Kapitalismus und die Ebola-Krise

Von Niles Williamson
5. November 2014

„Ebola gibt es seit fast vierzig Jahren. Warum stehen die Ärzte immer noch mit leeren Händen da, ohne Impfstoffe oder Heilmittel? Weil sich Ebola in der Vergangenheit geographisch auf die armen Staaten Afrikas beschränkt hat. Der Anreiz für Forschung und Entwicklung ist praktisch gleich null. Eine profitgetriebene Industrie investiert nicht in Produkte für Märkte, die nicht zahlen können“Dr. Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (aus dem Englischen).

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Die simple Wahrheit dieses Zitats aus einer Rede von Dr. Chan Anfang Oktober wird in der Medienberichterstattung über die Ebola-Krise bewusst verschleiert.

Kein Impfstoff wurde entwickelt, der den Ausbruch der Krankheit in Westafrika hätte verhindern können, denn das Wirtschaftssystem beruht auf dem Privateigentum, gerade auch in der Pharma- und Gesundheitsindustrie, und die Profitinteressen der Großkonzerne setzen unvernünftige und asoziale Prioritäten. Der Tod tausender Menschen war völlig unnötig, genau so wie Millionen Menschen täglich durch immer neue Katastrophen in Gefahr geraten, von Hurrikan Katrina, über den Tsunami in Asien und die Golf-Ölpest bis hin zu den Hungersnöten in Nigeria, Äthiopien und anderen Ländern. Alle diese Katastrophen hat der Kapitalismus entweder direkt verursacht, oder er gestaltet ihren Verlauf umso tödlicher und verheerender.

Nicht nur unterwirft das Profitsystem den gesellschaftlichen Reichtum der Vermögensanhäufung der wohlhabenden Elite, es verhindert auch den vernünftigen Einsatz internationaler Ressourcen, indem es in einer zunehmend vernetzten Welt die Spaltung in rivalisierende Nationalstaaten aufrechterhält. In der aktuellen Krise ist ein international koordiniertes Vorgehen praktisch ausgeschlossen, da solch ein Einsatz konkurrierende staatliche Interessen rivalisierender Unternehmenseliten durchkreuzen würde.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es bisher 13.567 Ebola-Fälle in acht Ländern, von denen fast fünftausend Fälle tödlich endeten (Stand: 31. Oktober). Während Ebola in anderen Regionen eingedämmt werden konnte, breitet sich die Krankheit in den tief verarmten westafrikanischen Ländern Liberia, Sierra Leone und Guinea weiter aus.

Ebola ist nicht die einzige Krankheit, die in Westafrika und anderen Teilen der Welt wütet, für welche die Entwicklung eines Impfstoffs von den Profitinteressen der Pharmaindustrie verhindert wurde. Zu den tödlichsten und bekanntesten gehören das Dengue-Fieber und das Lassa-Fieber.

Das Dengue-Fieber, das von Moskitos auf den Menschen übertragen wird, kommt in großen Teilen der Welt vom südlichen bis zum nördlichen Wendekreis häufig vor. Die schmerzhaften Auswirkungen der Krankheit sind seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bekannt, und Anfang der 1920er Jahre wurden erste Versuche unternommen, einen Impfstoff zu entwickeln. Das Dengue-Fieber stammt aus Afrika und tauchte in den 1950ern erstmals als weltweites Problem auf.

Die WHO schätzt, dass jährlich weltweit zwischen fünfzig und hundert Millionen Menschen mit dem Dengue-Fieber infiziert werden und 25.000 daran sterben. Bisher gab es keinen einzigen koordinierten Versuch, die Krankheit auszurotten. Zu Beginn des Jahres befand sich der aussichtsreichste Impfstoff noch im Stadium der menschlichen Wirksamkeitsstudien.

Nagetiere übertragen das Lassa-Fieber auf den Menschen. Die Krankheit weist ähnliche Symptome wie Ebola auf. Es wurde zuerst in Westafrika im Jahre 1969 entdeckt und ist in der Region weit verbreitet. Pro Jahr kommt es zu dreihundert- bis fünfhunderttausend Ansteckungen und rund fünftausend Todesfällen. Zehn bis sechzehn Prozent der Menschen, die in Krankenhäuser in Sierra Leone und Liberia eingeliefert werden, leiden am Lassa-Fieber. Obwohl die Krankheit seit mehr als vier Jahrzehnten bekannt ist und erforscht wird, ist der vielversprechendste Impfstoff noch in der Phase der Tierversuche.

Ein wesentlicher Faktor für das Ausmaß des aktuellen Ebola-Ausbruchs und der Ausbreitung der anderen tödlichen Krankheiten ist die tief verwurzelte Armut auf dem afrikanischen Kontinent. Liberia, Sierra Leone und Guinea gehörten im letzten Jahr zu den ärmsten Ländern der Welt, mit einem jährlichen Brutto-Inlandsprodukt (BIP) pro Kopf von 878 Dollar, resp. 1.927 Dollar und 1.255 Dollar. Damit liegen alle drei Länder weit unter dem globalen Pro-Kopf-BIP von 14.293 Dollar. Die große Bevölkerungsmehrheit dieser Länder lebt entweder in unterentwickelten ländlichen Dörfern oder stinkenden städtischen Slums.

Weniger als fünf Prozent von Liberias ländlicher Bevölkerung hat Zugang zu akzeptablen sanitären Einrichtungen, und unter der Landbevölkerung von Sierra Leone hat gerade mal jeder Vierte Zugang zu sauberem Wasser. Im berüchtigten West Point Slum in Liberias Hauptstadt Monrovia gibt es kein Sanitärsystem. Die Bewohner sind gezwungen, den Atlantikstrand und die Flussufer als provisorische Toiletten zu benutzen.

Solche Bedingungen schaffen perfekte Voraussetzungen für die rasche Ausbreitung von Ebola und anderen tödlichen Krankheiten.

Die anhaltende Präsenz dieser Krankheiten und der rückständigen Bedingungen, unter denen sie sich ausbreiten, sind ein bleibendes Erbe des Kolonialismus und Imperialismus. Als Plünderer der Ressourcen dieser Länder tragen die imperialistischen Mächte, in diesem Fall die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich, die Hauptverantwortung für die schrecklichen sozialen Folgen.

Diese drei imperialistischen Mächte haben Liberia, Sierra Leone und Guinea als ihre Kolonien gegründet. 1822 gründete die Amerikanische Kolonialgesellschaft Liberia als Kolonie für befreite amerikanische Sklaven. Im Jahre 1846 erlangte das Land seine formelle Unabhängigkeit, verblieb aber unter der Herrschaft des amerikanischen Kapitalismus. Großbritannien gründete Sierra Leone ebenfalls im frühen 19. Jahrhundert als Kolonie für befreite Sklaven, und sie verblieb bis 1960 unter direkter kolonialer Herrschaft. Guinea wurde als französische Kolonie gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und blieb bis 1958 unter französischer Kontrolle.

Die Großmächte reagieren auf die aktuelle Krise in Westafrika mit der gleichen räuberischen Selbstsucht, mit der sie diese Länder mehr als ein Jahrhundert lang ausgesaugt haben. Alle imperialistischen Mächte, allen voran die Vereinigten Staaten, nutzen die Ebola Krise aus, um die Kontrolle über die Region und ihre natürlichen Ressourcen zu festigen. Zu diesen Ressourcen gehören beispielsweise Latex (Liberia), Diamanten und Edelsteine (Sierra Leone) und Bauxit (Guinea).

Statt medizinisches Personal dort hinzuschicken, setzen die USA tausende von Soldaten ein, um auf dem Kontinent ein Standbein für ihr AfricaCommand zu ergattern.

Krankheiten wie Ebola gedeihen wegen der vom Kapitalismus verursachten sozialen Verwüstung. Um die aktuelle Krise zu lösen und ähnliche in Zukunft zu verhindert, muss die internationale Arbeiterklasse die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie ist die einzige Kraft, die den Imperialismus besiegen kann. Sie muss den Würgegriff der Wirtschaftsoligarchie über die unterdrückten Länder, wie auch über die imperialistischen Zentren, aufbrechen.

Das Privateigentum an der Pharmaindustrie muss abgeschafft werden und durch öffentliches Eigentum unter demokratischer Kontrolle der arbeitenden Menschen ersetzt werden. Eine internationale Bewegung muss organisiert werden, die von den bestehenden Regierungen unabhängig ist, und an deren Spitze Ärzte und Wissenschaftler stehen. Nur so können armutsbedingte Infektionskrankheiten ausgerottet werden. Die dafür notwendigen Milliarden können durch die Enteignung der Milliardäre leicht aufgebracht werden.