Geldpolitik der Bank von Japan destabilisiert Weltwirtschaft zusätzlich

Von Nick Beams
4. November 2014

Es ist bezeichnend für den Zusammenbruch der kapitalistischen Weltwirtschaft, dass Maßnahmen, die die größten Zentralbanken der Welt beschließen, um die Wirtschaften ihrer eigenen Länder zu stärken, zum Anwachsen weltweiter Instabilität beitragen.

Letzten Mittwoch hatte die amerikanische Notenbank Federal Reserve angekündigt, im Rahmen der Rückkehr zu einer normaleren Geldpolitik den Ankauf von Wertpapieren zu beenden. Eine der wahrscheinlichen Auswirkungen dieser Entscheidung wird es jedoch sein, dass sich flüchtiges Finanzkapital aus den Schwellenländern zurückzieht, die die wichtigste Quelle für Wirtschaftswachstum seit der Finanzkrise von 2008 waren.

Auch die überraschende Entscheidung der Bank von Japan am letzten Freitag, den Ankauf von Staatsanleihen zu verstärken, um das Land aus seiner Deflationsspirale zu bringen – und damit genau das Gegenteil zu tun wie die Fed - wird sich nachteilig auf Volkswirtschaften in Asien auswirken, vor allem auf Südkorea und China, sowie auf die Eurozone.

Eine der unmittelbaren Auswirkungen der verstärkten japanischen Version der "quantitativen Lockerung" wird es sein, dass der Wert des Yen weiter nach unten getrieben wird, nachdem er bereits in den letzten drei Jahren deutlich gesunken ist. Die Währung sank am Freitag im Vergleich zum Dollar auf den tiefsten Stand seit sieben Jahren, und ist seit Mitte 2012 im Vergleich zum Dollar, dem Euro und dem koreanischen Won um 40 Prozent, und zum chinesischen Yuan um 50 Prozent gesunken.

Hans Redeker, der bei Morgan Stanley für die Devisenstrategie zuständig ist, sagte dem Londoner Telegraph, Japan exportiere seinen deflationären Druck in andere Länder.

Er erklärte: "Es ist nicht klar, ob andere Länder damit zurechtkommen. Es gab in Korea viele Gewinnwarnungen. Die ganze Region steckt bereits wegen Überproduktion und einer hohen Schuldenlast in Schwierigkeiten. In Dollar ausgegebene Schulden sind von 300 Milliarden Dollar im Jahr 2005 auf heute 2,5 Billionen angestiegen, und die Krediteffizienz geht zurück."

Andere Analysten wiesen auf die Gefahr von Währungskriegen hin, falls Japan versucht, durch den Export von Deflation in andere Länder aus seiner eigenen Deflation zu kommen.

Am Freitag kündigte der Gouverneur der Bank von Japan, Haruhiko Kuroda, nach einer mit 5 zu 4 knappen Entscheidung des Vorstandes an, dass die Zentralbank genug Wertpapiere, vor allem Staatsanleihen kaufen werde, um ihre finanzielle Basis von momentan 60 bis 70 Billionen Yen (539 - 629 Milliarden Dollar) auf 80 Billionen Yen pro Jahr (etwa 721 Milliarden Dollar) zu vergrößern,.

Die Entscheidung war ein Schock, da Kuroda zuvor behauptet hatte, das Wertpapieraufkaufprogramm, das im April 2013 als Teil der "Abenomics" aufgelegt wurde, funktioniere. Daten zur japanischen Wirtschaft deuten jedoch darauf hin, dass der Kauf von Wertpapieren trotz einer anfänglichen Stärkung der Konjunktur den Deflationskreislauf nicht durchbrechen konnte.

Nachdem die wichtigsten Verbraucherpreise in Japan im April um 1,5 Prozent gestiegen waren, wurden sie im September nur um ein Prozent teurer, sodass Zweifel daran aufkamen, ob die Bank von Japan ihr Ziel einer Inflationsrate von zwei Prozent bis zum nächsten April erreichen werde. Die Wirtschaft verzeichnet kaum oder kein Wachstum und ging im zweiten Quartal um sieben Prozent zurück, hauptsächlich aufgrund der Erhöhung der Verbrauchssteuer von fünf auf acht Prozent. Die Erhöhung machte die Wachstumsrate von über sechs Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres mehr als zunichte.

Es wird zwar erwartet, dass das Wachstum wiederkehren wird, allerdings wird damit gerechnet, dass die Erholung im dritten Quartal niedriger sein wird als bisher erwartet. Ökonomen der Bank von Japan haben ihre eigene Wachstumsvorhersage für das Wirtschaftsjahr 2014 auf nur 0,5 Prozent korrigiert. Schwache Produktions- und Einzelhandelsdaten für Juli und August haben die Angst vor niedrigem Wachstum verstärkt. Eine Quelle aus dem Umfeld von Premierminister Abe sagte der Financial Times: "Alle Wirtschaftsindikatoren deuten nach unten."

Kuroda erklärte bei der Ankündigung der Entscheidung der Zentralbank, Japan, die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, habe einen "entscheidenden Moment" in seinem Kampf gegen den Würgegriff der Deflation erreicht. "Es bestand das Risiko, dass wir trotz ständigem Fortschritt bei der Vertreibung der Deflation aus den Köpfen der Öffentlichkeit ins Hintertreffen geraten könnten," erklärte er.

Im Verhältnis zur Größe der japanischen Wirtschaft sind die jüngsten Maßnahmen der Zentralbank noch weitgehender als das Wertpapierankaufprogramm der amerikanischen Fed. Die Bank von Japan wird ihre Bilanz um etwa fünfzehn Prozent pro Jahr erhöhen. Das ist dreimal so viel wie das Programm der quantitativen Lockerung der Fed.

Die Bank von Japan wird bei ihrer erweiterten Marktintervention mehr als doppelt so viele Anleihen kaufen, wie die Regierung ausgegeben hat, um ihre Staatsschulden zu finanzieren.

Dies führte zu Bedenken wegen der Stabilität der öffentlichen Finanzen. Um sie zu beschwichtigen, scheint die Regierung mit Kurodas Unterstützung entschlossen, im Oktober die zweite Erhöhung der Verbrauchssteuer von acht auf zehn Prozent umzusetzen. Wenn die Erhöhung fallengelassen oder auch nur verzögert wird, wird dies zu Fragen zur Finanzierung der japanischen Staatsschulden führen, die mit elf Billionen Dollar oder 240 Prozent des Bruttoinlandsproduktes die höchsten der Welt sind.

Eine weitere Erhöhung der Verbrauchssteuer wird die wirtschaftliche Aktivität in Japan verringern und den deflationären Druck, den die Zentralbank durch den verstärkten Kauf von Wertpapieren ausgleichen will, weiter verschärfen.

Bisher wurden die Staatsschulden durch interne Quellen finanziert, beispielsweise die massiven Versicherungsfonds des Landes, Analysten behaupten jedoch, es gebe eine Grenze dafür, wie weit dieser Prozess geführt werden kann, ohne eine Krise zu verursachen.

Dass die Abstimmung des Aufsichtsrates der Bank im Vergleich zu früheren Entscheidungen, für die sich Kuroda eine große Mehrheit sichern konnte, so knapp war, deutet darauf hin, dass auch in der Bank von Japan selbst derartige Bedenken herrschen. Vertreter und Beobachter der Zentralbank erklärten, in der Geschichte der Bank habe es noch nie eine so knappe Abstimmung gegeben.

Als weiteres Anzeichen für die wachsende Irrationalität - um nicht zu sagen, den Irrsinn - der in der Weltwirtschaft herrscht, feierten die Finanzmärkte die Entscheidung überschwänglich, während fast alle Analysten darauf hinwiesen, dass das Vorgehen der Bank von Japan auf wachsende Probleme hindeutet.

Letzten Freitag stiegen in den USA die Aktienkurse. Der Dow Jones und der S&P 500 schlossen mit Rekordständen. Das war zumindest teilweise Folge der Entscheidung der Bank von Japan. Am Montagmorgen war der japanische Nikkei-Index um fast fünf Prozent auf den höchsten Stand seit fast sieben Jahren gestiegen. Diese Ergebnisse machen noch deutlicher, dass Aktienmärkte zu globalen Casinos geworden sind, in denen "das Haus“, d.h. die großen Zentralbanken endlos billiges Geld für Finanzspekulationen bereitstellt. Allerdings haben diese Maßnahmen selbst das Potenzial eine Finanzkrise auszulösen.

Der Financial Times-Kolumnist John Authers erklärte dazu: "Wie die Reaktion der Aktienkurse zeigt, mögen die Märtke quantitative Lockerung. Aber die allgemeinere Perspektive ist alarmierend. Starke Veränderungen der Währungen sind gefährlich, vor allem wenn so viele verschiedene Länder gleichzeitig denselben Trick versuchen."

Die Auswirkungen von Japans Vorgehen werden mit Sicherheit auf dem nächsten Treffen der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag diskutiert werden, auf dem Mario Draghi unter zunehmenden Druck der Finanzmärkte geraten wird, seine eigene Version von quantitativer Lockerung zu forcieren.

Der Wirtschaftskommentator Robert Samuelson begann einen Kommentar in der Washington Post am Montag mit der Frage: "Kann Mario Draghi Europa retten?" Er schrieb, die Tatsache, dass diese Frage überhaupt gestellt werde, rufe auf "beunruhigende Weise" ins Gedächtnis, dass die Krise in Europa, die bereits für beendet erklärt wurde, es jedoch keineswegs ist. Europa erinnere an einen chronisch kranken Patienten, dem es phasenweise besser und schlechter geht, dessen Krankheit jedoch andauert und ständig die Gefahr birgt, eine akute, möglicherweise katastrophale Krise zu verursachen."

Die europäische Wirtschaft hat seit 2008 zwei Rezessionen hinter sich, es wird damit gerechnet, dass sie kurz vor der dritten steht. Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone liegt immer noch zwei Prozent unter der von 2008, die Investitionen sind um fünfzehn Prozent zurück gegangen.

Diese Probleme werden sich durch die Entscheidung der japanischen Zentralbank von letzter Woche wohl noch weiter verschlimmert haben.