrieben, sondern mit Nansen eine Romanfigur entworfen, deren völkische Gesinnung und deren Parteieintritt er keineswegs verschweigt. Zudem ging es ihm darum, die Barbarei der nationalsozialistischen Verfemung von Künstlern als entartet zu thematisieren. Darauf deutet auch die Wahl der Vornamen des Malers Nansen hin. Ludwig könnte auf Ludwig Kirchner hindeuten und Max auf Max Beckmann, die ebenfalls als entartet klassifiziert wurden.

Die Deutschstunde, die gemeinhin als Lenz‘ Schlüsselwerk zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus gilt, wird zweifellos weiterhin ein wichtiges und lesenswertes Stück Nachkriegsliteratur bleiben.