DDR-Künstler und Stasi

Von Bernd Reinhardt
5. November 2014

Annekatrin Hendel stellte vor drei Jahren auf der Berlinale den Dokumentarfilm Vaterlandsverräter über den Literaten und Stasi-Spitzel Paul Gratzik vor. In ihrer neuen Dokumentation Anderson, die im Februar auf der Berlinale lief und vor kurzem ins Kino kam, geht es um den Künstler und Stasi-Spitzel Sascha Anderson (geb. 1953). Der Dichter war eine zentrale Figur der jungen DDR-Literaturszene der achtziger Jahre, die sich im Ostberliner Prenzlauer Berg konzentrierte.

Sascha Anderson - Foto: Salzgeber

Hendel spricht mit ehemaligen Bekannten und Freunden Andersons, wie dem Sänger Ekkehard Maaß, der Keramikerin Elfriede Maaß, dem Dichter Bert Papenfuß-Gorek, der Malerin Cornelia Schleime, dem jetzigen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn – und mit Anderson selbst.

Ekkehard Maaß lebt immer noch im Prenzlauer Berg. Er beschreibt das Klima nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 und der Verhaftung des Philosophen Rudolf Bahro (Die Alternative) 1977, denen eine Ausreisewelle folgte, als „tiefes Tal“. Er erzählt, wie seine Wohnküche zum Treff junger Künstler wurde, die der offiziellen DDR den Rücken kehrten. Man diskutierte, musizierte, Maaß sang Biermann und Okudschawa.

Die Protagonisten schildern, wie der Lebenskünstler Anderson Anfang der achtziger Jahre aus Dresden nach Berlin kommt und zum Idol der Szene wird. Er fasziniert als Dichter, Punk-Sänger und Organisator. Seine Hauptaktivität ist auf die Ausweitung bestehender Freiräume gerichtet. Rastlos organisiert er Ausstellungen, Konzerte, die Produktion alternativer Filme, die Vervielfältigung von Texten, die Herausgabe von Büchern bis hin zur alternativen Weihnachtsfeier. Er verfügt über nützliche Kontakte zu Verlagen im Westen, Journalisten und Diplomaten. Er selbst veröffentlicht mehrfach im linken Westberliner Rotbuch-Verlag.

Gleichzeit liefert er detaillierte Berichte und Einschätzungen über Freunde und Kollegen an die Stasi. Im Jahr 1986 verlässt er die DDR. Der damals zwangsausgebürgerte Roland Jahn erzählt, wie er Anderson in Westberlin aufnahm und den Kontakt zum Magazin Der Spiegel herstellte.

Der Spiegel veröffentlichte unter dem Titel „Die Generation nach uns ist freier“ ein Interview mit Anderson über die junge ostdeutsche Kulturszene. Nach dem Zusammenbruch der DDR findet Jahn seine persönlichen Gespräche mit Anderson in den Stasi-Akten wieder. Als Anfang der 90er Jahre Anderson durch den Bürgerrechtler Jürgen Fuchs und Wolf Biermann enttarnt wird, sind viele einstige Freunde schockiert.

Hendels Film umfasst die Zeit des intellektuellen Niedergangs in der DDR, der in der Gorbatschow-Euphorie gipfelte und dem realen Zusammenbruch der DDR voranging. Die Ablehnung der offiziellen DDR artikulierte sich in der Jugend zum großen Teil im Punk, der in der Pose des Bürgerschrecks der staatlichen Unterdrückung das Recht auf individuelle Freiheit entgegen schleuderte, expressiv und anarchisch. Alternative Lebensformen waren inspiriert von westlicher Subkultur, wie der Westberliner Hausbesetzer-Szene.

Der anarchistische Lyriker Bert Papenfuß-Gorek beschreibt die politisch indifferente Stimmung so: „Wir waren gegen die Parteidiktatur der DDR, nicht ausgesprochen gegen die Idee eines Sozialismus oder Kommunismus. (...) Es gab viele, die sich als wahre Marxisten bezeichnet haben, es gab Anarchisten bis hin zu Leuten, die im westlichen Wohlfahrtsstaat ein Ideal sahen. Das war so ungefähr das Spektrum.“

Der Hinweis, dass die Stasi diese Entwicklung beeinflusste, gehört zu den wertvollen Momenten des Films. Maaß ist überzeugt, dass sie befürchtete, in der krisenhaften Stimmung könnte ein polarisierender Künstler auftauchen, „der politisch was drauf hat“, ein zweiter Biermann. Zweifellos meint Maaß den frühen Biermann, dessen Lieder er verehrt. Einige legen gegenüber der SED eine bewundernswerte Respektlosigkeit und Schärfe an den Tag. Seit seiner Ausbürgerung hat Biermann sich jedoch kontinuierlich zum Antikommunisten entwickelt und begrüßt heute regelmäßig imperialistische Militäreinsätze.

Statt eines „zweiten Biermann“ kam Anderson. Zweifellos hätte er ohne die Stasi nicht seine glänzende Position einnehmen können, die ihm in der Kulturszene den Namen „Kulturminister“ einbrachte. „Sascha Anderson war damals in der DDR schon das, was man einen modernen Manager nennen würde“, so Hendel im Tagesspiegel. Irgendwann, so ein Protagonist des Films, kam kein junger Underground-Künstler mehr an Anderson vorbei.

Interessant ist Andersons Äußerung, dass er, der von der offiziellen DDR so wenig hielt wie die anderen Künstler, die Stasi „als einzigen Berührungspunkt zum System“ akzeptierte. Er habe mit ihren Mitarbeitern offen über die Krise in der DDR reden können. Selbst nach der schweren Enttäuschung, weil die Stasi ihren IM nicht aus dem Gefängnis holte, wo er eine Weile wegen Scheckbetrugs einsaß, (er ist darüber noch heute empört) setzt er seine Spitzeltätigkeit fort.

Der Film legt nahe, dass die Stasi sehr bewusst auf die Krise der DDR reagierte. Fragen bleiben: Welches Interesse hatte die Stasi an einem Kontakt ostdeutscher Künstler zu einem Verlag des „Klassenfeinds“ in einer Situation, in der die SED in breiten Bevölkerungsschichten stetig an Glaubwürdigkeit einbüßte? Warum ließ man Anderson in den Westen ausreisen, wohl wissend, dass die dortige Presse sich für den Insider interessieren könnte? Noch 1976 hatte man anders reagiert. Als die Erstunterzeichner des Protestbriefes gegen die Ausbürgerung Biermanns sich an die westliche Presse wandten, beschimpfte man sie als Konterrevolutionäre.

Wolf Biermann erinnert in einem historischen Dokument des Films daran, dass die Stasi überall in den Spitzen der DDR-Opposition saß. Man kann dem hinzufügen, dass sie später auch die „demokratische Opposition“ der Wendezeit durchsetzte. Führende Akteure, die unter dem Deckmantel demokratischer Erneuerung der Einführung des Kapitalismus in der DDR den Weg bereiteten, entpuppten sich als Stasi-Spitzel.

Dazu gehörten der evangelische Oppositionellen-Anwalt Wolfgang Schnur („Demokratischer Aufbruch“, „Allianz für Deutschland“), der als zukünftiger Regierungschef der DDR gehandelt wurde, und Ibrahim Böhme (Mitbegründer der sozialdemokratischen Partei der DDR, SDP). Auch der letzte Staatschef der DDR, Lothar de Maizière (CDU), steht unter Stasi-Verdacht. Auf der Großdemonstration vom 4. November 1989 auf dem Ostberliner Alexanderplatz outete sich Markus Wolf, verantwortlich für die Auslandsspionage der Stasi, kurz nach dem Sturz Honeckers medienwirksam als sogenannter „Reformer“.

Der Künstler und Spitzel Anderson verkörperte die Jahre der Übergangszeit, an deren Ende die Restauration des Kapitalismus in der DDR stand. Dieser Hintergrund erklärt auch die Anziehungskraft seiner prinzipienlosen Wendigkeit, Skrupellosigkeit und seines künstlerischen Erfolgs. Die literarische Vorliebe für das Rätselhafte, Paradoxe einerseits, für oberflächliches, radikales Getöse andererseits, passen zum Bild einer Szene, die sich in individuellen Nischen austobte. Sie kultivierte einen Life-Stile, der nicht zufällig dem Umfeld der grünen Umwelt- und pazifistischen Friedensbewegung im Westen ähnelte. Die Frage nach einer sozialistischen Alternative zum Stalinismus wurde nicht mehr ernsthaft gestellt.

Vorangegangen war dem die große Enttäuschung von Künstlern und Intellektuellen in den siebziger Jahren, die gehofft hatten, an der staatlichen Machtausübung beteiligt zu werden. Bahros Buch „Die Alternative“ hatte dieses Bestreben ausgedrückt, ohne dabei dem Stalinismus ernstlich auf die Füße zu treten. Dementsprechend groß war die Frustration nach seiner Verhaftung.

In gewisser Weise teilte Anderson den elitären Anspruch dieser Schichten, fühlte er sich als IM doch selbst einer Elite zugehörig, die über dem einfachen, primitiven SED-Bürokraten stand. „Es gab viele solcher IMs, die nicht die kleinen Schnüffler im Anorak waren, sondern charismatische Figuren (...) in den Schlüsselpositionen“, erinnert sich Hendel. Diese Tatsache ist besonders entlarvend und setzt ein dickes Fragezeichen über den Oppositionsgeist der „rebellischen Achtziger“ in der DDR.

Regisseurin Annekatrin Hendel - Foto: Salzgeber

Leider verschwendet der Film viel Zeit mit persönlichen, enttäuschten Gefühlen. Hendel, die in den achtziger Jahren selbst neugieriger Zaungast der alternativen Künstlerszene war, nimmt wie ihre Protagonisten gegenüber dem Phänomen Anderson eine unpolitische, moralisierende Haltung ein, was der Dimension des Themas nicht gerecht wird.

Hinweise auf eine frühe KGB-Tätigkeit Andersons, oder seine anfänglichen politischen Motive als „Kundschafter an der unsichtbaren Front“, werden wie Belanglosigkeiten abgetan. Im Gegenzug belächelt Anderson Hendels naive Versuche, ihn als jemand mit doppelter Identität zu präsentieren (an einer Stelle des Films lässt sie ihn sogar mit sich selbst Schach spielen). Insgesamt jedoch präsentiert Hendel nach Vaterlandsverräter auch in Anderson interessantes Material zum Thema DDR-Künstler und Stasi.

Abstoßend ist der Opportunismus der einst von Anderson bespitzelten Weggefährten, die sich heute bemühen, dem Dichter den „persönlichen“ Verrat zu verzeihen. Papenfuß-Gorek arbeitet mit ihm wieder an gemeinsamen Projekten. Cornelia Schleime zeigt so etwas wie Verständnis für den schöngeistigen Denunzianten, der, so Schleime, keine Blockwartmentalität an den Tag gelegt habe. Bei ihm sei Kreativität im Spiel gewesen, ein Wille zum Gestalten. Roland Jahn, der heutige Beauftragte der Bundesrepublik für die Stasi-Unterlagen, zeigt eine gewisse Enttäuschung, dass Anderson bisher keine persönliche Aussprache mit ihm suchte.

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Der Trailer zum Film Anderson findet sich hier.