Ermittlungen zum Oktoberfest-Attentat werden wieder aufgenommen

Welche Rolle spielten Geheimdienste und Behörden?

Von Dietmar Henning
27. Dezember 2014

Die Ermittlungen zum schwersten Terroranschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte werden wieder aufgenommen. Der rechtsterroristische Bombenanschlag auf das Münchener Oktoberfest 1980, bei dem zwölf Menschen und der Attentäter ums Leben kamen, wirft seit Jahrzehnten Fragen der Beziehung zwischen staatlichen Behörden und neonazistischen Terrorgruppen auf.

Wegen der nachgewiesen engen Verstrickung von Teilen des staatlichen Sicherheitsapparats mit der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ist die Wiederaufnahme dieses Ermittlungsverfahrens hoch aktuell.

Am späten Abend des 26. September 1980 tötete eine in einem Papierkorb abgelegte selbstgebaute Bombe zwölf Besucher des Oktoberfestes und den Attentäter Gundolf Köhler. Über 200 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Obwohl mehrere Zeugen den Attentäter kurz vor dem Anschlag im Gespräch mit mehreren Personen gesehen hatten, sprachen die Ermittlungsbehörden sofort von einem Alleintäter. Gundolf Köhler wurde zu einem von Liebeskummer geplagten Studenten verklärt, der sich und andere mit einem Fanal aus der Welt bomben wollte.

Alle Hinweise auf Mitwisser und -attentäter aus der rechtsextremistischen Szene wurden unterdrückt. Nur etwa zwei Jahre nach dem Attentat, am 23. November 1982, stellte der Generalbundesanwalt die Ermittlungen ein.

Die Alleintäter-These der Ermittlungsbehörden war schon vor 34 Jahren unglaubwürdig. Durch zahlreiche Hinweise, die in den letzten drei Jahrzehnten hinzugekommen sind, ist sie heute noch weitaus unwahrscheinlicher.

Der 21-jährige Geologie-Student Gundolf Köhler aus Donaueschingen (Baden-Württemberg) war schon in frühen Jugendjahren stramm rechts orientiert. Schon in seinem Kinderzimmer hing ein Bild von Adolf Hitler. Er verteidigte öffentlich den Holocaust, interessierte sich für die NPD und begann bereits mit 16 Jahren Kontakte zur rechtsextremen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ aufzubauen. Als Student suchte er die Nähe rechtsextremer Studentenverbindungen.

Sein Bruder berichtete der Polizei, dass er sich als „Teil einer kleinen Elitegruppe“ verstand, die im Fall einer Veränderung der Bundesrepublik „zur Machtübernahme“ bereitstehen sollte.

Der Spiegel berichtete im Oktober 2011 unter Berufung auf bis dato unveröffentlichte Ermittlungsakten, den Behörden sei schon damals bekannt gewesen, dass Köhler „fest in einem Milieu militanter Neonazis verwurzelt“ gewesen sei, die „ihrerseits teils intensive Kontakte zu CSU-Funktionären pflegten“.

Auch zum Motiv Köhlers soll es Hinweise gegeben haben. So äußerte er sich laut Spiegel vor dem Anschlag über die bevorstehende Bundestagswahl 1980, in der der bayerische CSU-Ministerpräsident Franz Josef Strauß gegen Kanzler Helmut Schmidt (SPD) antrat. Man könne einen Bombenanschlag in Bonn, Hamburg oder München verüben und diesen anschließend „den Linken in die Schuhe schieben, dann wird der Strauß gewählt.“ Tatsächlich behaupteten Strauß und andere CSU-Politiker sofort nach dem Anschlag, die RAF (Rote Armee Fraktion) und Linksextremisten seien verantwortlich. Der Bundesregierung unter Schmidt warfen sie schwere Versäumnisse bei der Bekämpfung des Linksterrorismus vor.

Diese Anschuldigungen verebbten schnell, nachdem klar wurde, dass Köhler enge Beziehungen zu Rechtsextremen unterhielt. Inzwischen sind vor allem seine Kontakte zur Wehrsportgruppe Hoffmann belegt, einer militanten rechtsextremen Terrorgruppe, die 1980 verboten wurde.

Dennoch sorgten die Ermittlungsbehörden dafür, dass alle Hinweise auf das neonazistische Umfeld Köhlers im Sande verliefen. Nicht nur ein Koffer, den mehrere Zeugen unmittelbar nach der Explosion am Tatort gesehen hatten, verschwand. Auch andere Beweismittel wurden unmittelbar nach der Tat und vor allem 1997 vernichtet.

So gehörten zu den Asservaten vom Anschlagsort Bombensplitter und Teile einer Hand, die keinem der Opfer zugeordnet werden konnte, aber deren Fingerabdruck sich in Köhlers Wohnung findet. Die Hand galt deshalb als wichtiger Hinweis auf einen Mittäter. Auch 47 Zigarettenkippen aus den Aschenbechern im Front- und Heckbereich von Köhlers 200 Meter vom Anschlagsort abgestellten Auto, die zu sechs verschiedenen Sorten – mit und ohne Filter – gehörten, sprachen nicht dafür, dass Köhler sich in seinem Auto allein aufgehalten hatte. Aber als 2010 Anwälte von Opfern neue DNA-Analysen forderten, teilte das Bundeskriminalamt (BKA) mit, dass alle Asservate 1997 rechtmäßig vernichtet worden waren.

Ein wichtiger Zeuge des Anschlages, Frank Lauterjung, beobachtete Köhler und zwei Männer beim Anschlag. Er starb 1982 im Alter von 38 Jahren an Herzversagen. Lauterjung war in den 1960er Jahren „Zweiter Bundesführer“ beim Bund Heimattreuer Jugend (BHJ). Weil die Organisation vermutete, er sei vom Verfassungsschutz eingeschleust worden, schloss sie ihn aus. Lauterjung wechselte anschließend in den Münchener, später den Berliner SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). All dies verfolgten die Ermittler nicht.

Nun hat der Anwalt Werner Dietrich, der seit Jahrzehnten im Auftrag der Opfer recherchiert und ermittelt, um das Verfahren wieder aufnehmen zu lassen, durch Einsicht in bislang verschlossene Akten Zeugen ausfindig machen können, die die Polizeibehörden drei Jahrzehnte lang unberücksichtigt ließen. Anwalt Dietrich sagte, es gebe unter den Verletzten des Anschlags fünf Zeugen. Sie hätten schon damals ausgesagt, Köhler mit Begleitern gesehen zu haben.

Aber insbesondere die Aussage einer Frau zwang schließlich Generalbundesanwalt Harald Range zur Wiederaufnahme der Ermittlungen. Die Frau sagte aus, dass sie bereits am Tag nach dem Anschlag bei einem rechtsextremen Sprachschüler Flugblätter gesehen habe, auf denen vom Oktoberfest und dem „Heldentod“ Köhlers die Rede gewesen sei. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei den Namen des Attentäters der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt gegeben. Der Sprachschüler musste also schon vorher vom Attentat gewusst haben.

Auch eine Spur, die Köhler in Verbindung mit Heinz Lembke brachte (Spur 253), blieb folgenlos. Lembke flüchtete 1959 aus der DDR in die Bundesrepublik und schloss sich sofort rechtsextremistischen Vereinigungen an wie dem Bund Vaterländischer Jugend (BVJ, verboten 1962), dessen Bundesgeschäftsführer er 1960 wurde. Er unterhielt enge Kontakte zu einer Vielzahl weiterer rechter Organisationen wie dem BHJ. 1968 kandidierte er für die NPD.

Lembke verwaltete mindestens 33 Waffendepots – mit Panzerfäusten, Handgranaten, Sprengstoff, Maschinengewehren, Pistolen, Munition und sogar chemischen Kampfstoffen, alles größtenteils aus Bundeswehrbeständen. Er organisierte auch „Wehrsportübungen“ und wurde der Waffenlieferant für die Nazi-Terroristen.

Der Forstmeister Lembke stand wie Gundolf Köhler nachweislich in Kontakt mit der Wehrsportgruppe Hoffmann. Bereits am Tag nach dem Oktoberfest-Attentat wiesen zwei inhaftierte Rechtextremisten die Ermittler auf Lembke hin. Bei einer anschließenden Hausdurchsuchung wurde angeblich nichts gefunden. Erst durch Zufall wurden ein Jahr später seine Waffendepots entdeckt und Lembke verhaftet.

Als er am Freitag, 30. Oktober 1981, gegenüber der Bundesanwaltschaft ankündigte, am darauffolgenden Montag umfassend aussagen zu wollen, fand man ihn am Sonntag mit einem Kabel erhängt in seiner Zelle. Die Bundeswehr vernichtete umgehend die gefundenen Waffen und Kampfmittel aus Lembkes Depot. Ein Abgleich mit dem Sprengstoff der Oktoberfestbombe wurde nicht durchgeführt.

Auch Lembke wurde als Einzelgänger dargestellt und die Ermittlungen schnell eingestellt. Die Waffendepots soll er aufgrund seiner Furcht vor einer sowjetischen Invasion angelegt haben.

In Spurenakten zum Oktoberfestattentat fand Dietrich den Vermerk „Erkenntnisse über Lembke sind nur zum Teil gerichtsverwertbar“. Laut dem Anwalt kommen solche Vermerke normalerweise nur bei V-Leuten oder Mitarbeitern von Geheimdiensten vor.

Alle Erkenntnisse über das Münchener Oktoberfestattentat und vor allem die Reaktion der Behörden darauf, passen genau in das Muster, nach dem die NATO seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihren paramilitärischen Geheimtruppen in Europa gearbeitet haben – und möglicherweise noch arbeiten. Die Existenz dieser „Stay-Behind“-Truppen war zuerst 1990 in Italien öffentlich geworden. In vielen europäischen Ländern sind Bombenanschläge wie der auf den Hauptbahnhof von Bologna 1980, wenige Wochen vor dem Oktoberfest-Attentat, den rechtsextremen Gladio-Truppen nachgewiesen worden. 85 Menschen starben damals.

In Deutschland war der erste paramilitärische Stoßtrupp der Gladio-Truppen von US-Geheimdiensten und ehemaligen Nazis unmittelbar nach dem Krieg aufgebaut worden. Der „Technische Dienst“ des „Bund Deutscher Jugend“ legte Waffenlager an, veranstaltete paramilitärische Übungen und stellte eine Todesliste zusammen, auf der linksgerichtete Politiker und Gewerkschafter standen, darunter so prominente SPD-Politiker wie Herbert Wehner.

Sie verfolgten die gleichen Ziele wie die von den Nazis noch gegen Ende des Krieges aufgebauten „Werwolf“-Einheiten. Danach sollten Paramilitärs im Falle einer Invasion von Truppen der Sowjetunion hinter den feindlichen Linien im Untergrund kämpfen, Sabotageakte und Auftragsmorde verüben. Heinz Lembke soll einen handschriftlichen Abschiedsbrief hinterlassen haben, auf dem u. a. stand: „Es ist Wolfszeit.“

Der BDJ wurde 1952 verboten, seine Strukturen wurden im Rahmen der NATO-Gladio-Truppen vom BND unter dem ehemaligen Nazi-General Reinhard Gehlen weitergeführt.

Inwieweit Lembke oder auch die Wehrsportgruppe Hoffmann für die offiziellen Gladio-Truppen der NATO arbeiteten, wurde nie bekannt gemacht. Die Menge und Qualität der gefundenen militärischen Ausrüstung deutet laut Daniele Ganser, einem Schweizer Historiker, der zu den Gladio-Truppen forscht, deutlich auf eine Mitgliedschaft Lembkes in der Geheimorganisation hin.

2008 machte der Journalist Tobias von Heymann Akten der DDR-Staatssicherheit bekannt, in denen regelmäßige Funkkontakte zum Bundesnachrichtendienst aus Lembkes Wohnort dokumentiert waren. Die Stasi hatte diese Funkkontakte einer Stay-behind-Organisation namens „Gruppe 27“ zugeordnet. Von Heymann berichtete auch von zwei Mitgliedern der verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann, die zum Umfeld Köhlers gehört haben sollen und eine Beteiligung an den Attentaten behauptet hatten. Einer davon war Walter Ulrich Behle, ein V-Mann des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalens.

Nicht erst seit den rassistischen Morden und Terroranschlägen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), ist klar, dass Geheimdienste und staatliche Behörden eng mit rechtsextremen Terroristen paktieren. Die Grenzen zwischen Staat und rechtem Terror sind fließend. Die Herrschenden halten die rechtsextremen Terrorgruppen seit ihrem Bestehen als Instrument der Konterrevolution gegen die europäische Arbeiterklasse bereit. Ihre Terroranschläge wurden stets zur Aufrüstung des Staates benutzt.

Dass der Anschlag auf das Oktoberfest in München 1980 in dieser Tradition steht, liegt nahe. Der Generalbundesanwalt Range und die ermittelnden Behörden werden auch jetzt alles daran setzen, die wahren Hintergründe des Oktoberfestattentats zu verschleiern. Das staatliche Ziel des Wiederaufnahmeverfahrens gab Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) schon im letzten Jahr in einem Brief an die Grünen-Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag Margarete Bause vor. Er kündigte an, dass angesichts der Versäumnisse bei den NSU-Morden „jedem Vertrauensverlust gegenüber der Tätigkeit staatlicher Ermittlungsbehörden entgegengewirkt werden muss“.