Griechenland:

Was Arbeiter und Jugendliche von der Wahl erwarten

Von unseren Reportern
23. Januar 2015

Ein Reporterteam der World Socialist Web Site ist zurzeit in der griechischen Hauptstadt Athen unterwegs, um über die Parlamentswahl vom 25. Januar zu berichten. Wir sprachen mit Arbeitern und Jugendlichen über die soziale und politische Situation im Land.

Die griechische Arbeiterklasse und die unteren Gesellschaftsschichten mussten in den letzten fünf Jahren die härtesten Sparprogramme aller Länder ertragen.

Laut dem Jahresüberblick der Europäischen Kommission, der in diesem Monat veröffentlicht wurde, ist der Anteil der Bevölkerung, die Gefahr läuft, in Armut und soziale Ausgrenzung abzusinken, von 28 Prozent in 2008 auf fast 36 Prozent in 2013 angestiegen.

Die Langzeitarbeitslosigkeit ist von 3,7 Prozent (2008) auf 18,6 Prozent (2013) gestiegen. Feste Arbeitsverhältnisse gehören mehr und mehr der Vergangenheit an. Die Untersuchung ergab, dass jeder vierte Teilzeitarbeiter innerhalb eines Jahres arbeitslos oder inaktiv wurde.

In der ganzen Europäischen Union waren 2013 über 122 Millionen Menschen von Armut oder gesellschaftlicher Ausgrenzung bedroht, wie ein Bericht der europäischen Statistikbehörde Eurostat Ende 2014 aufzeigte. Griechenland nimmt unter den 28 EU-Mitgliedsstaaten den drittletzten Rang ein. 35 Prozent seiner Bevölkerung fallen in diese Kategorie.

Einem Bericht zu Folge, den zwei Wirtschaftsorganisationen letzte Woche veröffentlichten, ist ein Drittel der griechischen Familien arm und verschuldet, weil ihre verfügbaren Einkommen unter die Armutsgrenze gefallen sind und die Lebenshaltungskosten ständig steigen.

In einem Athener Arbeiterviertel drängten sich am Mittwochvormittag etwa hundert Leute vor dem Eingang einer Suppenküche

Zehntausende Menschen sind auf Lebensmittelspenden und Suppenküchen angewiesen, die von Wohlfahrtsorganisationen, Kirchen und Kommunen betrieben werden.

WSWS-Reporter sprachen auf dem zentralen Athener Syntagma Platz mit Arbeitern und Jugendlichen.

Leta und Panayiotis arbeiten beide im Versicherungssektor. Sie wissen noch nicht, wen sie wählen sollen.

Leta und Panayiotis

Panayiotis sagte: “Eins ist sicher: Der [konservativen Regierungspartei] Neuen Demokratie geben wir unsere Stimme nicht.

– Bis jetzt haben wir Glück gehabt“, fuhr Panayiotis fort, “weil wir noch Arbeit haben. Aber viele unserer Freunde sind betroffen.“

Leta nickte und fügte hinzu: “Wenn die Krise weiter geht, kann es uns bald genauso gehen.”

Auf die Frage, was sie von Syriza halten, sagte Leta: „Ein Wandel wäre gut, aber die Leute wissen nicht, was die Zukunft bringt.“

Panayiotis sagte, er glaube nicht an das Versprechen von Syriza-Führer Alexis Tsipras, dass er “die Austeritätspolitik beenden” werde. ”Vielleicht hat er ja die Absicht, ein paar Dinge zu ändern. Aber er wird es nicht schaffen, weil Griechenland von anderen Ländern und der Troika regiert wird.“

Andromachi ist 31 Jahre alt. Sie studierte in Großbritannien und Italien und kehrte 2010 nach Griechenland zurück, gerade als es mit der brutalen Austeritäspolitik und den Kürzungen losging. Sie sagte: „Ich kam direkt vom Studium hierher zurück, und ich hatte geplant, nur ein Jahr zu bleiben. Aber ich fand Athen interessant. Ich hatte noch nie vorher in dieser Stadt gelebt. Also versuchte ich, eine Arbeit zu bekommen. Es ist jedoch sehr schwierig, besonders für Menschen mit einem Abschluss. Es gibt keine Arbeitsplätze. Du kriegst Praktika angeboten, aber mit 31 Jahren kann ich doch keine Praktika mehr machen.

Deshalb habe ich beschlossen, mit ein paar Freunden eine NGO zu gründen. Sie beschäftigt sich mit Einwanderern der zweiten Generation. Diese Menschen dürfen z. B. bei dieser Wahl nicht wählen. Das ist im Moment eine wichtige Frage. Es gibt in Griechenland 200.000 Einwandererkinder, die keine politischen Rechte haben.

Wenn man die zahlreichen jungen Leute in meinem Alter und jüngere hinzuzählt, die ins Ausland gegangen sind, um Arbeit zu finden oder zu studieren, und die ebenfalls nicht wählen können, dann ist es ein großer Teil der jüngeren Generation, der bei dieser wichtigen Wahl nicht mitwählen darf.“

„Meine Familie gehört zu den wenigen Glücklichen, die noch Arbeit haben”, fügte sie hinzu. „Viele meiner Freunde und Verwandten sind hart betroffen. Einige haben Kredite aufgenommen, um ein Haus zu kaufen. Dann haben sie ihre Arbeit verloren und infolgedessen auch ihr Haus. Unsere Eltern haben Geld investiert, damit wir im Ausland studieren konnten. Aber jetzt kommen wir zurück und können keine Arbeit finden.“

Ein Hauptproblem in Griechenland ist die Gesundheitskrise. Andromachi hat keine Krankenversicherung, weil sie nicht mehr zu Hause wohnte und kein regelmäßiges Einkommen hatte. „Falls mir etwas passiert, muss ich zu einem privaten Doktor gehen, und das ist wirklich teuer. Also hoffe ich, dass alles gut geht. Es ist teuer, einen privaten Arzt aufzusuchen. Das kann schnell fünfzig, sechzig oder siebzig Euro kosten.“

Andromachi überlegt, vielleicht Syriza zu wählen, die sie auch früher schon gewählt hat. „Als es noch eine kleinere Partei war, setzte sie sich für die sozialen Rechte der Menschen ein. Jetzt müssen wir abwarten. Wenn man in der Opposition ist, ist es leicht, alles zu versprechen. Aber wenn du an der Macht bist, was tust du dann?

Ich bin skeptisch, aber ich sehe im Moment keine andere Möglichkeit. Ich glaube, die bisherige Regierung hat nicht hart genug mit der Troika verhandelt. Wir sind Teil einer Kette. Das System wird untergehen, wenn Griechenland untergeht. Die Schulden sind seit 2010 immer weiter gestiegen. Also muss jemand etwas falsch gemacht haben. Sie kürzen alles, und die Schulden steigen trotzdem. Einer müsste mal sagen: ‚Wir zahlen die Schulden nicht’. Niemand kann von 200 Euro leben.“

Yetmir

Yetmir ist ein zwanzigjähriger Student, der vor fünf Monaten von seiner Heimatinsel Lefkada nach Athen kam. „Ich hatte gehört, dass die Krise in Athen schlimm sei“, sagte er. „Aber ich glaubte es den Nachrichten und dem Fernsehen eigentlich nicht. Als ich hier ankam, habe ich es aber mit eigenen Augen gesehen. Ich habe gesehen, wie Obdachlose in Abfalleimern nach Lebensmitteln suchten. Auf den Inseln kennen wir das nicht, weil wir vom Tourismus leben. Jetzt verstehe ich, wie schlimm die Lage ist. Ich glaube nicht, dass Griechenland noch weitere fünf solche Jahre aushält.

Am schlimmsten wirkt sich die Krise für die aus, die mit etwa 25 Jahren ihre Ausbildung abschließen und dann keine Arbeit finden.“

Yetmir könnte sich vorstellen, Syriza zu wählen, wie er sagt. „Aber ich glaube nicht, dass ihre Pläne realistisch sind. Tsipras verspricht eine ganze Menge, aber er wird es nicht umsetzen. Er sagt eine Sache zu einem Publikum, und eine andere in einem anderen Milieu. Einige Leute werden enttäuscht sei, weil sie ihm wirklich geglaubt haben, aber die meisten eher nicht, weil sie ihm sowieso nicht glauben. Die meisten denken, dass er nur Versprechungen macht, um die Wahl zu gewinnen.“

Maria ist Sängerin. Sie will die neue Partei To Potami (Der Fluss) wählen.

“Ich mag die Linke, aber Tsipras ist nicht links”, sagte Maria. „Er ist schlimmer als die Kapitalisten. Wenn Tsipras und Samaras reden, kann man zwischen den Zeilen lesen, dass es ihnen darum geht, wie sie die Politik für sich nützen können.“

WSWS-Reporter sprachen auch mit Athener Bürgern, die in der traditionellen Kleinmarkthalle der Stadt einkauften.

Manolis arbeitet als Lkw-Fahrer und fährt Heizöl aus. Er sagte, die Lage sei gegenwärtig finanziell sehr schwierig, weil die Leute es sich nicht leisten könnten, Heizöl zu kaufen. Sein Einkommen sei um siebzig Prozent gesunken.

“Normalerweise liefere ich zwei Millionen Liter Heizöl aus, jetzt sind es nur 600.000, weil die Leute kein Geld haben. Ich habe meinen eigenen Lkw, und ich verdiene im Monat etwa 1.500 Euro Brutto. Meine Tochter muss ebenfalls kämpfen. Meine Frau war als Kosmetikerin tätig und verdiente 1.200 Euro im Monat, aber jetzt gibt es für sie nichts mehr zu tun.“

Manolis

Manolis will als Protest gegen die bisherige ND/Pasok Regierung für Syriza stimmen. Seine ganze Familie wählte früher die Neue Demokratie, aber jetzt „will ich einfach nur, dass ND-Führer [Antonis] Samaras verschwindet“.

Agathe, eine Ärztin, sagte: “Ich würde nie die Rechten wählen, aber ich traue auch Tsipras nicht.” Zu den Kürzungen in der Krankenversorgung sagte sie: „Viele Menschen haben keine Krankenversicherung, und es gibt auch keine Finanzen mehr, um die Menschen in den Krankenhäusern zu versorgen.“

Chara ist Buchhalterin und will für Syriza stimmen. Sie sagte uns, sie sei gegen die vielen Steuererhöhungen, welche die Ärmsten in Griechenland treffen. Die Mehrwertsteuer stehe inzwischen bei 23 Prozent. Sie wählte früher Pasok, doch jetzt sagte sie: „Die Athener Polytechnik-Generation der 1970er Jahre hat sich als Betrüger herausgestellt“.

Christian

Christian kam vor 23 Jahren aus Nigeria und ist ausgebildeter Buchhalter. Jetzt arbeitet er aber als Maler und Pastor. Er sagte: „Wählen darf ich nicht. Meiner Meinung nach gibt es etwa eine Million Ausländer der zweiten Generation, die ebenfalls nicht wählen dürfen. Um Miete bezahlen zu können, braucht man eine Arbeitserlaubnis, aber es gibt keine Arbeit. Ich habe Griechenland nie verlassen. Ich habe zwei Kinder, vierzehn und sechzehn Jahre. Sie haben keine Aufenthaltserlaubnis. Das bedeutet, dass sie das Land nicht verlassen können.“

Zu den Wahlen sagte er: “Ich kenne Tsipras. Er ist clever. Aber er kann seine Versprechungen nicht erfüllen. Das System wird das nicht erlauben. Er muss nach der Pfeife der Europäischen Union und der Eurozone tanzen.“

Die soziale Krise habe schwerwiegende Auswirkungen, fuhr er fort und erklärte: “ Ich bin mit der Miete drei Monate im Rückstand. Zuletzt hatte ich Mitte Dezember Arbeit. Auch die Stromrechnung habe ich nicht bezahlt. Im Grunde habe ich nur offene Rechungen. Man versucht, von jeder Rechnung immer nur ein bisschen zu bezahlen, um nicht hungern zu müssen, aber viele hungern trotzdem. Das betrifft nicht nur Ausländer, sondern auch viele Griechen. Es ist keine Rassenfrage. Nach so vielen Jahren hier im Land betrachte ich mich als Grieche, und die Bevölkerung insgesamt ist nicht rassistisch.“