Die “Untersuchung” der New York Times zur Ukraine und die „Propagandablase“ Washingtons

Von Bill Van Auken
9. Januar 2015

In ihrer letzten Sonntagsausgabe präsentierte die New York Times die Ergebnisse ihrer „Investigation“ der blutigen Ereignisse in der Ukraine vom Februar letzten Jahres. Darin weist sie angeblich nach, dass der Sturz der gewählten Regierung von Präsident Janukowitsch eher eine Art „Kernschmelze“ als ein vom Westen inszenierter Staatsstreich war.

Der Artikel beginnt mit einer abfälligen Zurückweisung der Anschuldigung, dass der Sturz von Janukowitsch das Ergebnis eines „gewaltsamen neofaschistischen Umsturzes und vom Westen unterstützt oder sogar choreographiert“ worden sei.

Das Blatt besteht darauf, dass nur “Wenige außerhalb der russischen Propagandablase jemals ernsthaft” diese Version vertreten hätten, gibt jedoch zu, dass „fast ein Jahr nach dem Fall der Regierung Janukowitsch noch Fragen offen bleiben, wie und weshalb sie so rasch und vollständig zusammenbrach“.

In ihrem Versuch, derartige Fragen zu beantworten, versucht die Times mehr Luft in Washingtons eigene, äußerst schlaff werdende „Propagandablase“ über die Ukraine zu pumpen. Wie meistens bei derartig widerlicher Staatspropaganda, beruht sie auf Entstellungen, Halbwahrheiten und glatten Lügen.

Der Artikel gibt vor, eine detailgetreue Analyse zu liefern, gestützt auf Interviews mit früheren Polizeibeamten und anderen von Janukowitsch Desertierten, die sie als Beweise dafür präsentiert, dass Janukowitsch „nicht so sehr gestürzt als von seinen eigenen Verbündeten verlassen und fallen gelassen wurde“.

Diese Schilderung reduziert die Rolle Washingtons und seiner westeuropäischen Verbündeten auf die verwirrter Zuschauer, die versuchten zwischen der Regierung Janukowitsch und den gewaltsamen Demonstranten auf dem Maidan-Platz in Kiew einen Waffenstillstand zu vermitteln, der aber durch den Ausbruch von Gewalt rasch in sich zusammenbrach.

Es werden die eindeutigen Beweise verschwiegen, dass dem Sturz Janukowitschs ein von der US-Regierung ausgearbeiteter Plan zugrunde lag, in Kiew ein der NATO höriges Regime zu installieren, um Russland auf diese Weise zu schwächen und Washingtons Streben nach der Hegemonie über Eurasien zu fördern.

Daher erwähnt der Artikel auch nicht das durchgesickerte Telefongespräch zwischen der Beauftragten Washingtons für die Ukraine, der hohen Beamtin im Außenministerium, Victoria Nuland, und dem US-Botschaften in Kiew, Geoffrey Pyatt, in dem Telefongespräch führte Nuland die Rolle der USA in der Vorbereitung des Sturzes von Janukowitsch aus. Sie gab sogar die Rollen vor, die gewisse Vertreter der Opposition in der Nachfolgeregierung spielen sollten. Sie nannte „Yats“ (ihr Spitzname für Arsenij Jazenjuk) als Premierminister, ein Posten, den er tatsächlich später erhielt.

Auch wird das öffentliche Eingeständnis Nulands vom Dezember 2013 nicht erwähnt, dass Washington seit 1991 fünf Milliarden Dollar in die Ukraine gepumpt habe, um sicherzustellen, das dort ein ihm genehmes Regime an die Macht kommt. Ein großer Teil dieses Geldes wurde durch die Agentur National Endowment for Democracy (NED) kanalisiert, die geschaffen wurde, um politische Operationen durchzuführen, wie sie früher der CIA oblagen. Der Präsident der NED, Carl Gershman sprach von der Ukraine als dem „größten Preis“.

Die Informationen, die der Artikel liefert, stützen allerdings genau das Argument, das er lächerlich zu machen versucht – dass nämlich Janukowitsch durch einen von den USA unterstützten, von Faschisten angeführten Putsch gestürzt wurde.

Zwei der wichtigsten Quellen, die in dem Artikel zitiert werden, sind Sergeij Paschinskij, den die Times als „oppositionellen Abgeordneten“ beschreibt, und Andrij Parubij, der als „Chef der Sicherheitskräfte der Demonstranten“ genannt wird.

Einige ziemlich wichtige Informationen über beide Männer enthält die Times ihren Lesern jedoch vor. Paschinskij wird zitiert, wie er seine Rolle bei der Organisation des Rückzugs der staatlichen Sicherheitskräfte aus Kiew beschreibt. Er ist auf einem Foto vom 18. Februar 2014 zu sehen, wie er im Kofferraum seines Autos ein Heckenschützengewehr mit Schalldämpfer transportiert.

Es gibt beachtliche Beweise, dass diejenigen, die in den folgenden Tagen auf dem Maidan erschossen wurden – Sicherheitskräfte und Demonstranten – von Heckenschützen der US- gestützten Opposition in der Absicht getötet wurden, ein enormes Chaos und die Bedingungen für den Sturz der Regierung zu erzeugen. Dies wurde von dem estnischen Außenminister Urmas Paet bestätigt, der in einem abgehörten Telefongespräch vom 25. Februar mit der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton erklärte: „Man geht jetzt mehr und mehr davon aus, dass nicht Janukowitsch hinter den Heckenschützen stand, sondern dass es jemand aus der neuen Koalition gewesen ist.“

Was Parubij angeht, so wird er als jemand beschrieben, der am 20. Februar am Vorabend des Staatsstreichs mit einer Ski-Maske vor der deutschen Botschaft auftauchte, um dort den amerikanischen Botschafter Pyatt und verschiedene europäische Diplomaten zu treffen. Pyatt wird mit der Aussage zitiert, dass es bei den Diskussionen darum ging, große Mengen an Waffen, die bei Anti-Regierungstruppen in der Westukraine beschlagnahmt worden waren, aus Kiew heraus zu schaffen. Das ist offensichtlich nicht gelungen. Eine plausiblere Erklärung für das Treffen wäre, das es sich um die Planung der blutigen Ereignisse – einschließlich des Angriffs der Heckenschützen – gehandelt hat, die dann folgten.

Was den Lesern der Times ebenfalls nicht mitgeteilt wird, ist noch entlarvender als was sie erfahren. Parubij war der Gründer der Sozial-Nationalen Partei der Ukraine. Diese Organisation hat sich bis hin zu ihrem Namen, der Benutzung der Wolfsangel als Logo und ihrem extremen Antikommunismus, Antisemitismus und ihrer Ideologie der Überlegenheit der weißen Rasse nach dem Modell von Hitlers Nazipartei gebildet. Später benannte sie sich in Swoboda um (All Ukrainische Union). Sie stellte drei Kabinettsmitglieder und drei Gouverneure für das Regime, dass nach der Absetzung Janukowitschs die Macht übernahm.

Parubij ist bekannt für seine Glorifizierung des ukrainischen Faschistenführers während des Zweiten Weltkriegs, Stepan Bandera, dessen Organisation eine wichtige Rolle bei der Ermordung Hunderttausender ukrainischer Juden und Polen spielte. Das war die wichtigste Verbindung Washingtons zu den „Demonstranten“. Die Times verschweigt diese Information, weil sie ihren Versuch untergraben würde, die Anschuldigungen lächerlich zu machen, es habe sich um „einen gewaltsamen neo-faschistischen Staatsstreich“ gehandelt.

Der wichtigste “Beweis” den die Times vorlegt, dass es sich beim Sturz von Janukowitsch nicht um einen Staatsstreich gehandelt habe, besteht aus den Aussagen von ehemaligen Polizeikommandierenden, deren Einheiten sich am Vorabend des Sturzes des Präsidenten auflösten. Einer von ihnen sagte, dass „sechzehn seiner Männer bereits am 18. Februar erschossen worden seien und dass er von Gerüchten beunruhigt gewesen sei, von Lwiw aus sei „ein Arsenal an halbautomatischen Waffen unterwegs“.

Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski, der zu denen gehörte, die den gescheiterten Waffenstillstand ausgehandelt hatten, berichtete, dass „die Polizisten nicht mehr die Kraft hatten zu schießen, daher fürchteten sie den Maidan und verzogen sich“.

Was den ukrainischen Präsidenten Janukowitsch selbst angeht, so war er sich bewusst, dass sein amerikanischer Gegenspieler Barack Obama ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hatte. Er wollte nicht das gleiche Schicksal erleiden wie Gaddafi in Libyen und floh aus Kiew.

Wenn das kein Staatsstreich war, was war es dann? Der Erfolg oder Misserfolg eines illegalen und gewaltsamen Sturzes einer Regierung hängt weitgehend davon ab, welche Kräfte innerhalb des Regimes loyal bleiben und welche den Regimewechsel unterstützen. Die korrupten Politiker in Kiew, die verbrecherischen Oligarchen, die sie repräsentieren und die Sicherheitskräfte selbst kamen zu dem Schluss, dass die gewaltsamen Neofaschisten auf dem Maidan, die von den USA und dem westeuropäischen Imperialismus unterstützt wurden, gewinnen würden. Sie fielen von Janukowitsch ab und ließen den Putsch geschehen.

Der Autor dieser “Investigativgeschichte” der Times ist Andrew Higgins. Es ist bei weitem nicht sein erstes derartiges Werk. Er ist ein Schüler der Schule der New York Times für investigativen Journalismus, an deren Beginn Judith Miller stand, deren Artikel die Zeitung in ein Blatt zur Veröffentlichung der Lügen der CIA verwandelten, der Irak habe über Massenvernichtungswaffen verfügt, und so 2003 den Weg für die Invasion der USA in diesem Land bereitete.

Higgins war auch der Hauptautor eines Artikels auf der Titelseite, der im April letzten Jahres erschien und vorgab, eindeutige fotografische Beweise zu liefern, dass die Revolte, die in der Ostukraine nach dem Putsch vom Februar gegen Kiew ausbrach, ganz und gar das Werk russischer Spione und Spezialtruppen gewesen sei. Es war kaum ein Zufall, dass der Co-Autor dieses Berichts Michael R. Gordon war, der ebenfalls zusammen mit Judith Miller die infame Story auftischte, dass das irakische Regime Aluminiumröhren anschaffte, um sein nicht-existentes Atomwaffenprogramm voranzubringen.

Die “fotografischen Beweise”, die der Times vom US-Außenministerium geliefert worden waren, waren ganz und gar gefälscht. In einem scheinheiligen Rückzugsgefecht (versteckt auf Seite 9) war die Zeitung genötigt zuzugeben, dass sie ihre Behauptungen „einer genaueren Prüfung unterzogen“ habe und sie sich als Fälschung erwiesen hätten.

Genaue Prüfung ist doch wohl die Aufgabe eines Reporters bei der Einschätzung von Beweisen, die ihm von Regierungsseite geliefert werden. Aber genau das tun die „Journalisten“ der Times nicht. Higgins ist, wie Gordon, ein mit dem Staat verbandelter Propagandist.

Bevor er für die Times arbeitete, war er zum Chef des China-Büros der Washington Post ernannt worden. Er wurde jedoch wegen eines Vorfalls von 1991 daran gehindert, nach China einzureisen. Chinesische Beamte hatten in Higgins’ Gepäck Geheimdokumente der Regierung entdeckt, was zu seiner Ausweisung führte. Um die Entscheidung Pekings rückgängig zu machen, ging die Post so weit, Henry Kissinger für ihre Lobby-Arbeit einzuspannen.

2002 bis 2003 spielten die ständigen Propagandisten des Außenministeriums bei der Times eine entscheidende Rolle, um den Weg für einen Krieg zu ebnen, der mehr als eine Million Iraker und etwa 4.500 US-Soldaten das Leben kostete. Jetzt sind sie in eine wohl noch bedrohlichere Propagandaoperation verwickelt, die dazu führen könnte, einen dritten Weltkrieg zu entfachen.