Warnungen vor neuer Finanzkrise

26. März 2015

Die globalen Finanzmärkte steuern auf einen neuen Crash zu, der noch schwerwiegendere Folgen hätte, als der Zusammenbruch vom September 2008. Die gegenwärtige Geldpolitik erzeugt riesige Finanzblasen mit erheblichem Zerstörungspotenzial, heißt es in dringenden Warnungen aus Kreisen der herrschenden Klasse selbst.

Entsprechend äußerte sich z. B. James Bullard in einem Interview mit der Financial Times. Bullard ist nicht stimmberechtigtes Mitglied im Offenmarktausschuss der US-Notenbank, der die Geld- und Währungspolitik der USA bestimmt, und zugleich Leiter der regionalen Notenbank des Bezirks St. Louis. Die Fed müsse so bald wie möglich zu einer normalen Zinspolitik zurückkehren, mahnte er. Ansonsten werde der heutige Zinssatz von nahezu null eine Wertpapierblase erzeugen, die „außer Kontrolle geraten“ werde.

Bullard und andere verweisen darauf, dass die quantitative Lockerung (d. h. das Drucken von Geld) in Verbindung mit den Zinssenkungen der Zentralbanken zu einer Überhitzung der globalen Aktien- und Anleihemärkte führt. Dies ist mittlerweile auch nicht mehr zu übersehen.

Das Office of Financial Research, eine dem US-Finanzministerium angegliederte Forschungsstelle, folgerte aus der Entwicklung des Aktienindex S &P 500, dass die Lage auf den US-Aktienmärkten mittlerweile mit den Mustern von 1929, 2000 und 2007 vergleichbar ist. Es drohe ein größerer Abschwung, wenn nicht sogar ein Crash. Unter der Überschrift „Quecksilber-Märkte“ schreibt der Autor: „Quecksilber-Märkte können ganz schnell von Ruhe in Turbulenz umschlagen.“

Die Angst vor einer „Liquiditätsklemme“ greift um sich. Sie tritt ein, wenn alle großen Investoren und Spekulanten, die sich im Wesentlichen nach den gleichen Finanzmodellen richten, aussteigen wollen und dann feststellen müssen, dass es keine Käufer mehr gibt.

Einem Bericht der Financial Times vom 24. März 2015 zufolge warnen einige Fondsmanager, dass es „seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 und dem Einfrieren der Geldmärkte im August 2007 keine derart weit verbreitete Besorgnis über die Beschaffenheit der Märkte für festverzinsliche Papiere [Anleihen] gegeben hat“. Die Preise für Anleihen seien deutlich gestiegen, weil Investoren sich mit dem billigen Geld der Zentralbanken „vollgestopft“ hätten. Der Autor befürchtet, dass es zu einer Liquiditätsklemme kommen könne, wenn sie „alle gleichzeitig zum Ausgang rennen“.

Die gleiche Situation hat sich bei Unternehmens- und Staatsanleihen entwickelt, die auf der Grundlage von billigem Geld in die Höhe schießen. Dadurch wird die bisher extrem seltene Erscheinung von Negativzinsen fast zum Normalzustand. (Der Preis der Anleihen steht dann in umgekehrtem Verhältnis zu den Zinsen, die sie abwerfen.)

Negative Zinsen bedeuten, dass Investoren den Staat praktisch bezahlen für das Privileg, ihm Geld leihen zu dürfen. Dieses Phänomen kommt folgendermaßen zustande: Der Anleiheinhaber würde zwar Verlust machen, wenn er das hochpreisige Papier bis zu seiner Fälligkeit halten würde. Er kann es aber vorher mit Gewinn veräußern, weil die Zentralbank weiter Liquidität in den Markt pumpt und damit die Anleihepreise noch weiter nach oben treibt. Also verkauft er einfach an einen anderen Investor, der seinerseits genau dieselben Absichten hat.

De facto haben sich die Märkte von Unternehmens- und Staatsanleihen also in ein gigantisches Schneeballsystem verwandelt, wo so lange Profite gemacht werden, wie frisches Geld hineingepumpt wird. Die Funktionsweise dieses Systems, das in den 1920er Jahren in den USA von einem Betrüger ausgeheckt wurde, ist jetzt zum zentralen Prinzip der globalen Finanzmärkte geworden, auf denen Billionenbeträge gehandelt werden.

Die Verfechter dieses Systems machen geltend, dass die damit verbundenen Maßnahmen notwendig seien, um wirtschaftliches Wachstum zu stimulieren. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Die Weltwirtschaft als Ganze ist zunehmend von deflationären Trends geprägt, die mit stagnierenden und niedrigen Wachstumsraten einhergehen.

Am 24. März wurde bekannt, dass die Verbraucherpreise in Großbritannien im Februar zum ersten Mal seit 55 Jahren nicht mehr gestiegen sind. Das ist ein sicherer Indikator für einen Rückgang der Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig fiel ein wichtiger Indikator für die Produktionstätigkeit in China auf den tiefsten Stand seit elf Monaten. Rückgänge wurden bei Auftragseingängen, Exportaufträgen, Beschäftigung und Erzeugerpreisen verzeichnet.

Am Tag zuvor gelangte die Europäische Zentralbank in ihren Prognosen zu dem Schluss, dass ihr Programm der quantitativen Lockerung, mit dem in den nächsten 18 Monaten mehr als 1 Billion Euro in die Finanzmärkte gepumpt werden sollen, praktisch keine Auswirkung auf die Beschäftigung haben werde. Die Arbeitslosenrate werde auch nach Ablauf des Programms noch bei über zehn Prozent liegen.

Der Haupteffekt der quantitativen Lockerung besteht darin, die europäischen Aktienkurse in die Höhe zu treiben. Sie sind dieses Jahr bisher schneller gestiegen als in den USA, obwohl die europäische Wirtschaftsleistung immer noch niedriger liegt als 2007. Die Investitionen in die Realwirtschaft liegen sogar 25 Prozent unter dem Vorkrisenniveau.

Während die Wirtschafts- und Finanzelite sich weiter bereichert, werden der Arbeiterklasse ständig neue Sozialkürzungen aufgezwungen. Die Diktate der Finanzoligarchie in Griechenland sind der vollendete Ausdruck eines globalen Programms: die erzwungene Verarmung und das Aushungern immer breiterer Schichten der Bevölkerung.

Nach den Verwüstungen der Großen Depression in den 1930er Jahren behaupteten die politischen Vertreter der herrschenden Klassen in ihrer panischen Angst vor der sozialistischen Revolution, sie könnten die schlimmsten Auswirkungen des Profitsystems durch so genannte keynesianische Maßnahmen wie erhöhte Staatsausgaben in den Griff bekommen. Diese Staatsausgaben sollten das Wachstum stimulieren und die Rückkehr zur „Normalität“ herbeiführen.

Für einen – aus historischer Sicht – kurzen Zeitraum schien diese Politik zu funktionieren. Allerdings war sie von der Stärke des US-Kapitalismus abhängig und beruhte auf dem Schwung, den seine produktivitätssteigernden Fertigungsmethoden der Weltwirtschaft insgesamt verliehen hatten.

Heute stellt sich die Lage völlig anders dar. Die US-Wirtschaft ist nicht länger das Zentrum des wirtschaftlichen Wachstums, sondern der Hort des globalen Schmarotzertums. Nicht mehr Konzerne wie Ford oder General Motors nehmen die zentrale Stellung in der Weltwirtschaft ein, sondern Goldman Sachs, JPMorgan Chase und ihre nicht weniger parasitären Pendants rund um die Welt, die keine neuen Werte schaffen, sondern sie sich lediglich aneignen, oft genug mit offen kriminellen Methoden.

Exemplarisch zeigt sich der Bankrott des Profitsystems in der politischen Debatte, die jetzt in den herrschenden Wirtschafts- und Finanzkreisen geführt wird. Da verlangen die einen, dass die Politik des billigen Geldes der Zentralbanken fortgeführt werden müsse, weil andernfalls eine Katastrophe hereinbräche. Die anderen pochen darauf, dass die Geldhähne zugedreht und das System gereinigt werden müssten, und sei es auf Kosten von Bankrotten und Finanzzusammenbrüchen, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern.

Die diversen Verteidiger des Profitsystems in den Medien, in akademischen Kreisen und in pseudolinken Organisationen wie Syriza in Griechenland erklären, dass die Perspektive einer geplanten sozialistischen Weltwirtschaft unrealistisch sei und die einzige Alternative darin bestehe, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten.

In Wirklichkeit ist die Perspektive des internationalen Sozialismus die einzig tragfähige und realistische Antwort auf die historische Krise des Kapitalismus. Sie kann verwirklicht werden, wenn sie zur Grundlage des Programms gemacht wird, für das die internationale Arbeiterklasse zu kämpfen beginnt.

Nick Beams